Dienstag, 16. Juli 2024

Von Ähnlichkeiten

Gestern beim Frühstück von Angesicht zu Angesicht hat meine Frau etwa Schreckliches gesagt. Oder war es eigentlich schrecklich schön?  Sie sagte: Jeden Tag siehst du mehr aus wie dein Vater.

Dazu muss man vorweg sagen, dass mein Vater meine Frau, als sie es ja lange Jahre noch nicht war, vorbehaltlos sehr geschätzt hat. Das könnte daran gelegen haben, dass sie beide in Berlin geboren, und gewohnt waren, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Währenddessen sich bei meiner Mutter frühe Vorbehalte im Lauf des langen Lebens in innige Zuneigung verwandelte. Ödipussi, schnödipussi Hauptsache du hast deine Mama lieb.

Ich habe ein Porträt von meinem Vater gemalt. Es war eine "Auftragsarbeit" für meine Mutter, die wohl so eine Ahnung gehabt. Das Bild entstand ein paar Monate vor seinem Tod 1988. Ich kann darauf keinerlei Ähnlichkeit zu mir erkennen, weil ich immer deutlichere Merkmale der mütterlichen Linie aufwies.

Tatsächlich sieht meine Frau aktuell wohl das, was ich jeden Morgen in dem überdimensionierten Waschtisch-Spiegel hier auf der Burg sehe: Dadurch, dass ich jetzt stark abgenommen und durch die vielen, rettenden Medikamente nach den vier Operationen viele Haare verloren habe, werde ich meinem Vater tatsächlich immer ähnlicher.

Aber es gibt eben vielerlei ähnlich. Ich selbst neige dazu, bei Adepten gerne die Ähnlichkeit zu ihren Erzeugern zu thematisieren, obwohl ich mir das dann mit etwas Abstand als "Onkelgetue" vorwerfe.

Während ihm nichts
erspart blieb. konnte
sich sein Sohn während 
75 Jahren Frieden
wie eine Made im
Speck entwickeln
Du siehst aus wie, ist ja möglicherweise die Vorstufe zu "wie aus dem Gesicht gerissen". - Will man das denn als Individuum wirklich hören. Wenn die Ähnlichkeit, die erkannt wird, verblüffend ist, sollte man besser so eine Erkenntnis für sich behalten. Eine Ähnlichkeit nimmt nur Anleihen, aber so auszusehen dringt ja direkt durch die Physionomie ins Innere.

Ehrlich gesagt, bin ich aus meinem Vater nie recht schlau geworden, weil er eher ein Töchter-Vater war. Erst kurz vor seinem Tod hatten wir einen persönlichen "Wandel durch Annäherung", bei dem ich im Nachhinein auch bedauere, dass er den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und sein Berlin wieder als Hauptstadt knapp verpasst hat.

Mein Vater war - soweit ich das beurteilen kann - ein hervorragender Jurist und gleichzeitig ein Gutmensch. Auch jemand , der für seine stets frei ausgesprochene Meinung Diskriminierung und Zurücksetzung erfahren musste. - Und er musste in den Krieg für ein Regime, das er nicht nur verabscheute, sondern mit seinen wenigen Mitteln auch bekämpfte.

Nichts von alledem spiegelt sich in meinem Wesen wider. Ich glaube, ich bin noch nicht einmal ansatzweise ein Gutmensch. Dennoch macht es mich irgendwie stolz, wenn die Frau, die mehr als zweidrittel ihres Lebens mit dem meinen geteilt hat, mich so sieht. Das könnte der Ansatz für meine Abbitte sein. Wenn ich meinem in seinem Leben schon nicht ähnelte, dann ist es nur statthaft, im Alter Tag für Tag mehr auszusehen wie er...





Sonntag, 14. Juli 2024

Der Tag danach

 Heute werden die siegreichen Fußball-Helden Spaniens ihren Rausch ausschlafen. - Und die unterlegenen Balltreter aus England vermutlich auch. Was wäre der 14. Juli gestern für die Franzosen in diesem Schicksalsjahr für ein Nationalfeiertag geworden, wären sie an diesem Europameister geworden. - Aber dafür muss man eben Tore schießen und sie nicht nur verhindern wollen.

Ist es nicht merkwürdig, dass historische Tage oft eine Ewigkeit gefeiert werden, aber die "Kater-Tage" nur Stunden später ganz selten thematisiert werden?

Quelle: WDR
Le Jour de Gloire est arrivé! War am Tag nach dem Sturm auf die Bastille, in der Jubelstimmung schon zu erahnen, welch Blutbad sich durch die Französische Revolution über Jahre hinweg im Land ergießen würde. Von dem, was der sich dann selbst zum Kaiser krönende Revolutions-General Napoleon  an Gemetzel über ganz Europa trug, einmal ganz abgesehen.

Gestern wurde auch auf den US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump geschossen. Eine Schande für die Demokratie, empörten sich gleich danach weltweit Politiker, die nichts mehr fürchten, als dessen Wiederwahl. Dabei meinten sie jedoch nicht Donald den Lügner und Wüterich, sondern den Attentatsversuch - natürlich. Als hätte das verfassungsgemäße Tragen von Waffen nicht schon in der gesamten Historie der USA das Eliminieren von Politikern erleichtert. Den Tag, nein die Tage danach, wird ein Narzisst wie Trump nutzen, um sich den Nimbus der Unsterblichkeit zu sichern. Hat schon angefangen. Armer, alter Joe Biden!

Quelle: WIWO online

Am Tag nach einem Wahlerfolg werden ja auch immer gerne Pöstchen an Genossen oder Wegbereiter verteilt, die für ihre Ämter eigentlich fachlich gar nicht befähigt sind. Dabei sind Spitzen-Kandidaten von Parteien in aller seltensten Fällen Spitzen-Experten in ihren Ressorts. Sie suchen dann Rat bei Beratern und laufen auf. Wie Oppositions-Großsprecher Jens Spahn, der in der größten "Masken-Affäre" (all jener Krisengewinnler unter den Christsozialen) der Republik einen mutmaßlichen Milliarden-Schaden hinterließ. Am Tag nach seiner Abwahl, wird er sich wohl klammheimlich gewünscht haben, dass sein Versagen niemals aufgedeckt werden wird.

Aber an einem 15. Juli sollten auch Ereignisse angesprochen werden, die über den Tag danach hinaus positive Auswirkungen zeitigten:

Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung
Da war zum Beispiel die historische Rede, die der unprätentiösen Egon Bahr 1963 in der Evangelischen Akademie Tutzing hielt. Der dort von ihm umrissene "Wandel durch Annäherung" machte ihn zu einem allerdings  meist verkannten Architekten der Wiedervereinigung.
Zwei Jahre später fliegt am selben Tag die Raumsonde Mariner am Mond vorbei und liefert mit gestochen scharfen Fotos die Grundlage für die erste Mondlandung.

Ja, und dann sollte auch nicht vergessen werden, dass ein gewisser, an diesem Tag 1958 geborener, Jörg Kachelmann mit netzverknüpften Daten, den langweiligen, täglichen Wetterbericht zu einer spannenden, einzigartigen Unterhaltungssendung umfunktioniert und eine Nation von Wetter-Verstehern erschaffen hat. Im Ahrtal haben Prognosen aber nicht wirklich geholfen. Auch nicht bei den vielen Überschwemmungen im vergangenen Frühjahr. Da sind die Tage danach kaum zu lindernder Schmerz und Verlust.

Auf der Burg sind heute bei hoher Luftfeuchtigkeit vergleichsweise angenehme 27 Grad maximal angesagt. Die Tage danach wird's hier dann knuffig über 30. - meldet die Kachelmann-App. Als ob das Wetter in unserem Alter noch so wichtig wäre. Wir sind froh über jeden weiteren Tag danach. Der ist uns wichtig!

Quelle: Radio Sonnenklar


Freitag, 12. Juli 2024

Prima Cena in Piazza 2024

 Weshalb das ausgerechnet der Jahrestag meines Absturzes in unserem Haus war? Ich weiße es nicht. Die Ursprungsidee, war, mein Wiedererscheinen in der Borgata mit einem gemeinsamen Abendessen im engsten Kreis zu begehen. Daraus wurde aber das größte Cena in Piazza, das mit allen Nachbarn je gefeiert wurde. Aus allen Winkeln des Burgdorfes wurden Tische, Stühle und Tischdecken herbei geschafft. Bei 34 Leuten habe ich aufgehört zu zählen, aber es könnten gut auch vierzig gewesen sein...

Eine Neuerung war der Profi-Gasgrill der durch den Vicolo Colombo herbei gerollt wurde. Zunächst mochte ein Außenstehender vielleicht glauben, die Mengen Bratwürsten, Hühnerflügeln und Schweineschnitzel, könnten vielleicht nach Bulgur, Nudelsalaten, Polenta, Schinken mit Melone etc. zu viel gewesen sein, aber selbst die krachend schweren Käseplatten wurden derart geplündert, dass man hätte glauben können, nun passen Sorbet, Melonen und selbstgebackene Kuchen in Keinen mehr rein.

Was für ein Irrtum, denn endlich stießen zu dem krassen Altersheim hier oben belebendes Jungblut aus allen Himmelsrichtungen. Unser Cena wird also bestehen bleiben. Die Sat wurde gestern gesetzt.

Das Fest dauerte mit den üblichen lautstarken  und feuchtfröhlichen Diskussionen über die unvermeidlichen Dinge des Lebens weit bis nach ein Uhr nachts





Dienstag, 9. Juli 2024

Carne Salada

Im immer armen Ligurien war das Carne Salada die preisgünstigere Variante zur Luxus-Vorspeise Carpaccio. Hier, wo Rindfleisch generell sehr teuer ist, bekommt man ein Kilo vom besten piemontesischen Rind kaum unter 60 Euro, ein Kilo vom traditionell haltbar gemachten Carne Salada für die Hälfte.

In Zeiten des Online-Versandhandels ist das "gesalzene Fleisch" binnen Tagesfrist auch in Deutschland zu bekommen. Je nach Herkunft ist es dann natürlich teurer.
Puristen aber wollen es vielleicht  selbst einmal einlegen. Ich habe ein paar Seiten durchgeguckt und diesen Link ausgewählt, weil da auch etwas über die Philosophie dieser Fleischzubereitung steht: https://blog.toblini.com/de/carne-salada-salzfleisch-eine-typische-spezialitat-des-gardasees-trentino/

Die ligurische Art es anzurichten, entspricht der Einfachheit und dem Naturell des hiesigen Geschmacks. reichlich natives Extra Vergine drauf verstreichen, ein paar Tröpfchen Zitronen-Saft darüber und für die Schärfe kein gemahlener, schwarzer Pfeffer (der hier verpönt ist), sondern ein Hauch zerbröselten Peperoncinos. Im Prinzip wäre das ja für manche ursprünglichen Fleisch-Genießer gleich ohne Schnickschnack fein mit Breitschwert runtergesäbelt ein "Fertiggericht". Beim Anrichten schnabulier auch ich gern schon mal ein paar Scheiben "ohne alles". Auch um zu schmecken - wie salzig das Fleisch ist. Wie heißt es so schön bei Asterix und Obelix: Ohne Fleisch kein Preisch!

Es ist aber auch noch niemand von meinem Tisch aufgestanden, der von meiner Art, das Carne Salada zu marinieren, nicht noch begeisterter gewesen wäre:

Zutaten:
Als kaltes Abendbrot für vier Personen

600 g feinst mit der Maschine geschnittenes Carne Salada

Die Marinade:
4 Teelöffel vom abgewaschenen eingelegten Grünen Pfeffer
2 Gehäufte Esslöffel marinierte Kapern
2 Große Zehen frischesten Knoblauchs
6 Löffel vom feinsten Extra Vergine
1 Esslöffel brauner Melasse-Zucker
1 Teelöffel Salz
1 Esslöffel feinst gehackter Schnittlauch

Das alles in einem Mörser zusammen grob verreiben, und je nach Gusto entweder Zitronensaft, Essig Dolcagro, Balsamico bianco oder - traditionale hinzugeben, um die Marinade geschmeidiger zu machen.
Abschmecken. Vorsicht mit dem Salz! Das Fleisch ist ja schon salzig! Dann zum Ziehen im Mörser lassen und sich dem Fleisch zuwenden.

Vier große flache, kalte Teller von außen nach innen wie eine Blühte mit den dünnen Scheiben Carne Salada kreisförmig  möglichst "durchsichtig" auslegen.

Dann zunächst je einen Esslöffel Marinade gleichmäßig drüber träufeln und mit dem Löffelrücken fein verreiben. Erstmal einziehen lassen, und die anderen Teller ebenso vorbereiten.

Parmigano oder Grana, grob gehobelt
oder in feineren Zesten 
- wie die Fürsorglichste  es liebt.
Alle Getränke passen dazu

Kurz vor dem Servieren je noch einen halben Esslöffel der Marinade noch einmal von innen nach außen verreiben. Vor dem Servieren fragen, wer die Variante nicht mit frisch gehobelten Parmigano oder Grana Padano haben will.

Am besten passt ein eiskalter Rosato gern auch frizzante zu diesem Abendbrot. Mir schmeckt auch ein Bier danach...

Buon appetito!






 

Montag, 8. Juli 2024

Gelassenheit los gelassen

 Muss man machen? Hektisch herum hasten? - Lieber langsam das Leben lieben?
Ach, ihr wundersamen Wellness-Wanderprediger im erwerbsfähigen Alter - was wisst ihr denn schon wenn ihr eure "Ratgeber" verfasst?

Sollte jeder doch immer froh sein, mit dem was gegeben ist.
An alle Diät-Apostel da draußen: Ich habe mich im Kopf mit meinen 30 Kilo zu viel echt wohler gefühlt!
Den Begriff Dünnhäutigkeit spüre ich erst jetzt täglich am ganzen Körper, dabei habe ich ja immer noch 100 Kilo:
Ich bin unwirsch, wo ich eigentlich doch gerne wirsch wäre, aber wirsch gibt es eben nicht (auch so ein Rätsel dieser Sprache, in der ich seit über 60 Jahren schreibe).
Mehrmals am Tag fahre ich wegen kleinster, störender Kleinigkeiten buchstäblich aus dieser Haut, die mit den letzten Fettpolstern in alter Dehnung um mich herumschlabbert.
Gut, über den Torverhinderungs-Rasenschach-Fußball, der gerade gespielt wird, muss man sich wirklich nicht mehr aufregen. Aber darüber, dass die, die ihn zelebrieren, damit auch noch weiterkommen  - schon!
 Bei den politischen Strömungen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, weiß ich ja auch, dass ich nichts mehr ändern kann.  (Nebenbei bemerkt  - Französinnen und Franzosen - bien faite!)
Wieso will ich greisenhaft  - wie ich mich allmorgendlich im viel zu großen Badezimmer-Spiegel sehe - darauf bestehen, nicht mehr so boshaft zu sein?

Weil ich von so vielen lieben Menschen hier umgeben bin (abgesehen von dem, der unseren Basilikum zerstört und eine halb verweste Ratte vor die Haustür gelegt hat...).
Wir haben hier ein "Social Life", an das wir in München schon längst nicht mehr gewöhnt sind. Wenn wir mit einem Drink an unserem Tischchen auf der Piazza sitzen, bleiben wir selten allein. Ohne Gelassenheit allein zu sein, führt zu grollendem Grübeln, meinen die.
Also um Frankreich und Marcel Proust zu huldigen: gehe  ich täglich wieder auf die Suche: A la Recherche du Temps perdu...

Ich stöberte ja durch alle unseren engen Gassen, fände ich dort meine Gelassenheit wieder. Wenn ich sie doch nur irgendwo liegen gelassen, also lediglich vergessen hätte. Aber offenbar habe ich meine Gelassenheit los gelassen. Sie ist mir entfleucht, und wird so, wie sie einst war, wohl nie mehr wieder kommen.

Gelassenheit gibt's ja mittwochs nicht als wohlfeile Ware auf dem Markt. Gelassenheit kann ich auch nicht wie meine Kräuter auf der Treppe heranzüchten. Ich muss sie wieder mit meinen Synapsen entwickeln. Aber dazu brauche ich eben Zeit, ein Quantum von der, die mir noch bleibt als "Entwicklungshilfe".

Habe ich schon eine Ahnung gehabt, was bald mit mir sein wird? Vor 23 Jahren schrieb ich dieses Lied:


 Ich fuhr auf Wolkenschiffen

WOLLT' ICH MATROSE WERDEN
WARD ALS ZU LEICHT BEFUNDEN.
KEIN LEICHTMATROSE  OHN' GEWICHT!
ZOG ICH MIT WOLKENHERDEN
UND KAM KAUM ÜBER D'RUNDEN.
DOCH HEUER WOLLT' ICH NICHT

AUS ANGST, ICH WÜRD' ZU SCHWER,
VERZICHT' ICH AUF DAS GELD.
HEUERTE AN AUF 'NEM WOLKENSCHIFF
DAS SEGELN LIEBT' ICH GAR ZU SEHR!
SO WARD ICH ZUM GROSSEN WOLKENHELD
ALS DIE WELT ZERSCHELLT AM ZEITENRIFF

NUN UNTER VOLLEN SEGELN
AM SPECKBLAUEN FIRMAMENT
OHN' ANKER TREIBT'S MICH JÄH DAHIN
VERDAMMT VON KIND UND KEGELN
- AUCH OHNE FLAUES TESTAMENT!
MACHT ALL DAS EINEN SINN?

WENN JA, DANN DOCH NUR DEN:
WER SELBST SICH ALS ZU LEICHT BEFUNDEN
DER DARF SICH NICHT BESCHWEREN,
WENN AND'RE SICH VERSEHEN,
IHM DEM RESPEKT NOCH ZU BEKUNDEN
UND SO DAS TRÄUMEN IHM VERWEHREN...



Auf unserer Dachterrasse fühle ich mich bei dem
merkwürdig wechselhaften Wetter immer häufiger wie der
Kapitän auf der Brücke eines Schiffes, das sich in den Bergen gestrandet durch Wolkenberge kämpft

Freitag, 5. Juli 2024

Orban@Orbi

Wenn meine Besorgnis stetig wächst, hilft mir oft nur noch Ironie. Denk ich an Europa in diesem Jahr, dann glaubte ich gerne an beschwörende Astrologie. Ich ließe den Sternenkranz Europas so lange und immer schneller rotieren, bis sich die braun gefärbten Sterne, die doch Einigkeit bedeuten sollten, vom Banner lösten und in eine weit entfernte Galaxie geschleudert würden.

Aber da ich Astrologie genau so für fraglich halte, wie Gläubigkeit an höhere Wesen oder Weissagungen im Hoffen auf eine bessere, friedlichere Zukunft, muss ich mich eben mit den kleinen Freuden der Gegenwart über Wasser halten.
Nach der Korona-Pause und meiner Verletzung waren wir am 2. Juli wieder einmal auf der alljährlichen Knoblauch-Messe von Vessalico im Nachbartal.

Welch Wunder: Die Historische Brücke, die vor drei Jahren teilweise vom Flüsschen Arroscia einfach  fort gerissen wurde, als hätte sie nicht aus mächtigen Quadern bestanden, ist einigermaßen restauriert worden und auch wieder befahrbar. Die Messe selbst ist deutlich geschrumpft, und der rote Knoblauch war wegen der Witterung hier im Frühjahr nicht so prall wie sonst.
Wie immer habe ich die malerische Kapelle am Süd-Ende der Brücke aufgesucht und zu einem gebetet, an den ich ja eigentlich nicht glaube. Die Fürsorglichste ist mir gefolgt und hat vor der Madonna ein par Kerzen für uns und die Familie entzündet. Sie hätte mich angesichts meiner Gedanken wegen Blasphemie aus dem Gotteshäuschen geprügelt.

Meiner Fürbitte oder besser dem Stoßgebet gab ich  - beim Papst entlehnt - den Titel Orban@Orbi.
Der ebenso rundliche wie sperrige Ungar hatte ja am Tag zuvor seine halbjährige Amtszeit als Oberhaupt der Union angetreten. Turnusmäßig steht dieser zwiespältige Demokrat also stellvertretend für uns Europäer im "Erdkreis".
Als erste Amtshandlung ist er in die Ukraine gereist, um im Sinne Putins jenem Selenski zu einem Waffenstillstand zu raten, dem er seit Beginn des Krieges nur in den Rücken gefallen ist.
Orban, der aus Europa mit seiner magyarischen Salami-Taktik Scheibe um Scheibe vorrangig Vorteile für seinen Clan und dessen Kostgänger heraus gesäbelt hat, ohne ansonsten ein guter Europäer zu sein, schlug nicht nur vor, dass die Ukraine durch Verzicht auf annektierte Gebiete in Friedensverhandlungen eintreten solle. Er wollte auch mehr Autonomie für die Ungarn in den Ukrainischen Karpaten, die die Ukrainer angeblich unterdrückten...
Na, wenn das mal ein echter Freundschaftsbesuch war.

All die Rechtsnationalen, die in Europa immer mehr Fuß fassen, um die EU durch Schwächung wieder abzuschaffen haben das natürlich bejubelt:  Ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet die Kolonial-Mächte, die am längsten an ihren "Übersee-Besitztümern" festgehalten haben, heute am lautesten gegen Migration wettern? Die einst so liberalen Holländer, die Österreicher und Italiener und nicht zuletzt die Franzosen, die übermorgen vielleicht in letzter Minute noch Schäden von der Demokratie abwenden könnten.
Wenn am Ende dieses Horrorjahres auch noch Trump erneut gewählt wird. Dann gute Nacht!

Da darf doch auch ein Agnostiker wie ich ins Beten und Betteln kommen.

Wie zum Hohn erfüllte aber das Schicksal dann an diesem herrlichen Tag doch noch  eine Weissagung meines Vaters:

Du wirst sehen - mein Sohn - wenn du nur lang genug überlebst, wirst  du am Ende von soviel Frauen umgeben sein - wie du dir das in deiner Jugend immer gewünscht hättest...

So süß und charmant! Braucht da einer als "Hahn im Korb" noch Knoblauch?


Mittwoch, 3. Juli 2024

11 zu neun Streiche

 Nanu, werden meine Leserinnen und Leser sagen, das Märchen geht doch anders.

Richtig, Söders Bayern hat vom Chiem- bis zum Bodensee eine Mückenplage Sondershausen, an der natürlich nur die Grünen mit ihrer Bach- und Fluss-Renaturierung schuld sind. Rund um den Gardasee greift der Norovisurs die Urlauber an, aber wir hier auf dem Zauberberg haben  - vergleichsweise harmlos - nach all dem Regen nur mit Geschwadern von Stubenfliegen zu kämpfen.

Weil sie in Überzahl uns Menschen derart hilflos wahrnehmen, landen sie schon gern einmal direkt auf dem Augenlid oder auf dem Happen, den wir gerade zum Mund führen wollen. 
Da wir zu alt sind, noch mit der Leiter zu unserer historischen Fliegenfalle unterm Gebälk zu klettern, um sie mit Honig und Wasser zu füllen, denken sie nun, sie hätten die Oberhand.

Aber da muss ich euch warnen - übermütiges Gefleuch! Es findet ja gerade die EURO24 statt. Und was wäre da passender als eine Fliegen-Klatsche in Fußball-Form - wo doch aktuell beschämend wenig Treffer zu verzeichnen waren...

Ich jedenfalls habe nach den langweiligen Spielen am Montag, am nächsten Morgen, eine bessere Bilanz zu bieten gehabt. Neunmal hatte ich zugeschlagen, und elf Fliegenleichen lagen danach auf den Fliesen in der Küche...

"Sieben auf einen Streich" verkündete immer noch rekordverdächtig allerdings das Märchen vom tapferen Schneiderlein. Na, da bilden dann wohl heutzutage die Fliegen auch Fünferketten und lassen immer nur zwei  der Schnellsten in der Spitze zum Piesacken auf uns Menschen los?

Nö, weil sie ja wissen, dass, wenn sie attackiert werden, der Tod droht, sind sie immer einzeln im Strafraum - wie Ronaldo. Es sei denn, sie legen zwischendurch einmal ein Schäferstündchen auf dem Sodoku-Heft der Fürsorglichsten ein.

Blöd gelaufen: Sieben habe ich einzeln erwischt. Aber je zwei Pärchen klatschte ich beim Sex ab.
 Dumm gelaufen. Oder doch nicht? Da lehne ich mich erschöpft zurück - und sehe doch die nächsten schlau auf  dem Boden laufend herum flitzen, um die nächste Angriffswelle nicht nur zu zeugen, sondern mit ihr auch unverzagt auch wieder anzugreifen...

Gerade sitzt wieder eine auf der Tastatur. Da, da, da nimm dies, Du Störenfried! Für die Tippfehler in diesem Post bist du verantwortlich! Da droht dir die Todesstrafe!


https://briefevonderburg.blogspot.com/2011/04/die-geschichte-vom-goldenen-gecco.html

Claus Deutelmoser: Goldgecco     Oil on Canvas


Da hat es mein Gecko im Bild zur Legende auch nicht besser.
Er wartet und wartet, doch die Fliege sitzt immer noch vor seiner
Nase, und da belibt sie auch - bis der Augenblick irgendwann vergeht...