Freitag, 10. Juli 2026

Trepp auf, trepp ab

 Wer einen Indikator dafür braucht, wie gnadenlos das Alter im Gleichklang  mit dem Abbau der Kräfte  fortschreitet, braucht nur bei annähernd 40 Grad das Gepäck oder die Wochen-Einkäufe über die 43 Stufen und zwei steile Wegstrecken zur Pizza hoch zu schleppen. Da ist man dann alle Jahre wieder ein Quäntchen mehr geplättet.

Wer den Borgo liebt, muss Treppen mögen. Aber er muss auch mit jedem Jahr mehr Vorsicht walten lassen. Für Treppen in mittelalterlichen Gemäuern gilt unbedingt die alte Seemannsregel: Eine Hand für den Mann oder die Frau, die andere fürs Schiff beziehungsweise das Treppengeländer. Was haben wir Jüngeren vor ein paar Jahren geschmunzelt, als Ugo der Bewahrer vom Parkplatz her alle Mauern am Aufstieg auf seine Kosten  mit schmiedeeisernen Geländern bestücken ließ. Da kam - wie ich vor drei Jahren schmerzhaft erfahren musste - Hochmut vor dem Fall. Auch mein langjähriger Golfpartner hat im Frühjahr - gerade verwitwet - drei Tage nach einem Treppensturz allein auf sich gestellt, bewegungsunfähig und dehydriert mit Ach und Krach nur überlebt, weil die Putzfrau ihn noch rechtzeitig gefunden hat.

Es ist nun mal so der Lauf des Lebens, dass Jahr für Jahr mehr Burggeister allein zurückbleiben. Um so mehr kommt es auf die Achtsamkeit der Nachbarn an. Dabei fällt mir auf, dass die alleinstehenden Einheimischen wohl durch den längeren Umgang mit dem Treppauf und Treppab sich möglicherweise eine Art Turbolader antrainiert haben. Beispielsweise die von mir gerne als Bürgermeister-Witwe apostrophierte Ada, die trotz ihrer Immobilien im Tal, heute weit in den Achtzigern mit zwei künstlichen Hüftgelenken immer noch auf den Treppen rund um die Piazza unterwegs ist, als stamme sie von den einst hier beheimateten Gazellen ab.

Gestern schwer mit Einkäufen versorgt, fiel uns der Weg zum Ca'sanna hinauf aber wieder einmal erstaunlich leicht, obwohl die gnadenlose Hitze um keinen Grad nachgelassen hatte. Im Nu war nämlich das alte neue Auto meiner Frau von Burggeistern im Gesamtwert von über 200 Lebensjahren umringt. Jeder von ihnen schnappte sich ein Stück, so dass für mich nur die als Rucksack tragbare Kühltasche übrig blieb. Trotzdem waren sie nach der ersten Steilrampe schon aus meinem Blickfeld verschwunden.

Foto: Claus Deutelmoser
Die letzten Stufen zur Piazza sind sowohl vertikal als auch
horizontal extrem hängend. Besonders wenn man denkt,
es sei geschafft, sind sie bei dem hier seltenem Regen
oder gar bei gelegentlichem Schnee besonders tückisch

Beneidenswert!

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