Montag, 2. Juli 2018

Das Öl des Odysseus

Als Odysseus verkleidet als Bettler zurück nach Ithaka kam, erkannte ihn der Schweinehirt Eumaios nach all den Jahren nicht und bewirtet ihn dennoch mit dem was er hatte: Brot, Öl Salz und  Quellwasser. Die Literatur wertet das als Symbol für den Sieg der Einfachheit über Macht und Reichtum. Im 15. Gesang der Odysee führt Homer auch Telemachos, den Sohn des Odysseus, bei Eumaios zusammen. Auch dies ist der erste literarische Trick der Weltliteratur, weil sich zwei Handlungen wie in einem Krimi vereinen.

Begriffen habe ich das aber erst später. In der Schule habe ich sowohl Ilias als auch die Odysee als Lernstoff gehasst. Der Mann der mir  Augen und Ohren für die Schönheit der Gesänge Homers öffnete, war der ehemalige Bayrische Ministerpräsident Alfons Goppel, der absolut nicht meiner politischen "Couleur" angehörte.
Als Mitglied einer Delegation, die erst vom Bundespräsidenten empfangen wurde, sind wir anschließend von Goppel in die Vertretung Bayerns in Bonn zum  Essen eingeladen worden. Da wir mit Fahrdienst und Flieger unterwegs waren wurde dem bayrischen Bier und Frankenweinen ordentlich zugesprochen. Anstelle einer Tischrede stand Goppel vor dem Nachtisch auf und rezitierte Homer in einem donnernden Altgriechisch. Keiner verstand ein Wort, aber alle waren ergriffen. Später referierte er im kleinen Kreis über die Symbolik der Speisung des Odysseus.

Man könnte der 16jährigen Amtszeit des stets landesväterlich auftretenden Universal-Gebildeten das Prädikat reformfreudig geben, hätte sein Nachfolger Strauß nicht vieles als sein Verdienst ausgegeben...

Wie dem auch sei, ist die Speisung des Odysseus genau für 50 Jahre in irgendeinem Winkle meines Gehirns versteckt gespeichert worden, Bis meine Tochter uns neulich tadelte, dass wir das für uns einzigartige Öl unseres Nachbarn Fulvio auch zum Kochen nähmen. Fulvio ist der Enkel der Seelen-Sammlerin, die uns sehr fehlt, seit sie ins Altersheim gekommen ist. Fulvio, der mit seinen Faschen eigentlich genug zu tun hätte, kümmert sich rührend um Haus und Hof seiner Nonna. Jedesmal, wenn er heraufkommt, versorgt er auch uns. Mal sind es Kirschen, mal frische Kräuter oder Salat, und zu jedem Kanister Öl, die unserer Familie ihm abkauft, gibt es gratis Einmach-Gläser voller herrlicher Oliven. Den Preis verrate ich lieber nicht. Aber dem Schlaumeier, der in der Süddeutschen Zeitung vergangene Woche behaupte hat, es gäbe kein gutes Öl für 10 Euro den Liter, wünsche ich weiter, dass er den raffinierten Stoff der Luxus-Anbieter nehmen muss.

Aber zurück zu meinem Töchterlein, dessen Gourmet-Auildung bereits im Kleinkind-Alter begann:
"So musst du das Essen, damit du weißt, was du verschwendest!"

Sie machte einen großen Klecks unseres Öls auf einen Teller, tauchte das einzigartige Brot vom Angelo del Pane ein und reichte mir das Teil wie eine Oblate beim heiligen Abendmal. Schlagartig kam mir Goppel und seine Rezitation des 15 Gesanges wieder ins Bewusstsein.

Seither gönne ich mir eigentlich täglich nachmittags zum Drink ein paar Scheiben mit dem goldenen Elixier.

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