Freitag, 17. Juli 2026

Zwiespältige Zeit

 

Ausschnitt aus Salvador Dalis
La Persistenza della Memoria
Niemand klärt den älteren Menschen darüber auf, dass sich die Zeit gegen Ende des siebten Lebensjahrzehnts,  in zwei Zonen der Wahrnehmung spaltet. Und deren Grenze  verschiebt sich dann auch noch tückisch je nach Tagesform!

Ich hatte als mit Abstand jüngstes Kind meiner Eltern eigentlich genügend Zeit, mit ihnen über diese Phase zu reden. Mein Vater war zehn Jahre älter als meine Mutter, die ihn dann auch noch 16 Jahre überlebte. Beide, bei vollem, oft messerscharfen Verstand starben den gnädigen Sekunden-Tod.
Sie lebten in ihren gemeinsamen Erinnerungen an abenteuerliche Reisen, und wenn sie sich einmal über Datum und Jahr uneins waren, dann ging meine Mutter an ihren Schrank und holte einen Jahreskalender in Notizbuch-Format hervor, denn sie schrieb über jeden ihrer Tage das Wesentliche in Stichpunkten auf.

Nur so kann es gehen, dachte ich fälschlicher Weise. 

Seit acht Wochen, mit über 30 Grad tagsüber und nie unter 20 während der Nacht, zwingen mich diese lähmenden Zustände zum Nachdenken, ob mein Dasein noch irgend einen Sinn macht. Sind diese Tage etwa verlorene Zeit? Gibt es die im Alter überhaupt noch - Tage, die Sinn machen?
Nächte und Tagesabläufe schleichen sich dahin, und dann schaut man auf den Kalender und merkt, dass ein halbes Jahr schon wieder rum ist. Als sei Neujahr erst gestern gewesen...
Kommt eine kühlere Phase deshalb schneller? Die 16-Tage-Prognose für das Wetter über der Burg verspricht eher noch höhere Temperaturen.. Und dass auch kein Regen fällt, erhöht die Gefahr, dass uns hier oben wie vor ein paar Jahren das Wasser ausgeht.

Quelle: Geheimnisakademie
Die Griechen und Römer haben sich es
leicht gemacht, Sie schoben die
Verantwortung für Gedanken 
über Zukunft und Vergangenheit
der Gottheit mit den zwei Gesichtern zu:
Janus

Wann war das noch? Wohl in einer Zeit, als die Zisterne noch gefüllte werden musste und ehe wir Wasser aus dem Tal von Pieve die Teco hoch gepumpt bekamen.
Aber vor zwei oder waren es gar vier Jahren erlebten wir auch, dass dort das zauberhafte Flüsschen Arroscia nahezu gänzlich ausgetrocknet war, um im darauf folgenden Frühling so anzuschwellen, dass es die historische Brücke von Vessalico fort riss.

Halb voll oder halb leer:
Im Blick auf den
Ozean der Erinnerungen
spielt das gar keine Rolle mehr
Komisch, dass im Ozean der Erinnerungen die guten Erlebnisse dann doch eher oben schwimmen und die schlechten oft mit der vermeintlich  "Wunden heilenden" Zeit versinken.

Um auf die zwei Zeitzonen des Alterns zurück zu kommen: Die zurück liegende schiebt sich wie im Zeitraffer zusammen. Bilder, ja ganze Filme von Ereignissen, laufen vor dem inneren Auge ab, als seien sie gestern gewesen, aber dann hakt das Zeitmanagement des Gehirn-Archivs. Wann war das noch gewesen?
Meine Frau hat es da besser. Schon in unseren ersten gemeinsamen Jahren, war ihre Vergesslichkeit ein Streitpunkt. Heute weigert sie sich, die einfachsten Dinge abzuspeichern. Sie schreibt sich lieber Zettelchen (die sie gerne liegen lässt) und verlässt sich wie all die Jahre zuvor auf mich als ihr Datenspeicher. Belastendes wird augenblicklich verdrängt, womit sie mir die Bürde des Erinnerns in doppelter Hinsicht auflädt. Ihr käme das durch die diffusen Tage ausgelöste Nachdenken über die Zwiespältiges der Zeit beim Altern gar nicht erst in den Sinn. Sie lebt - wie die meisten Frauen um mich herum - vorrangig im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist für sie in erster Linie ein "weißt du noch, wie wir damals in - wie hieß das noch? - Auf dieser Landzunge in diesen einmaligen Sonnenuntergang gefahren sind?" - Ich könnt gemein sein, und ihr nicht sagen, dass das unsere vierte Hochzeitsreise und der Weg zur Bodensee-Insel Reichenau gewesen war, aber so bin ich eben. Ich muss die Erlebnisse zu- und einordnen können.

Wenn Altern nichts für Feiglinge ist,
sind die Mädels irgendwie besser dran:
Schwestern im Vergessen vereint
Ich mache mir auch noch ständig Sorgen über unser Lebensende hinaus. Male mir die unmittelbare Zukubft mit überhand nehmender KI aus. Rätsele, wie mein Enkel, der ab September aufs Gymnasium geht, mit der Welt klar kommt, deren schon aktueller immer dramatischer werdende Klimawandel ignoriert oder verleugnet wird. Da wünsche ich mir dann, ich hätte die Zauberformel meiner Frau zum Thema Zukunft auch verinnerlicht: 
Wir können sie doch sowieso nicht mehr ändern!"

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