Freitag, 8. Juni 2012

Der Held der Arbeit


 Castellinaria Kapitel 4

   Es ist müßig, rechten zu wollen, wenn der Krieg die Bestie Mensch aus den Käfigen der Zivilisation lässt. Sicher waren die Menschen der Uckermark, die in jenen Jahren Opfer willkürlicher Gewaltakte durch Angehörige der Roten Armee wurden, genauso unschuldig und am Krieg nicht beteiligt, wie die ukrainischen Juden, die bis zur Kapitulation - und trotz mangelnder Tonnage für die eigenen, ostpreußischen Flüchtlinge – von der SS über die Ostsee zur Vernichtung verschifft worden waren. Aber Angst, Entsetzen, Leid  und Traumata sind dann ja Privatsache. Und obwohl sich alle immer wieder geschworen hatten, dass so etwas nie wieder passieren dürfe, geschehen die Gräueltaten bis heute, und ihre Opfer werden immer noch alleine gelassen.
  Bernhards Kindheit endete endgültig mit dem Erscheinen der 'schwarzen Frau'.
Die Diphtherie-Patienten der Familie Kleiner schienen gerade auf dem Weg der Besserung, als sie in gellend hohen Tonlagen wehklagend ins Dorf gehastet kam. Sie war derart traumatisiert, dass sie keine Rücksicht darauf nahm, ob das, was sie zusammenhanglos hervorstieß, für Kinderohren geeignet war oder nicht:
  Sie und die Muhme Alice seien von neun Rotarmisten zwei Tage lang vergewaltigt worden. Die Muhme habe man dann mit Bajonetten abgestochen, weil sie sich von Anfang an mit Beißen, Kratzen und Treten gewehrt hätte. Sie selbst habe sich zunächst immer ohnmächtig gestellt, was die Peiniger aber gar nicht abgehalten habe. Den auf dem Rückzug desertierten Verlobten von der Muhme hätten sie nackt aus ihrer Hütte gezerrt und bei lebendigem Leib unters Eis des Weihers gestoßen, bis er nicht mehr aufgetaucht sei. Dabei wären die Russen an der Kate von der Alice schon beinahe vorbei gewesen. Alle, die sie in diesen Wochen besucht hätten, seien ja immer von hinten durch den Birkenhain zu ihr gekommen, damit man keine Spuren sähe. Doch die Russen hätten eben eine einzelne  Spur gesehen, die über  das Feld führte und wieder zurück. Das hätte sie neugierig gemacht. 'Wo ist anders Frau?' hätten sie deshalb auch immer wieder gefragt und alles in der Kate der Muhme auseinander genommen.
  Bernhard sah entsetzt zu den mit Filz und Stroh gestopften Stiefeln seiner Mutter hinunter, die er ja immer noch gegen die Kälte trug. Sind es seine Spuren gewesen, die der Muhme zum Verhängnis geworden waren? Das Blut stieg ihm in den Kopf und gleichzeitig hatte er das Gefühl, er sei in eine Zwinge geraten, die von einer höheren Macht unbarmherzig zugedrückt wurde.
  Nach ihrem Schreikrampf verstummte die schwarze Frau, aß und trank nichts mehr, wanderte bis zum Frühjahr nur noch stumm herum und schüttelte dabei mit Pausen immer wieder heftig den Kopf, als wolle sie ein lästiges Insekt abschütteln. Dann war sie eines Tages spurlos verschwunden.
  So bald es die Temperaturen zuließen, verbrachte Mutter Kleiner "die gefährlichen" Tages- und Nachtzeiten mit den Kindern in mehrere Decken gehüllt auf dem Friedhof, weil jemand erzählt hatte, die Russen seien so abergläubisch, dass sie – egal wie betrunken - auf einem Friedhof niemanden vergewaltigten.
  Dieser Unsinn kostete dem Hannele das Leben. Die Diphtherie hatte wohl ihr kleines Herz geschädigt. Fraglich, ob sie daheim im Bett überlebt hätte. Aber gegen die zehrende Kälte der Friedhofsnächte konnte sie keine Kräfte mehr mobilisieren. Zu der Schuld, die er möglicher Weise mit Muhme Alice auf sich geladen hatte, musste Bernhard nun dem toten Vater sein Versagen als Beschützer der Kleinen eingestehen. Er war ganz allein mit seiner seelischen Last, denn die Mutter war nach Hanneles Tod in eine tiefe Dauer-Depression versunken, aus der sie mit überdrehter Kompensation bis zu ihrem viel zu frühen Tod 1952 nur noch gelegentlich an sonnigen Frühlings- und Sommertagen auftauchte. Den beiden Großvätern, denen es wieder erstaunlich gut ging, kam es hingegen nur noch aufs eigene, tägliche Überleben an.
  Als die Russen dann schließlich auch nach Pangerow gerieten, waren diese weit weniger schrecklich als befürchtet. Offenbar war der Rausch der Gewalt schon am Abklingen, oder es stimmt, was Bernhards damalige Wahrnehmung mutmaßte. Dass nämlich von der kämpfenden Truppe weit weniger Gefahr ausging, als von der ideologisch motivierten, zweiten Etappe mit den Polit-Offizieren und den Beschaffungsbrigaden. Noch nachdem die  DDR schon gegründet war und die Rotarmisten quasi in den Stand der Befreier erhoben worden waren, hielt sich der Hass der vorpommerschen Bevölkerung auf diese spezielle Sorte Russen besonders hartnäckig. Auch Bernhard hatte da schon seine spezifische Erfahrung gemacht.
  Weil die Frühlingsboten nach dem strengen Winter doppelt stimulierend wahrgenommen und die Zirbeldrüsen stärker reagierten, ließ auch das unterbewusste Sicherheitsverhalten speziell der Kinder nach. Fast war der ländliche Tagesablauf zur Normalität zurückgekehrt, nur dass Bernhard statt dreißig, vierzig bloß noch ein paar registrierte Gänse zum Hüten hatte.
Verträumt saß er mit dem Rücken an einer Kopfweide unweit des Bewässerungsgrabens, der zum Dorfteich führte. In Momenten, da er sich unbeobachtet fühlte, holte er jetzt oft die silberne Glashütten-Savonette seines Vaters hervor, ließ den Deckel aufspringen und sprach zum Zifferblatt, wie er es im Angesicht seines Vaters nie getan hätte:
  "Wieso konnte die Muhme mir aus der Hand, meine Zukunft sagen? Wieso konnte sie aus ihren eigenen Händen nicht lesen, was ihr selbst geschah?"
  "Ich hab' doch für das Hannele alles getan. Sogar meine Ration Sanddorn hat sie gekriegt. Bitte, bitte sei mir nicht mehr böse und lass Mammi wieder lachen!"
  Bernhard konnte nicht ahnen, dass der Deckel der Taschenuhr wie ein Blendspiegel die Sonne direkt in die Augen eines russischen Straßenpostens lenkte. Der fühlte sich provoziert und rannte auf den Knaben zu. Als er nah genug heran war, schrie er:
  "Uri, Uri! Davai, davai!"
  Bernhard wollte aufspringen und davon rennen, aber da sah er, wie der Posten bereits seinen Karabiner auf ihn anlegte:
  "Uri, Uri! Davai, davai!", sagte der noch einmal sehr nachdrücklich und streckte die Hand nach Bernhards Uhr.
  "Das ist die Uhr von meinem Pappi!", schrie der Knabe, aber da war sie schon in dessen  Kasack verschwunden. Bernhard war es egal, dass er die Gänse im Stich ließ. Er lief neben dem untersetzten und krummbeinigen Kerl her, der ihm auf einmal trotz des Gewehrs keine Angst mehr machte.
  "Gib mir die Uhr zurück!"
  Sie waren jetzt an dem Holzschott angelangt, das den Abfluss aus dem Dorfteich regelte. Da steckte auch ein hölzerner Torfspaten im Modder. Ohne zu überlegen, packte Bernhard den, riss ihn hoch und drosch mit aller Kraft, die in seinem Knabenköper steckte, dem Russen auf den Rücken...
  Die Gänse hörten auf zu schnattern, die Hunde bellten nicht mehr. Auf einmal schien die ganze Welt verstummt. Gewalt gegen einen russischen Soldaten - das bedeutete sofort zu vollstreckende Todesstrafe...
  Bernhard blickte bestürzt auf das marode Holzteil in seinen Händen. Da peitschten schon auf Russisch Kommandos über die Straße. Zwei Soldaten, die ebenfalls am Ortseingang Wache schoben, packten den Knaben an den Armen und zerrten ihn in die Mitte der Fahrspur. Alles ging so schnell und war so unwirklich, weil es so gar nicht zur Heiterkeit des Frühlings passen wollte. Doch noch immer war die Wut Bernhards größer als seine Angst. Die Empörung über das Unrecht überwog die sichere Erkenntnis, dass er jetzt sterben müsse.
  Der Rotarmist hob das Gewehr und zielte auf die Brust des Jungen. Bernhard steckte in einem Wahrnehmungstunnel, sonst hätte er die Bremsen und den Motor eines Fahrzeuges hinter ihm gehört.
  "Stoi!"
  Die helle, scharfe Kommando-Stimme registrierte er nur, weil der Mann, der ihn erschießen wollte, plötzlich blass geworden, die Waffe sicherte und ihren Lauf zu Boden senkte.
  "Was ist hier los?" Ein großer blonder Offizier in Breeches und Reitstiefeln blickte auf Bernhard herab und herrschte ihn in gutturalem Deutsch an.
  "Er hat mir die Uhr von meinem Vater weggenommen", sagte Bernhard mit ersterbender Stimme und fing endlich an zu weinen, wie es einem Kind seines Alters zustand.
  Der große blonde Offizier hob Bernhard hoch und setzte ihn so auf seine Unterarme, dass zwei ziemlich stattliche Brüste gegen seinen Bauch drückten:
  "Wo ist dein Vater?"
  "Er liegt auf dem Feld der Ehre", ahmte Bernhard den Euphemismus der Erwachsenen nach, was seine Hilflosigkeit nur unterstrich.
  "Du meinst tot. Als Soldat gefallen?"
  "Ja!"
  "Und das ist dein letztes Andenken?"
  "Nein! Das ist wegen der Zeit. Damit ich sie nicht vergeude, weil ich doch auf die Kleinen aufpassen muss. Und das Hannele ist ja schon tot und die Muhme auch - obwohl ich alles versucht habe. Die Diphtherie." Es sprudelte nur so aus Bernhard heraus, weil auf einmal erst die Todesangst einsetzte.
  "Muss ich jetzt sterben?"
  Die mütterliche Fürsorge erhielt bei dem Wort Diphtherie einen spürbaren Dämpfer, und der weibliche Offizier stellte den Knaben schnell wieder auf den Boden.
  "Nein! Das musst du wohl nicht."
  Die Frau ging auf den Posten zu und stellte ihn offenbar mit knapper, befehlsgewohnter Stimme zur Rede. Obwohl sie ihren Untergebenen ohnehin schon überragte, schien jener noch zu schrumpfen, als er kleinlaut die Uhr aushändigte, und von den anderen beiden davon geführt wurde.
  "Besser, du spielst nicht mehr mit ihr herum!"
  Und mit einem 'davai, davai!' schwang sie sich wieder in den Führerstand des Armeelasters. Weder seinen verhinderten Henker noch seine Lebensretterin sah Bernhard jemals wieder.
 
  Die wenigen, noch verbleibenden Wochen eines Menschenlebens im Krieg machten Bernhard wie viele Kinder jener Jahrgänge zu einem ernsten, jungen Menschen. Introvertiert, wortkarg, aber von einer scharfen Aufmerksamkeit geprägt, glitt der Bauernsohn in den Nachkriegsjahren mit wachsender Körperkraft und zunehmender Körperlänge durch ein spezielles Raum-Zeit-Kontinuum. Die ideologisch geschulten  Lehrkräfte des 'neuen Deutschlands', die sein striktes Verhalten als besonderes, linientreues Bewusstsein missverstanden, betrachteten ihn als pädagogisch wertvolles Vehikel für ihre eigene eifernde Beflissenheit. In Wirklichkeit war es aber so, dass es Bernhard einfach keine Mühe machte, die geforderten Standards einzuhalten. Ob im Klassenzimmer oder auf dem Sportplatz, bei der FDJ oder bei den Ferien-Einsätzen - er war das Idealbild eines jungen Pioniers und wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Und was er bei all dem tatsächlich dachte, vertraute er bis zu Pubertät über das Zifferblatt seiner Uhr nur dem Geist des Vaters an.
  Denn im selbsternannten Arbeiter- und Bauernparadies passierte es, dass die Kleiners bei der ersten übereilten Bodenreform ihr Land zunächst zu- und dann wieder abgesprochen bekamen. Denn nichts anderes war die zwangsweise Eingliederung in die LPGs, die Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften doch gewesen - als rigorose Enteignung. Irgendwann gegen Ende der 1950er hatte er einmal im Kino-Vorprogramm einen dieser unsäglichen Selbstlob-Propagandastreifen zu den LPGs gesehen. Da wurden der Achtstunden-Tag und der pünktliche Feierabend für die Bauern als revolutionäre Errungenschaft gefeiert. Aus der flackernd erhellten Dunkelheit erschall ein einzelnes, herzhaftes Gelächter und Beifallklatschen. Das war Bernhards erste und einzige politische Reaktion in zehn Jahren als Bürger der DDR. Hatte er doch schon als kleines Kind gelernt und erfahren, dass die natürlichen Abläufe den Stundenplan auf einem Hof prägten, und dass der Ertrag einzig und allein vom Fleiß und persönlichen Einsatz des Bauern und seiner ganzen Familie abhing. Die agronomische Planlosigkeit der sozialistischen Planwirtschaft hatten  dann im Falle des Verzugs immer wieder - der Leistungsbilanz wegen - die jungen Pioniere durch Ferienverzicht mit freiwilligem Ernte-Einsatz ausbaden dürfen.
  Aber zu diesem Zeitpunkt existierte ja die Bauernfamilie Kleiner schon nicht mehr. Obwohl ihm alle offiziellen Stellen schon aus propagandistischem Interesse die höhere Schule und ein Studium nahe gelegt hatten, begann Bernhard nach dem frühen Tod der Mutter 1953 das Maurer-Handwerk zu erlernen. Er war 1950 mit der depressiven Mutter und dem weiterhin kränkelnden Bruder nach Strausberg gezogen, wo der KPD-Opa, der inzwischen SED-Genosse geworden war, Wohnung und Aufgabe gestellt bekommen hatte.
  Der SPD-Opa hatte kurz davor die Erkenntnis nicht überlebt, dass die Ostdeutschen von einem Faschismus in den nächsten geraten waren. Als bei einem ländlichen Sportfest, an dem sein Enkel aussichtsreich teilnehmen sollte, vor den Wettkämpfen riesige Plakate mit den Konterfeis von Otto Grotewohl (einem ehemaligen SPD-Mann) und Walter Ulbricht auf den Sportplatz getragen worden waren, hatte er sich dermaßen  in Rage und Sauerstoffmangel geredet, dass er noch auf der Tribüne einem Herzinfarkt erlegen war.
  Als Beherrscher seiner eigenen Zeit und Wahrer der privaten Räume in einer gänzlich entprivatisierten Gesellschaft begann Bernhard in den Folgejahren systematisch Kraft und Körper zu kultivieren. Das hatte fast schon etwas Metaphysisches, denn die jungen Aspiranten wurden kaserniert, drangsaliert und in einer Form ausgebeutet, wie es selbst der kapitalistische deutsche Klassenfeind in diesem Stadium der zweigeteilten Geschichte, im „Wirtschaftswunder“, bei Lehrlingen nicht mehr gewagt hätte. Bernhard überstand diese ersten vierundzwanzig Monate seiner Lehre, weil er jeder einzelnen Erfahrung an Demütigung und Kasteiung eine Bedeutung beimaß, die ans Rituelle grenzte. Die Steine und 'die Spur der Steine' als Metapher wurden zu seiner Bestimmung - seiner Lebenslinie.  
  Wenn er später nach der Wiedervereinigung den von den DDR-Bonzen so geschmähten und 23 Jahre lang gebannten DEFA-Film von Frank Beyer mit Manfred Krug aus dem Jahr 1963 immer und  immer wieder ansah, dann liefen dem harten Bernhard die Tränen herunter. So nah kam die Handlung dieses Streifens seinen eigenen Erlebnissen.
  Schon im dritten Jahr hatte er sich auf seine Weise einen Sonderstatus erarbeitet. Als Lehrling bereits mehrfach für vorbildlichen Arbeitseinsatz ausgezeichnet, wurde er nun unter den Erwachsenen schon mit 18 zum "Arbeiter des Monats" gekürt. Die ihm in verschiedenen Brigaden und Kombinaten vorgesetzten Poliere erkannten und förderten seine besondere Neigung und Hinwendung zu historischem Mauerwerk. Sie verstanden eine seiner wenigen, flapsig hingeworfenen Bemerkungen nur zu gut, auch wenn sie sich selbst nicht trauten, dieser ideologisch zuzustimmen:
  "Der Plattenbau macht die Maurer platt!"
  Als sei er eine Art Reaktionsbeschleuniger gewesen, passierten merkwürdige Dinge in den Brigaden und Kolonnen, denen sich Bernhard anschloss. Sein konzentriertes Zupacken erhöhte schleichend das Arbeitstempo in seinem Umfeld. Seine inneren – seit der Kindheit stetig präzisierten – Zeitvorgaben wurden nun auf das Tagwerk eines Maurers ausgerichtet. Den Verantwortlichen in den Kombinaten fiel das direkt erst auf, als die von Bernhards Arbeitseifer betroffenen Genossen damit begonnen hatten, ihn auszugrenzen.
  Und dann entpuppte er sich auch noch als Schlaumeier und widersprach einem vorgesetzten Polier und KPD-Veteranen.
  Es ging um einen kleinen Glockenturm an einem der historischen Gebäude von Stralsund, der bei dem einzigen Bombenangriff im Oktober 1944 zunächst unbemerkt in Mitleidenschaft gezogen worden war. Erst als eine parteinahe Institution Anspruch wegen mangelnder Büroräume auf den gesamten Gebäudekomplex angemeldet hatte, entdeckte man bei der allgemeinen Sanierung die feinen netzartigen Risse und die dadurch bedingte Einsturzgefahr des Türmchens. Besonders die Bedrohung durch die Tonnenschwere Glocke forderte eine radikale Lösung, weil mit einem entsprechenden Kran durch die Enge nicht heranzukommen war.
   Denkmalschutz - noch dazu als Erinnerung an das glorreiche kapitalistische Wirken der Hanse – war ja nicht gerade eine Stärke der SED-Genossen. Also beschlossen sie, auf Vorschlag des Poliers eine rasche gezielte Sprengung, von der die Bevölkerung erst hören würde, wenn es bereits gekracht hätte.
  Bernhard war ein noch nicht einmal zwanzigjähriger Geselle, als er seinen Einwand wagte. Wieso man in einer Hafenstadt mit Werften und Stahlverarbeitung sei, wenn man deren Wissen nicht anwendete? Bernhard konnte unheimlich schnell und präzise zeichnen, und so entstand innerhalb von ein paar Minuten, was ihm durch den Kopf geschossen war:
  Er zeichnete dem Türmchen ein stählernes Rohr-Korsett, das zugleich Stütze für die Schienen einer von einer Werft geliehenen Laufkatze sein sollte. Die Laufkatze würde die Glocke in beinahe gleicher Höhe versetzt auf ein Podest im bereits sanierten oberen Stock des Hauptgebäudes transportieren. Dort würde sie für die Dauer der Maurerarbeiten im Inneren des Türmchen-Korsetts abgestellt.
  Der Polier tippte sich, den Blick streng auf Bernhard gerichtet, mehrmals hart an die Stirn:
  „Und womit willste det allet bewejen, wenn wa noch nich ma nen Kran hia rin bekommen.“
  „Wie die Pharaonen - mit Muskelkraft und schiefen Ebenen!“
  Der begleitende Architekt war nach statischen Berechnungen von Bernhards Idee begeistert, und wenn es im real existierenden Sozialismus eine Tugend gab, dann war es die durch Fehler der Planwirtschaft generierte Improvisationsfähigkeit. Laufkatze, Rohre und Schienen zu beschaffen, erwies sich dann als weitaus leichter, als das Überwinden der menschlichen Barrieren. Die Bauarbeiter und Maurerkollegen sollten erst ohne Murren ihre Körperkräfte einsetzen, als Bernhard den stärksten von Ihnen beim Ziehen der Laufkatze zum Duell herausgefordert und den Zweizentner-Mann mit scheinbarer Mühelosigkeit übertroffen hatte.
  Die Arbeit erwies sich im wahrsten Sinne des Wortes als der Mühe wert, weil sie nur eine Woche länger erforderte, als Sprengung, Abtransport des Schutts und Schließen der Baulücke dies getan hätten. Die ganze Brigade bekam zwei Tage Sonderurlaub. Polier und Architekt wurden eigens belobigt. Bernhard jedoch wurde an seinem zwanzigsten Geburtstag das rote Bändchen mit dem Silbernen Stern an die Brust geheftet, das ihn als „Held der Arbeit“ auszeichnete. Seine Jugend und die im Verhältnis dazu  besonders hoch erscheinende  Prämie von 10 000 Mark waren natürlich Anlass die Propaganda-Trommel kräftig zu rühren und jede Menge Neider auf den Plan zu rufen.
  Fortan galt er natürlich als Muster-Genosse und Streber, was ihn noch weiter isolierte. Der staatlich verordneten Gleichmacherei waren Neid und Missgunst keinesfalls erlegen, und ein Kolonnenführer, dem man widerspricht, vergisst zuletzt.
  Im Sommer 1957 fand sich Bernhard in quasi einsamer Mission und mit dem hinter seinem Rücken kreierten Spitznamen „Ruinen-Bernd“ auf der schönen Insel Rügen wieder. Doch was insgeheim vielleicht von den lieben Genossen als Strafversetzung ausgeheckt worden war, sollte der „Freimaurer“ rückblickend als die schönsten Jahre in der DDR empfinden.









Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Empfängnis


Casellinaria Kapitel 3

  Bernhard hatte den Sandsteinkegel am linken Pfeiler des Portals nicht zementiert. Als er Mitte November als Anhalter von Kempen bei Köln innerhalb zweier frostiger Tage nach Castellinaria zurückkehrte, erlebte er eine böse Überraschung. Wie hatte er, der den Ort bisher nur bei staubiger Gluthitze kannte, auch nur ahnen können, welche Unwetter über sein Luftschloss hinweg brechen würden und welche Aufgabe dieser unscheinbare Kegel dann zu erfüllen gehabt hätte?
  Wie so oft hatte der die Ligurer so depressiv machende Scirocco aus Südost gegen Ende des Herbstes die Wende eingeleitet.  Er hatte dafür gesorgt, dass der Schönwetterwind Libeccio, der aus Südwest mit seiner warmen, feuchten Luft über das Mittelmeer kam, gestoppt wurde. Die Luftfeuchtigkeit staute sich an den Bergen oberhalb von Sanremo zu gewaltigen, dunkelgrau drohenden Wolken-Türmen. Als der Libeccio sich dann zurückzog, saugte er den eiskalten Maestrale an,  den D-Zug schnellen Fallwind der von Nordwest aus den bereits dick beschneiten Gipfeln der Seealpen heran raste. Die warmen Wolken, die jetzt wie überkochender Leim träge und schwer von Feuchtigkeit über die Bergkämme in die Valle del Olio rannen, wirkten auf diesen schnellen Wind wie die Reibflächen der staatlich regulierten Zündholzschachteln (die allerdings ebenso selten berechenbar funktionierten). Im Nu waren Gewitter infernalischen Horrors entfacht. Der Regen wurde mitunter waagerecht unter die Dächer gepeitscht, wandelte sich dann in Sekunden zu Hagelstrichen und prasselte sogar durch die zur Vorsicht verrammelten Schlagläden vor den Fenstern. In wenigen Augenblicken wurden mitunter große Teile der Olivenernte vernichtet. Diese Kraftentfaltung der Naturgewalten überraschte selbst die Alten immer wieder aufs Neue. Da wurden Zentner schwere Amphoren umgerissen und segelten massive Vordächer davon. - Und dann diese Wassermassen.
  Oben in Castellinaria waren die drei parallelen Gassen auf dem Felsgrat die Ablaufrinnen zwischen den maroden Häuserreihen. In Sekunden verwandelten sie sich in reißende Wildwasser, auf denen Narren hätten Kajak fahren können. Die bergseitig einzementierten Kegel an den Türpfosten und Torpfeilern wirkten dabei wie kleine Wehre, die das Wasser in die Mitte der Häuserschluchten zurücklenkten und dadurch daran hinderten, in die Wohnbereiche einzudringen.
  Der erste Wasserschwall hatte Bernhards nur hingestellten Kegel derart verschoben, dass er seine provisorische Brettertür fortgerissen hatte und als ungebetener Besucher in die nur aufgeschütteten Böden der beiden zukünftigen Wohnzimmer gerauscht war. Da man Bernhards am Ortsrand klebendes Haus im obersten Stockwerk betrat, raste die Flut die alten Stufen hinunter und verschaffte sich zum Garten hin gewaltsam Ausgang, indem sie die historischen Mauern unterspülte und die Sickergrube sprengte.
  Als Bernhard seine ruinierte Ruine am Tag danach erreichte, stach die Sonne wieder vom Himmel, als sei nichts gewesen. Der Wind war abgeflaut wie Bernhards Enthusiasmus, aber dann kam auf einmal ein anderer mystischer Wind. Er brachte das Blut in Wallung, weil er im stechenden Sonnenlicht bei 25 Grad durch sein kühles Fächeln Beklemmung und Atemnot behob und  auf eine tückische Art euphorisierend wirkte: La brezza libecciata oder il libeccio
  Die Einheimischen kannten sein trügerisches Spiel und waren deshalb  gar nicht erst aus den Häusern gekommen, um Bernhard zu warnen. Der nachgebesserte Zementsockel für den Sandsteinkegel war gerade fest geworden, da brauste schon ein neues Gewitter heran. Geistesgegenwärtig hatte der Ruinenbaumeister bei dem aufkommenden Sturm Sandsäcke aus einer Felsenhöhle seiner Cantina geschafft, in der sie mit allen anderen dort gelagerten Baustoffen das Unwetter wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatten. Der kleine Wall verhinderte, dass sich noch einmal ein Sturzbach durch sein Haus ergießen konnte. Aber gegen die von oben herein dreschenden Regenschauer half er natürlich nicht. Zwei Tage und Nächte goss Petrus aus vollen Badewannen Schwall um Schwall in die zum Teil noch unbedachte obere Etage. An arbeiten war nicht zu denken. Es galt, mit Eimern das Wasser heraus zu schöpfen wie bei einem maroden Kahn. Und es wurde wieder bitter kalt, weil durch die Feuchtigkeit die Kälte nach dem neuerlichen Temperatursturz fast unerträglich unter die Haut drang.
  Aber Bernhard wollte ja nie wieder frieren. Es zahlte sich aus, dass seine noch nicht ganz feste Burg tatsächlich nicht auf Sand gebaut, sondern die meisten Mauern auf Felsen verankert waren. In der Höhle, die er eher instinktiv als Lagerplatz für die Materialien gewählt hatte, befand sich am Ende auch eine gemauerte Esse, die vielleicht einmal als primitive Schmiede gedient hatte.
  Er blies seine Luftmatratze auf, rollte dort seinen alten NVA-Rucksack aus, stellte Camping-Kocher samt Geschirr sowie Tütensuppen daneben und schuf sich so das perfekte Biwak. Wann immer es auch nur den Anflug von Kälte gab, heizte er die Esse mit geborstenem Bauholz und schuf damit sogar eine Art Hüttenromantik. So ritt er das Wetter sicher ab wie ein Bergprofi. Es spricht für die Charaktereigenschaften dieses Mannes, dass er aus der primitiven Gemütlichkeit, die Kraft gewann, nicht aufzugeben. Er schaffte es vielmehr,  zu Raum und Zeit mit seiner Urkraft als dritter Dimension innerhalb der verbleibenden fünf Wochen noch nahezu ein Wunder zu vollbringen. Es entstand gewissermaßen aus dem Chaos.
  Am  21. Dezember sollte seine Frau, Traute, mit dem TEE (Trans Europ Express Mediolanum/Ligure) nachkommen, um die Weihnachtsfeiertage und Neujahr in ihrem Himmelsschloss zu verbringen. Da sollten Wohnküche, Bad und das Schlafzimmer doch bewohnbar sein. Sie hatten ohnehin noch einmal einen zusätzlichen Kredit aufnehmen müssen. Wer weiß denn schon wirklich, was so ein Luftschloss kostet?
  Als Bernhard nach 48 Stunden völlig verrußt mit seinem Kulturbeutel unterm Arm aus seiner Höhle kroch, um sich an der Fontana vor dem Castell zu waschen, bahnte sich eine weitere Herausforderung gänzlich anderer Art für den Deutschen an.
  Hinter einem Vorhang im Haus auf der Südseite der Piazzetta beobachteten zwei kenntnisreiche Augen, wie der wie ein Carbonaio anmutende  Biondo sich unter dem Seifenschaum in einen Adonis verwandelte, der durchaus von einem italienischen Renaissance-Bildhauer hätte modelliert sein können.
  La Francesa war eine Einheimische, die erst vor kurzem nach einem Leben voller legendärer Vorkommnisse verwitwet in ihr Haus an der Piazza Castello zurückgekehrt war. Die ehelich gebundene Weiblichkeit der Talschaft ward ob des männermordenden Rufes von Tiziana Gandolfo bereits seit Wochen in Angst und Schrecken versetzt. Man erzählte sich treppauf, treppab, sie habe für den Fürsten Rainier von Monaco gekocht und nebenbei ein Vermögen in dessen Spielbank gewonnen. Sie wurde indes auch nicht müde,  selbst die Gerüchteküche um sie herum anzuheizen, indem sie Männer aus der Nachbarschaft, die ihr einen handwerklichen Gefallen erwiesen hatten, gelegentlich mit auf Goldrandtellern dargereichten Leckereien belohnte.
  Natürlich hatten sich die Geschichtchen um die Besonderheiten des Deutschen auch bis zu Signora Gandolfo herumgesprochen, und weil sie einige Jahre im Palace von Sankt Moritz Sous Chef gewesen war, sprach sie auch ganz manierlich Deutsch. Bernhard trocknete gerade seinen mehr als ansehnlichen, kaum behaarten Oberkörper, als sie mit einer Goldrand-Tasse Kaffee auf ihn zu stöckelte:
  "Schaden sehr groß?", fragte sie, indem sie ihm die Tasse reichte.
  Bernhard brauchte ein paar Sekunden, um zweierlei zu verarbeiten: Einerseits, dass es im Dorf jemanden gab, der Deutsch sprach, und andererseits sah diese Frau aus wie eine etwas jüngere, deutlich schlankere und wesentlich elegantere Ausgabe der Muhme Alice... Bernhards pommersches Spökenkieker-Blut nahm das als einen Fingerzeig.
  "Nicht so groß, aber ich wollte fertig sein, bis meine Frau kommt! Ich werde doch Hilfe brauchen."
  Die Signora lupfte indigniert und amüsiert zugleich auf französische Art ihre linke zu einem fadendünnen Strich gezupfte Augenbraue. Sie hatte, nun ja, ihr bestimmtes Beuteschema, und wenn ein Kerl gleich im ersten Satz von seiner Frau sprach, dann weckte das ihren Instinkt als Jägerin und Sammlerin.
  "Ich habe  junge, starke Freunde - da ein paar! Gefallen mir. Non! Schulden mir Gefallen."
  Was für eine Beziehung war das, die sich da ergab? Bernhard war sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst, aber eher sein unbewusster Stoizismus als seine bewusste Moral ließen eine andere Frau als Traute in seiner Gefühlswelt nicht zu. Er war jedoch Pragmatiker genug, der etwa anderthalb Jahrzehnte älteren Frau das Gefühl zu geben, sie könne seine mütterliche Beschützerin sein. Er nahm die mit einem gemütlichen Bett ausgestattete Kammer an, die sie ihm anbot, damit er seine verausgabten Kräfte mit gutem Schlaf regenerieren konnte. Er schleppte ihr die Einkäufe und machte ihr quasi den Hausmeister, was beim nachbarschaftlichen Umfeld natürlich die üblichen Verdächtigungen hervorrief. Andererseits hatte Frau Gandolfo einen flotten, azurblauen Alfa Giulia Super, mit dem sie ihre Favoriten gerne herumfuhr. Ein unbezahlbarer Vorzug für Bernhard, der immer noch keinen Führerschein hatte. Und die Favoriten, die ragazzi oder cipollini, wie Tiziana ihre Höflinge je nach Laune nannte, waren dann für Bernhard das eigentliche Himmelsgeschenk:
  Die vier Männer im Alter Bernhards waren in der Gegend geblieben, weil sie einerseits vitelloni (unverheiratete im Hotel Mama wohnende Müßiggänger) und andererseits gesuchte Meister ihres Fachs waren. Gleich am zweiten Abend nach ihrer Begegnung am Dorfbrunnen hatte die Signora sie in einer Bar an der Piazza von Pontedassio zusammengebracht:
  Franco, ein hageres, untersetztes Energiebündel mit einem bebrillten Professoren-Kopf auf einem dürren Hals hatte eine ape. Er war Schreiner und kannte sich auch mit Türen und Fenstern gut aus.
  Sandro war Elektriker und Monteur bei der staatlichen Stromversorgung und mischte unter seine offiziellen Aufträge in den Bergen manch privaten Zusatzverdienst durch Installationen und Reparaturen. Er war von beängstigender Schönheit, und die Gandolfo konnte Blicke der Begierde nur schwer unterdrücken. Sandro allerdings hatte bei ihren gemeinsamen Treffen nur noch Augen für Bernhard. Was dem wiederum nicht bewusst wurde.
   Enzo war gelernter geometra - also eigentlich Vermessungstechniker - aber im ländlichen Sprachgebrauch erhob ihn das im ligurischen Hinterland zum Quasi-Architekten. Enzo hatte eine Stimme wie Caruso und erledigte jede Arbeit mit einem Lied auf den Lippen. Er war am Bau ein Alleskönner, wenn es jemandem gelang, seinen phlegmatischen Habitus zu überwinden, den er mit einem pyknischen Körper und einer blauschwarz gefärbten Schiebedachfrisur manifestierte.
  Lucca, der jüngste und reichste von allen, war der schnellste und beste Fliesenleger der Täler. Ein immens fleißiger Einmann-Unternehmer mit einer angeborenen Kunstfertigkeit, die es ihm ermöglichte, Preise zu verlangen, die ohne Diskussion bezahlt wurden. Lucca hatte einen eigenen 7,5 Tonner und lebte tatsächlich noch unter der Fuchtel seiner Mutter; in einer herrlichen Villa auf einem Hügel unweit des Meeres, der Anfang der sechziger Jahre von einer mächtigen Autobahnbrücke der Autostrada dei Fiori überspannt worden war. Jetzt hatte der Luxus - je nach Jahreszeit – einen langen oder kurzen Mittagsschatten…
  Wer den Ligurern Reserviertheit und Mangel an Kontaktfreudigkeit nachsagt, wäre überrascht gewesen, wie schnell die Vier den Deutschen trotz der Sprachbarriere in ihrer Mitte aufnahmen. Gut, am Anfang war es die Gründung der Gefälligkeitsbank, der banca di favore, die das Miteinander erleichterte. Ihnen hatte so ein kreativer, zupackender Maurer, der vor altem Gemäuer nicht zurückschreckte, einfach noch gefehlt. Hinzu kam, dass Bernhard durch seine Lehr- und Wanderjahre in den Baukombinaten der DDR für diesen speziellen bargeldlosen Austausch von Dienstleistungen ohne nähere Erläuterungen prädestiniert war. Ohne diese "Nachbarschaftshilfe" war dort im Arbeiter- und Bauernparadies doch privat gar nichts gegangen. Hier war sie allerdings Bestandteil einer lukrativen steuerfreien Schattenwirtschaft.
  Die Gefälligkeitsbank hatte keine Buchhalter und trotzdem waren ihre Konten, nachdem die Vier in den Anfangsjahren so kräftig bei Bernhard eingezahlt hatten, im Laufe der späteren Jahre stets ausgeglichen. Jeder hatte seine speziellen Geschäftchen am Laufen, wo die anderen ihm von Nutzen sein konnten. Orte wie Castellinaria wären in den 1970ern ohne solche socii vermutlich dem Verfall ausgesetzt gewesen. Hier kam noch ein anderer Aspekt hinzu - eine sich aus der Arbeit in den Ruinen langsam festigende, bedingungslose Freundschaft höchst unterschiedlicher Männer.
   Es sollte jedoch bis zur Beerdigung der Francesa im Herbst 1996 dauern, ehe sie sich gegenseitig beim Wein eines gestanden: Dass nämlich nicht einer von ihnen jemals in die Venusfalle der mysteriösen Frau geraten war. Die meisten in der Gemeinde betrachteten die Fünf dennoch für immer und ewig als den männlichen Harem, il arem maschile, der Gandolfo. Und diese Legenden geistern deshalb auch heute noch als erregtes Raunen durch die Gassen von Castellinaria...
  Am 19. Dezember 1968 zog Bernhard bei der Signora aus und in sein eigenes Heim. Er machte sich keine Gedanken darüber, ob es seine Wirtin verletzen könnte, als er sie bat, Traute mit ihm gemeinsam zwei Tage später im Alfa vom Bahnhof in Porto Maurizio abzuholen. Er fragte einfach, und sie sagte zu, ohne auch nur mit den Klebe-Wimpern zu klimpern.
  Wie auch immer sich alle Beteiligten Bernhards Frau vorgestellt haben mochten, sie entsprach keiner dieser Erwartungen. Die Langbeinige mit einem Gardemaß von über 180 cm und der damals populären blonden Hippie-Mähne hätte ob ihrer Schönheit allen Grund gehabt, wie ein Model oder eine Discoqueen aus dem Zug zu steigen. Aber es war diese burschikose Natürlichkeit, mit der sie sich von eilfertigen Reisebekanntschaften im Zug verabschiedete, um dann die viel kleinere Patrizia Gandolfo herzlich zu umarmen. Sie dankte ihr für die Fürsorge, die sie ihrem Bernhard in den vergangenen Wochen hatte angedeihen lassen, als sei sie ihre Lieblingstante. Dass das zudem in einfachen italienischen Redewendungen geschah, überraschte auch ihren Mann, der ja selbst immer noch einzelne, gehörte italienische Worte mit deutschen mischte.
  Mag sein, dass die Signora - was ruhig bezweifelt werden kann - die Ankunft einer Rivalin erwartet hatte, aber als sie sich fast nicht aus der Umarmung dieser weiblichen Naturgewalt lösen wollte, beschloss sie - die Kinderlose - spontan eine blonde, deutsche Tochter zu haben, die sie um 25 Zentimeter überragte.
  Traute hatte soviel Ähnlichkeit mit Bernhard, dass man beide durchaus auch für Geschwister hätte halten können. Dazu gehörte neben der rein körperlichen auch Zähigkeit und immense mit ihrer Grazie kaschierte Körperkräfte. Als die Gandolfo automatisch versuchte, Trautes Koffer in den Kofferraum ihrer Giulia zu wuchten, bekam sie das alte von Lederriemen an der Maulsperre gehinderte Ding, das Traute sich wie ein Handtäschchen geschnappt hatte, nicht vom Boden. Tedeschi sonno titanici, dachte da die Signora bei sich.
  Bernhard, der es von seinen Baustellen gewohnt war, sich laut und auch manchmal erzwungen rüpelhaft durchzusetzen, hatte in Traute eine stille, intellektuelle Sicherheitsreserve. So war es typisch, dass seine Frau die Zeit genutzt hatte, sich seit dem Sommer mit Hilfe einer italienischen Arbeitskollegin nicht nur die Grundbegriffe der Sprache anzueignen, sondern auch mit typisch italienischen Gepflogenheiten vertraut zu machen.
  Nachdem Bernhard sie über die Schwelle ihres Luftschlosses getragen und mit ihr die erste Führung gemacht hatte, ging sie alsbald allein durchs Dorf und stellte sich bei allen, die ihr begegneten, artig vor. Sie erkundigte sich nach Kindern, Gesundheit und der Oliven- oder Weinernte. Vor allem die älteren Frauen sprachen anschließend von ihr, als hätten sie den leibhaftigen Weihnachtsengel gesehen.
  Bernhard und die ragazzi della banca favore hatten ganze Arbeit geleistet. Das hatte sich im Ort herumgesprochen, und beinahe jeder der Nachbarn war beiläufig mal vorbei gekommen und hatte sich das werdende Wunder angeschaut:
  Aus Schaden klug geworden, hatte Bernhard, nachdem er die zerfurchten Schotter-Aufschüttungen wieder angeglichen hatte,  sie mit einem Drahtgeflecht gesichert und dann erst zementiert. Der Estrich war auf eine elastische Schicht aus Folien und Teer aufgetragen worden und Lucca hatte obwohl er aus Kostengründen von überall her zwar hochwertige Fliesen-Reste zusammengetragen hatte, ein Meisterwerk an harmonisch abgestuften Ebenen gezaubert. Gerade weil nichts absolut neu war, sah das renovierte Haus aus, als sei es immer schon so edel gewesen.
  Sandro hatte nämlich aus einem historischen öffentlichen Gebäude in Peve di Teco, in dem er zu tun gehabt hatte, von Franco nach der Entkernung Wandverkleidungen und Paneele aus uraltem Eichenholz mit dessen ape abholen lassen. Dazu kam noch ein komplettes, dreiteiliges Halbrundfenster, das jetzt aus dem ligurischen Schlafzimmer der Kleiners den grandiosen Blick übers Tal auf das Meer öffnete. Eigens bestellt war in jenen Tagen die Sicht, denn  Korsika lag so nah und klar am Horizont, als könne man hinüber schwimmen...
  Eine Nachbarin hatte Bernhard das komplette aus dem 19. Jahrhundert stammende, geschnitzte Schlafzimmer samt Herrgottswinkel aus dem leer stehenden Haus ihrer Großeltern für ganze 50 000 Lire überlassen.
  Die Küche hatte natürlich keinen Einbau-Schick, aber sie war durchaus funktionell und  entwickelte mit ihren Wand hoch und auch auf den Arbeitsflächen verarbeiteten, handbemalten Kacheln einen recht gemütlichen Charme. Vorerst gab es ja außer den elektrischen Durchlauferhitzern in Küche und Bad nur für den Herd Gas aus Flaschen. An kalten Tagen musste also allein der großzügig bemessene Kamin in der Wohnzimmerecke zur Balkonterrasse als Wärmequelle reichen.
  Es war in den ersten Jahren wohl eine einfache Ferienwohnung  - mehr nicht. Aber Berthold hatte etwas sehr geschickt gemacht. Dort, wo weder Leitungen noch Armierungen unter Putz kaschiert werden mussten, hatte er die Mauern auch innen so gelassen, wie er sie errichtet hatte. Er ließ beispielsweise um den Kamin herum allein die Struktur der großen Steine für Burg-Atmosphäre sorgen und dekorierte sie mit alten Werkzeugen, Waffen und Gebrauchsgegenständen, die er bei seinen Arbeiten und Wanderungen gefunden hatte.
  Traute hatte ihn nach der ersten Besichtigung nur stumm an die Hand genommen und mit feuchten Augen angeschaut. Dann war sie nicht korrigierend, aber ergänzend auf ihre stille Art daran gegangen, dem Haus auch ein wenig weibliche Note zu geben.
  Natürlich war es auch Traute gewesen, die auf die Idee gekommen war, die Nachbarn und alle, die bei dem Wunder mitgewirkt hatten, am Abend vor Heiligabend zu einer typisch deutschen Weihnachtsfeier einzuladen. Sie hatte mit ihrer schönen Handschrift auf ihrem persönlichen Briefpapier mit Hilfe von Patrizia Gandolfo einen einfachen Einladungstext geschrieben und auch persönlich verteilt. Aus aufgeklaubten Olivenzweigen hatte sie einen schönen Adventskranz geflochten, und nun war auch klar geworden, wieso ihr Koffer dieses Gewicht gehabt hatte. Denn er war voller altrheinischem Weihnachtskram und Keksdosen gewesen. Es gab Stollen, Mutzemandeln, Nonnenfürzchen, dicke Wachskerzen, Lametta, Kerzenhalter und dergleichen. Bernhard hatte in Ermangelung eines Weihnachtsbaumes, der in jener Zeit in den Bergen Liguriens noch nicht aufgestellt wurde, eine kleine Zypresse im Garten mit Schleifen und Kerzen bestückt und - als die paar Glaskugeln nicht ausgereicht hatten - einfach die schönsten Zitronen und Orangen frisch von den eigenen Bäumen an Schleifen dazwischen gehängt.
  Alle kamen, und alle brachten etwas mit, wie es im armen Ligurien der Brauch war. Zwar hatte Traute im Waschtopf der Gandolfo ihre berühmte Erbsensuppe mit Bauchfleisch, gebratenem Speck und Croutons gemacht, um alle satt zu kriegen, aber das hätte für den heuschreckenartigen Heißhunger der Nachbarn längst nicht gereicht. Der aus einem fragwürdig aufgelösten Klosterbestand von Enzo ergatterte Refektoriumstisch vor dem Kamin geriet trotz der aus der Nachbarschaft herbeigeholten Stühle an die Kapazitätsgrenze und bog sich unter den Speisen: frische Laibe Bauernbrot, Flaschen mit mosto d'oro, der grasgrün trüben Erstpressung des extra vergine Olivenöls, Schinken und Sorpressa, Bauern-Taleggio, der so unweihnachtlich duftete, dass er auf dem Balkon verbannt wurde, sowie diverse Töpfe mit pesto (pistou), peperonada und Hasenragout für Berge diverser, natürlich hausgemachter Pasta, die bis in die späte Nacht nachgekocht werden mussten.
  Erst als alles verputzt war und dampfende Tassen coretto aufgetischt worden waren, kehrte mit dem durch Grappa "korrigierten" Kaffee weihnachtliche Ruhe ein. Einer der Nachbarn auf Urlaub von der Arbeit in Deutschland fragte, ob Traute und Bernhard nicht deutsche Weihnachtslieder singen könnten, worauf die beiden in den Garten hinunterkletterten, die Kerzen der Weihnachtszypresse anzündeten und - es war ja längst schon der 24. Dezember - Stille Nacht, Heilige Nacht, O du Fröhliche und Süßer die Glocken nie klingen zu den auf ihrer Terrasse versammelten Menschen hinauf sangen. Die ließen sich nicht  lumpen und stimmten dann ihrerseits die mit durch Mark und Bein sowie zu Herzen gehenden Kopfstimmen vorgetragenen, fremd anmutenden Choräle aus dem Appenin an. Was für eine Bergweihnacht!
  Als Traute und Bernhard nach dem Aufräumen endlich ins Bett gefunden hatten, waren sie sich beide sicher, noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen zu sein. Vor lauter Glück war an Schlaf gar nicht zu denken. Und so passierte es: Andere Umgebung, kein Stress durch Sex nach Thermometer und Kalender - nur ein Rausch der Sinne. Neun Monate später, nach einer diesmal absolut komplikationslosen Schwangerschaft wurde den Kleiners ein Sohn geboren. Obwohl beide eher agnostisch veranlagt waren, ließen sie ihn auf den Namen Sebastian taufen. - In memoriam des Santuario San Sebastiano, das in jener Liebesnacht so weihnachtlich feierlich vom Tal in ihr Schlafzimmer herauf geleuchtet hatte...


Montag, 4. Juni 2012

Die kalte Zeit


 Castellinaria Kapitel 2

Als Bernhards Vater in den Krieg zog, verspürte der Sechsjährige keine Trauer des Abschieds, sondern Erleichterung. Erst als die Feldjäger keine neun Monate später die Meldung überbrachten, dass sein Vater niemals mehr heimkommen würde, erinnerte er sich an diesen Moment und sein grenzenlos egoistisches Gefühl des befreit Seins.
  Seit er gerade laufen konnte, war Bernhard ein wildes raumgreifendes Kind gewesen. Über den enormen Bedarf an Raum hatte sich ein Gefühl für Zeit bei dem Jungen zunächst nicht entwickeln können. Selbst wenn er die Gänse dabei hatte, ging es Kilometer weit an den Entwässerungsgräben entlang und über Moorwiesen schier unendlicher Dimensionen, die den Rückweg vergessen ließen. Doch für jede Unpünktlichkeit, unproduktive Tagträumerei oder Verspieltheit setzte es vom Vater unbarmherzige Prügel - mal mit der bloßen Hand und bei schwereren Verfehlungen auch mit dem steifen Bauerngürtel.
  Die Kleiners waren Kleinbauern und stramme, bekennende Sozis in einem Umfeld, das noch dem streng hierarchischen deutschen Landjunkertum nachhing. Die zwei verwitweten Großväter, Vater und Mutter sowie er und sein zwei Jahre jüngerer Bruder samt der bereits im Krieg geborenen Schwester waren zurechtgekommen mit dem, was die kleine Landwirtschaft abwarf. Aber was würde jetzt werden, da der Vater - wie es hieß - auf dem "Feld der Ehre" geblieben war? Bernhard, der erst in die Schule kommen sollte, begriff den Unterschied zwischen Ähre und Ehre akustisch nicht. Das war in den mecklenburgischen oder pommerschen Idiomen dort im Grenzland zwischen Brandenburg und Pommern kaum zu differenzieren. Er stellte sich vor, der tote Vater läge irgendwo in einem dieser für einen Knaben unüberschaubaren Kornfelder seiner Heimat. Seine Leiche würde vielleicht erst im Herbst bei der Mahd gefunden... Aber aus einem noch größeren Missverständnis zwischen ihm und dem Vater war die nicht zu schulternde Bürde geworden, die nun auf dem Knaben lastete:
  Als hätte Carl Kleiner im traurig an seinem hageren Körper schlotternden Feldgrau geahnt, dass es ein Abschied für immer von seiner Familie sein würde, hatte er das "Schiffchen" des einfachen Gefreiten vom Kopf gezogen und sich so vor seinen Ältesten hingekniet, dass er ihm mit ernsthaften Blick direkt und unausweichlich in die Augen sehen konnte:
  "Wenn ich nicht zurückkomme, bist du der Mann im Haus! Die Nazis werden den Krieg verlieren. Du bist mir dafür verantwortlich, dass den Kleinen nichts passiert. Du weichst Ihnen nicht von der Seite. Und Schluss mit dem Zeit verbummeln!"
  Dann hatte er ihm seine silberne Taschenuhr in die kleine Hand gelegt, ihn fest umarmt und einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Bernhard konnte sich an eine ähnlich zärtliche Geste in seiner gesamten bisherigen Kindheit nicht erinnern.
  Weil aber diese einzigartige Wärme nun von der Erinnerung ein ums andere Mal aufs Neue in seiner Seele entfacht wurde, war die daran geknüpfte Aufgabenstellung zugleich auch stete Mahnung an sein Gewissen. Die einzige väterliche Liebesbekundung geriet somit zur Bürgschaft.
  Zum Raum hatte Bernhard also jetzt diese kostbare Zeit, die tief verborgen in seiner Hosentasche bei jedem Schritt, den er fortan tat, an die Innenseite seines rechten Oberschenkels schlug. Nicht, dass die väterliche Uhr seine Räume kleiner gemacht hätte, aber sie gab Hin- und Rückweg eine Dimension von garantierter Pünktlichkeit. Sie gab allen - auch den noch so kleinen täglichen Tätigkeiten - eine von ihm selbst immer knapper bemessene Frist: zehn Minuten Holz rein schleppen, drei Minuten Herd anfeuern, zwei Stunden Gänse hüten, drei Stunden mit den Geschwistern spielen und sie beaufsichtigen, fünfzehn Minuten Wäschekorb tragen und Mutter die Stücke zum Trocknen anreichen - und so weiter, und so weiter.
  Als er im Frühjahr 1944 in die einklassige Dorfschule kam, hatte das "Meistern" der Zeit ihn bereits zu einer Diszipliniertheit reifen lassen, die sogar seiner Lehrerin auffiel: Weil ihm die Zeit nie zu lang wurde, und er im Rechnen bereits mühelos mit den Zweit- und Drittklässler-Jahrgängen mithielt.
  Weniger toll fanden es die beiden kleineren Geschwister. Im Windschatten von Bernhards Lausbübereien hatten sie auf dem kleinen Hof bislang ein Kinderdasein in fast absoluter Freiheit geführt. Nun erlebten sie einen Bruder, der in den Stunden, in denen ihm die kleinen Kleiners anvertraut waren, einen Gehorsam verlangte und ihnen eine Obhut auferlegte, die noch nicht einmal die Erwachsenen verstanden. Aber er hatte ihnen auch nie von der Verantwortung erzählt, die ihm der Vater beim Abschied aufgebürdet hatte.
  So machte ihm auch der "Straßenkampf" mit den größeren Kindern der Großbauern immer deutlicher, dass er nun zwar mit Raum und Zeit gut zurechtkam. Es fehlte ihm jedoch noch die Kraft als dritte Dimension. Ja, er war zäh, schlaksig und groß für sein Alter, aber dünn wie eine Bohnenstange. Seine Ungeduld konnte gegen diese naturbedingten Vorgaben des Wachstums nun einmal nichts ausrichten. Das wurmte ihn sehr. Also mutete er sich zur seelischen auch manch physische Last zu, die ihn täglich erneut an den Rand der Erschöpfung führte...
  Die Bürde des Vaters, die Stimme des Vaters in seinem Bewusstsein, da ist er sich heute sicher, hatte Bernhard auf geheime Weise vorbereitet. In seinen unauslöschlichen Erinnerungen wurde ihm später auch deutlich, dass er in seinem ersten Schuljahr zwischen zwei massiven Propaganda-Blöcken seiner Naivität beraubt wurde. Während die Lehrerin, ein kurvenreiches Klischee von einer BDM-Blondine, im Herbst 1944 immer noch nicht müde wurde, die sich in die Kinderherzen einnistenden Ängste vor der nahenden Gewalt mit Erzählungen von der Einzigartigkeit des Führers und der alles entscheidenden Wunderwaffe zu zerstreuen, wurde daheim spekuliert. Der Vater der Mutter - im Herzen immer noch KPD-Mitglied - und der Vater des Vaters - ein Anhänger der Sozialdemokratie - stritten abends mit gedämpften Stimmen am Herdfeuer. Sie diskutierten - mit gewissem tödlichem Risiko - ob wohl die unaufhaltsam heranrückenden Russen den Bauern und Arbeitern im Nachkriegsdeutschland endlich die so lang erhofften bessere Leben brächten.
  Vielleicht war die Ergebnislosigkeit dessen der Grund gewesen, weshalb sie immer noch am spärlichen Feuer saßen, als die anderen Nachbarn sich schon den ersten von der Oder kommenden Flüchtlingen  und ihren Trecks angeschlossen hatten.
  Nicht, dass Hitlers historische Fehleinschätzung über  Schlagkraft und Taktik der Roten Armee irgendetwas am Kollektivschicksal der Vertriebenen hätte verschlimmern können. Aber hier ging es um individuelle Tragödien. Sechs Schicksale von etwa fünf Millionen Menschen, die in jenen Tagen auf der Flucht waren. Wenn es schon für die Nazi-Militärstrategen nicht vorstellbar gewesen war, wie sollten dann Zivilisten mit diesem enormen Tempo gerechnet haben.
  Ab Beginn der vierten Januarwoche 1945 rannte die Rote Armee - ukrainische Verbände im Süden und weißrussische im Norden mit bis zu 80 Kilometern täglich bei ihrem Vormarsch auf Berlin auch über Teile Vorpommerns hinweg. Und das bei Temperaturen von bis zu 25 Grad minus. Die Kleiners, die auf ein Gerücht gehört hatten, in Greifswald und Stralsund würden Flüchtlingsschiffe warten, kamen nur noch bis zur Peene. Dann waren sie quasi von den Russen oben und unten überholt worden. Die eigenen Wehrmachtsverbände jagten die Trecks bei ihrem rücksichtslos angeordneten Rückzug auch noch in die Straßengräben.
  Der Film der Erinnerung im Gedächtnis des bald achtjährigen Bernhard Kleiner über diese Tage der Flucht - entwickelt, geschnitten und auf Lebenszeit gespeichert im Hinterkopf - hat so gar nichts damit zu tun, was dem Siebzigjährigen zu diesem Thema jüngst in Film und Fernsehen vorgeführt wurde. Die dramatische Ästhetik des Kamerablicks von außen über weite Schneefelder und grafisch angeordnete Alleen mit endlosen Menschen- und Wagenkolonnen bot sich ja den Flüchtlingen in der öden Kolonnenmarschiererei nicht. Selbst auf den sonst so heimeligen Nebenstraßen nicht, die die ortskundigen Kleiners gewählt hatten, um dem Rückzug der deutschen Landser und dem weiteren Anblick von in den Frostböden nicht zu beerdigenden Erfrierungs- und Erschöpfungstoten zu entgehen.
  Die Bilder, die im Alter auf einmal wieder häufiger in den Träumen erschienen, waren von einer unbarmherzigen Tiefenschärfe, die auch durch die spätere Kenntnis über historische Gesamtzusammenhänge nicht beeinflusst wurde. Es sind Bilder in der richtigen Abfolge, aber isoliert und - trotz Bernhards unkindlicher Disziplin unter diesem speziellen Aspekt - ohne Bezug zu Raum und Zeit. War dieser viel zu späte und aussichtslose Fluchtversuch nur eine Frage von ein paar Tagen oder gar von Wochen gewesen? Bernhard konnte es, da lange verdrängt, nicht mehr rekonstruieren und er kann auch niemanden mehr fragen, weil alle anderen Erwachsenen aus der damaligen Fluchtgemeinschaft nicht mehr lebten. Es blieben quasi Momentaufnahmen oder Filmschnipsel:
  Der Aufbruch war für die Kleiner-Knaben zu allererst ein Abenteuer. Er war von der Mutter betrieben worden, nachdem Flüchtlinge in den Dörfern, durch die sie kamen, immer schauriger über Massenvergewaltigungen von Frauen und Kindern und Vertreibungen durch Rotarmisten berichteten.
  Friede, die Belgier-Stute, war ihnen von den letzten verzweifelten Requirierungen geblieben, weil sie trächtig war. Sie wurde vor einen Kastenwagen gespannt, der dem russischen Panje-Wagen nicht unähnlich war. Die Opas hatten zwei Heuraufen in Zeltform darauf festgezurrt und die Plane einer Rübenmiete darüber gespannt. Das sah komisch aus, - wie ein rollendes Indianer-Zelt - hielt aber die jeweiligen Insassen mit Stroh und Decken einigermaßen warm, weil so der bisweilen schneidende Wind halbwegs abgehalten wurde. Die Kleiners hatten außer dem Hausrat und ein paar persönlichen Sachen nichts von Wert. So wurden eher Gläser mit Rübensirup, Gänseschmalz und gefrorene Butter als Wegzehr unter das Stroh gepackt. Auch die auf Vorrat im Ofenrohr gebackenen Brotlaibe waren gefroren. So hielten sie sich  wenigstens und verschimmelten nicht.
  Die zwei Opas sahen am ehesten so aus, als würden sie schnell schlapp machen. Deshalb war klar, dass sie zur Stammbesatzung dieser merkwürdigen, rollenden Arche gehören würden - ebenso wie der kleine Bruder und die Schwester sowie ein betagter, auf einem Auge erblindeter Hahn und eine noch recht rüstige Legehenne. Ein Ganter und eine Gans konnten ebenfalls von diversen Zugriffen in Sicherheit gebracht und in Weidenkäfigen verladen werden. Blieb also nur noch Platz für einen weiteren Passagier. Seine Mutter und Bernhard wollten sich darin abwechseln, zu Fuß gehend, Friede am Halfter zu führen. Vorne ungeschützt dem Wind ausgesetzt auf der Deichsel zu sitzen, daran war bei diesen Temperaturen überhaupt nicht zu denken gewesen.
  Das Abenteuer hielt die erste Zeit an. Nun erwies es sich als Bestimmung, dass Bernhard nie ein Kind war, das vor längeren Märschen zurückschreckte. Und so kamen sie trotz des trächtigen Zugpferdes recht gut voran, indem sie sich halbstündig abwechselten. Mutter Kleiner hatte in weiser Voraussicht für ihren Sohn ein Paar ihrer Arbeitsstiefel mit Filzgaloschen und Stroh innen gegen die Kälte präpariert und das alte Außenleder mit Gänsefett getränkt. Harte Winter waren in diesem flachen, küstennahen Land ja keine Seltenheit und man wusste mit ihnen umzugehen. Aber die gnadenlos abstrafende höhere Macht sorgte nun für Temperaturen, die das bislang Erlebte vor allem bei Einbruch der Dunkelheit dramatisch unterbot.
  Das Abenteuer war in dem Moment zu Ende, da der kleinersche Wagen eines Abends in einen dieser Treck-Sammelpunkte rollte, die sich an den großen Kreuzungen der Landstraßen quasi von selbst formierten. Da sie wegen des geringeren Tempos stets spät dran waren, blieb meist nur ein Platz fern der schützenden Häuser und nahe der wohlweißlich außerhalb errichteten Latrinen...
  Wie viele Menschen waren da schon durchgekommen? An die dreißig Grad minus nachts sorgten dafür, dass das, was aus den Körpern ausgeschieden wurde, sofort gefror. In den Löchern der Donnerbalken bildeten sich so herausragende Kot- und Urinpyramiden, die die zu spät Gekommenen bestraften. Der bestialische Gestank und die evidente Gefahr, sich bei dieser mangelnden Hygiene anzustecken, wurden aber in Kauf genommen. Sich irgendwo im Freien bei der Verrichtung der Notdurft Erfrierungen zu holen, war  weit aus gefährlicher.
  Die Nächte unter diesen Bedingungen mit ihrer beengten körperlichen Nähe boten zwar einerseits auf der Ladefläche des Wagens verhältnismäßig mehr Wärme, aber sie zehrte auch an den Nerven. Die Opas drehten durch. Anfangs waren es noch politisch motivierte Zänkereien, aber dann geriet das ganze  zwischen den beiden aus den Fugen. Der etwas jüngere KPD-Opa bekam aus unersichtlichem Grund vom SPD-Opa in immer schnellerer Abfolge Kopfnüsse auf immer die gleiche Stelle. Begleitet wurde diese Aktion von zusammenhanglosem Gebrabbel, so dass die kleinen Kleiners zunehmend Angst bekamen und Bernhard aber auch seine Mutter befürchteten, beide verlören komplett den Verstand. Zumal sich nach einem Tag - dort wo die Kopfnüsse unterhalb des verbliebenen Haaransatzes landeten - eine heftige Beule bildete, die sich wenig später blutunterlaufen auch noch entzündete und aufbrach.
  Aber da waren sie schon an der Peene. Bei Neukalen war aus der Richtung Kummerower See im Süden und vom Stettiner Haff im Nordosten - wie das Grollen und Wetterleuchten eines Gewitters -  der Krieg zu ahnen, ohne dass die Kleiners je direkt mit ihm in Berührung kommen sollten. Die schlechten Nachrichten aus dem eingekesselten Ostpreußen, aus Königsberg und Danzig überschlugen sich. Aber am erschütternsten waren die Gerüchte über das Schicksal eines Flüchtlingsschiffes aus Gotenhafen. Hatten ja auch sie die Illusion gehabt, per Schiff in den vermeintlich sichereren Westen zu gelangen. 
  Der Weg nach Greifswald schien ohnehin bereits blockiert, und der eine Opa hatte immer noch nichts Besseres zu tun, als auf den anderen Opa einzuprügeln. Damit aber retteten sie ihrer Familie sogar möglicherweise indirekt das Leben. Denn viele, die dann weiter zogen, erlebten das Ende des Winters nicht.  Die junge Witwe jedoch war vor allem am Ende ihrer psychischen Kraft und entschied resigniert:
  "Sterben können wir auch zu Hause!"
  Am nächsten Morgen kehrten sie also um, und die Sonne sandte ihnen ein Zeichen. Sie schien ihnen ins Gesicht und sorgte dafür, dass die Minus- Temperaturen ein wenig erträglicher wurden. Es war wie das Schweben in einer bunt schillernden Seifenblase. Unwirklich zogen sie gegen den Flüchtlingsstrom auf Abwegen durch eine scheinbar heile Welt.
  Deutschland ein Wintermärchen in all diesem Chaos? Mit jedem Kilometer, den die Kleiners sich der Heimat näherten, normalisierte sich das Verhalten der Opas, die zeitweilig sogar die Führung übernahmen, damit ihnen auf Schleichwegen niemand entgegenkam, der unangenehme Fragen stellte oder gar noch Schlimmeres tat. Es bleibt auf immer ein Rätsel wie sie unbehelligt nach Hause kamen. Die kleinen Höfe in ihrem Zeilendorf Pangerow waren ausgestorben aber offenbar unversehrt. Das eigene windschiefe Walmdachhaus, Fachwerk mit im Schneelicht leuchtend roten Backsteinen, empfing sie, als seien sie nur kurz fort gewesen. Ein paar Handgriffe nur, dann war das Leben fast wie vorher. Was für ein Luxus war nun dessen einfache Behaglichkeit.
  - Doch die war trügerisch. Denn eine unsichtbare Reisebegleiterin hatten sie mitgebracht: Die Diphtherie. Das Hannele erkrankte als erste, dann erwischte es den kleinen Robert und schließlich beide Opas. Nur Mutter Kleiner und Bernhard, die sich eigentlich mit den eingefangenen Bakterien am längsten in der eisigen Luft aufgehalten hatten, blieben verschont und unternahmen verzweifelte Versuche, die in dieser Mangelversorgung tödliche Krankheit mit primitivsten Mitteln zu bekämpfen. Natürlich gab es weit und breit keinen Arzt mehr und so etwas wie frischen Zitronensaft erst recht nicht. Da die unverkennbare Rachenbräune jedoch schon in den vergangenen Kriegsjahren hie und da grassiert hatte, verfügte Martha Kleiner über Grundkenntnisse, sie zu erkennen  und was mit den Patienten zu geschehen hatte, aber auch welche Schutzmaßnahmen die nicht Befallenen ergreifen sollten. Martha und Bernhard zogen in den bis auf Friede leeren Stall. Jeder Patient wurde in einem separaten Zimmer unter Quarantäne gestellt, die Küche zur Desinfektionsstation mit permanent kochenden Wasserkesseln.
  Noch immer waren die Russen nicht gekommen. Der unermüdliche Bernhard klapperte die ganze Umgebung heldenhaft nach Hilfe ab. Aber wenn er dann schon mal jemanden überraschend antraf, wurde er meist feindselig abgewiesen, besonders dann, wenn er vom Diphtherie-Verdacht bei seinen Geschwistern und Großvätern berichtete. Die verheerende Ansteckungsgefahr war in diesem Teil Deutschlands in guter Erinnerung. Doch Bernhard gab nicht auf. Was er  mit der Gewissensstimme seines Vaters im Kopf leistete, war für ein Kind seines Alters übermenschlich. Aber auch seine Eingebungen waren es.
  Weil Kuhmilch nicht vorhanden war, probierte er, ob die hochträchtige Friede bereits laktierte. Und siehe da, für eine Glasflasche täglich reichte es. Seine Geschwister kamen aber nicht nur in deren heilenden Genuss. Bei seinen Wanderungen mit den Gänsen hatte er oft eine  mysteriöse Mecklenburgerin besucht, die in einer Kate an einem kleinen Teich hauste und ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Pilzen, Kräutern und allerlei Beeren bestritt. Sie war gelegentlich auch mal Hebamme, aber in den vergangenen Jahren häufiger das Gegenteil, wenn sich  die Kriegsbräute zu allein gelassen gefühlt  und nicht aufgepasst hatten...
  Auf Gutglück stapfte er einige eisige Kilometer über die entlegenen Felder und nutzte des Öfteren den Schutz der vom Wind blank geputzten, zugefrorenen Entwässerungsgräben. Was wären das für den dem Knabenalter so jäh entrissenen Bernhard vor kurzer Zeit noch für tolle Glitschen gewesen. Doch jetzt beschleunigten sie nur sein ernsthaft zielgerichtetes Fortkommen.
  Nach etwa einer Stunde sah er das Hexenhäuschen unter Birken stehen. Doch schon von Ferne bot die Kate einen verlassenen Eindruck. Unberührte Schneeflächen rundherum machten deutlich: hier war seit dem Schneefall niemand mehr gewesen. Bernhard wollte sich gerade umdrehen, als er sah, wie sich aus dem Ofenrohr, das schwarz und schief aus den Holzschindeln ragte, leichter weißer Rauch kräuselte.
  Er hastete ohne nachzudenken direkt über das verharschte Feld auf die Hütte zu. Ein ums andere Mal stolperte er und fiel hin. Die scharfen Kristalle schnitten in seine löchrigen Fäustlinge und er machte dabei auch einen schrecklichen Lärm. Aber er war ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht argwöhnisch.
  "Muhme Alice. Muhme Alice!" Er trommelte gegen die verrammelte Tür an der rückwärtigen Wand der Behausung. Es verging einige Zeit, dann hörte er wie innen der schwere Riegel bewegt wurde.
  "Bernhardchen? Bernhardchen!... Wat biste jroß jeworden. Wat machste denn hier so janz alleine?" Dabei spähte sie misstrauisch in alle Richtungen, als vermute sie ganz das Gegenteil.
  Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Von der Flucht, von der Rückkehr, von der Diphtherie. Alice zog ihn darauf hin heftiger in die Hütte, als es notwendig gewesen wäre. Drinnen in dem einzigen Raum war es wärmer, als es der spärliche Rauch hätte vermuten lassen. Durch die frische, kristallene Luft, die er über eine Stunde eingeatmet hatte, war ihm der strenge, weibliche Körpergeruch heftiger und anders bewusst als durch die in jüngster Zeit erzwungene Tuchfühlung zu seiner Mutter. Muhme Alice hatte nur ein grobleinenes Nachthemd an und war barfuss.
  Ohne dass er die aufkommenden Erinnerungen schon als erste sexuelle Regungen zuordnen konnte, erinnerte er sich in diesem eher unpassenden Augenblick daran, wie er die Muhme im vergangenen Herbst heimlich beim Baden in ihrem Weiher beobachtet hatte. Die langen schwarzen, von weißen Strähnen durchzogenen Haare, die sie normalerweise als strengen Dutt trug, hatten ihr tropfnass bis ans Hinterteil gereicht, dass ihm fast so wuchtig erschienen war, wie das der trächtigen Friede. Sie hatte sich zum Trocknen auf dem kleinen Steg mehrmals um die ganze Körperachse gedreht, und Bernhard hatte voll innerer Unruhe aus seinem Versteck unter den Birken die enormen Brüste und den bedrohlichen Haarbusch zwischen ihren Schenkeln betrachtet. Wäre Bernhard ein paar Jährchen älter gewesen, hätte er die Muhme Alice nicht als alt, sondern vermutlich als attraktive, vollreife Schönheit wahrgenommen.
  Oben auf der Schlafempore über dem Kanonenofen, knarzte die Bettstatt, aber Bernhard tat so, als höre er das nicht. Die Muhme war nicht allein, und Bernhard registrierte etwas im Unterbewusstsein, das ihm erst viel später wieder in Erinnerung kommen sollte: An den Trockenstangen hingen Mantel und Hose in Feldgrau und auf dem Boden standen mit Heu ausgestopfte "Knobelbecher" wie sie auch der Vater bei seinem Abschied getragen hatte.
  Ob die Muhme merkte, dass Bernhard etwas gemerkt hatte? Eher nicht. Denn sie ließ sich Zeit mit dem Überlegen, wie sie dem Kleinen wohl helfen könne. Sie stellte ihm einen Hagebutten-Tee auf die Bank am Ofen und nahm heimlich schmunzelnd zur Kenntnis, dass der Blick des Kleinen bisweilen etwas länger an ihrer Oberweite hängen blieb als in dieser Altersklasse üblich.
  Sie suchte diverse Dinge aus ihren duftenden Truhen: ein Beutel getrocknete Kamillen mit Hagebutten, eine Flasche Sanddorn-Extrakt und Eibenbeeren. Eibenbeeren? Bernhard wusste, dass Friede immer von den Eibenhecken ferngehalten werden sollte, weil Eiben absolut tödlich für Pferde seien. - Das sagte er der Muhme.
  "Dummchen!. Dat is dat Fruchtfleisch der Beeren! Dat ist voller Zauberkraft. Sag deiner Mutter, sie soll einen Esslöffel Beeren mit einem Esslöffel heißem Wasser zerdrücken und den Kleinen in den Rachen pinseln. Die Opas sollen damit jurgeln."
  Als er alles im Brotbeutel verstaut hatte, wollte er gehen, aber die Muhme hielt ihn noch einmal zurück:
  "Lass mich deine Hände sehn Bernhardchen!"
  Der Knabe streckte ihr unbedarft die Hände entgegen. Sie drehte die Linke mit der Handfläche nach oben und fuhr die Linien nach. Dann schloss sie die Augen:
  "Du wirst dat überleben Bernhardchen! Und du wirst ein Held wider Willen. Jroße, blonde Engel werden dich begleiten oder sojar beschützen. Und du wirst’n Schloss im Himmel haben und nie mehr frieren müssen, wenn du alt bist."