Mittwoch, 12. August 2026

Das Tomaten-Tohuwabohu

Als wir uns vor mehr als 25 Jahren entschieden hatten, nicht in seine Nähe an den Atlantik zu zeiehen, kam mein bester Freund mit seiner Sippe ím darauf folgenden Sommer auf die Burg, um zu schauen, wo wir gelandet waren - und was letzlich den Ausschlag gegeben hätte.

Beim Frühstück fiel er, der im Bordelaise ja das Gourmet-Paradis um sich hatte, kaum zu bremsen über unsere Tomaten her. Immer wieder rief er, dass allein wegen der Tomaten unsere Entscheidung für Ligurien die richtige gewesen sei.

Lang, lang ist es her, inzwischen kann jeder der einen geeigneten Garten hat, ja das Saatgut für seine Lieblingssorten regional abgestimmt per Internet kaufen. Das führte gewissermaßen zu einer Hitliste. Laut KI sind das die fünf Beliebtesten für den eigenen Anbau:

Quelle: Wurzelwerk

Die süße Cocktailtomate Zuckertraube, die aromatische Cherrytomate Black Cherry, die klassische Flaschentomate San Marzano, die große Fleischtomate Ochsenherz und die wüchsige Wildtomate Johannisbeertomate. Diese Sorten bieten eine tolle Mischung aus Geschmack, Ertrag und Verwendung.

Gerade die Cocktail-Tomaten und die im kommeerrziellen Anbau so ertragreichen anderen Rispen-Sorten haben aber dazu geführt, dass diese eigentliche Vielfalt gewissermaßen unter den Ladentisch fällt. Auf alle Kontinente verteilt wächst die Tomate in mehr als 10 000 Sorten. Nur 4000 davon sind allerdings offiziell erfasst. Im Supermarkt - selbst hier in Italien führte das dazu, dass die Haltbaren und die leicht in Plastikschalen zu verpackenden Sorten derart überhand nehmen, dass wir dort schon seit einiger Zeit keine Pomodori mehr kaufen.

Quelle: Brigitte
Wir konnten es uns aber nicht nur leisten, sondern waren in der begnadeten Situation aus der Umgebung versorgt zu werden. Zum einen wurden wir bis zur Haustür vom Überschuss der Nachbarn und von der Freihaus-Lieferung unserer Schweizer Freundin beglückt . Zum anderen hatten wir lokale Alimentari ausgekundschaftet, die ihre Läden mit köstlichen Eingenproduktionen bestückten.

Quelle: METRO
Die Marinda

Kamen wir schon im Frühjahr her, war auf die Marinda-Frühtomate aus Sizilien immer Verlass.
Parallel zu den Korona-Jahren grif in Ligurien jedoch la grande siccitá immer länger und trockener um sich. Tomaten brauchen einfach viel Wasser und auch eine gelegentliche Abkühlung. 
Als wir heuer anfang Juli angerist sind. ahnten wir schon. was wir von den Paradeisern - wie sie in Österreich heißen - zu erwarten hatten. Die meisten Freiland-Tomate - gleichgültig von welcher Sorte - hatten einen harten, grünen Strunk, der sich durch die geamte Frucht zog und fortgeschnitten werden musste. Runde Sorten - vor allem die von uns mit Mozarella so beliebten Cuore di Bue,  wurden hässlich lang und schrumplich. Unsere Nachbarin, die zu dieser Zeit längst schon 100 Gläser Tomaten einngemacht hätte, konnte nur traurig auf gerade mal ein Dutzend schauen. Auch bei Rosanna, unserer Lebensmittel-Händlerin unten im Capo Luoga waren Tomaten meist schon inden ersten Minuten ausverkauft, diie sie von ihren Gärtnern bekommt. So ging es auch dem Alimentari in Pontedassio, der früher bei Engpässen mit seinen Selbstgezogenen immer unsere letzt Instanz war.

Die Verzweiflung wurde im Super-Supermarkt noch größer, da gab es zwar ein Tomaten-Tohuwabohu  das manierlich aussah und wo die Teile auch noch keine Stellen aufwiesen, aber die Sorten sahen nicht nur künstlich aus, sie schmeckten - wenn überhaupt - wie gesäuerte Zellulose. Meine Frau packte dann tatsächlich einen Plastikbehälter mit Rispen-Tomaten als kleineres Übel in den Warenkorb. Die erinnerten im Geschmack noch am ehesten an früher.

Quelle: Karaut & Rüben

Bei der Rückfahrt durch den Silberwald der Olivenbäume sahen wir auch, wie die bei der Ankunft noch straff in den Himmel gestreckten Äste ihre Zweige schon hängen ließen. Bis Ende des Monats soll es immer noch nicht Regnen. Dann könnte es in wenigen Jahrzehnten schon eine Wasser-Migraation in Europa geben.

Siehe meinen nächsten Post. Die Wasser-Migration.

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