Montag, 4. August 2025

Die Oma, die mit ihrer Ziege wohnte

paint-collage CD
Als vor mehr als vierzig Jahren die erste Welle der teutonischen Ruinen-Baumeister durch die engen Gassen dieses Borgos schwappte, war das ein großes Abenteuer. Jetzt hat von allen das Zeitliche seinen Tribut verlangt. Aber was sie zum Teil durchmachten und erlebten, ist hier bis heute immer noch Legende. Auch wenn die mit der Zeit durch kolportieren und dramatisches Hinzufügen vermutlich eher zum Narrativ geworden ist.
Die zweite Welle um die Jahrtausendwende schwemmte dann schon eher deutsche Spekulanten auf die Burg. Die nutzten die Hype und die Sehnsucht naiver Käufer nach den "Italienischen Momenten" aus. Wobei sie auch auf die lasche Kaufpreis-Verbriefung unter Umgehung von Wiederverkaufsfristen setzten. Schamlos, was da ab überhöhten Preisen über den Tisch ging, wenn der Notar nur für einen Augenblick das Büro verließ... 

Meine Frau und ich gehörten auch zu jenen, die schockverliebt nichts infrage stellten. Wie manche ebenfalls neue Nachbarn hatten wir nach nur oberflächlichen Umgestaltungen mit Anzeigen zu kämpfen, die ein ums andere Mal zu juristischen Auseinandersetzungen führten. Nicht selten durch die verbliebenen Einheimischen inszeniert, die sich zunehmend wohl ärgerten, dass der Ausverkauf Ihrer Heimat zu lächerlichen Lire-Summen an ihren Geldbeuteln vorbei gegangen war. Vieles geschah ja aus Zweifeln, was nur dem Denkmalschutz geschuldet war oder welche Veränderungen Nachbarn nicht stören könnten. Für vieles kam erschwerend hinzu, dass in der bitter ärmlichen Vergangenheit des Dorfes unzählige Umwidmungen von Räumlichkeiten im Kataster - leicht zu übersehen - registriert worden waren. Wer von den "Ureinwohnern" früher kein Geld aber Räumlichkeiten hatte oder wenn die Ernten mal keinen ausreichenden Ertrag erbrachten, wurde eben wie selbstverständlich mit Zimmern bezahlt, die jetzt aber zunächst unerkannt in einem "Konglomerat" veräußert wurden.

Fotos Claus Deutelmoser
Dass ein Bergfried nicht immer
zum Burgfrieden beitrug, zeigt schon
das Verließ unten
Bei einem Umtrunk auf der Piazza erzählte Paula, eine der letzten "Überlebenden" der ersten Welle, was ihr Schwager gar als Architekt erlebte: Er hatte sich gewissermaßen den "Bergfried" mit den darunter liegenden Räumlichkeiten vorgenommen. Als er bereits verbrieft loslegen wollte und das Haus betrat, hauste im Eingangszimmer eine alte Dame mit ihrer Ziege. Die pochte auf ihr  verbrieftes Eigentum, was sie dann auch belegen konnte. Also musste nachverhandelt werden.

Als wir unser Haus erwarben, wurde vertraglich ein Zimmer hinzu gefügt, von dem wir bis heute nicht wissen, wie man das hätte im Nachbarhaus erreichen können. Es ist heute die "Kemenate", und hätten wir es nicht bekommen, gäbe es unsere vergrößerte Terrasse nicht. 
Was aber auch auch nicht automatisch bedeutete, dass wir die bedrohliche Trockenmauer die über das Nachbarhaus hinweg unseres mit dem übernächsten Haus verband, abreißen und durch einen sichereren, betonierten
Sicherlich nicht "die sieben Säulen der Weisheit",
aber immerhin mehr Durchblick
nach beiden Seiten

Portiko ersetzen durften. Zack, hatten wir die erste Anzeige von einer einheimischen Nachbarin, die wir aber - trotz teurer, nachgereichter und begutachteter Baupläne samt zusätzlicher Strafzahlung - inzwischen sehr zu schätzen gelernt haben...

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