Dienstag, 19. August 2025

Die Frage der Mitschuld

 Seit der Mensch denkt, beschäftigt er sich auch mit der Schuldfrage. Seit der alttestamentarischen Legende von Kain und Abel gewinnt sie auch noch ethisch und theoretisch an Gewicht. weil Schuld generell ein Instrument ist, auch jenen ein schlechtes Gewissen durch Mitschuld zu machen, die selbst nichts böses getan haben. Ein Grundprinzip aller Religionen.

Quelle: SMK Open
Kain und Abel
Gemälde von Frans Floris
1517 - 1570

Daneben beschäftigen sich aber auch Philosophen seit Jahrtausenden und bis heute weltweit mit der Mitschuld des Individuums an den jeweils herrschenden Verhältnissen. Ist es statthaft, die Frage an der Mitschuld auf einen kleinen Kreis der Mitmenschen - also Familie, Verwandtschaft und Freunde - zu begrenzen? Oder weitet sich. schuld zu sein, mit der Wahrnehmung des weiteren Umfeldes und anhand von gemachten Erfahrungen unbegrenzt aus?

Als Bundeskanzler Helmut Kohl im Zusammenhang mit den Nazi-Verbrechen für sich von der "Gnade der späten Geburt" sprach, erhob sich ein Shitstorm. Ein Politiker darf sich wohl nicht von der "Erbschuld" freisprechen, wie der Normalo das rein instinktiv  täte. Schließlich darf de jure der Nachwuchs der Mörder nicht mit bestraft werden, sofern er nicht beteiligt war.
Als hätten die nicht schon genug zu leiden gehabt. Solche Gedanken hat sich Joseph Göbbels vermutlich nicht gemacht, als er im Führerbunker seine unschuldigen Kinder gleich mit gekillt hat. Seiner eigenen Denke über Sippenhaft hätte es entsprochen, sie eben vor der Rache der Nachwelt zu bewahren?

Quelle: SPIEGEL
Mitschuld an der Schuld der Eltern?
Die fünf vergifteten Göbbels-Kinder

Wenn sich Schuld auch rein ethisch nicht zur Mitschuld ausweiten darf, ist es völlig in Ordnung das Israelische Volk nicht der Mitschuld an den Verbrechen Netanjahus zu bezichtigen. Zumal ja auch ein Großteil von ihnen den Mann gar nicht gewählt hat und täglich gegen ihn protestiert. Wenn aber die Verbrechen eines Juden - also vor allem von uns Deutschen - nicht wegen unserer "Erbschuld" als solche benannt werden dürfen, wäre uns dann wieder eine Mitschuld anzukreiden, weil wir beispielsweise die Zwangsbesiedelung des Westjordanlandes und die Umsiedlung von Palästinensern aus Gaza nicht energisch genug als völkerrechtwidrig angesprochen haben?

Quelle: wikipedia
F. M. Dostojewski
1821 - 1881
In diesem Sinne sollte man allen Denkenden, die sich über das Prinzip von "Schuld und Sühne" auslassen, den Vordenker Fjodor Michailowitsch Dostojewski empfehlen. Der hätte sich nämlich fast in seinem Fortsetzungs-Roman unter diesem nicht so ganz richtig ins Deutsche übersetzten Titel schon im Jahre 1865 thematisch die Zähen ausgebissen. Wenn Raskolnikows "Verbrechen und Strafe" - wie es in neueren Übersetzungen heißt - noch heute in einem eben völlig anderen moralischen Umfeld entsprechend erörtert werden kann, beantwortet das die Frage nach Schuld und Mitschuld so: Beide hingen allein von der parteiischen Perspektive der jeweils Herrschenden ab...
Dostojewskis Raskolnikow, der seine Pfandleiherin aus einer Warte der Überheblichkeit ermordet hatte, konnte sich nach acht Jahren im Straflager läutern und mit seiner Geliebten wieder ein normales Leben aufnehmen.


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