Freitag, 24. Juli 2026

Glocken-Glück

Was die repetierende bretonische "Pendule" in unserem Münchner Wohnzimmer, ist hier die Kirchturm-Uhr vom Capo Luogo. Die repetiert auch, macht aber zudem die Repetition zur halben Stunde durch ein helleres Ping deutlich. Beide helfen mir des nachts durch meine mitunter wilden Träume. Wenn ich aus dem Tiefschlaf an die Oberfläche des Bewusstseins schrecke, beruhigt mich der Glockenschlag allemal, weil ich dann weiß, wieviel Zeit mir noch bis zum Aufstehen bleibt. Als spielte das in einem Rentner-Alltag noch eine Rolle.

Mein Leben lang nimmt mich, den Agnostiker, der Glockenklang der Gläubigkeit weltweit mit, und es hat mich immer schon gestört, dass der Islam diese tönende Botschaft ablehnt und stattdessen die Muezzins schon mit eindringlichen Apellen noch in der Nacht zum Morgen-Gebet aufrufen. Am schlimmsten, wenn es eine abgenutzte Ton-Konserve ist, die einem da ins Ohr dröhnt.

Der Klang der Glocken meldet eben nicht nur die Zeit, sondern ruft ja auch oft zum Gebet, aber er verursacht zunächst einmal eine positive, ja mitunter feierliche Stimmung. Es sei denn, es gibt zur Warnung ein heftiges Glocken-Gewitter. Die Lehre zur Sprache des Geläuts heißt übrigens Campanologie. Vor allem im angelsächsischen Sprachraum kann sie zu einer gewissen, überzogenen Besessenheit und auch sportlichen Bimmel-Wettbewerben führen.

Hier im Trichtertal mit drei denkmalgeschützten Groß-Kirchen, vermitteln die Glocken natürlich Botschaften, die über den Ruf allein zum Gottesdienst hinausgehen. Gedenk-Gottesdienste, Requiems für vor einiger Zeit Verstorbene sind sehr beliebt und werden durch einen typischen Schlag mit Gegenschlag angekündigt, damit sie sich vom einem Totengeläut und die Erinnerung an die tägliche Andacht unterscheiden. Die erfolgt jeden Morgen an- und abschwellend um 7:30 Uhr und ist natürlich automatisch gesteuert.

Foto: Claus Deutelmoser
Bei Westwind habe ich oft das Gefühl,
als hingen die Glocken 
direkt vor meinem Schlafzimmer-Fenster
Wenn der Glockenschlag meist nachmittags gar nicht enden will, ist das nich der Fall: Im dramatischen Takt schlägt die dunkle Glocke in der Anzahl der Lebensjahre. Was hier sehr lange dauern kann, weil vor allem die zur Lebzeit voller Inbrunst Gläubigen in der Gnade ihres "Signore" eben besonders alt werden. Vorgestern habe ich mal wieder mitgezählt. Erst bei 86 setzte das Gewirbel der helleren, kleineren Glöckchen laut ein, ehe es immer leiser wird. Das soll wohl die Himmelfahrt  der Verstorbenen symbolisieren .

Irgendwie macht mich das ganztägige Geläut  glücklich. Ich bekomme es ja auch in unterschiedlicher Lautstärke mit allen Repetitionen dreifach ans Ohr, weil es bewusst oder unbewusst seit einem Vierteljahrhundert nicht gelungen ist, die Glocken von Chiusavecchia im Tal und von Torria gegenüber synchron mit unserer erklingen zu lassen. Das hat nichts mit der Schall-Geschwindigkeit zu tun. Derart versetzt ist das zehnminütiges Glocken-Glück für alle, denen die Stunde eben noch nicht geschlagen hat.

Foto: Andi Heintze
All die traumhaft gelegenen Kirchen Liguriens
müssen auch damit klar kommen, dass immer weniger Gläubige
dem Ruf ihrer Glocken folgen

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