Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Empfängnis


Casellinaria Kapitel 3

  Bernhard hatte den Sandsteinkegel am linken Pfeiler des Portals nicht zementiert. Als er Mitte November als Anhalter von Kempen bei Köln innerhalb zweier frostiger Tage nach Castellinaria zurückkehrte, erlebte er eine böse Überraschung. Wie hatte er, der den Ort bisher nur bei staubiger Gluthitze kannte, auch nur ahnen können, welche Unwetter über sein Luftschloss hinweg brechen würden und welche Aufgabe dieser unscheinbare Kegel dann zu erfüllen gehabt hätte?
  Wie so oft hatte der die Ligurer so depressiv machende Scirocco aus Südost gegen Ende des Herbstes die Wende eingeleitet.  Er hatte dafür gesorgt, dass der Schönwetterwind Libeccio, der aus Südwest mit seiner warmen, feuchten Luft über das Mittelmeer kam, gestoppt wurde. Die Luftfeuchtigkeit staute sich an den Bergen oberhalb von Sanremo zu gewaltigen, dunkelgrau drohenden Wolken-Türmen. Als der Libeccio sich dann zurückzog, saugte er den eiskalten Maestrale an,  den D-Zug schnellen Fallwind der von Nordwest aus den bereits dick beschneiten Gipfeln der Seealpen heran raste. Die warmen Wolken, die jetzt wie überkochender Leim träge und schwer von Feuchtigkeit über die Bergkämme in die Valle del Olio rannen, wirkten auf diesen schnellen Wind wie die Reibflächen der staatlich regulierten Zündholzschachteln (die allerdings ebenso selten berechenbar funktionierten). Im Nu waren Gewitter infernalischen Horrors entfacht. Der Regen wurde mitunter waagerecht unter die Dächer gepeitscht, wandelte sich dann in Sekunden zu Hagelstrichen und prasselte sogar durch die zur Vorsicht verrammelten Schlagläden vor den Fenstern. In wenigen Augenblicken wurden mitunter große Teile der Olivenernte vernichtet. Diese Kraftentfaltung der Naturgewalten überraschte selbst die Alten immer wieder aufs Neue. Da wurden Zentner schwere Amphoren umgerissen und segelten massive Vordächer davon. - Und dann diese Wassermassen.
  Oben in Castellinaria waren die drei parallelen Gassen auf dem Felsgrat die Ablaufrinnen zwischen den maroden Häuserreihen. In Sekunden verwandelten sie sich in reißende Wildwasser, auf denen Narren hätten Kajak fahren können. Die bergseitig einzementierten Kegel an den Türpfosten und Torpfeilern wirkten dabei wie kleine Wehre, die das Wasser in die Mitte der Häuserschluchten zurücklenkten und dadurch daran hinderten, in die Wohnbereiche einzudringen.
  Der erste Wasserschwall hatte Bernhards nur hingestellten Kegel derart verschoben, dass er seine provisorische Brettertür fortgerissen hatte und als ungebetener Besucher in die nur aufgeschütteten Böden der beiden zukünftigen Wohnzimmer gerauscht war. Da man Bernhards am Ortsrand klebendes Haus im obersten Stockwerk betrat, raste die Flut die alten Stufen hinunter und verschaffte sich zum Garten hin gewaltsam Ausgang, indem sie die historischen Mauern unterspülte und die Sickergrube sprengte.
  Als Bernhard seine ruinierte Ruine am Tag danach erreichte, stach die Sonne wieder vom Himmel, als sei nichts gewesen. Der Wind war abgeflaut wie Bernhards Enthusiasmus, aber dann kam auf einmal ein anderer mystischer Wind. Er brachte das Blut in Wallung, weil er im stechenden Sonnenlicht bei 25 Grad durch sein kühles Fächeln Beklemmung und Atemnot behob und  auf eine tückische Art euphorisierend wirkte: La brezza libecciata oder il libeccio
  Die Einheimischen kannten sein trügerisches Spiel und waren deshalb  gar nicht erst aus den Häusern gekommen, um Bernhard zu warnen. Der nachgebesserte Zementsockel für den Sandsteinkegel war gerade fest geworden, da brauste schon ein neues Gewitter heran. Geistesgegenwärtig hatte der Ruinenbaumeister bei dem aufkommenden Sturm Sandsäcke aus einer Felsenhöhle seiner Cantina geschafft, in der sie mit allen anderen dort gelagerten Baustoffen das Unwetter wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatten. Der kleine Wall verhinderte, dass sich noch einmal ein Sturzbach durch sein Haus ergießen konnte. Aber gegen die von oben herein dreschenden Regenschauer half er natürlich nicht. Zwei Tage und Nächte goss Petrus aus vollen Badewannen Schwall um Schwall in die zum Teil noch unbedachte obere Etage. An arbeiten war nicht zu denken. Es galt, mit Eimern das Wasser heraus zu schöpfen wie bei einem maroden Kahn. Und es wurde wieder bitter kalt, weil durch die Feuchtigkeit die Kälte nach dem neuerlichen Temperatursturz fast unerträglich unter die Haut drang.
  Aber Bernhard wollte ja nie wieder frieren. Es zahlte sich aus, dass seine noch nicht ganz feste Burg tatsächlich nicht auf Sand gebaut, sondern die meisten Mauern auf Felsen verankert waren. In der Höhle, die er eher instinktiv als Lagerplatz für die Materialien gewählt hatte, befand sich am Ende auch eine gemauerte Esse, die vielleicht einmal als primitive Schmiede gedient hatte.
  Er blies seine Luftmatratze auf, rollte dort seinen alten NVA-Rucksack aus, stellte Camping-Kocher samt Geschirr sowie Tütensuppen daneben und schuf sich so das perfekte Biwak. Wann immer es auch nur den Anflug von Kälte gab, heizte er die Esse mit geborstenem Bauholz und schuf damit sogar eine Art Hüttenromantik. So ritt er das Wetter sicher ab wie ein Bergprofi. Es spricht für die Charaktereigenschaften dieses Mannes, dass er aus der primitiven Gemütlichkeit, die Kraft gewann, nicht aufzugeben. Er schaffte es vielmehr,  zu Raum und Zeit mit seiner Urkraft als dritter Dimension innerhalb der verbleibenden fünf Wochen noch nahezu ein Wunder zu vollbringen. Es entstand gewissermaßen aus dem Chaos.
  Am  21. Dezember sollte seine Frau, Traute, mit dem TEE (Trans Europ Express Mediolanum/Ligure) nachkommen, um die Weihnachtsfeiertage und Neujahr in ihrem Himmelsschloss zu verbringen. Da sollten Wohnküche, Bad und das Schlafzimmer doch bewohnbar sein. Sie hatten ohnehin noch einmal einen zusätzlichen Kredit aufnehmen müssen. Wer weiß denn schon wirklich, was so ein Luftschloss kostet?
  Als Bernhard nach 48 Stunden völlig verrußt mit seinem Kulturbeutel unterm Arm aus seiner Höhle kroch, um sich an der Fontana vor dem Castell zu waschen, bahnte sich eine weitere Herausforderung gänzlich anderer Art für den Deutschen an.
  Hinter einem Vorhang im Haus auf der Südseite der Piazzetta beobachteten zwei kenntnisreiche Augen, wie der wie ein Carbonaio anmutende  Biondo sich unter dem Seifenschaum in einen Adonis verwandelte, der durchaus von einem italienischen Renaissance-Bildhauer hätte modelliert sein können.
  La Francesa war eine Einheimische, die erst vor kurzem nach einem Leben voller legendärer Vorkommnisse verwitwet in ihr Haus an der Piazza Castello zurückgekehrt war. Die ehelich gebundene Weiblichkeit der Talschaft ward ob des männermordenden Rufes von Tiziana Gandolfo bereits seit Wochen in Angst und Schrecken versetzt. Man erzählte sich treppauf, treppab, sie habe für den Fürsten Rainier von Monaco gekocht und nebenbei ein Vermögen in dessen Spielbank gewonnen. Sie wurde indes auch nicht müde,  selbst die Gerüchteküche um sie herum anzuheizen, indem sie Männer aus der Nachbarschaft, die ihr einen handwerklichen Gefallen erwiesen hatten, gelegentlich mit auf Goldrandtellern dargereichten Leckereien belohnte.
  Natürlich hatten sich die Geschichtchen um die Besonderheiten des Deutschen auch bis zu Signora Gandolfo herumgesprochen, und weil sie einige Jahre im Palace von Sankt Moritz Sous Chef gewesen war, sprach sie auch ganz manierlich Deutsch. Bernhard trocknete gerade seinen mehr als ansehnlichen, kaum behaarten Oberkörper, als sie mit einer Goldrand-Tasse Kaffee auf ihn zu stöckelte:
  "Schaden sehr groß?", fragte sie, indem sie ihm die Tasse reichte.
  Bernhard brauchte ein paar Sekunden, um zweierlei zu verarbeiten: Einerseits, dass es im Dorf jemanden gab, der Deutsch sprach, und andererseits sah diese Frau aus wie eine etwas jüngere, deutlich schlankere und wesentlich elegantere Ausgabe der Muhme Alice... Bernhards pommersches Spökenkieker-Blut nahm das als einen Fingerzeig.
  "Nicht so groß, aber ich wollte fertig sein, bis meine Frau kommt! Ich werde doch Hilfe brauchen."
  Die Signora lupfte indigniert und amüsiert zugleich auf französische Art ihre linke zu einem fadendünnen Strich gezupfte Augenbraue. Sie hatte, nun ja, ihr bestimmtes Beuteschema, und wenn ein Kerl gleich im ersten Satz von seiner Frau sprach, dann weckte das ihren Instinkt als Jägerin und Sammlerin.
  "Ich habe  junge, starke Freunde - da ein paar! Gefallen mir. Non! Schulden mir Gefallen."
  Was für eine Beziehung war das, die sich da ergab? Bernhard war sich seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst, aber eher sein unbewusster Stoizismus als seine bewusste Moral ließen eine andere Frau als Traute in seiner Gefühlswelt nicht zu. Er war jedoch Pragmatiker genug, der etwa anderthalb Jahrzehnte älteren Frau das Gefühl zu geben, sie könne seine mütterliche Beschützerin sein. Er nahm die mit einem gemütlichen Bett ausgestattete Kammer an, die sie ihm anbot, damit er seine verausgabten Kräfte mit gutem Schlaf regenerieren konnte. Er schleppte ihr die Einkäufe und machte ihr quasi den Hausmeister, was beim nachbarschaftlichen Umfeld natürlich die üblichen Verdächtigungen hervorrief. Andererseits hatte Frau Gandolfo einen flotten, azurblauen Alfa Giulia Super, mit dem sie ihre Favoriten gerne herumfuhr. Ein unbezahlbarer Vorzug für Bernhard, der immer noch keinen Führerschein hatte. Und die Favoriten, die ragazzi oder cipollini, wie Tiziana ihre Höflinge je nach Laune nannte, waren dann für Bernhard das eigentliche Himmelsgeschenk:
  Die vier Männer im Alter Bernhards waren in der Gegend geblieben, weil sie einerseits vitelloni (unverheiratete im Hotel Mama wohnende Müßiggänger) und andererseits gesuchte Meister ihres Fachs waren. Gleich am zweiten Abend nach ihrer Begegnung am Dorfbrunnen hatte die Signora sie in einer Bar an der Piazza von Pontedassio zusammengebracht:
  Franco, ein hageres, untersetztes Energiebündel mit einem bebrillten Professoren-Kopf auf einem dürren Hals hatte eine ape. Er war Schreiner und kannte sich auch mit Türen und Fenstern gut aus.
  Sandro war Elektriker und Monteur bei der staatlichen Stromversorgung und mischte unter seine offiziellen Aufträge in den Bergen manch privaten Zusatzverdienst durch Installationen und Reparaturen. Er war von beängstigender Schönheit, und die Gandolfo konnte Blicke der Begierde nur schwer unterdrücken. Sandro allerdings hatte bei ihren gemeinsamen Treffen nur noch Augen für Bernhard. Was dem wiederum nicht bewusst wurde.
   Enzo war gelernter geometra - also eigentlich Vermessungstechniker - aber im ländlichen Sprachgebrauch erhob ihn das im ligurischen Hinterland zum Quasi-Architekten. Enzo hatte eine Stimme wie Caruso und erledigte jede Arbeit mit einem Lied auf den Lippen. Er war am Bau ein Alleskönner, wenn es jemandem gelang, seinen phlegmatischen Habitus zu überwinden, den er mit einem pyknischen Körper und einer blauschwarz gefärbten Schiebedachfrisur manifestierte.
  Lucca, der jüngste und reichste von allen, war der schnellste und beste Fliesenleger der Täler. Ein immens fleißiger Einmann-Unternehmer mit einer angeborenen Kunstfertigkeit, die es ihm ermöglichte, Preise zu verlangen, die ohne Diskussion bezahlt wurden. Lucca hatte einen eigenen 7,5 Tonner und lebte tatsächlich noch unter der Fuchtel seiner Mutter; in einer herrlichen Villa auf einem Hügel unweit des Meeres, der Anfang der sechziger Jahre von einer mächtigen Autobahnbrücke der Autostrada dei Fiori überspannt worden war. Jetzt hatte der Luxus - je nach Jahreszeit – einen langen oder kurzen Mittagsschatten…
  Wer den Ligurern Reserviertheit und Mangel an Kontaktfreudigkeit nachsagt, wäre überrascht gewesen, wie schnell die Vier den Deutschen trotz der Sprachbarriere in ihrer Mitte aufnahmen. Gut, am Anfang war es die Gründung der Gefälligkeitsbank, der banca di favore, die das Miteinander erleichterte. Ihnen hatte so ein kreativer, zupackender Maurer, der vor altem Gemäuer nicht zurückschreckte, einfach noch gefehlt. Hinzu kam, dass Bernhard durch seine Lehr- und Wanderjahre in den Baukombinaten der DDR für diesen speziellen bargeldlosen Austausch von Dienstleistungen ohne nähere Erläuterungen prädestiniert war. Ohne diese "Nachbarschaftshilfe" war dort im Arbeiter- und Bauernparadies doch privat gar nichts gegangen. Hier war sie allerdings Bestandteil einer lukrativen steuerfreien Schattenwirtschaft.
  Die Gefälligkeitsbank hatte keine Buchhalter und trotzdem waren ihre Konten, nachdem die Vier in den Anfangsjahren so kräftig bei Bernhard eingezahlt hatten, im Laufe der späteren Jahre stets ausgeglichen. Jeder hatte seine speziellen Geschäftchen am Laufen, wo die anderen ihm von Nutzen sein konnten. Orte wie Castellinaria wären in den 1970ern ohne solche socii vermutlich dem Verfall ausgesetzt gewesen. Hier kam noch ein anderer Aspekt hinzu - eine sich aus der Arbeit in den Ruinen langsam festigende, bedingungslose Freundschaft höchst unterschiedlicher Männer.
   Es sollte jedoch bis zur Beerdigung der Francesa im Herbst 1996 dauern, ehe sie sich gegenseitig beim Wein eines gestanden: Dass nämlich nicht einer von ihnen jemals in die Venusfalle der mysteriösen Frau geraten war. Die meisten in der Gemeinde betrachteten die Fünf dennoch für immer und ewig als den männlichen Harem, il arem maschile, der Gandolfo. Und diese Legenden geistern deshalb auch heute noch als erregtes Raunen durch die Gassen von Castellinaria...
  Am 19. Dezember 1968 zog Bernhard bei der Signora aus und in sein eigenes Heim. Er machte sich keine Gedanken darüber, ob es seine Wirtin verletzen könnte, als er sie bat, Traute mit ihm gemeinsam zwei Tage später im Alfa vom Bahnhof in Porto Maurizio abzuholen. Er fragte einfach, und sie sagte zu, ohne auch nur mit den Klebe-Wimpern zu klimpern.
  Wie auch immer sich alle Beteiligten Bernhards Frau vorgestellt haben mochten, sie entsprach keiner dieser Erwartungen. Die Langbeinige mit einem Gardemaß von über 180 cm und der damals populären blonden Hippie-Mähne hätte ob ihrer Schönheit allen Grund gehabt, wie ein Model oder eine Discoqueen aus dem Zug zu steigen. Aber es war diese burschikose Natürlichkeit, mit der sie sich von eilfertigen Reisebekanntschaften im Zug verabschiedete, um dann die viel kleinere Patrizia Gandolfo herzlich zu umarmen. Sie dankte ihr für die Fürsorge, die sie ihrem Bernhard in den vergangenen Wochen hatte angedeihen lassen, als sei sie ihre Lieblingstante. Dass das zudem in einfachen italienischen Redewendungen geschah, überraschte auch ihren Mann, der ja selbst immer noch einzelne, gehörte italienische Worte mit deutschen mischte.
  Mag sein, dass die Signora - was ruhig bezweifelt werden kann - die Ankunft einer Rivalin erwartet hatte, aber als sie sich fast nicht aus der Umarmung dieser weiblichen Naturgewalt lösen wollte, beschloss sie - die Kinderlose - spontan eine blonde, deutsche Tochter zu haben, die sie um 25 Zentimeter überragte.
  Traute hatte soviel Ähnlichkeit mit Bernhard, dass man beide durchaus auch für Geschwister hätte halten können. Dazu gehörte neben der rein körperlichen auch Zähigkeit und immense mit ihrer Grazie kaschierte Körperkräfte. Als die Gandolfo automatisch versuchte, Trautes Koffer in den Kofferraum ihrer Giulia zu wuchten, bekam sie das alte von Lederriemen an der Maulsperre gehinderte Ding, das Traute sich wie ein Handtäschchen geschnappt hatte, nicht vom Boden. Tedeschi sonno titanici, dachte da die Signora bei sich.
  Bernhard, der es von seinen Baustellen gewohnt war, sich laut und auch manchmal erzwungen rüpelhaft durchzusetzen, hatte in Traute eine stille, intellektuelle Sicherheitsreserve. So war es typisch, dass seine Frau die Zeit genutzt hatte, sich seit dem Sommer mit Hilfe einer italienischen Arbeitskollegin nicht nur die Grundbegriffe der Sprache anzueignen, sondern auch mit typisch italienischen Gepflogenheiten vertraut zu machen.
  Nachdem Bernhard sie über die Schwelle ihres Luftschlosses getragen und mit ihr die erste Führung gemacht hatte, ging sie alsbald allein durchs Dorf und stellte sich bei allen, die ihr begegneten, artig vor. Sie erkundigte sich nach Kindern, Gesundheit und der Oliven- oder Weinernte. Vor allem die älteren Frauen sprachen anschließend von ihr, als hätten sie den leibhaftigen Weihnachtsengel gesehen.
  Bernhard und die ragazzi della banca favore hatten ganze Arbeit geleistet. Das hatte sich im Ort herumgesprochen, und beinahe jeder der Nachbarn war beiläufig mal vorbei gekommen und hatte sich das werdende Wunder angeschaut:
  Aus Schaden klug geworden, hatte Bernhard, nachdem er die zerfurchten Schotter-Aufschüttungen wieder angeglichen hatte,  sie mit einem Drahtgeflecht gesichert und dann erst zementiert. Der Estrich war auf eine elastische Schicht aus Folien und Teer aufgetragen worden und Lucca hatte obwohl er aus Kostengründen von überall her zwar hochwertige Fliesen-Reste zusammengetragen hatte, ein Meisterwerk an harmonisch abgestuften Ebenen gezaubert. Gerade weil nichts absolut neu war, sah das renovierte Haus aus, als sei es immer schon so edel gewesen.
  Sandro hatte nämlich aus einem historischen öffentlichen Gebäude in Peve di Teco, in dem er zu tun gehabt hatte, von Franco nach der Entkernung Wandverkleidungen und Paneele aus uraltem Eichenholz mit dessen ape abholen lassen. Dazu kam noch ein komplettes, dreiteiliges Halbrundfenster, das jetzt aus dem ligurischen Schlafzimmer der Kleiners den grandiosen Blick übers Tal auf das Meer öffnete. Eigens bestellt war in jenen Tagen die Sicht, denn  Korsika lag so nah und klar am Horizont, als könne man hinüber schwimmen...
  Eine Nachbarin hatte Bernhard das komplette aus dem 19. Jahrhundert stammende, geschnitzte Schlafzimmer samt Herrgottswinkel aus dem leer stehenden Haus ihrer Großeltern für ganze 50 000 Lire überlassen.
  Die Küche hatte natürlich keinen Einbau-Schick, aber sie war durchaus funktionell und  entwickelte mit ihren Wand hoch und auch auf den Arbeitsflächen verarbeiteten, handbemalten Kacheln einen recht gemütlichen Charme. Vorerst gab es ja außer den elektrischen Durchlauferhitzern in Küche und Bad nur für den Herd Gas aus Flaschen. An kalten Tagen musste also allein der großzügig bemessene Kamin in der Wohnzimmerecke zur Balkonterrasse als Wärmequelle reichen.
  Es war in den ersten Jahren wohl eine einfache Ferienwohnung  - mehr nicht. Aber Berthold hatte etwas sehr geschickt gemacht. Dort, wo weder Leitungen noch Armierungen unter Putz kaschiert werden mussten, hatte er die Mauern auch innen so gelassen, wie er sie errichtet hatte. Er ließ beispielsweise um den Kamin herum allein die Struktur der großen Steine für Burg-Atmosphäre sorgen und dekorierte sie mit alten Werkzeugen, Waffen und Gebrauchsgegenständen, die er bei seinen Arbeiten und Wanderungen gefunden hatte.
  Traute hatte ihn nach der ersten Besichtigung nur stumm an die Hand genommen und mit feuchten Augen angeschaut. Dann war sie nicht korrigierend, aber ergänzend auf ihre stille Art daran gegangen, dem Haus auch ein wenig weibliche Note zu geben.
  Natürlich war es auch Traute gewesen, die auf die Idee gekommen war, die Nachbarn und alle, die bei dem Wunder mitgewirkt hatten, am Abend vor Heiligabend zu einer typisch deutschen Weihnachtsfeier einzuladen. Sie hatte mit ihrer schönen Handschrift auf ihrem persönlichen Briefpapier mit Hilfe von Patrizia Gandolfo einen einfachen Einladungstext geschrieben und auch persönlich verteilt. Aus aufgeklaubten Olivenzweigen hatte sie einen schönen Adventskranz geflochten, und nun war auch klar geworden, wieso ihr Koffer dieses Gewicht gehabt hatte. Denn er war voller altrheinischem Weihnachtskram und Keksdosen gewesen. Es gab Stollen, Mutzemandeln, Nonnenfürzchen, dicke Wachskerzen, Lametta, Kerzenhalter und dergleichen. Bernhard hatte in Ermangelung eines Weihnachtsbaumes, der in jener Zeit in den Bergen Liguriens noch nicht aufgestellt wurde, eine kleine Zypresse im Garten mit Schleifen und Kerzen bestückt und - als die paar Glaskugeln nicht ausgereicht hatten - einfach die schönsten Zitronen und Orangen frisch von den eigenen Bäumen an Schleifen dazwischen gehängt.
  Alle kamen, und alle brachten etwas mit, wie es im armen Ligurien der Brauch war. Zwar hatte Traute im Waschtopf der Gandolfo ihre berühmte Erbsensuppe mit Bauchfleisch, gebratenem Speck und Croutons gemacht, um alle satt zu kriegen, aber das hätte für den heuschreckenartigen Heißhunger der Nachbarn längst nicht gereicht. Der aus einem fragwürdig aufgelösten Klosterbestand von Enzo ergatterte Refektoriumstisch vor dem Kamin geriet trotz der aus der Nachbarschaft herbeigeholten Stühle an die Kapazitätsgrenze und bog sich unter den Speisen: frische Laibe Bauernbrot, Flaschen mit mosto d'oro, der grasgrün trüben Erstpressung des extra vergine Olivenöls, Schinken und Sorpressa, Bauern-Taleggio, der so unweihnachtlich duftete, dass er auf dem Balkon verbannt wurde, sowie diverse Töpfe mit pesto (pistou), peperonada und Hasenragout für Berge diverser, natürlich hausgemachter Pasta, die bis in die späte Nacht nachgekocht werden mussten.
  Erst als alles verputzt war und dampfende Tassen coretto aufgetischt worden waren, kehrte mit dem durch Grappa "korrigierten" Kaffee weihnachtliche Ruhe ein. Einer der Nachbarn auf Urlaub von der Arbeit in Deutschland fragte, ob Traute und Bernhard nicht deutsche Weihnachtslieder singen könnten, worauf die beiden in den Garten hinunterkletterten, die Kerzen der Weihnachtszypresse anzündeten und - es war ja längst schon der 24. Dezember - Stille Nacht, Heilige Nacht, O du Fröhliche und Süßer die Glocken nie klingen zu den auf ihrer Terrasse versammelten Menschen hinauf sangen. Die ließen sich nicht  lumpen und stimmten dann ihrerseits die mit durch Mark und Bein sowie zu Herzen gehenden Kopfstimmen vorgetragenen, fremd anmutenden Choräle aus dem Appenin an. Was für eine Bergweihnacht!
  Als Traute und Bernhard nach dem Aufräumen endlich ins Bett gefunden hatten, waren sie sich beide sicher, noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen zu sein. Vor lauter Glück war an Schlaf gar nicht zu denken. Und so passierte es: Andere Umgebung, kein Stress durch Sex nach Thermometer und Kalender - nur ein Rausch der Sinne. Neun Monate später, nach einer diesmal absolut komplikationslosen Schwangerschaft wurde den Kleiners ein Sohn geboren. Obwohl beide eher agnostisch veranlagt waren, ließen sie ihn auf den Namen Sebastian taufen. - In memoriam des Santuario San Sebastiano, das in jener Liebesnacht so weihnachtlich feierlich vom Tal in ihr Schlafzimmer herauf geleuchtet hatte...


Montag, 4. Juni 2012

Die kalte Zeit


 Castellinaria Kapitel 2

Als Bernhards Vater in den Krieg zog, verspürte der Sechsjährige keine Trauer des Abschieds, sondern Erleichterung. Erst als die Feldjäger keine neun Monate später die Meldung überbrachten, dass sein Vater niemals mehr heimkommen würde, erinnerte er sich an diesen Moment und sein grenzenlos egoistisches Gefühl des befreit Seins.
  Seit er gerade laufen konnte, war Bernhard ein wildes raumgreifendes Kind gewesen. Über den enormen Bedarf an Raum hatte sich ein Gefühl für Zeit bei dem Jungen zunächst nicht entwickeln können. Selbst wenn er die Gänse dabei hatte, ging es Kilometer weit an den Entwässerungsgräben entlang und über Moorwiesen schier unendlicher Dimensionen, die den Rückweg vergessen ließen. Doch für jede Unpünktlichkeit, unproduktive Tagträumerei oder Verspieltheit setzte es vom Vater unbarmherzige Prügel - mal mit der bloßen Hand und bei schwereren Verfehlungen auch mit dem steifen Bauerngürtel.
  Die Kleiners waren Kleinbauern und stramme, bekennende Sozis in einem Umfeld, das noch dem streng hierarchischen deutschen Landjunkertum nachhing. Die zwei verwitweten Großväter, Vater und Mutter sowie er und sein zwei Jahre jüngerer Bruder samt der bereits im Krieg geborenen Schwester waren zurechtgekommen mit dem, was die kleine Landwirtschaft abwarf. Aber was würde jetzt werden, da der Vater - wie es hieß - auf dem "Feld der Ehre" geblieben war? Bernhard, der erst in die Schule kommen sollte, begriff den Unterschied zwischen Ähre und Ehre akustisch nicht. Das war in den mecklenburgischen oder pommerschen Idiomen dort im Grenzland zwischen Brandenburg und Pommern kaum zu differenzieren. Er stellte sich vor, der tote Vater läge irgendwo in einem dieser für einen Knaben unüberschaubaren Kornfelder seiner Heimat. Seine Leiche würde vielleicht erst im Herbst bei der Mahd gefunden... Aber aus einem noch größeren Missverständnis zwischen ihm und dem Vater war die nicht zu schulternde Bürde geworden, die nun auf dem Knaben lastete:
  Als hätte Carl Kleiner im traurig an seinem hageren Körper schlotternden Feldgrau geahnt, dass es ein Abschied für immer von seiner Familie sein würde, hatte er das "Schiffchen" des einfachen Gefreiten vom Kopf gezogen und sich so vor seinen Ältesten hingekniet, dass er ihm mit ernsthaften Blick direkt und unausweichlich in die Augen sehen konnte:
  "Wenn ich nicht zurückkomme, bist du der Mann im Haus! Die Nazis werden den Krieg verlieren. Du bist mir dafür verantwortlich, dass den Kleinen nichts passiert. Du weichst Ihnen nicht von der Seite. Und Schluss mit dem Zeit verbummeln!"
  Dann hatte er ihm seine silberne Taschenuhr in die kleine Hand gelegt, ihn fest umarmt und einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Bernhard konnte sich an eine ähnlich zärtliche Geste in seiner gesamten bisherigen Kindheit nicht erinnern.
  Weil aber diese einzigartige Wärme nun von der Erinnerung ein ums andere Mal aufs Neue in seiner Seele entfacht wurde, war die daran geknüpfte Aufgabenstellung zugleich auch stete Mahnung an sein Gewissen. Die einzige väterliche Liebesbekundung geriet somit zur Bürgschaft.
  Zum Raum hatte Bernhard also jetzt diese kostbare Zeit, die tief verborgen in seiner Hosentasche bei jedem Schritt, den er fortan tat, an die Innenseite seines rechten Oberschenkels schlug. Nicht, dass die väterliche Uhr seine Räume kleiner gemacht hätte, aber sie gab Hin- und Rückweg eine Dimension von garantierter Pünktlichkeit. Sie gab allen - auch den noch so kleinen täglichen Tätigkeiten - eine von ihm selbst immer knapper bemessene Frist: zehn Minuten Holz rein schleppen, drei Minuten Herd anfeuern, zwei Stunden Gänse hüten, drei Stunden mit den Geschwistern spielen und sie beaufsichtigen, fünfzehn Minuten Wäschekorb tragen und Mutter die Stücke zum Trocknen anreichen - und so weiter, und so weiter.
  Als er im Frühjahr 1944 in die einklassige Dorfschule kam, hatte das "Meistern" der Zeit ihn bereits zu einer Diszipliniertheit reifen lassen, die sogar seiner Lehrerin auffiel: Weil ihm die Zeit nie zu lang wurde, und er im Rechnen bereits mühelos mit den Zweit- und Drittklässler-Jahrgängen mithielt.
  Weniger toll fanden es die beiden kleineren Geschwister. Im Windschatten von Bernhards Lausbübereien hatten sie auf dem kleinen Hof bislang ein Kinderdasein in fast absoluter Freiheit geführt. Nun erlebten sie einen Bruder, der in den Stunden, in denen ihm die kleinen Kleiners anvertraut waren, einen Gehorsam verlangte und ihnen eine Obhut auferlegte, die noch nicht einmal die Erwachsenen verstanden. Aber er hatte ihnen auch nie von der Verantwortung erzählt, die ihm der Vater beim Abschied aufgebürdet hatte.
  So machte ihm auch der "Straßenkampf" mit den größeren Kindern der Großbauern immer deutlicher, dass er nun zwar mit Raum und Zeit gut zurechtkam. Es fehlte ihm jedoch noch die Kraft als dritte Dimension. Ja, er war zäh, schlaksig und groß für sein Alter, aber dünn wie eine Bohnenstange. Seine Ungeduld konnte gegen diese naturbedingten Vorgaben des Wachstums nun einmal nichts ausrichten. Das wurmte ihn sehr. Also mutete er sich zur seelischen auch manch physische Last zu, die ihn täglich erneut an den Rand der Erschöpfung führte...
  Die Bürde des Vaters, die Stimme des Vaters in seinem Bewusstsein, da ist er sich heute sicher, hatte Bernhard auf geheime Weise vorbereitet. In seinen unauslöschlichen Erinnerungen wurde ihm später auch deutlich, dass er in seinem ersten Schuljahr zwischen zwei massiven Propaganda-Blöcken seiner Naivität beraubt wurde. Während die Lehrerin, ein kurvenreiches Klischee von einer BDM-Blondine, im Herbst 1944 immer noch nicht müde wurde, die sich in die Kinderherzen einnistenden Ängste vor der nahenden Gewalt mit Erzählungen von der Einzigartigkeit des Führers und der alles entscheidenden Wunderwaffe zu zerstreuen, wurde daheim spekuliert. Der Vater der Mutter - im Herzen immer noch KPD-Mitglied - und der Vater des Vaters - ein Anhänger der Sozialdemokratie - stritten abends mit gedämpften Stimmen am Herdfeuer. Sie diskutierten - mit gewissem tödlichem Risiko - ob wohl die unaufhaltsam heranrückenden Russen den Bauern und Arbeitern im Nachkriegsdeutschland endlich die so lang erhofften bessere Leben brächten.
  Vielleicht war die Ergebnislosigkeit dessen der Grund gewesen, weshalb sie immer noch am spärlichen Feuer saßen, als die anderen Nachbarn sich schon den ersten von der Oder kommenden Flüchtlingen  und ihren Trecks angeschlossen hatten.
  Nicht, dass Hitlers historische Fehleinschätzung über  Schlagkraft und Taktik der Roten Armee irgendetwas am Kollektivschicksal der Vertriebenen hätte verschlimmern können. Aber hier ging es um individuelle Tragödien. Sechs Schicksale von etwa fünf Millionen Menschen, die in jenen Tagen auf der Flucht waren. Wenn es schon für die Nazi-Militärstrategen nicht vorstellbar gewesen war, wie sollten dann Zivilisten mit diesem enormen Tempo gerechnet haben.
  Ab Beginn der vierten Januarwoche 1945 rannte die Rote Armee - ukrainische Verbände im Süden und weißrussische im Norden mit bis zu 80 Kilometern täglich bei ihrem Vormarsch auf Berlin auch über Teile Vorpommerns hinweg. Und das bei Temperaturen von bis zu 25 Grad minus. Die Kleiners, die auf ein Gerücht gehört hatten, in Greifswald und Stralsund würden Flüchtlingsschiffe warten, kamen nur noch bis zur Peene. Dann waren sie quasi von den Russen oben und unten überholt worden. Die eigenen Wehrmachtsverbände jagten die Trecks bei ihrem rücksichtslos angeordneten Rückzug auch noch in die Straßengräben.
  Der Film der Erinnerung im Gedächtnis des bald achtjährigen Bernhard Kleiner über diese Tage der Flucht - entwickelt, geschnitten und auf Lebenszeit gespeichert im Hinterkopf - hat so gar nichts damit zu tun, was dem Siebzigjährigen zu diesem Thema jüngst in Film und Fernsehen vorgeführt wurde. Die dramatische Ästhetik des Kamerablicks von außen über weite Schneefelder und grafisch angeordnete Alleen mit endlosen Menschen- und Wagenkolonnen bot sich ja den Flüchtlingen in der öden Kolonnenmarschiererei nicht. Selbst auf den sonst so heimeligen Nebenstraßen nicht, die die ortskundigen Kleiners gewählt hatten, um dem Rückzug der deutschen Landser und dem weiteren Anblick von in den Frostböden nicht zu beerdigenden Erfrierungs- und Erschöpfungstoten zu entgehen.
  Die Bilder, die im Alter auf einmal wieder häufiger in den Träumen erschienen, waren von einer unbarmherzigen Tiefenschärfe, die auch durch die spätere Kenntnis über historische Gesamtzusammenhänge nicht beeinflusst wurde. Es sind Bilder in der richtigen Abfolge, aber isoliert und - trotz Bernhards unkindlicher Disziplin unter diesem speziellen Aspekt - ohne Bezug zu Raum und Zeit. War dieser viel zu späte und aussichtslose Fluchtversuch nur eine Frage von ein paar Tagen oder gar von Wochen gewesen? Bernhard konnte es, da lange verdrängt, nicht mehr rekonstruieren und er kann auch niemanden mehr fragen, weil alle anderen Erwachsenen aus der damaligen Fluchtgemeinschaft nicht mehr lebten. Es blieben quasi Momentaufnahmen oder Filmschnipsel:
  Der Aufbruch war für die Kleiner-Knaben zu allererst ein Abenteuer. Er war von der Mutter betrieben worden, nachdem Flüchtlinge in den Dörfern, durch die sie kamen, immer schauriger über Massenvergewaltigungen von Frauen und Kindern und Vertreibungen durch Rotarmisten berichteten.
  Friede, die Belgier-Stute, war ihnen von den letzten verzweifelten Requirierungen geblieben, weil sie trächtig war. Sie wurde vor einen Kastenwagen gespannt, der dem russischen Panje-Wagen nicht unähnlich war. Die Opas hatten zwei Heuraufen in Zeltform darauf festgezurrt und die Plane einer Rübenmiete darüber gespannt. Das sah komisch aus, - wie ein rollendes Indianer-Zelt - hielt aber die jeweiligen Insassen mit Stroh und Decken einigermaßen warm, weil so der bisweilen schneidende Wind halbwegs abgehalten wurde. Die Kleiners hatten außer dem Hausrat und ein paar persönlichen Sachen nichts von Wert. So wurden eher Gläser mit Rübensirup, Gänseschmalz und gefrorene Butter als Wegzehr unter das Stroh gepackt. Auch die auf Vorrat im Ofenrohr gebackenen Brotlaibe waren gefroren. So hielten sie sich  wenigstens und verschimmelten nicht.
  Die zwei Opas sahen am ehesten so aus, als würden sie schnell schlapp machen. Deshalb war klar, dass sie zur Stammbesatzung dieser merkwürdigen, rollenden Arche gehören würden - ebenso wie der kleine Bruder und die Schwester sowie ein betagter, auf einem Auge erblindeter Hahn und eine noch recht rüstige Legehenne. Ein Ganter und eine Gans konnten ebenfalls von diversen Zugriffen in Sicherheit gebracht und in Weidenkäfigen verladen werden. Blieb also nur noch Platz für einen weiteren Passagier. Seine Mutter und Bernhard wollten sich darin abwechseln, zu Fuß gehend, Friede am Halfter zu führen. Vorne ungeschützt dem Wind ausgesetzt auf der Deichsel zu sitzen, daran war bei diesen Temperaturen überhaupt nicht zu denken gewesen.
  Das Abenteuer hielt die erste Zeit an. Nun erwies es sich als Bestimmung, dass Bernhard nie ein Kind war, das vor längeren Märschen zurückschreckte. Und so kamen sie trotz des trächtigen Zugpferdes recht gut voran, indem sie sich halbstündig abwechselten. Mutter Kleiner hatte in weiser Voraussicht für ihren Sohn ein Paar ihrer Arbeitsstiefel mit Filzgaloschen und Stroh innen gegen die Kälte präpariert und das alte Außenleder mit Gänsefett getränkt. Harte Winter waren in diesem flachen, küstennahen Land ja keine Seltenheit und man wusste mit ihnen umzugehen. Aber die gnadenlos abstrafende höhere Macht sorgte nun für Temperaturen, die das bislang Erlebte vor allem bei Einbruch der Dunkelheit dramatisch unterbot.
  Das Abenteuer war in dem Moment zu Ende, da der kleinersche Wagen eines Abends in einen dieser Treck-Sammelpunkte rollte, die sich an den großen Kreuzungen der Landstraßen quasi von selbst formierten. Da sie wegen des geringeren Tempos stets spät dran waren, blieb meist nur ein Platz fern der schützenden Häuser und nahe der wohlweißlich außerhalb errichteten Latrinen...
  Wie viele Menschen waren da schon durchgekommen? An die dreißig Grad minus nachts sorgten dafür, dass das, was aus den Körpern ausgeschieden wurde, sofort gefror. In den Löchern der Donnerbalken bildeten sich so herausragende Kot- und Urinpyramiden, die die zu spät Gekommenen bestraften. Der bestialische Gestank und die evidente Gefahr, sich bei dieser mangelnden Hygiene anzustecken, wurden aber in Kauf genommen. Sich irgendwo im Freien bei der Verrichtung der Notdurft Erfrierungen zu holen, war  weit aus gefährlicher.
  Die Nächte unter diesen Bedingungen mit ihrer beengten körperlichen Nähe boten zwar einerseits auf der Ladefläche des Wagens verhältnismäßig mehr Wärme, aber sie zehrte auch an den Nerven. Die Opas drehten durch. Anfangs waren es noch politisch motivierte Zänkereien, aber dann geriet das ganze  zwischen den beiden aus den Fugen. Der etwas jüngere KPD-Opa bekam aus unersichtlichem Grund vom SPD-Opa in immer schnellerer Abfolge Kopfnüsse auf immer die gleiche Stelle. Begleitet wurde diese Aktion von zusammenhanglosem Gebrabbel, so dass die kleinen Kleiners zunehmend Angst bekamen und Bernhard aber auch seine Mutter befürchteten, beide verlören komplett den Verstand. Zumal sich nach einem Tag - dort wo die Kopfnüsse unterhalb des verbliebenen Haaransatzes landeten - eine heftige Beule bildete, die sich wenig später blutunterlaufen auch noch entzündete und aufbrach.
  Aber da waren sie schon an der Peene. Bei Neukalen war aus der Richtung Kummerower See im Süden und vom Stettiner Haff im Nordosten - wie das Grollen und Wetterleuchten eines Gewitters -  der Krieg zu ahnen, ohne dass die Kleiners je direkt mit ihm in Berührung kommen sollten. Die schlechten Nachrichten aus dem eingekesselten Ostpreußen, aus Königsberg und Danzig überschlugen sich. Aber am erschütternsten waren die Gerüchte über das Schicksal eines Flüchtlingsschiffes aus Gotenhafen. Hatten ja auch sie die Illusion gehabt, per Schiff in den vermeintlich sichereren Westen zu gelangen. 
  Der Weg nach Greifswald schien ohnehin bereits blockiert, und der eine Opa hatte immer noch nichts Besseres zu tun, als auf den anderen Opa einzuprügeln. Damit aber retteten sie ihrer Familie sogar möglicherweise indirekt das Leben. Denn viele, die dann weiter zogen, erlebten das Ende des Winters nicht.  Die junge Witwe jedoch war vor allem am Ende ihrer psychischen Kraft und entschied resigniert:
  "Sterben können wir auch zu Hause!"
  Am nächsten Morgen kehrten sie also um, und die Sonne sandte ihnen ein Zeichen. Sie schien ihnen ins Gesicht und sorgte dafür, dass die Minus- Temperaturen ein wenig erträglicher wurden. Es war wie das Schweben in einer bunt schillernden Seifenblase. Unwirklich zogen sie gegen den Flüchtlingsstrom auf Abwegen durch eine scheinbar heile Welt.
  Deutschland ein Wintermärchen in all diesem Chaos? Mit jedem Kilometer, den die Kleiners sich der Heimat näherten, normalisierte sich das Verhalten der Opas, die zeitweilig sogar die Führung übernahmen, damit ihnen auf Schleichwegen niemand entgegenkam, der unangenehme Fragen stellte oder gar noch Schlimmeres tat. Es bleibt auf immer ein Rätsel wie sie unbehelligt nach Hause kamen. Die kleinen Höfe in ihrem Zeilendorf Pangerow waren ausgestorben aber offenbar unversehrt. Das eigene windschiefe Walmdachhaus, Fachwerk mit im Schneelicht leuchtend roten Backsteinen, empfing sie, als seien sie nur kurz fort gewesen. Ein paar Handgriffe nur, dann war das Leben fast wie vorher. Was für ein Luxus war nun dessen einfache Behaglichkeit.
  - Doch die war trügerisch. Denn eine unsichtbare Reisebegleiterin hatten sie mitgebracht: Die Diphtherie. Das Hannele erkrankte als erste, dann erwischte es den kleinen Robert und schließlich beide Opas. Nur Mutter Kleiner und Bernhard, die sich eigentlich mit den eingefangenen Bakterien am längsten in der eisigen Luft aufgehalten hatten, blieben verschont und unternahmen verzweifelte Versuche, die in dieser Mangelversorgung tödliche Krankheit mit primitivsten Mitteln zu bekämpfen. Natürlich gab es weit und breit keinen Arzt mehr und so etwas wie frischen Zitronensaft erst recht nicht. Da die unverkennbare Rachenbräune jedoch schon in den vergangenen Kriegsjahren hie und da grassiert hatte, verfügte Martha Kleiner über Grundkenntnisse, sie zu erkennen  und was mit den Patienten zu geschehen hatte, aber auch welche Schutzmaßnahmen die nicht Befallenen ergreifen sollten. Martha und Bernhard zogen in den bis auf Friede leeren Stall. Jeder Patient wurde in einem separaten Zimmer unter Quarantäne gestellt, die Küche zur Desinfektionsstation mit permanent kochenden Wasserkesseln.
  Noch immer waren die Russen nicht gekommen. Der unermüdliche Bernhard klapperte die ganze Umgebung heldenhaft nach Hilfe ab. Aber wenn er dann schon mal jemanden überraschend antraf, wurde er meist feindselig abgewiesen, besonders dann, wenn er vom Diphtherie-Verdacht bei seinen Geschwistern und Großvätern berichtete. Die verheerende Ansteckungsgefahr war in diesem Teil Deutschlands in guter Erinnerung. Doch Bernhard gab nicht auf. Was er  mit der Gewissensstimme seines Vaters im Kopf leistete, war für ein Kind seines Alters übermenschlich. Aber auch seine Eingebungen waren es.
  Weil Kuhmilch nicht vorhanden war, probierte er, ob die hochträchtige Friede bereits laktierte. Und siehe da, für eine Glasflasche täglich reichte es. Seine Geschwister kamen aber nicht nur in deren heilenden Genuss. Bei seinen Wanderungen mit den Gänsen hatte er oft eine  mysteriöse Mecklenburgerin besucht, die in einer Kate an einem kleinen Teich hauste und ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Pilzen, Kräutern und allerlei Beeren bestritt. Sie war gelegentlich auch mal Hebamme, aber in den vergangenen Jahren häufiger das Gegenteil, wenn sich  die Kriegsbräute zu allein gelassen gefühlt  und nicht aufgepasst hatten...
  Auf Gutglück stapfte er einige eisige Kilometer über die entlegenen Felder und nutzte des Öfteren den Schutz der vom Wind blank geputzten, zugefrorenen Entwässerungsgräben. Was wären das für den dem Knabenalter so jäh entrissenen Bernhard vor kurzer Zeit noch für tolle Glitschen gewesen. Doch jetzt beschleunigten sie nur sein ernsthaft zielgerichtetes Fortkommen.
  Nach etwa einer Stunde sah er das Hexenhäuschen unter Birken stehen. Doch schon von Ferne bot die Kate einen verlassenen Eindruck. Unberührte Schneeflächen rundherum machten deutlich: hier war seit dem Schneefall niemand mehr gewesen. Bernhard wollte sich gerade umdrehen, als er sah, wie sich aus dem Ofenrohr, das schwarz und schief aus den Holzschindeln ragte, leichter weißer Rauch kräuselte.
  Er hastete ohne nachzudenken direkt über das verharschte Feld auf die Hütte zu. Ein ums andere Mal stolperte er und fiel hin. Die scharfen Kristalle schnitten in seine löchrigen Fäustlinge und er machte dabei auch einen schrecklichen Lärm. Aber er war ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht argwöhnisch.
  "Muhme Alice. Muhme Alice!" Er trommelte gegen die verrammelte Tür an der rückwärtigen Wand der Behausung. Es verging einige Zeit, dann hörte er wie innen der schwere Riegel bewegt wurde.
  "Bernhardchen? Bernhardchen!... Wat biste jroß jeworden. Wat machste denn hier so janz alleine?" Dabei spähte sie misstrauisch in alle Richtungen, als vermute sie ganz das Gegenteil.
  Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Von der Flucht, von der Rückkehr, von der Diphtherie. Alice zog ihn darauf hin heftiger in die Hütte, als es notwendig gewesen wäre. Drinnen in dem einzigen Raum war es wärmer, als es der spärliche Rauch hätte vermuten lassen. Durch die frische, kristallene Luft, die er über eine Stunde eingeatmet hatte, war ihm der strenge, weibliche Körpergeruch heftiger und anders bewusst als durch die in jüngster Zeit erzwungene Tuchfühlung zu seiner Mutter. Muhme Alice hatte nur ein grobleinenes Nachthemd an und war barfuss.
  Ohne dass er die aufkommenden Erinnerungen schon als erste sexuelle Regungen zuordnen konnte, erinnerte er sich in diesem eher unpassenden Augenblick daran, wie er die Muhme im vergangenen Herbst heimlich beim Baden in ihrem Weiher beobachtet hatte. Die langen schwarzen, von weißen Strähnen durchzogenen Haare, die sie normalerweise als strengen Dutt trug, hatten ihr tropfnass bis ans Hinterteil gereicht, dass ihm fast so wuchtig erschienen war, wie das der trächtigen Friede. Sie hatte sich zum Trocknen auf dem kleinen Steg mehrmals um die ganze Körperachse gedreht, und Bernhard hatte voll innerer Unruhe aus seinem Versteck unter den Birken die enormen Brüste und den bedrohlichen Haarbusch zwischen ihren Schenkeln betrachtet. Wäre Bernhard ein paar Jährchen älter gewesen, hätte er die Muhme Alice nicht als alt, sondern vermutlich als attraktive, vollreife Schönheit wahrgenommen.
  Oben auf der Schlafempore über dem Kanonenofen, knarzte die Bettstatt, aber Bernhard tat so, als höre er das nicht. Die Muhme war nicht allein, und Bernhard registrierte etwas im Unterbewusstsein, das ihm erst viel später wieder in Erinnerung kommen sollte: An den Trockenstangen hingen Mantel und Hose in Feldgrau und auf dem Boden standen mit Heu ausgestopfte "Knobelbecher" wie sie auch der Vater bei seinem Abschied getragen hatte.
  Ob die Muhme merkte, dass Bernhard etwas gemerkt hatte? Eher nicht. Denn sie ließ sich Zeit mit dem Überlegen, wie sie dem Kleinen wohl helfen könne. Sie stellte ihm einen Hagebutten-Tee auf die Bank am Ofen und nahm heimlich schmunzelnd zur Kenntnis, dass der Blick des Kleinen bisweilen etwas länger an ihrer Oberweite hängen blieb als in dieser Altersklasse üblich.
  Sie suchte diverse Dinge aus ihren duftenden Truhen: ein Beutel getrocknete Kamillen mit Hagebutten, eine Flasche Sanddorn-Extrakt und Eibenbeeren. Eibenbeeren? Bernhard wusste, dass Friede immer von den Eibenhecken ferngehalten werden sollte, weil Eiben absolut tödlich für Pferde seien. - Das sagte er der Muhme.
  "Dummchen!. Dat is dat Fruchtfleisch der Beeren! Dat ist voller Zauberkraft. Sag deiner Mutter, sie soll einen Esslöffel Beeren mit einem Esslöffel heißem Wasser zerdrücken und den Kleinen in den Rachen pinseln. Die Opas sollen damit jurgeln."
  Als er alles im Brotbeutel verstaut hatte, wollte er gehen, aber die Muhme hielt ihn noch einmal zurück:
  "Lass mich deine Hände sehn Bernhardchen!"
  Der Knabe streckte ihr unbedarft die Hände entgegen. Sie drehte die Linke mit der Handfläche nach oben und fuhr die Linien nach. Dann schloss sie die Augen:
  "Du wirst dat überleben Bernhardchen! Und du wirst ein Held wider Willen. Jroße, blonde Engel werden dich begleiten oder sojar beschützen. Und du wirst’n Schloss im Himmel haben und nie mehr frieren müssen, wenn du alt bist."


Freitag, 1. Juni 2012

Stur wie ein Esel

Castellinaria Kapitel 1


  Die Alten des Dorfes fanden sich nach und nach schweigend auf der steilen Mauer im Schatten der Kastanien, Platanen und Akazien ein. Da sie ausnahmslos Schwarz trugen, muteten sie an wie eine zögerlich eintrudelnde Versammlung von großen, flatterigen Rabenvögeln auf einer Überlandleitung. Es mögen sich im Laufe einer halben Stunde wohl an die tausend Lebensjahre dort entlang der krummen Stufen versammelt haben, die in die mittelalterlichen Ruinen hineinführten.
  Weiter oben, schon im Schlagschatten der engen Gasse, summten und schwirrten die Schmeißfliegen um zwei gewaltige Dungfladen, die sich beim fallen Lassen fast über die gesamte Breite des Aufstiegs  ausgedehnt hatten.
  Die riesigen ligurischen Ochsen, die sich vor ein paar Minuten derart erleichtert hatten, bevor sie - die urgewaltigen Hinterteile voran - in ihre Cantina-Höhlen bugsiert worden waren, sorgten für ein weiteres Hindernis. Mit ihren Titanen-Köpfen und sabbernden Mäulern, die von beiden Seiten so weit in die Passage hineinragten, dass sie fast aneinander stießen, schufen sie ein respektables Bollwerk. Sie waren offenkundig froh, der schon in den Morgenstunden herrschenden Sonnenglut entronnen zu sein. Auch die Alten in ihren schwarzen Stoffsakkos mieden jeden direkten Sonnenstrahl und genossen den bisweilen kühlenden Atemhauch der Tramontana. Der Fallwind aus dem Appenin nährte einmal mehr die Hoffnung, dass ein paar kräftige Gewitter die eingeschränkte Wasserversorgung hier oben beenden mochten. Normalerweise hätten  sich die Männer im Dunkel der kühlen Kellergewölbe schon mal das erste Gläschen Rotwein des Tages gegönnt, aber dieses angekündigte Schauspiel wollten sie sich einfach nicht entgehen lassen.
  „Beim nächsten Mal macht er schlapp“, prophezeite der ausgezehrte Mario Bartolo. Er reckte sein stoppeliges Kinn in die Brise und sah dabei so aus, wie Mussolini gerne seine Contadini in den frühen Propagandafilmen hatte in Szene setzen lassen.
  „Eine Packung Nationale dagegen!“ Claudio  mit gleichem Nachnamen aber doch nur ein entfernter Vetter von Mario hatte dem Wettobjekt ein ansehnliches Bündel 1000-Lire-Scheine zu verdanken. Und er hatte mit den Deutschen ja als Partisan zu tun gehabt: „Er wird es schaffen - der tedesco pazzo …“
  Sie warteten darauf, dass der lange Blonde und der mickrige Esel, den ihm der listige Fulvio geborgt hatte, endlich aufgeben oder gar unter den Lasten und  der Glut dieses Vormittags zusammenbrechen würden. Fast die Hälfte der betagten  Rabenreihe hatte dem „verrückten Deutschen“, wie ihn Claudio genannt hatte, in der letzten Woche ein Stück zerfallenes Gemäuer an der steilen Ostflanke des mittelalterlichen Wehrdorfes verkauft.
   Einst als Rückzugsrefugium gegen die Piraten auf einer Felsnase mitten in den schier unendlichen Olivenhainen der Campagna Imperese errichtet, war das Dorf nun im Jahre 1968 nahezu verlassen. Die Jungen waren wegen der vermeintlich leichteren Arbeit und des Dolce Vita, das ihnen das Fernsehen vorgegaukelt hatte, in die Industrie-Städte im Norden oder in die touristischen Ballungszentren der Riviera gezogen. Die Alten schufteten, gewissermaßen als letztes Aufgebot, so lange es eben noch ging, in diesem von Oliven- und Weinernten bestimmten Wartestand zum Jenseits.
  Und dann kam dieser Deutsche Spinner und zahlte für wertloses Gemäuer mal kurz eine Million Lire oder für ein verwildertes Stück Garten mit ein paar gegen die Trockenheit kämpfenden Zitronen- und Feigenbäumen unvorstellbare  600.000 Lire. Obwohl er offenbar so reich war, dass er sein Geld zum Fenster hinaus werfen konnte, begann er nun auch noch zur völlig falschen Jahreszeit damit, sich als Ruinen-Baumeister selbst abzukämpfen. Er würde knöcheltief durch die Ochsenfladen stapfen müssen. Der Esel würde bocken, wenn er zwischen den beiden Monstern hindurch müsste, und die gnadenlose Sonne würde dem hellhäutigen Blonden nach dem fürchterlichen Sonnenbrand einen gnädigen Hitzschlag versetzten, noch ehe nur eine der sinnlos erworbenen Mauern wieder stünde.

  Der Baustoff-Händler aus Borgomaro hatte alles unten an der Schotterstraße abgeladen, was Bernhard Kleiner für den ersten Bauabschnitt bei ihm geordert hatte: Zementsäcke, einen stattlichen Haufen schwarzen Schiefersandes, der wie das Teergranulat erst noch in Kiepen umgefüllt werden musste,  Dachrinnen, Leitungsrohre, Kabel und eine handbetriebene Miet-Mischmaschine. Näher als die zwei Serpentinen vom Hauptort herauf an den unteren Dorfeingang ging es nicht. Der Rest würde harte körperliche Schlepparbeit sein; zweihundert Meter über Stufen und steile Plattenwege hinauf zur eigentlichen Baustelle. Es war zu befürchten, dass die Hälfte des Materials über Nacht verschwunden sein würde, wenn Bernhard es nicht  binnen eines Tages auf sein gesichertes Terrain geschafft hätte.
  Bernhard hatte im Morgengrauen bereits Bekanntschaft mit seinem langohrigen Assistenten gemacht. Fulvio, der Dorfälteste, hatte ihm den Graukittel als sconto für große, grob behauene Sandstein-Quader überlassen, die der Deutsche ihm abgekauft hatte. Was für ein Trottel! Fulvio hatte sich die ganze Zeit über die herumliegenden Dinger geärgert. Jetzt schaffte der Deutsche sie fort und zahlte auch noch dafür. Kein Mensch würde heutzutage noch diese Brocken verarbeiten. Laura, seine Frau, müsste dann nach der Räumung des Trümmerfeldes nicht mehr zu ihrem Gemüsegärtchen an den oberen Ortsrand. Jetzt würde sie einen Garten direkt vor der Haustür bekommen. Ein Garten am Haus - das war für die Bewohner solcher Nester in den Bergen ein Zeichen von echtem Wohlstand.
  - Was der Esel, der Beppo hieß, ganz sicher nicht war. Kaum weniger hinfällig als sein Eigentümer balancierte Beppo einen stattlichen Hängebauch auf ziemlich zerbrechlich wirkenden Stelzen. Der Rücken hing so durch, dass Bernhard, der von Eseln ziemlich wenig verstand, sich fragte, wie der überhaupt den Berg hochkommen sollte. Geschweige denn nur einen Sack Zement dabei würde tragen können. Aber als er ihm eine vorsorglich eingesteckte Kohlrübe als Akt der Fraternisation hinhielt, glaubte er in den aufmerksamen Augen des Tieres so etwas wie sein "Alterasino" zu entdecken: Sturheit, Verschlagenheit aber auch ein Beharrungsvermögen, das keiner beiden  auf einen flüchtigen Blick hin anzusehen vermochte...

  Und dann hatten die beiden Sturköpfe mit ihrer vermeintlichen Sisyphos-Arbeit begonnen:  Der 31jährige Bernhard, der mit seinem lang gezogenen Adlerprofil und der hoch mögenden Kopfhaltung eher anmutete wie einer, der sich nicht gern die Hände schmutzig macht und der alterslose Beppo, der mit dem Auflegen des Tragegeschirrs auf einmal seinen Rücken mit dem "Jesuskreuz" auf der grauen Schulter durchstreckte und keinen Hängebauch mehr hatte. Selbst bei zwei Zementsäcken auf jeder Seite bog sich der Rücken des Esels nicht mehr durch, so dass Bernhard, der vor dem Tier nicht zurückstecken wollte,  seinerseits ordentlich schulterte.
  Der lange Deutsche hatte ebenfalls unsichtbare Kraftpotenziale an seinem hageren Körper, die manchem arglosen Widersacher oder vorlauten Mitarbeitern auf anderen Baustellen schon zum Verhängnis geworden waren. Das waren keine Muskelprotzereien, sondern routinierte, abgestimmte Bewegungsabläufe aller Gliedmaßen. Sie erweckten den Eindruck absoluter Mühelosigkeit. Als hätte der Schlacks leicht selbst das Quantum des Esels bewältigt. Sie schafften so an die 15 Säcke pro Stunde. Am Ende der zweiten Stunde fanden sich dann die "Rabenvögel" ein, denn die Kunde vom Unterfangen Bernhards hatte sich zwischen den wenigen noch bewohnten Häusern schnell herumgesprochen. Jetzt mit der Hitze musste der Mann doch wohl aufgeben...
  Aber Bernhard richtete sich ganz nach dem Rhythmus von Beppo. Sie machten nach jedem Aufstieg Pausen, die der Esel bockig einforderte. Tranken das herrlich kühle und mineralhaltig schmeckende Wasser aus der Fontana und teilten brüderlich ein Stück Foccacia bevor sie leichtfüßig wieder zur Schotterstraße hinunter trabten...
  Aber nun herrschte in der Gasse dieser penetrante Ammoniak-Gestank, und die Bremsen fielen über sie her. Von den Monster-Hörnern, die drohend den Weg versperrten, ganz zu schweigen. Bernhard spürte, wie sich die Augen der "Raben" in seinen Rücken bohrten, als er erstmals auf die neuen Hindernisse zustrebte. Er hatte seine bewährten deutschen Norm- Arbeitsstiefel mit den Schutzkappen an und patschte mitten in die Ochsenfladen hinein, dass es nur so gegen die Hauswände spritzte. Und als sich die Titanen-Köpfe nicht in ihre Höhlen zurückziehen wollten, trat er dem einen mit frisch gedüngter Sohle fest genug gegen die weichen Nüstern, so dass auch der andere diese Schmerzen ahnen konnte. Diese Behändigkeit trotz der Last auf seiner Schulter nötigte den Alten schon Respekt ab. Sie nickten einander beifällig zu. Doch noch immer war das sardonische Lächeln aus ihren von Sonne und Alter plissierten Gesichtern nicht ganz verschwunden, denn jedermann kannte Beppos Angst vor den ausladenden Ochsenhörnern.
  Und richtig, kaum war Bernhard, der sich den Zaum des Esels an den Werkzeuggürtel gehakt hatte, vorbei und ein paar Stufen weiter oben, schwangen die Riesenschädel der Ochsen wieder auf die Gasse hinaus. Die zwei Lastenträger waren in der Falle, weil der Esel sich nicht weiter bewegte.
  Wären die Ochsen Bauarbeiter von Bernhard gewesen, so hätten sie nun gewusst, dass damit die zweite Reizstufe des stoischen Deutschen erreicht war. Der drehte sich - immer noch ruhig - um die bepackte Achse, womit er die Longe zum Esel verkürzte und sich beim Abstieg nicht verhedderte.
Auf einer Stufe höher angekommen, trat er nochmals zu. Diesmal nach beiden Seiten, und jetzt tat es richtig weh, weil die gezielten Tritte auf die Nasenringe der Tiere trafen. Es erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebrüll, und die annähernd eine Tonne schweren Ochsen bäumten sich dermaßen in ihren Gewölben auf, dass man das Gefühl bekam, die darüber liegenden Häuser würden von einem Erdbeben erschüttert.
  Beppo, der schlaue Esel, nützte die schmerzliche Verwirrung, um an  Scylla und Charybdis vorbei zu klettern. Aber dann blieb er eine Stufe oberhalb - außerhalb der vermeintlichen Reichweite der Hörner - plötzlich bockig stehen, als wolle er das Herausschießen der wütenden Ochsenköpfe  noch einmal regelrecht provozieren.
  Und die dummen Ochsen fielen drauf herein. Als sie mit mächtigem Schädelschwänken nachtarocken wollten, zeigte sich Beppo Bernhard als Bruder im Geiste zumindest ebenbürtig: Trotz seines in Hangneigung beladenen Schwerpunktes keilte er mit seinen zierlichen Hufen über die Hinterhand paarweise zweimal elegant aus - wie ein Lipizaner in der Wiener Hofreitschule - und traf die Monster noch einmal hart an den schmerzenden Nüstern.
  Bei den nächsten Anstiegen verschwanden die Köpfe dann in den Höhlen, sobald sie die beiden zu Gesicht bekamen. Bis Mittag war bis auf die Mischmaschine alles Material zu Bernhards Baustelle hoch geschafft. Die beiden Recken gönnten sich im Schatten der eingestürzten Altbauten eine ausgiebige Siesta, in der der Esel vom Geschirr befreit an eine schattige Mauer gelehnt schlief und Bernhard mit einem Sandsteinquader als Kopfkissen in das Azur des Himmels starrte und verzweifelt darüber nachdachte, wie er die Mischmaschine herauf schaffen sollte.
  Dann war auch er eingeschlafen. Als er erwachte, stand die Mischmaschine an einem geeigneten Platz vor seinem bröckeligen Tor. Ganz kommentarlos hatten die Alten ihm mit Ochsenkraft ihren Respekt gezollt. Na, nicht so ganz, denn ein noch feuchter Ochsenfladen stank breit geplatscht von seiner Eingangsstufe und beherbergte schon massenhaft dicke, grün schillernde Fliegen.
 
  In diesem ersten Jahr als Ruinen- und Grundbesitzer in Italien konnte Bernhard weder Italienisch noch hatte er einen Führerschein, der ihm eine unabhängige Mobilität ermöglicht hätte. Zum Telefon,  das nur mit Gettoni aus der Bar Tabacchi  im Capo luogo funktionierte und auf Fernamtvermittlung angewiesen war, musste er fast tausend Stufen hinunter und wieder zurück. Für Behördengänge war er auf den zweimal am Tag verkehrenden Bus angewiesen oder er klemmte sich zu einem der Olivenbauern in die für ihn viel zu kleinen Führerstände der Ape; jene nach Zweitaktgemisch stinkenden, dreirädrigen Lieferkarren, die bergab aus jeder Kurve zu fliegen drohten und bergauf so langsam wurden, dass man am liebsten ausgestiegen wäre, um zu schieben.
  Was Bernhard mit Worten noch nicht erreichen konnte, schaffte er mit seiner Hände Arbeit. Die einfachen Menschen im Appenin machten ja ohnehin nicht viel Worte. Aber sie wussten handwerkliche Fähigkeiten über alle Maßen zu schätzen. Es war  dies ja eigentlich nur als ein erster Urlaub zum Grunderwerb und zur Regelung möglicher notarieller Angelegenheiten  gedacht gewesen. Sein Konzept sah vor, dass er künftig die saisonal bedingte Arbeitslosigkeit als Maurer in Deutschland hier in Italien nutzte, um das in die Tat umzusetzen, was ihm als Achtjähriger in Vorpommern während des gnadenlos kalten letzten Kriegswinters geweissagt worden war und was er sich daraufhin selbst geschworen hatte:
  Ich will ein Schloss im Himmel, und nie wieder frieren müssen!
  Bernhard war von einer zögerlichen, reservierten Gott-Gläubigkeit, die keiner Religion anhing und beherzigte eine unumstößliche, persönliche Moral, so dass ihn Freunde schon mal flapsig in Anspielung auf seine Tätigkeit den "Freimaurer" nannten. Jedenfalls hatte er es als Fingerzeig des Himmels empfunden, als er erstmals bei der Suche nach seiner südlichen Traumimmobilie auf das Wehrdorf Castellinaria gestoßen war.
  Zunächst hatte ihm etwas vorgeschwebt, was die Einheimischen einen Rustico nannten - ein verlassenes Gemäuer auf einem ordentlichen Stück Land in Meernähe, auf dessen Grundriss man neu bauen durfte. Aber dafür reichte das Geld nicht, das seine Frau Traute und er zur Seite gelegt hatten, seit sie nach zwei Fehlgeburten wussten, dass sie kinderlos bleiben würden. Das waren rund 6000 Mark - ein halber Jahresverdienst. Aber was kostet schon ein Traum? Der Immobilien-Makler hatte ihm im schlechten Deutsch beschieden, dass er sich für diese Summe schon selbst auf die Suche begeben müsste,  ihm andererseits aber nachsichtig lächelnd den Tipp gegeben, sich in den weitgehend verlassenen Wehrdörfern des Hinterlandes umzusehen.
  Weil er ja im Urlaub war, hatte er sich sofort auf die Wanderung begeben. Am ausgetrockneten Flussbett des Impero entlang war er im gleißenden Licht in Richtung Berge marschiert. Kurz hinter der Römerbrücke von Pontedassio blickte er zu den Dörfern hinauf, die wie Perlen an den Zacken einer Krone hintereinander abgestuft und aufgereiht lagen, als seien sie von irdischen Wesen uneinnehmbar. Leuchtende Kleinodien im changierenden Grün von Oliven- und Eichenhainen, die auf Terrassen in den Himmel zu klettern schienen. Bernhard atmete so tief ein, als wolle er diesen Augenblick nicht nur optisch festhalten. Der heiße Duft von wild wachsendem Rosmarin, von Salbei, Lavendel und Ginster drang in Nase und Lunge. Samt der vorauseilenden Erkenntnis, dass er es gefunden hatte.
Da oben, im höchsten Ort würde er es bauen und es würde kein Luftschloss sein, wie es der Ortsname verheißen mochte: Castellinaria.
  Etwas über eine Stunde später in voller Mittagshitze war er an der steilen Ostflanke des um diese Zeit wie komplett ausgestorben wirkenden Ortes angekommen und blickte durch die leeren Fensterhöhlen und die Breschen im alten Gemäuer auf die Weinberge des tiefer gelegenen Nachbarortes, der in den azurblauen Dunst des Luftlinie nur fünf Kilometer entfernten Mittelmeeres ragte.
  Hätte das Schicksal es anders mit ihm gemeint gehabt, Bernhard wäre nicht nur ein Meister seines Faches und später ein umsichtiger Bauleiter geworden. In diesem Moment wurde er nämlich von einer übermächtigen Vision gepackt, wie dies alles aussehen könnte, wenn es denn seines und er auch sein eigener Baumeister wäre.
  "Si vende", sagte da eine Stimme hinter ihm.
  "Si! - Quanto?", antwortete Bernhard ohne sich umzudrehen mit einem von gut einem Dutzend italienischer Vokabeln, die er daheim von seinen Gastarbeiter-Kumpeln aufgeschnappt hatte.
  Doch so einfach war es zunächst nicht, um dann doch wieder viel unkomplizierter zu sein als in Deutschland. Weil Bernhard kletternd umrissen hatte, was er haben wollte, hatte er es auf einmal nicht allein mit dem ersten Mann zu tun, der ihn angesprochen hatte, sondern mit dreien. Und weil er für seine Frau Traute noch ein Stück Garten wollte, kam noch eine Witwe hinzu - und Fulvio, dessen Sandsteinquader es ihm angetan hatten.
  Bernhard hatte die ruhige Schönheit dieser Steine mit seinem geschulten Blick sofort erkannt, obwohl sie wie Kraut und Rüben auf dem Nachbargrundstück verstreut lagen und zum Teil schon dicht von Brombeerranken überwuchert wurden. Auf seinen unfreiwilligen Wanderungen hatte er genug Gelegenheit gehabt, die meisterliche Schicht-Technik ligurischer Trockenmauern zu studieren. Sie stützten die Terrassen  der historischen Olivenhaine zum Teil seit vielen Jahrhunderten unverrückbar. Hier und da waren sogar noch die Treppen aus massiven Trittsteinen zu sehen, auf denen die Bauern  die bisweilen zehn Meter hohen Mauern erklommen; lange, schmale Quader, die hintereinander versetzt zur Hälfte in der Mauer verklemmt waren und auch von gelegentlichen Erdbeben nicht herausgeschüttelt wurden.
  Man musste einen Blick für die Formen und Dimensionen der Steine haben, um sich eine Vorstellung von den Möglichkeiten der Gestaltung machen zu können. In den ersten Momenten seiner Visionen hatte Bernhard diese erkannt und daran eine praktische Überlegung geknüpft: Irgend ein Steinmetz hatte sich vor Jahrhunderten die Mühe gemacht, diese Sandstein-Quader zu brechen und zu behauen und ein Maurer hatte sie sich so geordnet, dass daraus ohne Mörtel oder sonstiges Füllmaterial ein solides Mauerwerk geschichtet werden konnte. Es ging also lediglich darum, für die Grundmauern ein mittelalterliches Puzzle mit modernen Materialien zusammen zu fügen, und Bernhard wusste, dass die unverfälschte Struktur grandios aussehen würde. Dass die Puzzle-Teile nicht selten bis zu einem halben Zentner schwer sein würden, focht ihn nicht an. Wozu hatte er denn den guten alten Beppo?
  Fulvio staunte nicht schlecht, als sich Bernhard bei ihm bis zum Winter verabschiedete und ihm seinen Sarg großen "Zauberkasten", der per Bahnfracht nachgekommen war, zur Aufbewahrung anvertraute. Mit einer Mischung aus Hochachtung,  Staunen und ein wenig Missgunst betrachtete er die neuen Grundmauern, die der Deutsche in Rekordzeit aus seinen "wertlosen" Steinen zusammengefügt hatte. Mit großen Stahlwinkeln, Wasserwaagen und Richtschnüren aus der Kiste hatte er aus den Vorgaben längst verblichener ligurischer Steinmetze ein Mauerwerk unerhörter Ästhetik geschaffen. Selbst das fast noch zur Gänze erhaltene Castello aus dem elften Jahrhundert im Zentrum des Dorfes wies nur an der Hauptfront eine derart erhabene Struktur auf:
  Je fünf ähnliche und doch nicht gleiche, sehr glatte Quader stützen rechts und links vom Eingang einen fast zwei Meter breiten und fünfzig Zentimeter hohen, leicht gewölbten Portalstein. Die zwei Fensterstöcke zur Gasse links und rechts vom Eingang waren Miniaturen dieser Konstruktion. Wenn die Mittagssonne der Länge nach in die Gasse schien, begannen diese Einfassungen honiggelb aus dem ockerfarbenen Netz des übrigen, rauer behauenen Mauerwerkes zu leuchten. Niemand konnte sich dieser archaischen Schönheit verschließen, und in dem Maße, in dem Bernhard den alten Steinen zu neuem Glanz verholfen hatte, schien auch die Fontana am Platz vor dem Castello plötzlich das Wasser eines erquickenden Jungbrunnens zu spenden. Jedenfalls wehte entfacht vom Tun des Deutschen ein neuer Wind durch die fast schon ausgestorbenen Gassen. Das waren weder Scirocco noch Maestrale, kein Libeccio und auch kein Tramontana - dieser Wind hieß Hoffnung und Zukunft für ein verlassenes Dorf.  Der tedesco pazzo hatte sich verblüffend schnell den nachbarschaftlichen Respekt als vicino Bernardo verschafft. Später  -gut vierzig Jahre lang - würden sie ihn alle nur noch Don Bernardo nennen.







Luftschloss

Vorwort

Jetzt, da die Burg schon wieder von Langzeitbewohnern auf immer verlassen wurde, denke ich - dem fortschreitenden, eigenen Alter gewahr -, dass es an der Zeit ist, mal über die Vergangenheit und die Zukunft hier zu spekulieren. Das ist natürlich Autoren-Fiktion, denn vieles weiß ich ja nur aus Erzählungen verschiedenster Quellen, die sich aufgrund diverser Querelen auch untereinander gerne widersprechen. Vor allem bei der Frage: Wer hat's erfunden?

Nachbarschaftliche Verhältnisse sind in den seltensten Fällen objektiv, und persönliche Animositäten trüben vielleicht das Bild... Ich habe diese Klippe umschifft, indem ich einfach einen neuen Borgo mit dem Namen Castellinaria erfunden und auftretende Charaktere wild durcheinander gewirbelt und so verfälscht habe, dass selbst Eingeweihte sie nur mit großer Ungewissheit identifizieren könnten. Aber dennoch - Ähnlichkeiten mit Verstorbenen oder lebenden Personen sowie tatsächlich existierenden Dörfern wären  rein zufällig.

Damit es nicht langweilig wird, kommen die Kapitel in loser Folge und werden natürlich durch aktuelle Burgbriefe unterbrochen.

Meine Widmung gilt vor allem den Ruinen-Baumeistern Berthold und Ronald sowie insbesondere Traudl, Edith und Franz, die nach all den Jahren hier in ihre Heimat zurückgekehrt sind.