Freitag, 27. August 2021

Vor der Jagdsaison

Bald wird hier in den umliegenden Steineichen-Wäldern wieder mehr geballert als getroffen. Aber immerhin - von Jahr zu Jahr ist die Jagdsaison hier leiser gestartet. Die Alten, die einfach nur auf alles geschossen haben, was bei drei nicht, nicht in die Bäume geflogen ist, sind weg gestorben, und die Jungen haben so wenig Geld, dass sie einfach sorgsamer mit der Munition umgehen müssen. Da verbitetet sich zu allererst das Abknallen von Singvögeln.

Gestern haben  die allerschweizerischste Helvetia und ich bei der Hitze im Schlagschatten unseres Hauses hier an der Piazza gesessen und haben einem Täuberich zugehört, der seine "Umturtelte" auf den Zinnen der Burg "begurrte". Um heraus zu finden, um was für einen Täuberich es sich handelte. schlug ich meiner ebenso langen, wie im Umgang mit modernen Medien versierten Freundin vor, das Handy  in ihrer Hand zur ornithologischen Bestimmung heran zu ziehen. Hatten wir dann einen Spaß, als sie dabei auf die App vogelstimmrn.de stieß.

Mitten in ihrer Vorstellung, dass wir als Digital-Ornitholgen gar nicht mehr durchs Unterholz streifen müssen, um Listen von Vogelarten ab zu haken, überraschte ich sie mit dem Hinweis auf die vor der Jagd Schutz suchende Menagerie zu ihren Füßen. Sie verstand nicht und ungläubig  hat sie auch nicht das gesehen, was ich ihr beschrieb. Mal sehen, ob ihr mehr drauf habt. 

Der erste Hinweis galt dem
scheuen Wild, das einst dem unter uns
ebenfalls zur Gemeinde zählenden
Ort seinen Namen gab:
Gazelli. Sie sind ausgestorben,
aber ein Exemplar hat noch
auf unserer Piazza Unterschlupf gefunden...

Nicht nur im Val d'Aveto haben
sie ein Schutzgebiet.
Auch hier auf der Piazza können
Wildkatzen in aller Ruhe
ihren Nachwuchs aufziehen.
Die Wildkätzchen haben sogar 
die Wahl zwischen gesäugt
Werden und herum Tollen...

Vor lauter nichts Finden
fallen deshalb die Jagdhunde
schon übereinander her...

Natürlich habt ihr noch nichts gesehen, weil ihr nicht so lange in der Sonne wart wie ich, und außerdem braucht man natürlich den richtigen Blickwinkel. Hier die nötigen "Seh-Hilfen":








Für das Größenverhältnis hat der Blogger oben rechts von der Gazelle seine Zehen ins Bild geschoben...
Und im  letzten Bild links oben sieht man, was er mittlerweile für einen gehörigen "Schatten" hat!

Mittwoch, 25. August 2021

Baustelle

Vom 11. bis 24. August gab es in Ligurien 2219 Neu-Infektionen und zwei Todesfälle. Trotz seiner Nähe zu den benachbarten Französischen Höchstrisiko-Provinzen rangiert es damit konstant im untersten Drittel der Italienischen Corona-Liga, obwohl es ja von seinen Hafenstädten aus wichtige Fährverbindungen zum westlichen Mittelmeer hat... Ungebrochen ist hier tatsächlich die Disziplin beim Maskentragen  und Abstandhalten. Alle Nachbarn sind doppelt geimpft und so erwarten wir das auch von den Ferien-Gästen.

Dass Italien dennoch mal wieder - wie es in meiner Kindheit hieß - am offenen Grab tanzt, ist seiner auf viel Kleinklein und Individualismus aufgebauten Infrastruktur geschuldet. Am besten ist das an dem zweimal pro Woche stattfindenden Markt zu erkennen, der nach meinem Empfinden währende der Pandemie und den Lockdowns komplett seinen Charme verloren hat und dabei noch zu den wenigen Zonen gehört, in denen  offensichtlich mehr Risiko eingegangen wird.

Bei dem seit zwei Monaten anhaltenden, schönen und warmen Wetter konnte die Gastronomie aufholen, und der Einzelhandel, so er überlebt hat, brummt auch wieder. An der Piazza Dante flanieren sie wie eh und je, und der Badebetrieb an den Stränden ist - wie die 24-Stunden Feeds der Webcams zeigen - für die Hochsaison eher moderat.

Unsere politisch interessierten italienischen Nachbarn, die auf den Macher Mario Draghi setzen, schielen natürlich nach Deutschland und die Wahl am Ende der hier nie besonders geschätzten Merkel-Ära. Es ist kein Geheimnis, dass der Ministerpräsident der angeordneten Technokraten-Regierung gerne einen technokratischen Partner als Deutschen Bundeskanzler hätte. Sein Verhältnis zum SPD-Kandidaten Olaf Scholz basiert auf fachlicher Akzeptanz und europapolitischen Konsens, und mittlerweile hat sich Himmelstürmer Emmanuel Macron von der Pandemie derart die Flügel sturzen lassen, dass er wieder als Bank für eine zweite Amtszeit nach Frankreichs Wahl im Frühjahr 2022 gilt.

Ginge es allein um Europa, wäre ein derartiges Trio für die Baustellen der EU wohl ein gutes Rescue-Team:
Der 74jährige Draghi, der 63jährige Scholz und der 43jährige Macron, wären von der Mischung der Temperamente und den Kenntnissen im Finanzwesen welche, die Europa von der enormen Schuldenlast in eine Zukunft ohne Überhandnahmen des Einbahn-Kapitalismus führen könnten.

Aber ob das die nationalistisch ausgeschaufelten Klein-Baustellen überhaupt zulassen?

Die vielen kleinen Baustellen, das Aufreißen und das dann liegen Lassen
könnte die Europäische Erholung mit Halteverboten bremsen..




Montag, 23. August 2021

Ciao Uli!

 



Das letzte Bild,
das Deine Doris
vor kurzem noch von
uns gemacht hat,
war das beste.
Sehen wir darauf nicht
aus wie Brüder?
Im Geiste waren wir
das ganz sicher:
Bilder erschaffen, 
Kochen und gut zu Essen
war aber nicht das
einzige, was uns 
verbunden hat.
In Seelen-Verwandtschaft
wird Dein Geist hier
weiter mit mir
durch die Gassen 
streichen...



Risotto rattenscharf

In den Ländern des Fernen Ostens sind die Menschen überzeugt, dass die Hitze mit kochend heißen, feuchten Tüchern und extrem scharfen Speisen am besten zu ertragen ist. Da werden  Geschmacks-Grenzen für uns Westler eingerissen, aber dafür steht dann meist auch eine Schale mit frischen Kokos-Raspel zum"Löschen" auf dem Tisch. Meine Grenze habe ich einmal in Thailand bei einem Spezialitäten-Restaurant erreicht, das ein Geheimtipp unter Einheimischen war. Da half kein Englisch und ohne Speisekarte musste gegessen werden, was auf den Tisch kam. Aber wie immer - wenn der erste Gaumen-Schock vorbei war - entfalteten sich nie entdeckte Geschmacks-Nerven.

Ganz so scharf ist mein heutiger Rezept-Vorschlag nicht, obwohl die Fürsorglichste nach der ersten Gabel-Probe ganz schön fauchte. Sie hat sich dann aber noch einmal nach genommen...

Hier hat es seit Wochen nicht geregnet, und die Nächte sind kaum kühler gewesen als die Tage. Da erinnerte ich mich, was die extra scharfen Currys mir auf Sri Lanka  einst für wohlige Nächte bereitet hatten. Das musste sich doch "italienisch" umsetzen lassen...

Risotto Aglio e Olio con Peperoncino

Einfach das Spaghetti-Rezept auf den Reis umzusetzen, brächte es natürlich nicht. Denn ein Risotto dauert ja mindesten 20 Minuten und benötigt die permanente Zugabe von Flüssigkeit.
Als Hauptgericht ist dieser Risotto sicher zu "langweilig". Ich würde gemäß der italienischen Menü-Reihenfolge von einem idealen Primo sprechen, der den Gaumen in doppelten Sinn für ein edles Hauptgericht schärft. Ich habe alles aus eigenen Quellen verwendet. Deshalb habe ich  für Nachahmer, die keinen Horto oder entsprechende Nachbarschafts-Quellen haben gute Alterativen hinzu geschrieben.

Zutaten für ein Zwischen-Gericht
auf vier Personen berechnet:

12 mittelgroße, frische Knoblauch-Zehen
1  große, Schote Peperoncino frisch oder getrocknet (die trockenen sind schärfer) ersatzweise pro Person eine kleine Thai-Chilli frisch
1 Kaffee-Becher voll mit einem Risotto-Reis, den man kennt und am liebsten mag
1 gehäufter Esslöffel Vegata oder 1 kleiner Würfel handelsüblicher Gemüse-Brühe
2 gehäufte Esslöffel mit frischem 'Thymian und Oregano - zur Not tute es aber auch eine getrocknete Provence-Kräuter-Mischung
1 überreife Cuore di Bue Tomate (ca. 250g) oder ersatzweise eine kleine Dose mit gehäuteten Tomaten-Würfeln
Olivenöl, Salz und Zucker
Als alten Casareccia-Trick - so vorhanden - eine großzügig abgeschnittene Rinde vom Parmesan oder Grano Padano mit köcheln lassen
Kopf-Blätter vom Basilikum
sind allemal eine schöne Deko,
aber wer nicht auf Kalorien achten
muss, kann den Risotto auch
mit Crème Fraiche zum Unterrühren schmücken


Zubereitung
Den Knoblauch nicht hacken, sondern fein schneiden, damit alle ätherischen Öle erhalten bleiben.
Auch die Kräuter nur grob schneiden. Bei einer Kräuter-Mischung ist das eher egal...
Knoblauch, Kräuter und die fein gehackte Peperoncino-Schote gemeinsam in ein Schälchen geben.
Dazu je zwei Teelöffel Salz und braunen Zucker nach Gusto drüber und dann trocken vermengen. Das ganze danach mit einem kräftigen Schuss Olivenöl übergießen und für ein Weilchen zum "Fermentieren" zur Seite Stellen
Das fermentierte Gemisch in einem geeigneten Topf bei kleiner Flamme anrösten, bis es goldgelb und etwas "krokantig" wird. Dann den Reis hinzugeben. Der muss fleißig gewendet werden, ehe er nach ein, zwei Minuten mit der zuvor geschälten und gewürfelten Cuore di Bue abgelöscht wird.
Jetzt wird es rührend. Die Emulsion darf nicht zur Ruhe kommen. Dann wird ein Glas Rotwein, der Brühwürfel sowie nach und nach aus dem zum Abmessen verwendeten Kaffee-Becher Wasser hinzu gegeben. Wer die besagte große Käser-Rinde hat, wirft sie nun auch dazu. Das gibt dem Reis eine einzigartige Sämigkeit. Vor dem Servieren muss die Rinde natürlich heraus gefischt werden! Dann noch zwei, drei Schuss dunklen Balsamico unterrühren - und  schon ist der Risotto fertig. Aber wenn Zeit-Knauserer dann zur Kontrolle auf die Uhr schauen, sind doch gut 45 Minuten vergangen. Deshalb ist Time-Management hier für ein komplettes Menü durchaus angebracht... 

Ob pro Person je zwei gehäufte Esslöffel noch in den Brei geschüttet und verrührt werden, oder der Käse nach Gusto von jedem selbst über den fertigen Risotto gerieben wird, bleibt dem Anlass überlassen.
Ganz wichtig: Der Risotto muss warm gehalten werden und unter einem sauberen Küchentuch mindestens fünf Minuten abdampfen. Am besten schmeckt sowieso ein allerdings eher seltener Rest, der nach dem Servieren lauwarm dem Chef bleibt... Hihi!

Buon Appetito!



Freitag, 20. August 2021

Schäbig!

Die Unterschätzten
Quelle: de.dreamstime.com

Wer hat nun wirklich Schuld an der Afghanistan-Apokalypse?
Keine Bange, ich werde meinen Senf da nicht dazu geben, und behaupten, Wissen zu haben, das mir das erlaubt. Aber ich möchte mich auf ein paar Fakten festlegen, die jeder mit klarem Menschenverstand durch Minimal-Recherchen aus Büchern und in Internet-Foren nachvollziehen kann.
Natürlich steckten die Briten lieber
Einheimische in ihre Uniformen.
Die Herati-Soldies sollten dann
auf Ihresgleichen schießen.
Es hat sich also ksum etwas geändert.
Quelle: wikiorg

1. Seit beinahe 200 Jahren versuchen die Großmächte das strategische Phänomen am Hindukusch in den Griff zu bekommen. So hoch gerüstet sie im Vergleich waren - sie haben sich alle mehr als eine blutige Nase geholt.

2. Afghanistan ist keine Nation, sondern ein ignoriertes Konglomerat aus verschiedensten Stämmen, das immer nur von außen im Form gebracht werden sollte.

3. Die Souveränität der Stammesführer wurde dabei ebenso unterschätzt wie die Bereitschaft der einfachen Menschen, für ihre Sicht der Dinge unter Vernachlässigung des eigenen Lebens bis aufs Messer zu kämpfen. In der Literatur ist es dabei oftmals richtig beschrieben worden: Nur mit ein wenig Wasser und ein paar Keksen ausgestattet können diese Kämpfer sich tagelang eingraben und geduldig auf den richtigen Moment für ihren Angriff warten.

4. Den Taliban gibt es als Einheit gar nicht, er hat sich aus Zweck-Gemeinschaften gegen Fremd-Bestimmung erst am Ende des 20. Jahrhunderts gruppiert und vereint eben nicht nur radikal islamische Kräfte, sondern wird auch als Wegbereiter für den nie versiegenden Hasch- und Opiumhandel missbraucht. Wer gegen die USA und seine DEA ist, kann nur mein Freund sein. Und deshalb gibt es im Tausch mit den Rauschmitteln stets neueste Waffen und Kommunikations-Elektronik.

5. Der Taliban, der zur Jahrtausend-Wende beinahe noch mit Musketen gekämpft hat, ist heute dank seiner Elite-Trainingscenter nahe der pakistanischen Seite des Khyber-Passes (von denen alle Dienste nicht erst seit der Ausschaltung Osama bin Ladens wussten, und das sogar öffentlich machten) eine offenbar auch strategisch der zusammengewürfelten ISAF überlegen operierende Macht.

Hat zwar durch die Schifffahrt
seine weltstrategische
Bedeutung verloren, ist aber weiterhin das
Nadelöhr für die Infiltration des IS:
der Khyberpass
Quelle pinterest

6. Der Hindukusch schallt wider vom Hohngelächter, seit der doch offenbar Alterserscheinungen erliegende Joe Biden in seiner Rechtfertigungs-Rede die strategischen Ziele für erreicht erklärt hat. Vor allem, dass gesichert sei, dass in Zukunft keine Terror-Anschläge mehr von dort initiiert werden könnten. Diese Gefahr wird mit einer Geschwindigkeit zunehmen,wie sie die Welt gerade bei der Rück-Eroberung durch die Taliban erlebt hat. Der zweite US-Rückzug der USA aus dem Irak wird zudem den sogenannten IS wieder beleben...

7. Es ist schäbig, aber eben im Stil der heutigen Wahlkämpfe, hin zu nehmen wie auf Heiko Maas als "schlimmsten Außenminister aller Zeiten" eingeprügelt wird. Die Kollektiv-Schuld trägt nämlich einmal mehr der Kader-Gehorsam, zu dem die NATO ihre Mitgliedsstaaten zwingt. Der Erdrutsch am Hindukusch wurde eigentlich durch den von Trump noch schnell angekündigten Rückzug ausgelöst, den er seinem Nachfolger als unausweichliche Falle hinterlassen hat.

Peter Struck am Hindukusch:
 Stratege wider Willen
Quelle: welt.de
8. Unsere Freiheit am Hindukusch zu verteidigen, war zwar eine Metapher von Verteidigungsminister Peter Struck SPD aber Schuld waren eigentlich eher DIE GRÜNEN, die mit ihren  Außenminister Joschka Fischer damals von ihrem Antikriegs-Dogma abgewichen sind. Seither gab es übrigens nur noch VerteidigungsministerInnen der CDU/CSU, die das sinnlose Sterben Deutscher Soldaten in Afghanistan mit zu verantworten haben. Die deutsche Verteidigungs-Politik steckt vermutlich vor allem, was die künftige Freiwilligkeit des Wehrdienstes angeht, nach diesem Desaster bald in der Krise. Die kann keine neue Bundesregierung  schnell beseitigen. Ob die Lusche Laschet das vermag, der ja schon an der heimischen Hochwasser-Front gescheitert ist oder die Quasselstrippe Baerbock?

Als Außenminister
war's dann bald vorbei
mit der Lässigkeit der GRÜNEN
Joschka Fischer
Quelle: spiegel.de

9. Allen beteiligten Parteien weltweit ist angeraten, nicht weiter übereinander her zu fallen, sondern Schaden zu begrenzen, wenn er denn je wieder gut zu machen wäre. Putin wird vermutlich sein süffisantes Lächeln aufsetzen, aber die Chinesen kauern bereits zum Einsatz bereit in den Startlöchern. Sie wollen sich die massigen Bodenschätze im Technologie-Austausch und wie üblich mit infrastrukturellen Investitionen sichern.

10. Da hat der Taliban diesmal eine allerdings kaum vorhersehbare Zwickmühle geöffnet.  Jeder Zug kann eigentlich nur einen weiteren Krieg nach sich ziehen.

Mittwoch, 18. August 2021

Unser täglich Brot...

Die  Vorstellung von den bevorstehenden Gräueltaten und der zusätzlichen Hungersnot in Afghanistan lässt es vielleicht profan erscheinen, dass ich gerade heute über Brot schreibe. Aber irgendwie muss ich meine Wut auf die Welt ja zügeln, indem ich über etwas schreibe, was mir am Herzen liegt. Und wie meint die fürsorglichste Ehefrau von allen mehrmals täglich: "Wir können es ja sowieso nicht ändern!"

Es gab eine Zeit, da haben die deutschen Italien-Reisenden ein wenig verzweifelt auf das Angebot von Brotsorten geschaut. Mich konnte man seit der Kindheit vor allem mit den ungesäuerten Panini in Schnecken-Form jagen: außen hart aber nicht knusprig, innen langweilig pappig und im Mund aber dafür an Volumen zunehmend...

Hübsch anzuschauen
aber pappig.
Quelle:samskitschen.at

Seit die Italiener aber uns angeblichen Reis-Weltmeistern überall auf der Welt Konkurrenz machen, haben sie auch Interesse an anderem Brot. Und sie lassen vor allem vergessene Rezepte rustikaler Backwaren aus den eigenen Gebirgs-Regionen wieder beleben. Allerdings sind die Bäcker, die so etwas allmorgendlich anbieten, meist Geheim-Tipps im Hinterland. Wie bei uns kommen sie in der Großstadt gegen die meist vorgefertigten Standards preislich nicht an.

Weil der zweimal wöchentlich stattfindende Markt rund um San Giovanni in Oneglia durch die Pandemie umgestaltet wurde, gefällt er uns mit seinem Überangebot an Klamotten nicht mehr und wir sind deshalb dem Angelo di Pane untreu geworden. Da sind wir einem nachbarschaftlichen Tipp gefolgt und haben eine winzige Bäckerei an der Piazza von Pontedassio ins Herz geschlossen. Der Laden ist kleiner als unsere Küche, und wie wir das bisher beobachten konnten, wird er allein vom Bäcker selbst und einer jungen, reichlich tätowierten und sehr freundlichen Verkäuferin geschmissen.

Der Laden ist kaum breiter
als seine Eingangstür,
fährt aber ganz groß auf und
macht seinem Namen alle Ehre

Neben dem Brot gibt es eine Reihe von casareccia gebackenen Keksen aber auch ein gutes Dutzend Varianten von Focaccie und Mini-Pizze, die einem das Kochen während dieser enormen Hitze ersparen.
Unser Focus liegt allerdings auf den Rustiche, die es in den Ausführungen morbide und crocante gibt.

Wir kaufen immer einen Wochen-Bedarf an den morbide, und deshalb erkennt sie uns schon hinter den Masken, auch weil wir unseren eigenen, voluminösen Brotbeutel mitbringen. Die Teile füllen zwei Schubladen unseres Tiefkühl-Abteils, und bevor jemand die Nase darüber rümpft: Kurz vor dem Essen herausgenommen, angetaut und dann für ein paar Minuten in den Ofen ergeben einen einzigartigen backfrischen Geschmack und eine Knusprigkeit, die wir in München leider nicht mehr erleben....

Fotos: Claus Deutelmoser


Montag, 16. August 2021

Was, wenn Pazifismus nur noch ein Privileg der Sicheren ist?

Taub vom weltweiten Kriegs-Getümmel - die Friedenstaube
Quelle: pinterest

Wenn der Krieg auf seiner eher sanften künstlerischen Seele Schaden hinterlassen hätte, ließ mein Vater es uns Kinder beim Heranwachsen zumindest nicht spüren. Als ich den Kriegsdienst offiziell verweigerte, musste er als hoher Staatsbeamter ganz schön etwas einstecken. Aber sein gepfefferter Brief ans Kreiswehrersatzamt war ein Dokument zu welchem Widerstand er wohl auch während der Nazi-Zeit fähig gewesen war. Leider waren wir uns erst kurz vor seinem Tod so nah, dass wir seine Schussverletzung, die er sich noch kurz vor Kriegsende bei der "Verteidigung" Berlins eingefangen hatte, thematisieren konnten; - auch die Schikanen, denen der an die Ostfront Strafversetze durch auf seine akademische Bildung neidischen Vorgesetzten ausgesetzt war...
Ein Volljurist wider Willen
als Gefreiter in Uniform

Heute Nacht - als ich an die Afghanistan-Katastrophe denken musste - fiel mir erst wieder ein, was er gesagt hatte, als man mich nach zäher öffentlicher Verhandlung wegen meiner rein politischen Argumente dennoch als Wehrdienst-Verweigerer anerkannt hatte:
"Dass dieses Land nach seiner kriegerischen Geschichte innerhalb eines viertel Jahrhunderts so weit gekommen ist, dass es deinen Pazifismus anerkennt, musst du als Privileg betrachten. Ich wünsche dir, dass deine Einstellung nie auf den Prüfstand muss..."

Jetzt bin bald so alt wie er (der zwei Weltkriege überlebt hatte), als er starb. Nie geriet ich in gewaltsame Auseinandersetzungen obwohl ich manche Gegenden bereiste habe, in denen heute nichts als nackter Terror regiert.  Tatsächlich betrachte ich nun meinen Pazifismus von Jahr zu Jahr mehr als tatsächliches Privileg. In meinem Kopf gerät er allerdings zunehmend auf den moralischen Prüfstand .

Was wäre, wenn die Europäische Idee - aus welchen Gründen auch immer - nur noch durch kriegerische Handlungen geschützt werden könnte. Wie man nicht nur am Beispiel Afghanistan sieht, ist dann mein Alter allein kein Grund mehr, sich heraus zu halten. Zwar ist gegen ideologisierte Mordlust gepaart mit Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben ohnehin kein Kraut gewachsen. Aber würde ich mich ohne Widerstand abschlachten lassen oder womöglich durch Flucht dann jenen Anfeindungen ausgesetzt zu sein, wie die Migranten, die bei uns Schutz suchen?