Sonntag, 15. Oktober 2017

Weinstein

Als alter Sack erinnere ich mich daran, dass ich bis hinein in die 1980er ein großer Fan von
Weinstein war. Da war aber der Stern noch der Stern. Ich bin überzeugt, der aus der Feder von Peter Neugebauer stammende Meister-Detektiv hätte der Illustrierten die Schmach mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern erspart. Der Kriminalist mit dem kantigen Konterfei war keinesfalls ein Comic, sondern ausgeklügelter Denksport.

Parallel profitierte ich noch von einem anderen Weinstein, nämlich dem am Boden von Weißwein-Flaschen. Wann immer Freunde Krescenzen wegstellen wollten, weil sie am Boden der Flasche Weinstein entdeckt hatten, opferte ich mich und meinte, ich könne wenigstens noch Essig daraus machen. In Wahrheit dekantierte ich dann auch die Weißweine und sicherte mir einige wahre Genüsse, weil Weinstein in der Flasche durchaus ein besonderer Qualitäts-Nachweis ist. Schuldig im Sinne der Anklage!

Nun wird wegen seines wohl seit Jahren offenkundigen sexuellen Fehlverhaltens der Produzent Harvey Weinstein als Person aus der Academy und seiner Firma verjagt. Und damit wird auch seine Leistung als Produzent und kreativer Macher an den Pranger gestellt. Picasso, Egon Schiele, Roman Polanski, haben sich diverse sexuelle Übergriffe sogar mit Minderjährigen erlaubt. Wie viele andere große Künstler, die aus ihrem Glanz göttliche Attraktion gezogen haben! Manche wussten sogar - wie Klaus Kinsky - darin in Biographien zu berichten. Ihr Werk oder die künstlerischen Leistungen trugen deswegen keinen Schaden davon, allerdings zurecht oft das persönliche Ansehen.

Die Besetzungs-Couch ist eine ur-amerikanische Metapher für die ekelhafte Doppelmoral Hollywoods: Da wählen sie einen begeistert bekennenden Pussy-Grabber zum Präsidenten und lassen zu, dass er die ganze Nation mit seinem Irrsinn terrorisiert, unterhalten die größte und rücksichtsloseste Porno-Industrie auf Erden, während sie einen Buben in Handschellen aus dem Kindergarten abführen, weil er eine Spielgefährtin unschuldig geküsst hatte.

Damit ich nicht missverstanden werde: Wer für Karriere-Versprechen sexuelle Gefälligkeiten verlangt, ist ein Schurke im Sinne der Straffälligkeit. Es ist offenbar lange bekannt gewesen, dass Harvey Weinstein gerne so vorging, und man machte öffentlich Witze darüber, anstatt ihn anzuzeigen. Mit der plötzlich hervorbrechenden Erinnerung schießt Hollywood ein doppelmoralisches Eigentor. Die Diven haben die Meldung von Übergriffen und ihr jetzt erst gebrochenes Schweigen mit der Angst vor der Macht der Studio-Bosse begründet. Sie haben ihre Karriere aber dennoch zunächst über die seelische Unversehrtheit gestellt. Derart traumatisiert wurden sie allerdings zu Superstars mit der Macht, es Harvey Weinstein heim zu zahlen...
War ja alles nur gespielt; Cameron Diaz
gewährt Javier Bardem im
Film The Counselor
tiefe Einblicke

Noch eine Anmerkung zu "sexual harrassment": Als ich mal Werbemittel für den deutschen Zweig eines großen Pharma-Konzerns entwickelt hatte, staunte ich über die Liste, die an der Kaffee-Küche hing. Darauf war vermerkt, was alles zu unterbleiben hatte, um unheimliche Begegnungen der sexuellen Art - selbst nur angedeutet - zu vermeiden.



Eines der erfolgreichsten Potenz-Mittel für ältere Herren wurde übrigens von jenem Konzern entwickelt und zum Welterfolg... Ein Schuft, wer Böses dabei denkt...

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