Freitag, 18. September 2026

Die Diktatur der Faulheit

Immer wenn die Frau, die mir seit bald sechs Jahrzehnten zur Seite steht, nicht gleich erledigt, was sie sich vorgenommen hat, nagt das Aufgeschobene an ihrem unermüdlichen Pflichtgefühl. Dann beherrscht das Verb "müssen" ihre von Unruhe geprägten Sätze. Gestern beim Frühstück war die Liste dessen, was sie tun muss, so lang, dass ich den alten Satz "niemand muss müssen" mit dem Zusatz "und wir schon gar nicht" einwarf.

Daran nämlich, dass wir das faulste Paar unter den ansässigen Burggeistern sind, werden auch ihre Aktionspläne nichts ändern. Bis vor ein paar Tagen hatten wir ja zumindest noch die Ausrede einer überaus langen und unter für Europas Älteste mörderischen Hintzewelle durch ruhiges Verhalten überstanden zu haben. Die brachte ja ausgerechnet auch noch eine derart dicke Schicht Sahara-Staub auf unserer Dachterrasse aus, dass wir sie jetzt an den kühleren Herbsttagen immer noch nicht nutzen wollen.

Quelle: autoirrtum.de
Wenn die Autowaschanlage
bei Trockenheit zur Hitze-Falle wird
Mantramäßig wiederholt die Fürsorgliche die Pflicht, sie saubermachen zu müssen an erster Steller ihrer Litanei. Da wir aber angehalten sind, sparsam mit dem Wasser umzugehen, weil es in den vergangnen 90 Tagen nur dreimal ein paar Stunden getröpfelt hat,  müssen wir das allerdings immer wieder verschieben. So geht es auch ihrem Auto, das sonst silbermetallic glänzend, nun aussieht, als sei es aus dem schlecht getarnten, maroden Fuhrpark unseres Verteidigungsministers.

Die Waschstraße am Supermarkt in Tal hatte ihren Betrieb auch immer wieder herunter fahren müssen. Wenn sie geöffnet war, bildete sich eine Schlange, in der das Anstehen bei direkter Sonneneinstrahlung tödlich gewesen wäre.

Quelle: Redbubble
Beinahe für all unsere derzeitigen Vorhaben gibt es in Sekundenschnelle Begründungen, wieso wir sie dann doch nicht starten. Auf der Zielgeraden des Lebens scheint mir das aber alles verkraftbar. Was du in unserer zeitlosen Herbstzeit kannst nicht besorgen, das verschiebe ruhig auf übermorgen. Vielleicht kommt doch noch eines der fast täglich angekündigten, starken Gewitter und wäscht Terrasse und Auto im Wolkenbruch gratis.

Im Moment beherrscht uns - wie ich es gerne nenne - die Diktatur der Faulheit! Der müssen wir unbedingt irgendwann ein Ende setzen. Spätestens kurz vor unserer Abreise in ein paar Wochen. Meine pralle Reistasche verharrt übrigens seit unserer Anreise noch immer unberührt im Auto. Zu faul, sie im Dienste der Eitelkeit hoch zu schleppen, Ich habe hier doch in meinen Schränken ausreichend kaum getragene Sommer-Klamotten. Von denen sind einige sogar wieder Alta Moda.

Wäre ich nicht zu faul, nähme ich mir eines der weißen T-Shirts aus meiner Hypergewichtszeit und schriebe darauf mit dickem Filzstift:

A basso la dittatura della pigrizia!
Nieder mit der Diktatur der Faulheit!

Mit dem setzte ich mich dann auf unseren Piazza-Stern und warte, wer sich im Laufe des Tages meinem Protest anschließt.

Foto: Claus Deutelmoser
Was nur, wenn alle zu faul oder zu alt sind,
gegen die Diktatur der Faulheit zu protestieren?
Dann habe ich wenigstens eine Ausrede,
nicht untätig auf dem heißen Stern sitzen zu müssen!

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