Dienstag, 31. Juli 2018

Auf der Suche nach den Windkreuzen

Um denen, die davon wissen, gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen:Das Windkreuz ist ein Begriff aus der Architektur. Es diente früher zur Stabilisierung des Giebels, wurde gerne in der Fachwerk-Technik verwendet, aber letztlich durch festere Werkstoffe überflüssig. Aber um das geht es hier nicht.

Um bei der aktuellen Hitze nicht den ganzen Tag im gar nicht mehr so kühlen Haus verbringen zu müssen, nehme ich einen Stuhl und gehe auf die Suche nach Windkreuzen, also Punkten, an denen je nach Richtung mehrere Brisen aufeinander treffen. Bald habe ich für die gesamte Windrose im Borgo Stellen gefunden, an denen zumindest laue Lüftchen einander begegnen oder sich kreuzen. Da ist es dann wie unterm Ventilator.

Dort stelle ich dann meinen Stuhl auf und versinke in einem meditativen Zustand. Für Touristen sieht das natürlich komisch aus, und nachts mache ich ihnen vermutlich angst. Aber die Contadini haben sich längst an meine Spleenigkeit gewöhnt.
Der "Nachtwächter"

Vor allem dort, wo die engen Gassen länger überbaut und schattig sind, hat der Wind-Catcher bei den Quergassen den meisten Erfolg. Am liebsten sitze ich natürlich auf dem Stern der Piazza, wenn der Schlagschatten unseres Hauses ihn um die Mittagszeit erreicht...
Hinter dem Torbogen an der Burg kommt ein Windkreuz der Extraklasse

Sonntag, 29. Juli 2018

Wandel-Klima

Willy Brandt
Als der "SPD-Kärrner" Herbert Wehner unter anderen dem Kanzler Willy Brandt den Dolch in den Rücken jagte, benutzte er einen als Diskriminierung gedachten Satz:
"Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau."
Herbert Wehner

Die SPD, wie sie die beiden vertraten, existiert ja leider so nicht mehr. Der Klima-Wandel in der Bundes-Politik braucht keine Volkspartei mehr. Eher wird nach harten Kerlen mit noch härteren Sprüchen verlangt. Da braucht es Lauwarm-Duscher nicht mehr. Oder doch?

In der Süddeutschen vom Wochenende hat es Star-Autor Werner Bartens immerhin mit seiner Theorie "Cool bleiben!" auf die Titelseite gebracht. Nach der hätte also Willy Brandt in der hitzigen Politik von damals mit lauem Baden alles richtig gemacht.

Werner Bartens
Wir Nord-Menschen seien nämlich durch Klima-Anlagen, Eisschränke und auch weiter unangepasstes Leben nicht mehr in der Lage Temperaturen auszuhalten, für die wir bei lauwarmen Leben durchaus prädestiniert seien. Statt eiskalten Drinks und heiß Duschen empfehlen Bartens und seine Quellen das lauwarme Leben für Temperaturen über 30 Grad.

Hier auf der Burg war es den gesamten Juli kühler als beispielsweise in München.
Die Schwägerin schrieb, für Wärme müsse man wohl nicht länger nach Italien. Wie recht sie damit hatte, bestärkten Münchner, die gerade angekommen waren:

Angesichts von 24 Grad am Abend jauchzten sie auf und lobten unser erfrischen atmungsaktives Klima. Da gönnen wir uns im Wandel-Klima doch gleich mal unsere vierte lauwarme Dusche...

Freitag, 27. Juli 2018

Stich um Stich

Spielkarten und ich, das ist leider keine Erfolgsstory. Irgendwann habe ich deshalb auch aufgehört, mit meiner Frau zu karteln. Und als dann meine Kinder den Durchblick hatten, spielten sie mich auch bald an die Wand. Was genau Karten gegen mich haben, fand ich leider nie heraus.

Ich tröstete mich mit dem Spruch "Pech im  Spiel, Glück in der Liebe".

Aber dass es tief in mir weiter brodelte, merke ich in den letzten Jahren, in denen eine klammheimliche Freude in mir aufstieg. Nämlich, wenn hier die Pappadaci, Mücken, Oliven-Fliegen und  neuerdings auch Jagdspinnen in der feuchten Luft ihren Blutdurst stillen.

Wie einst beim Kartenspielen kassiert die "Fürsorglichste" nun Stich um Stich, obwohl sie sich mit allen erdenklichen Kampfstoffen einsprüht. Ich würde ja in mich hinein grinsen, aber leider besteht sie auch mitten in der Nacht darauf, mir das zustande Kommen jedes einzelnen Stiches zu dokumentieren. Dann drückt sie mir die Salbe in die Hand, und ich muss jeden Hubbel sorgsam betupfen. Also bin ich wieder der Verlierer..

Gestern waren wir bei unserer mittlerweile hoch geschätzten Schweizerin zum Geburtstag eingeladen. Alle - außer mir, der das Zeug grundsätzlich nicht riechen kann - sprühten sich immer wieder ein, wurden aber dennoch gestochen. Ich spürte die Tierchen zwar, aber aus irgendeinem Grund drehten sie dann ab und taten sich dann bei den anderen gütlich.


Vermutlich pulsiert in mir das böse Blut der Schadenfreude.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Verwandlungen

"Le Troisème Age" ist der französische Wert-Begriff für Menschen, die nach dem Arbeitsleben noch einmal Schwung in ihr Leben bringen wollen. Mittlerweile ist das "dritte Alter" in Frankreich zu einer echten Bewegung geworden. Reisen, Sport-Treffs, Kultur-Kurse sowie Wellness-Angebote werden unter diesem Label angeboten.

Als ich selbst noch nicht in diese Altersklasse gehörte, begegnete ich Reisegruppen aus rüstigen Rentnern weltweit, vor allem aber in den französischen Übersee-Departements. Kennzeichen: laut, fröhlich und auch trinkfest.

So unternehmungslustig, dass Soziologen nach dem Trisième Age den Begriff Quattrième Age für Leute verwenden die richtig alt und durch Krankheiten auch weniger unternehmungslustig sind.

Altersgrenzen verwischen immer mehr. Manche, die nicht aufhören wollen zu arbeiten, verdingen sich in der Entwicklungshilfe und bei uns aktuell in der Betreuung von Flüchtlingen.

Hier auf der Burg gibt es dem Alter nach Alte, die sich neu erfunden haben. Ganz oben an der Spitze der
Mäzen vieler Errungenschaften, der längst pensionierte Lehrer vom Poly-Technikum, der täglich in die Bibliothek geht, die er dem Borgo auch noch hinterlassen will. Er ist 94 und lässt sich nur an nicht so guten Tagen von recht kurvigen, jungen Betreuerinnen begleiten.

Unsere beiden Musik-Professoren bilden zusammen mit meiner Frau ein Team, dass unsere Piazza so schön macht, dass in der Ferien-Zeit immer wieder Touristen unter den Bögen und an unserer Fontana Pause machen.

Ich bin ein wenig neidisch auf die 70 und 80jährigen Deutschen, die immer noch Jahr für Jahr ihre  Häuser hier aufsuchen, aber fast täglich - selbst bei der aktuellen Brut-Hitze - unterwegs sind.

Mir bleibt leider nur noch das Schreiben, aber die damit verbundene Hoffnung, dass meine Nachkommen, wenn sie das Haus denn mal übernehmen, in der Lektüre einiges wieder erkennen.

Auch, dass es noch möglich ist, sich mit sechzig Hals über Kopf zu verlieben und in einem "neuen Leben" Erfüllung zu finden. Sich mit einer Liebe neu zu erfinden, erprobt gerade unsere hochgewachsene Schweizerin, die sich bei Renovierungsarbeiten in ihrem Haus verliebt hat.  Er ist ein Muskelpaket mit einer langen Legende, die ihm quasi Kenntnisse in allen Handfertigkeiten beschert hat. Zum Teil hat er auch bei der Rekonstruktion von  Häusern im Borgo Hand angelegt.
Jetzt ist er auf der Bio-Bauern-Schiene unterwegs, und will mit seiner neuen Liebe eine Azienda Agricola betreiben. Tagtäglich geht  die ehemalige CEO nun in Latzhosen und Männer-Hemden in die Campagna und kommt abends erschöpft aber glücklich mit ihrem neuen Fix-Stern Händchen haltend über die Piazza.

Eine persönliche Neu-Erfindung, die wir mit vollem Herzen unterstützen. Ein Wochen-Abo für Gemüse haben wir schon abgeschlossen Wenn auch noch Öl, Eier und Hühner dazu kommen, ist es dann schon beinahe so wie in alten Zeiten....

Sonntag, 22. Juli 2018

Großartige Gewitter










Es war so zu erwarten: Eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um die 30 Grad. Das lässt die Oliven-Bauern und Gemüse-Gärtner mit zwiespältigen Gefühlen zu den Wolken-Bergen hinauf schauen. Einerseits freuen sie sich über die Gratis-Bewässerung, andererseits kann keiner voraussehen, ob sich in den hohen Türmen nicht auch Hagel bildet. Wir haben das einmal hier erlebt, dass ein etwa 300 Meter breiter Streifen vom Impero unten bis hinauf  zur Burg die ganzen noch jungen Früchte von den Zweigen gefegt hat. Die Landleute hätten wohl kein Verständnis dafür, dass ich die Entladung immer regelrecht herbei sehne.


Eine Minute später
Das ist so seit der Volksschule, in der ich sehr zu leiden hatte, weil ich aus Hamburg kommend, nicht nur über den "spitzen Stein" stolperte, sondern auch extrem schnell sprach. Dafür musste man im Bayern der 1950er sogar nachsitzen. Aber zum Abschluss war mein Missingsch doch zu etwas nutze.
Unserem Direx war es eingefallen, die Abschluss-Klasse im Chor den Nis Randers von Otto Ernst dar zu bieten, und da war mein hanseatischer Tonfall für zwei Solo-Sätze geradezu prädestiniert.

Ich hatte furchtbares Lampenfieber und ging in den Schulgarten, um mich ab zu regen. Die Schwüle stand und ich schwitzte aus allen Poren. Dann brach ein für münchner Verhältnisse unheimlich starkes Gewitter los. Ich erreichte die Aula gerade noch trockenen Haars, sah aber trotzdem pitschnass aus
.

In wenigen Minuten war etwas in mir vor gegangen: Ich war entspannt und erleichtert. Bei meinen beiden Einsätzen trat ich selbstsicher vor und donnerte "Da hängt noch ein Mann im Mast. Wir müssen ihn holen!", im für den Norden typisch. nasalen Ton. Und beim zweiten meiner Solo-Einsätze " Sag Mutter, s'ist Uwe!" brandete der Applaus los.

Gestern kamen auch mindestens "drei Wetter zusammen". Meine Frau und ich saßen oben in unserem nur durch Kerzenschein erhelltem Wohnzimmer und genossen diese Gala-Vorstellung der Natur. In der Nacht schlief ich sanft und ruhig wie ein Baby. Entspannt durch ein großartiges Gewitter.

Freitag, 20. Juli 2018

Gegen den Strom

Gut kann ich mich noch erinnern, wie in Deutschland der Energie-Markt liberalisiert wurde. Da gab es auf einmal gelben Strom oder einen, der vorgab eine Art Sauerstoff zu sein. Aus der Steckdose kam aber immer nur eine Versorgung mit Elektrizität. Die Lockvogel-Angebote ließen uns kalt, denn wir wussten, dass jeder Markt sich kurz über lang einpreisen würde. So änderte sich in Deutschland für uns nichts.

Mit beinahe einem Jahrzehnt Verspätung fiel auch in Italien das Monopol. Nur gab es hier eine Zwangsscheidung auf italienisch, denn es hüpften auch Anbieter mit unsauberen Methoden auf die nun freie Versorgung mit Strom. Bis der staatliche Konzern ENEL sich gegen Abwerbung sichern und entsprechend für den freien Markt aufstellen konnte, waren Legionen von Callcenter-Leuten damit beschäftigt, Verbraucher in eine Falle zu locken. Was vor allem für jene galt, die des Italienischen - in Maschinengewehr-Tempo  herunter gerattert - nicht mächtig waren. Zwar ist Telefon-Marketing in ganz Europa untersagt, aber wenn es ein Adressen-Leak mit Steuernummern gibt, ist man zunächst machtlos gegen die Fangfragen. Ein Si oder Confirmo an der falschen stelle, und schon wurde das als Einverständnis für einen neuen Vertrag gewertet. Da konnte einer am Ende des Gespräches noch so dringlich beteuern, dass man nichts von all dem verstanden hätte.
Einmal brüllte ich verzweifelt in den Hörer: "M'interesso un cazzo!"

Es half nichts. Plötzlich bekamen wir Rechnungen von Firmen, die sich Greennet oder Iren nannten und als erstes nach neuem Recht die Fernsehgebühr in Rechnung stellten.

Schon einmal hatten wir eine Stromsperre, die hier einen endlosen Nerven-Krieg auslöste. Deshalb warteten wir, wer mahnen würde und ließen uns von unserer Deutsch-Italienischen Freundin beraten.
Das Schwimmen gegen den Strom dauert nur schon 24 Monate. Jetzt endlich ist ENEL auf den "neuen Markt" eingestellt und begrüßt uns - Achtung! - nach beinahe zwei Jahrzehnten als neue Kunden.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Wie ich mir, so du dir

Was die Weltmacht ohne Welt macht:


Ein Spitzen-Gespräch zweier Narzisten. Quasi ein Puppenspiel






"Ich kann deine rotblonde Schiebe-Frisur bald nicht mehr sehen."

"... Und ich deine Hühnerbrust, du Poser!"

"Mein Gott, wie ich dich hasse!"

"Du sagst Gott zu mir? Da liegst du absolut richtig. Götter hassen nicht, sie strafen."

"Boa eyh! Ich würde dir am liebsten eine reinhauen."

"Nur zu. Was wird so ein kleiner Russky schon für 'nen Punch haben."

Boinnggg!

"Aua! Tat gar nicht weh, aber hier nimm den! American fist!"

Boinnggg! Boinnggg!

"Du Scheiß-Ami hast zweimal zugeschlagen. Na warte!"

"Du wolltest es ja so. Außerdem hast du ja angefangen."

Boinngg! Boinnggg! Boinnnggg! Boinnnggg! Boinnggg! Boinnggg!

Wer in aller Welt angefangen hat, war nicht mehr wichtig, Die Welt war nicht mehr da.
Nur noch ein kleiner dampfender Scheißhaufen in der unendlichen Galaxis