Mittwoch, 6. August 2025

La vita semplice

Wer sich augenblicklich von immer mehr Dingen verabschieden muss, die er sein Leben lang als unverzichtbar für sein "Benessere" gehalten hat, kann nur dann seelisch genesen, wenn er aus dem Verzicht eine Philosophie macht. Diesem Punkt nähere ich mich gerade in zögerlichen Schritten.

Quelle: Kopp Verlag
Quelle: Library of America
Henry David Thoreau
1817 - 1862
Ich gestehe, vor langer, langer Zeit war ich schon einmal so weit. Mein Leben als Teen wollte einfach nicht vorwärts gehen.  Da bekam ich als Pflichtlektüre für Buchhändler-Lehrlinge die Fibel für einfaches Leben, "Walden" von Henry David Thoma Thoreau, zur Besprechung auf. Ich beschrieb sie verzückt, denn ich konnte viel  Nachahmenswertes beim Lesen entdecken. Tatsächlich wurde dieses 1854 veröffentlichte Tagebuch als Anleitung für ein möglichst einfaches Leben ein paar Jahre nach meiner Besprechung zur Fibel für die Aussteiger der 1970er, Leider hat mich "Das Leben in den Wäldern" (so der Untertitel) im Vergleich zum beginnenden Waldsterben der Gegenwart nicht derart beeindruckt, dass mein Karriere-Durst als Schreiberling nachhaltig gestillt worden wäre.
Sicher wäre mir manche Abzweigung bei einfacherer Lebensführung erspart geblieben, aber ich hätte auch eine Vielzahl einmaliger Erlebnisse verpasst, von denen andere nur träumen. Und in meiner heutigen Work-Life-Balance fällt doppelt in die Waagschale, dass ich ein Berufsleben hatte, in dem ich mein Geld mit Sachen verdienen konnte, die andere nur in ihrer Freizeit machen.

Ich schicke das meinem heutigen Post vorweg, damit ihr nicht glaubt, ich sei ein vom Übermaß bekehrter, reuiger Sünder geworden, der Verzicht predigt.
Ganz im Gegenteil: Haut raus, was nur geht, so lange es noch geht! Denn wer weiß, was aus dieser Welt in ihrer augenblicklichen Situation noch wird. Aber seid dessen eingedenk, dass sich auch ein vielleicht erzwungener Maßen reduzierendes Leben noch lohnt, wenn man nur lernt, das Verbliebene entsprechend höher zu bewerten.

Ein Dialog dieser Tage mit meiner Frau war typisch:
"Wollten wir nicht Mittwoch mal wieder am Meer zum Essen gehen?"
"Ach nö! Im August ist es doch unten viel zu voll. Diese Parkplatz-Suche! Und so gut wie die, kochen wir doch schon längst!"
"Ja, aber! Es muss keiner in der Küche stehen, kochen oder abwaschen..."
"Ist doch nur'n Klacks! Rechne mal nach, wieviel wir von den guten Sachen für nur eine Restaurant-Rechnung  einkaufen könnten."

So haben wir früher nie gedacht. Wir haben ein unkontrolliertes Vermögen für Hotels und Restaurants verprasst. Und wir hatten Spaß daran. Aber jetzt haben wir eigentlich mehr Spaß am selber Kochen. Vor allem seit wir einen Schwiegersohn haben, der Chef in einem Geourmet-Restaurant ist, wissen wir auch von der anderen Seite her, dass die Preise, die wir uns in München nicht mehr leisten können, wohl gerechtfertigt sind, aber eben in keinem Verhältnis zum Waren-Einkauf stehen.

Also ich habe mal nachgedacht und nachgerechnet:

Am vergangenen Freitag hat die "Fürsorglichste" einen Polpo e Patate alla Ligure hin gezaubert, wie wir ihn besser von keinem der uns hier bekannten Restaurants für unter 16 Euro pro Nase vorgesetzt bekommen.
Am Sonntag habe ich Peperoni gefüllt mit Salciccia auf Knoblauch-Basmati-Reis gebrutzelt.
Gut, alle Gemüse-Sorten bekommen wir zu Erzeugerpreisen bei unserer Schweizer Nachbarin
Am Montag haben wir uns die Arbeit geteilt. Ich war mit dem Braten von Capocollo (Schweine-Nacken) auf Knoblauch, Peperoncino und Rosmarin betraut, wozu meine Frau einen lauwarmen Kartoffelsalat mir Radicchio, Zwiebel und Bohnen - geschmeidig gemacht durch kalt gepresstes Extra Vergine - komponierte.

Dienstag servierte ich Hühner-Keulen auf Tandoori-Art in Soja-Sauce geschmort auf einem gegrillten Auberginen-Bett.

Ja, heute ist Mittwoch, und wir gehen wieder nicht essen, weil sich meine Frau meine Spezial-Gnocchi auf kross in Butter gebratenen Salbei-Blättern und ebensolchen Knoblauch-Scheiben gewünscht hat.
Unterm Strich stehen bislang noch nicht einmal 70 Euro Waren-Einkauf  zu Buche - und wir hatten obendrein noch Spaß an der Freud!

Dazu haben wir unsere Piazza zum Abendessen meist allein oder genießen den prächtigen, ungestörten Rundumblick im Sonnenuntergang von unserer Terrasse aus,  - The Day Bleeds Into The Nightfall!
Die frischere Luft und die vom Arzt dringend verordnete Ruhe gibt es gratis dazu.
Übrigens, wir schreiben den 6. August, und wir schlafen wegen der kühleren Nächte hier oben noch immer kuschelig zugedeckt bis zu neun Stunden. Das ist eben auch:

La vita semplice!

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