Montag, 20. August 2018

Der Müllmann

Montag, Mittwoch und Freitag werde ich pünktlich um 8Uhr30 von unserer Müllabfuhr geweckt, der ich hiermit ein großes Kompliment ausspreche. Bevor der Müll zu muffeln beginnt, ist er auch schon wieder fort.
Im Leerlauf düst Ludevico rückwärts mit seiner Ape von der abschüssigen Weggabelung vor die Burg. Unter der Piazza ist quasi in einer Art Aushöhlung Platz für sieben Tonnen, denn hier wird äußerst akkurat auf Müll-Trennung geachtet.

So ein Kuddelmuddel
muss unsere Ape nie
transportieren
Ludevico muss Samthändchen haben, denn nur beim immer überbordenden Glas-Container (ach all die geleerten Flaschen !!!) hört man ein leises Klingeln. Ansonsten ginge die Leerung fast geräuschlos von statten. Ginge, wenn nicht Wanda - unsere Dorf-Lautsprecherin - von der oberen Piazza mit liefe, um allerlei Neuigkeiten auszutauschen. Den Dialog setzen sie genau unter meinem Schlafzimmer fort. Einen Vorab-Nutzen der Nachrichten-Lage habe ich dadurch aber nicht, weil sich die beiden im ur-ligurischen  Dialekt austauschen. Nach einer Weile wird der Müllmann, der ja auch noch andere Aufgaben in der Gemeinde hat, ungeduldig. Letztlich ist es daran zu merken, dass er seiner Ape voll Stoff gibt und verwegen den Zickzack-Kurs durch die Gassen nach oben auf die Konsortiums-Straße jagt.

Ob das der Flucht oder  der  schnellen Nachrichten-Übermittlung zum Haupt-Ort dient, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber immerhin präsentiert sich die Borgata stets proper.

Ein Hoch auf eine Ape wie diese von Piaggio. Ohne die liefe
in den meist autofreien Bergdörfern
Liguriens gar nichts



Freitag, 17. August 2018

Erb-Feindschaften

Eine Dorfgemeinschaft ist bisweilen wie ein Teich, in dem unter der glatten Oberfläche mehr Hechte schwimmen als Karpfen. Oben spiegelt sich das ganze in freundlich, bunten Farben, aber wer den Fehler macht, ein zu tauchen, wird auf einmal mit düsteren Wahrheiten konfrontiert. Also fragen wir nicht nach, wenn wir merken, dass eine Sippe den Kontakt zur anderen meidet.

Ganz blauäugig haben wir für die Piazza-Abendessen einfach alle zusammen getrommelt. Und siehe da. Für einen Abend redeten alle mit allen. Aber Konsequenzen für den Burg-Frieden gab es daraus nicht.

Da wir von wirklich allen immer freundlich begrüßt und nach dem Befinden gefragt werden, ist das auch gut so.

Was aber an Dorf-Tratsch in unsere unkundigen Ohren gelangt, lässt uns manchmal vollkommen erschüttert zurück. Da wird seit Jahrzehnten vor Gericht gerungen (nicht nur weil die Justiz hier so langsam ist, sondern weil es Wege für immer wieder neue Klagen und Gegenklage gibt).

Bis der Hammer fällt, vergehen oft Jahre
Viele Dinge, die wir erledigt haben wollten, wurden mit Handschlag besiegelt, auf den wir uns dann verlassen konnten. Aber untereinander leiden die Dörfler oft an akuter Vergesslichkeit. Wer früher einen Vertrag für etwas wollte, galt als renitent. Aber selbst existierende Verträge weichen auf einmal von einander ab, was die Rechtsfindung nahezu unmöglich macht.

Ein sehr beliebter Vize-Bürgermeister und Mit-Initiator der Konsortiums-Straße, war den Streit hier oben derart leid, dass er in den Hauptort hinunter zog, obwohl er im Borgo ein paar schöne, renovierte Häuser sein Eigen nennt.

Ganz schlimm wird es, wenn ein vernetzter Erblasser im Sterben liegt, dann werden heimlich und rechtzeitig Positionen eingenommen, um den oft gewaltigen Nachlass an Latefundien zu sichern. Wer seiner Meinung nach dabei zu kurz kommt, rächt sich mit Gerüchten und möglichen Schikanen. Sie fangen beim Wegerecht an, gehen mit Anzeigen von nicht genehmigten Umbauten weiter und enden bei gemeinsam abgrenzenden Mauern noch lange nicht

Wir hatten uns vorher über das "Ligurische Wesen" so schlau gemacht, dass wir niemals davon ausgingen, zur Dorfgemeinschaft zu gehören. Und dieser Status quo lässt uns in einer Blase des Wohlgefallens schweben.

Gut, dass unsere Kinder das Haus hier unbedingt übernehmen wollen...

Mittwoch, 15. August 2018

Tand! Tand! - Tand?

Der Mobile Mensch fährt vielleicht millionenfach über Brücken, ohne sie wahr zu nehmen. Sie sind eine Selbstverständlichkeit und nicht selten sind wir von ihren wagemutigen Konstruktionen beeindruckt, vergessend, dass sie von Menschenhand geschaffen wurden.

Als logische Verbindung von A nach B, wenn ein Fluss oder ein tiefes Tal weite Umwege verlangt.
In der Vergangenheit waren sie auf beiden Seiten dann wegen des verbesserten Handels oder des verkürzten Weges Anlass für blühende Ansiedlungen, in denen dann auch die Brücke für die Namensgebung hervor gehoben wurde:  Cambridge, Innsbruck, Saarbrücken oder hier bei uns in Ligurien Ponte di Nava.

Der Begriff Brücke wurde zum Symbol. Der Papst zum Beispiel ist der "Pontifex maximus", der oberste Brückenbauer zwischen der Erde und Gott, den er auf ihr vertritt. Für Brücken von einem Zahn zum anderen ist der Zahnarzt zuständig und so weiter...

Wenn ein Brücke kaputt geht und Menschenopfer fordert, gibt es ein jähes Erwachen.
Zwei besondere literarische Werke möchte ich hier für die Symbolik von Schicksal und Tragödie hervor heben.
Zum Einen"Die Brücke von San Luis Rey" in dem Nobelpreis-Träger Thornton Wilder das Schicksal derer nachzeichnet, die bei dem Einsturz der Hängebrücke 1714 ums Leben kamen. Theodor Fontane war von dem Eisenbahn-Unglück mit der Brücke über den Firth of Tay am 28 Dezember 1879 derart ergriffen, dass er ihm eine Ballade widmete, die vielleicht nicht jeder auswendig gelernt hat. Aber seine Quintessenz ist auch heute noch gültig:










"Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand!"

Aus dem Blickwinkel des überbordenden Technologie-Zeitalters haftet so einer Reminiszenz etwas romaneskes an. Aber wenn einen die Gegenwart mit der eingestürzten Autobahn-Brücke von der A10 bei Genua konfrontiert, denkt wohl keiner an eine dichterische Aufarbeitung oder den Vergleich von Opferzahlen. Auf die Menschen verachtende Geldgier, die Gutgläubigkeit beim "Einfach-weiter-so" der Verkehrs-Verantwortlichen und die laschen Kontrollen lässt sich halt nur schwer ein Reim machen...
Der Morgen danach. Foto tz

Montag, 13. August 2018

Lasst uns doch wenigstens die Sterne zum Träumen!

Seit der Mensch auf Erden die Vorherrschaft als Homo Erectus und Homo Sapiens errungen hat,sieht er in den Sternen über ihm eine steuernde Kraft. Das tat er längst bevor er entdeckte, dass die Erde keine Scheibe, sondern ein rundliches Gebilde ist  Astrologen und Astronomen nahmen mit Forschung oder Scharlatanerie Einfluss auf das Weltgeschehen. Was sie aus der Konstellation der Gestirne zu sehen vorgaben, gipfelte auch in Weissagungen des Maya-Kalenders oder im Horror des Nostradamus...

Seni mit dem toten Wallenstein

Aus Deutscher Sicht denke man nur an Wallensteins Weissager Seni oder als  forschendes Gegengewicht an Kopernikus. Astrologe der eine,Astronom und Mathematiker der andere.

Noch immer haben Astrologen ihre Anhänger, sonst gäbe es nicht überall Horoskope;- selbst in seriösen Zeitungen und Zeitschriften.

Voran gebracht hat uns aber allein
die Astronomie seit Galilei. Gerade in der vergangenen Woche ist am Beispiel des S2 - entdeckt quasi am Ende der Galaxis - Einsteins Theorie von den Schwarzen Löchern und der Wellenlänge der Farben bestätigt worden. S2 wird der erste für uns "sichtbare" Stern, der von einem gewaltigen "Schwarzen Loch" verschluckt wird.

Aber wer wird in die Ferne schweifen. Von unserer Terrasse hier konnten wir live mit Nachbarn das Andocken des Discovery-Shuttles an die ISS beobachten. Am 4. Juli  2006 ließ das "Internationale" der Raumstation noch friedliche Gedanken zu. Mit Thomas Reiter war auch ein Deutscher Astronaut im Orbit.

Wie hat sich die Welt in den zurückliegenden 12 Jahren derart vom Kurs abbringen lassen. Jetzt scheint mir jede Nacht auf der Terrasse, die letzte friedliche Zuflucht zu sein, nachdem bei jedem Öffnen der Nachrichten, nur noch von Gewalt, Terror und menschlichem Größenwahn berichtet wird.

Und natürlich allen voran US-Präsident Trump, der die Falken in seinem Verteidigungs-Ministerium mit abstrusen Weltraum-Kriegswaffen von Star-Wars träumen lässt...

Wie wäre es, wenn POTUS sich mal nächtens auf einem seiner Golfplätze platt hin läge und seinen Blick auf die Unendlichkeit richtete. Vielleicht käme ihm dann zu Bewusstsein, dass er nur das Quäntchen von einem Bakterien-Schiss ist. Beim Welt-Untergang vermisst uns in der Unendlichkeit der Galaxien nämlich keiner.
Ach wär's  doch kein Aberglaube, dass mit jeder Sternschnuppe
im August ein Wunsch in Erfüllung ginge...
Alle Bilder Wikipedia



Übrigens: Schon einmal darüber nachgedacht, wieso Science-Fiction-Filme meist von den Szenarien gegenseitiger Vernichtung ausgehen?

Weil der Mensch nicht anders denken kann?

Freitag, 10. August 2018

Lebensläufe und Legenden



Wer früher Französisch als Hauptfach hatte, kam an ihnen nicht vorbei: LES LETTRES DE MON MOULIN. von Alphonse Daudet (1840 bis 1897). Sie dienten diesem Blog in der Machart als Vorbild, wenngleich sie ja nicht die literarische Qualität anstreben.

Die "Briefe von meiner Mühle" waren eine Zusammenfassung von angesammelten Alltags-Geschichten, die er seit 1869 gesammelt hat und erst ein Jahrzehnt später in Buchform erschienen. Sie bedienten den Zeit-Geschmack der Post-Romantik. Daudet hat niemals in der Mühle gewohnt, die ihm "angedichtet" wurde. Er nahm sich einfach die Freiheit der Verknüpfung, wie es Autoren geziemt
Anders als Daudet schreibe ich tatsächlich von einem ligurischen Burg-Hof aus. Die Personen sind alle real, wenngleich ich ihnen keine Klar-Namen gebe und ihre Legenden und Lebensläufe munter durcheinander werfe.


Vor allem die deutschen Bewohnerinnen übertreffen sich in Kenntnissen, wer von wem abstammt, was der oder die auf dem Kerbholz hat und welche Liebschaften zu Mesalliancen geführt haben.

Ein journalistischer Wahrheitsfinder hätte bei dieser Fülle an "fake news", die sich allein aus dem Zuhören ergeben, Schwierigkeiten zwischen Lebenslauf und Legende zu unterscheiden. Da habe ich es leichter. Ich nehme das Beste aus dem Kuddelmuddel und verwebe das zu meinen Briefen.

Dichtung ist die einzige Wahrheit und die wird wahrer je länger einer sie verbreitet.
Alphonse Daudet hat die 60 nicht erreicht und dennoch ein gewaltiges Werk hinterlassen, das über den Schul-Stoff  hinaus ging, aber im Deutschen kaum Niederschrift findet.

Ach da fällt mir ein, dass ich kürzlich eine noch holperige Mail in Deutsch von einem russischen Schüler bekommen habe, der  "Briefe von der Burg" im Unterricht übersetzt. Ist ja schon mal ein Anfang...
Unseren Borgo gibt es tatsächlich,aber wie alle realen Dinge
ist auch er dem Wandel unterworfen. Dieses Bild vom oberen
Dorfrand entstand an Ostern 2006..
Der Trampelpfad aus Bau-Schutt war im Jahr zuvor noch
ein munter murmelndes Bächlein

Mittwoch, 8. August 2018

Die andere Persspektive

Ameisen, Ameisen, Ameisen, Ameisen,, Ameisen :
Unser Borgo ist so bewohnt wie selten, aber da alle am  Strand sind oder in den kühlsten Winkeln ihrer Häuser verweilen, ändert sich für uns eigentlich nichts. Aber das ist alljährlich der Moment, in dem ich in die kleinste denkbare Perspektive wechsle.

Jede Stunde halte ich meinen Kopf unter die Fontana, Zunächst wasche ich mir mit dem handwarmen ersten Schwall das Gesicht, dann drehe ich auf und lasse das kalte, kühle Quellwasser über Nacken und Rücken strömen.  Tropfend und triefend wanke ich zu meinem im besten Windkreuz postierten Stuhl und versuche auf dem selben an überhaupt nichts zu denken. Ich strebe wirklich ernsthaft die schwarze Null in meinem Gehirn an, aber wie so oft gelingt mir das nicht.

Das von meinem Kopf tropfende Wasser und der Geruch meiner nassen Haut, erinnert mich an die Zeiten, in denen ich als Schwimmer und Taucher nicht aus dem Wasser zu bekommen war. Wenn es auf die mit Kieseln bepflasterten Piazza tropft, sind  sie aber auch schon da: Die aller kleinsten Ameisen, die wir zu fürchten aber auch zu bewundern, gelernt haben. Und natürlich komme ich nicht zum Nicht-Denken.
Sie geben so manche Rätsel auf. Wieso war der Schatten auf der Piazza eben noch ohne Leben, und wieso sind sie dann sofort da, wenn sie das Wasser riechen?  So ganz klar können sie in ihren winzigen Köpfchen bei der Hitze auch nicht sein.

Ich habe das bestimmt schon einmal geschrieben: So lange die Winzlinge im Bereich der schwarzen Kiesel sind, rasen sie durch die Lücken wie in einem Labyrinth, aber wenn sie im Bereich der weißen Kiesel ankommen, klettern sie auf einmal hoch und drüber, um Ausschau zu halten. - Vielleicht um endlich die "Direttissima" zu den schnell verdunstenden Wasser-Stellen unter meinem Beobachtungspunkt zu erreichen.


Ich habe mit den aller Kleinsten kein Mitleid. Wo immer wir im Haus nur einen Krümel Essbares fallen lassen, stürzen ihre Hundertschaften aus welchen Winkeln auch immer, um ihn zu zerlegen und fort zu tragen. Meine Frau ist oft nahe an der Hysterie wenn Legionen plötzlich aus kaum wahrnehmbaren Kachel-Fugen kommen. Vor Angst wäscht sie das
Geschirr immer zweimal..
Heraus zu finden, woher mitten in der Wüstenei der Piazza das Wasser kommt, scheint ihnen keine Mühe zu machen. Aber die Späher können dann meist dem Ttross nichts mehr vorweisen. Dann wird auf Abdomen getrommelt und es beginnt ein hysterisches Tänzeln.
Fühle ich mich überlegen? Habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihnen anderen Ortes mir "Massenvernichtungswaffen" den Garaus mache?
Nein, nein, nein, nein, nein!
Aber vielleicht doch ein Bisschen, weil ich sie bei dieser Hitze bewundere für ihre Agilität und ihre orientierungslose Emsigkeit zu meinen Füßen. Aber die absolute Null in meinem Hirn haben sie leider sabotiert.

Montag, 6. August 2018

Hitze-Streik

Natürlich habe ich zu meinem Laptop nicht ein so inniges Verhältnis wie Axel Hacke einst mit seinem Bosch-Kühlschrank. Er redet nicht mit mir und ich nicht mit ihm. Mein Handy redet ja neuerdings mit mir, was mich immer wieder erstaunt, wenn ich mal die falsche Taste gedrückt habe.

Das Leben meines Laptops weist hingegen manche Parallelen auf. Als er nicht mehr "State of the Art" war, wurde er von seinem ersten Herrchen schnöde verschenkt und diente meinem Sohn als Basislager für verschrobene Gedanken, bis auch er ihn für so ein schickes Gerät mit Apfel darauf ersetzte.
Mein Laptop ist nochmal davon gekommen

Als mein Friedhof der Toten Computer immer mehr Schrott angesammelt hatte, ging mein Sohn daran, aus allen elektronischen Leichen Essentials auszubauen, Festplatten neu zu formatieren und alles mit dem Zeugs zu machen, was ich nur unverständlich und mirakulös fand. Am Ende der Umverteilung meldete sich mein Laptop zum Dienst zurück. War ich nicht auch vor Jahren als zu alt ausgemustert und später durch Ersatzteile wieder belebt worden worden?

Angeschlagen von der brutalen Hitze, hat sich unser Verhältnis in ein persönliches gewandelt. Aber ich habe seine Signale dennoch überhört. Texte gingen plötzlich nicht weiter, Streams stotterten und dann kam das böse Brummen, mit dem er sich verabschiedet hat. Er hatte eindeutig Fieber. Meine Finger konnten kaum das Gehäuse berühren. Alle Tricks meines Sohnes, die zu Wiederbelebung führen konnten, wirkten nicht. Ein Tastendruck und aus war es.
Virtuell geht manches, aber nur persönliches
Mitgefühl hilft bei Hitze

"Die Fürsorglichste von allen", die kaum mehr eine Ahnung von Computern hat, und auch noch stols darauf ist., sagte in ihrem fürsorglichen Tonfall:
"hast du eigentlich mal geguckt, wie heiß es heute ist. Der arme Kerl will sich abkühlen, und wusste keinen anderen Weg.  Warte nur bis heute Nacht, dann geht er wieder."

So war es dann auch. Mein Laptop und ich - aussortiert, aber mit noch genügend Power für gemeinsame Texte...