Mittwoch, 4. Juli 2012

Memento mori

Castellinaria Kapitel 11




Die im Borgo verbliebenen Alten wurden in der Regel sehr alt. Die Geschwister Basalto - fünf an der Zahl, von denen nur die jüngste Schwester verheiratet war - brachten es zusammen auf annähernd 500 Jahre. Eine sprang dement mit weit über 90 aus dem Fenster, aber bei den restlichen Vieren bekam man schon  ein wenig das Gefühl von Unsterblichkeit. Sie waren nicht nur völlig klar im Kopf, sondern schufteten sich auch noch täglich in den Oliven oder im Gemüsegarten am steilen oberen Dorfrand ab. Hatten sie trotz ihrer Gläubigkeit daher den Frieden in Dankbarkeit für ein erfülltes Leben mit Gott gemacht? 
  Nein. Was sie zusammen und am Leben hielt, war ihre latente Boshaftigkeit. In sofern war dafür gesorgt, dass das Deutsche Wesen in ihrer Gerüchte- und Hexenküche ein ums andere Mal weich gekocht wurde. Hatten sie selbst mal einen Schlüssel verlegt, waren es natürlich tedesci oder albanesi, die sie versteckt hatten. Mit Staatsschauspieler-Talent wurde dann in dräuender Gestik gen Himmel gezeigt und auf den Signor verwiesen, der alles sähe. Oder die Hand zum cornito geformt zeigte gleich mit einer Verfluchung zur Hölle. Mauro, 90, der einzige Bruder und ein zähes Gerippe, packte bei Falschparkern schon mal in der Dunkelheit einen Stichel aus und zerkratzte rundum den Lack jener Fahrzeuge, die den kleinen Grenzstein mit der Aufschrift proprieta privata übersehen hatten. Bei minder schweren Verstößen  verklebte er lediglich die Türschlösser mit Sofortkleber.
Wer als Ausländer und residente im Konsortium war, gab bei den Sitzungen schnell auf. Nicht weil es wegen der im Ligurischen laut ausgetragenen Streitereien der Burggeister untereinander wenig zu verstehen gab, sondern weil das menschliche Verständnis der Einheimischen dort oben in all den Jahrhunderten so drastisch gelitten hatte. Ein früherer Bürgermeister mit beträchtlichem Besitz im Luftschloss verließ einmal so eine Sitzung mit dem Schwur, den Borgo nie wieder zu betreten. Er hielt sich dran.
   Auch die Gebrüder Besnik waren nur schwer zu verstehen. Das lag einerseits daran, dass Sali und Milan so gut wie nicht redeten. Wenn sie aber mit anderen redeten, dann geschah das in dem mit zischelnden S- und gaumigen Umlauten fast wie Albanisch klingenden urligurischen Dialekt. In dem hieß das Feuer zum Beispiel nicht fuoco sondern fögü. Es gehört zu den ungeklärten Mirakeln der europäischen Wohlstandsvölkerwanderung, wieso die über die Adria geflohenen albanischen Boat-People sich schon früh im ligurischen Appenin ansiedelten und mit unfassbarer Geschwindigkeit dessen Dialekt, aber auch leidlich das Italienische assimilierten. Lag es daran, dass die Ligurer unter den italienischen Landsmannschaften die gleiche Außenseiter-Rolle spielten wie die Albaner auf dem Balkan?
   Der deutsche Autor Johannes Goerz, der in Castellinaria das Haus der „Francesa“ gegenüber vom Schloss nach der Jahrtausend-Wende gekauft hatte und die beiden Albaner vorübergehend beschäftigte, sollte noch weit Wundersameres über die zwei mit ihrer kleinen Baufirma herausfinden. Um zu verstehen, was in Castellinaria 1996 ablief, muss jedoch auf dessen erst später erworbenen  Erkenntnisse vorgegriffen werden:
  Die Annahme, dass die Besniks Brüder waren, rührte lediglich vom Firmennamen her: Besnik Fratelli Imprese Edile nannte sich die. Dass sie völlig unterschiedlich aussahen, wurde dadurch nie in Frage gestellt. Milan war feingliedrig, klein und so dunkel, dass er auch als Palestinenser durchgegangen wäre. Sali, dem sie auf den Baustellen den Beinamen „Il Mulo“ – das Maultier – nachriefen, hätte gut und gerne mit wenig Maske Rübezahl oder Quasimodo darstellen können. Er gab den zotteligen roten Riesen in gebückt schlurfender Haltung unter Entfaltung gigantischer Körperkräfte derart überzeugend, dass ihm ein anderes Signalement überhaupt nicht zuzutrauen gewesen wäre.
  Tatsächlich aber waren die beiden so „ungleichen Brüder“ Cousins. Der jüngere Milan war mit Sali in der Obhut dessen daheim zur traurigen Legende gewordenen Mutter aufgezogen worden, bis er alt genug sein sollte, um als letzter Überlebender seiner Sippe die Blutrache gegen eine andere Familie fortzuführen. Sali wurde, um die „Schuld“ seiner Mutter abzutragen, von albanischen Exil-Politikern erpresst, die die Spur vom Alt-Kommunismus schnurstracks in die modern organisierte, grenzenlose Verbrechenswelt der EU gewechselt hatten. So wie sich Sali am Bau auf die groben und Milan ergänzend auf die feinen Arbeiten konzentrierte, so waren sie auch bei ihrer gut getarnten Nebenbeschäftigung spezialisiert – nur umgekehrt. Milan war als „Auftragsmörder“ für die groben, nassen Hits zuständig, während Sali nicht einmal selbst Hand anlegte, denn er arrangierte gezielte Todesfälle aus Alltagssituationen mit versteckten Risiken. Je nachdem, ob und welche Botschaft die Auftraggeber  mit ihren Morden übermitteln wollten, wählten sie einen der Besniks. Und zwar so oft, dass das Baugeschäft doch wohl mehr oder weniger Hobby oder Tarnung war.
  Bernhard Kleiner und Peter Häubel waren wie alle  ahnungslos, als sie sich für die anerkannte Zuverlässigkeit der Beiden bei ihrem gemeinsamen Bauvorhaben entschieden. Und der alte Lenz frohlockte, weil er sich irgendwie vorstellte, er könne die albernen Albaner – wenn die deutschen Poliere erst einmal wieder daheim im Einsatz waren – besser  zu seinem Vorteil herumscheuchen als die individualistischen Italiener.
  Da nie ruchbar wurde, was in jenem Herbst tatsächlich passiert war, bauen die Hintergründe auf einer Hypothese auf, was später tatsächlich den nachhaltigen Wandel im „Prinzip Lenz“ bewirkt haben könnte:
  Dessen Prinzip beruhte ja in der Vergangenheit darauf, dass die Marionetten, deren Fäden er in der Hand hielt, willig in die Richtung zappelten, die er vorgab. Sein Prinzip sah nicht vor, dass die Puppen ein Eigenleben führten, die Fäden selbst verhedderten und am Ende gar noch abschnitten. Der verschlagene, aber eigentlich im Sinne der körperlichen Auseinandersetzung stets gewaltfrei operierende Lenz war noch nicht einmal ansatzweise in seinem bisherigen Leben auf die Idee gekommen,  jemand könnte ihm Paroli bieten und seine schon rücksichtslose Vorgehensweise dann auch noch mit unverhohlener Gewaltbereitschaft überbieten…
  Sali und Milan hatten ungefähr vier Wochen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf beiden Baustellen geschuftet, um die ständigen Sonderwünsche zu erfüllen, mit denen der Lenz das Projekt Kleiner/Häubel  bis zur Schlechtwetter-Periode im November ins Hintertreffen bringen und somit torpedieren wollte.
  „Il Mulo“ machte seinem Spitznamen alle Ehre. Selbst nach viermaligem Umsetzen zweier nicht tragender, rund drei  Zentner schwerer Ziersäulen und dreimaligem Umgestalten des dazu gehörigen Treppenaufgangs mit massiven historischen Trittsteinen fuhr er noch immer nicht aus der Haut. Den immer dreisteren Anweisungen Meesters kam er äußerlich derart stoisch und stur nach, dass der Deutsche dann bei der massiven Reaktion der beiden aus allen Wolken fiel.
  Der Unfall, der dem Lenz eines Abends widerfuhr, erzeugte – kausal für Dritte kaum in Zusammenhang zu bringen -  einen deutlichen Klimawandel in Castellinaria. Der Schreiberling erzählte Bernhard Kleiner erst nach dem gewaltsamen Tod Salis  2004 den Ablauf  dieser Begebenheit. Die perfide Wirkungsweise des „Arrangierens“ wird an diesem nicht tödlichen Beispiel exemplarisch veranschaulicht. Er wunderte sich nur, dass Kleiner sich überhaupt nicht empörte, sondern sardonisch lächelte. Aber Goerz kannte ja den Lenz  weder  persönlich noch wusste er, dass jener der nicht gerade geliebte Schwager seines neuen Freundes war.

  Gerade waren die Besniks also in diesem Spätherbst 1996 nach der Arbeit in der Abenddämmerung mit ihrem alten Kipplaster auf die lange abschüssige Gerade der Konsortiumsstraße zum Capoluogo hinunter eingebogen, als sich auch der Lenz mit seinem schicken Mercedes-Geländewagen talwärts begeben wollte. Milan, der am Steuer saß, winkte und bedeutete Meester, dass er ihm noch einmal etwas zu sagen habe. Er bremste, stellte bei laufendem Motor die Handbremse fest und stieg mit einer Blaupause aus dem Führerhaus. Da das Licht zu deren Studium nicht mehr ausreichte, forderte er den Alten auf, nach vorne ins Scheinwerferlicht des Lasters zu treten. Während er nahezu  unverständlich irgendein Problem schilderte, war Sali  auf der anderen Seite mit einer Flasche eines speziellen Kriechöls in den Schatten geschlüpft und besprühte die vier Bremsen des Benz mit einer auf Erfahrung beruhenden Menge.
  Als Milan seine Blaupause wieder zusammen gefaltet hatte, war der abgelenkte Lenz, der von allem nicht das Geringste verstanden und mitbekommen hatte,  bereits leicht gestresst. Der Laster setzte sich zügig in Bewegung und war schon fast an der ersten Spitzkehre, als der Alte mit mehr PS als seiner Reaktionsfähigkeit gut tat, den schnell schrumpfenden Abstand fast schon zu gefahren hatte. Er sah noch, wie die durch Baustaub  beinahe blinden Bremslichter des Lasters kurz aufleuchteten und dann sah er nichts mehr. Denn trotz ABS griffen die Bremsen - für eben diesen einen, ausreichenden Moment verzögert - nicht. Der schwere „G“ krachte auf der abschüssigen Strecke weiter beschleunigend in die massive Hinterachse, und die Kipplade des Lasters zerschlug die Frontscheibe. Der Airbag öffnete sich Hundertstel von Sekunden vor dem einsetzenden Glashagel mit lautem Knall. Für eine Minute war der Lenz geistig so alt und verwirrt, wie ihm das eigentlich an Lebensjahren zugestanden hätte. Dann hatte er sich wieder gesammelt und kochte vor Wut.
  Doch die beiden Albaner riefen ungerührt, den eingeklemmten Greis beobachtend mit dem Handy die Polizei und die Ambulanz aus Pontedassio. Beide Bereitschaftswagen waren überraschend schnell mit Blaulicht und Martinshorn vom Tal heraufgeprescht. Alles sollte doch seine Ordnung haben.
   Der Alte wurde gegen seine Einlassungen und Proteste zur Beobachtung nach Imperia in die Klinik gebracht. Das Unfallfahrzeug konnte nur noch als Totalschaden sichergestellt werden (und landete auf Vermittlung der Besniks wundersam wieder wie neu Wochen später auf einer Fähre Richtung Osten). An den Aussagen der Albaner, die  dem Hergang nach und dem Augenschein gemäß protokolliert wurden, gab es keinerlei Zweifel.
  Natürlich hätte eine kriminaltechnische Untersuchung zumindest eine kleine Merkwürdigkeit auf den Bremsscheiben und  -Backen des nahezu fabrikneuen Fahrzeugs erbracht. Aber da bei Lorenz Meester nach mehreren kräftigen Schlucken Grappa, die er sich zuvor gewohnheitsmäßig gegen die abendliche Kühle auf der Baustelle aus seinem Flachmann genehmigt hatte, ein zu hoher Alkoholwert im Blut festgestellt wurde, lag der Fall auch so klar. Wer wollte da noch hören, wie der Lenz von irgendwie verzögert funktionierenden Bremsen schwadronierte?
  Die Albaner ließen dem Lenz gegenüber in der Folge keine weiteren Zweifel mehr an den geänderten Machtverhältnissen aufkommen. Als ihr Auftragsgeber wieder einmal in alte Verhaltensmuster zurück fallen und weitere unsinnige Anweisungen geben wollte, griff ihm „Sali Rübezahl“ fürsorglich unter beide Achseln hob ihn wie ein ungezogenes Kind vor sich auf Augenhöhe und sprach:
  „Memento mori, alter Mann! Das nächste Mal fährst du in den Tod.“
 Womit er nicht nur Bildung offenbarte, sondern auch die Tatsache, dass er mit für Sekundenbruchteile nicht blöde verstellten Gesichtszügen in der Lage war, fließend Deutsch zu sprechen.
  Dass der wieselflinke, geschmeidige Milan in den Folgejahren immer wieder einmal im memento mori an allen Überwachungssystemen und Alarmanlagen vorbei nachts das Schlafzimmer von Meester  aufsuchte, beruht auf Hörensagen. Dass er dann - zärtlich den Schalldämpfer seiner Beretta streichelnd - am Bett des Deutschen saß, soll ihre weiterhin blühenden Geschäftsbeziehungen noch gesteigert haben. Jedenfalls ließ sich der Lenz –auf einmal sein Alter vorschützend – kaum noch in Castellinaria sehen.
 Die Bauarbeiten waren so pünktlich und tadellos fertig, dass genug Folgeaufträge für die Besniks hereinkamen. Erstaunlicher Weise für Außenstehende wuchs die kleine Firma der Albaner trotz ihrer stets manifestierten Tüchtigkeit nicht. Was ihrem Kalkül entsprach. Da sie nicht gierig waren, wurden sie eben auch von der heimischen Konkurrenz respektiert und niemand sah sich veranlasst, hinter die Kulissen zu blicken

  In jenem Herbst erinnerte die dem Luftschloss „übergeordnete Instanz“, die ja von den meisten seiner Bewohner als ihr Gott dem dort so nahen Himmel zugeordnet wurde, sehr nachhaltig daran, dass alle Menschen sterblich sind:
  „La Francesa“ hatte einen zu spät erkannten Tumor in ihrer Gebärmutter. Doktor Dröse der sich selbst nie an Verbote gehalten hatte, die er seinen Patienten gerne auferlegte, starb während der Sprechstunde. Dicke Zigarren und Cognac nach zu fettem Essen hatten seinem ersten, gleich tödlichen Herzinfarkt  durch arrogantes Ignorieren  rechtzeitig und deutlich an sich selbst zu diagnostizierenden Signale  den Weg bereitet. Überraschender Weise trauerte seine sich immer noch jung fühlende Witwe derart heftig, dass sie Lucca nicht mehr in ihr Bett lassen und eine lange Auszeit von Castellinaria nehmen wollte. Um Dinge daheim zu regeln. Deshalb verkaufte sie ihr Haus, ohne dass die Sache mit dem „geraubten Stück Flur“ zuvor bereinigt  worden wäre.
  Peter Häubel, ansonsten absolut schwindelfrei, kam auf dem Dach eines Hochhauses in Bonn ins Schwanken und konnte gerade noch von seinem Bauherrn daran gehindert werden, ohnmächtig in die Tiefe zu stürzen. Überraschend bei seiner Umtriebigkeit und gänzlich unbemerkt war er schwer an Diabetes mellitus erkrankt. Bernhard Kleiner, der kurz vor seinem Sechzigsten stand, hatte Stress bedingt zwei schwere Autounfälle, die er nur durch Glück überlebte. Normaler Weise sagt man ja  jenen, die erst spät den Führerschein gemacht haben, ein ruhigere und umsichtigere Fahrweise nach. Im Prinzip war das auch bei Bernhard so. Aber vier Bauvorhaben in drei Städten mit  immerhin dreihundert Wohneinheiten mussten koordiniert und beaufsichtig werden. Er, der sein Leben lang  körperlich in Bewegung gewesen war, hatte seit der Wiedervereinigung meist nur noch im Auto oder im Baubüro gesessen. Das nahm sein Kreislauf natürlich übel, und die Blutdruck-Werte rauschten in abnorme Höhen.
  Aber das Handtuch warf er, weil die Büros der Baufirma komplett international vernetzt auf Computer umgestellt werden sollten. Ausgerechnet sein Sohn Sebastian hatte diesen ungemein lukrativen Auftrag ergattert. Es lag auf der Hand, dass „Jerda, dat Aas“ – die Tante ehrenhalber quasi - dabei ihre Hände im Spiel hatte. Sie schmiss den Baukonzern  mittlerweile nahezu alleine, weil ihr Göttergatte nur noch zum Golfen ging; angeblich zwecks Geschäftsanbahnungen                                      

   

Sonntag, 1. Juli 2012

Das Deutsche Wesen

Castellinaria Kapitel 10





Mit la nostalgia, dieser Sehnsucht nach nicht zu konkretisierenden Wunschzuständen des Lebens, ist das so eine Sache: Der Nostalgiker muss schon etwas erlebt haben, um dieses Sehnen und Wähnen wenigstens halbwegs ausrichten zu können. Immer jedoch bleibt das am Ende ganz individuell. So hatten vermutlich, die die sich in den 1970ern und in den folgenden Jahrzehnten aus dem Norden Europas in Castellinaria ansiedelten, anfänglich vorrangig durchaus die „italienischen Momente“ im Sinn; die Sonne, das Meer, den Duft von Orangen und Zitronen, die einzigartige Landschaft und die urwüchsige Küche. Aber im detaillierten Spektrum der erlebten Realität traten dann schon die Eigenheiten hervor.
  Bernhard wollte bloß der Scholle nahe sein auf seinen Wanderungen am Meer und in den Bergen, sowie möglichst nie wieder frieren müssen. Der Lenz wollte – nachdem er alle wirtschaftlichen Ziele an der ligurischen Küste fristgerecht erreicht hatte – mit einem Minimum an Aufwand das Maximum an Macht auf seinen neuen Lebensraum ausüben. Traute lebte nur noch für ihren Sohn und den einzigartigen Terrassengarten mit Klarblick auf  Korsika. Frau Doktor (la dottoressa) Dröse, Bernhards Nachbarin, wollte mit Lucca ewigen Sexurlaub von ihrem Mann. Aber selbst der Frömmste kann nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt.
  Wenn das persönliche Etappenziel der Sehnsucht dort am Rande des Himmels erreicht war, stellte sich bei den Pilgern und Emigranten nicht etwa ein grenzenloses Gefühl der Zufriedenheit und des Wohlbefindens ein, sondern es trat alsbald ein Mangelgefühl auf. Es fehlte ihnen derart zunehmend am „Deutschen Wesen“– dass auch die wenigen Skandinavier und Holländer kurioser Weise  von diesem Vakuum teutonischer Lebensart profitierten. In dem Maße, in dem die Deutschen im mittelalterlichen Ligurien heimisch wurden, wollten sie natürlich auch, dass der Sindaco und die Comune nach dem deutschen Reinheitsgebot funktionierten, wenn es um Übertretungen von Bauvorschriften, vernachlässigter Wasserversorgung, Müllabfuhr und elektrotechnische Nachrüstungen ging. Die armen Bürgermeister und ihre an Gemächlichkeit gewöhnten Administratoren, begannen das „Deutsche Wesen“ und seine Beharrlichkeit zu fürchten. Ganz besonders dann, wenn seine Protagonisten wegen mangelnder Beschäftigung und Langeweile den Faktor Zeit unbegrenzt ausspielten…
  Da war - als ein typischer Vorreiter –  der Polier Peter Häubel, dem Bernhard Kleiner im Büro auf einer Baustelle in Portugal gegenüber gesessen hatte. Der Kahlkopf mit rutschigem Gebiss und kurzen Beinen stammte aus einer sauerländischen Bauernfamilie. Sein gedrungener Körper war zum Ausgleich mit endlos langen Armen ausgestattet, die tüchtig zupacken konnten,
  Als Bernhard ihm – dem bei der Hof-Erbfolge daheim zu kurz Gekommenen - erzählte, dass in den Valle d’Olio für wenig Geld viele landwirtschaftliche Nutzflächen (Fasce) zu erwerben seien, konzentrierte sich die Sehnsucht des Schrats fortan darauf: Nämlich mit Leib und Seele das zu werden, was ein Einheimischer dort seit dem Krieg partout nicht mehr gerne sein wollte; - ein in der Hitze schuftender, vom Ertrag seiner Scholle kaum leben könnender, ligurischer Bergbauer. Zu ersten Oliventerrassen gesellten sich im Schweiße von Häubels Angesicht nach und nach ein Weinberg, Zitronen- und Orangen-Haine sowie Gemüsegärten – alle natürlich mit bis dahin noch nie erreichten Muster-Erträgen.
   Häubel schien im Erfolgsrausch seiner agricoltura die ganze Kommune auf einmal umarmen zu wollen. Er war auch der erste, der die residenza und einen Ausländerpass beantragte. Er trat als neuer „Ölbaron“ jedem Konsortium bei, das ihn aufnahm, aber er war auch bei den legendären sagre, den ausgelassenen Dorffesten mit Tanz und Völlerei, ein emsiger Mitorganisator. Kurz, er bemühte sich – selbst in der Sprache - einheimischer zu sein als die Einheimischen und merkte dabei nicht, wie jene ihn zwar gerne ausnützten, aber keinesfalls in ihre Herzen ließen.
  Unerwiderte Liebe geht gerne verschlungene Wege, und so ließ Häubel seine Fürsorge verstärkt dem Zauberberg angedeihen, an dessen Aufgang er in strategisch einflussreicher Position als selbsternannter Concierge vom Lenz ein großes Haus mit Garten erworben hatte. Nur Eingeweihte entgingen seiner Wachsamkeit, indem sie lieber die schwierige Straße zum oberen Ortsrand in Kauf nahmen.
  Kaum ein Neuansiedler oder Kaufinteressent, der seinen aufdringlichen Belehrungen, Warnungen oder Ermahnungen entgehen konnte. Ja selbst völlig arglose Touristen und Bergwanderer wurden oft ungefragt Opfer seiner detaillierten Vorträge oder gar erzwungener Führungen. Sie kamen immer häufiger, weil sie von Castellinaria (da ein Autor vom anderen abschrieb) in vielen Reiseführern gelesen hatten und sich das malerisch auferstandene Dörfchen nur ansehen wollten,
  Da er zudem ein gläubiger und praktizierender Katholik war, schritt Häubel auch gerne gut sichtbar in vorderster Reihe bei den mannigfaltigen Bergprozessionen mit.  Alsbald rief sich der umtriebige Umgetriebene gewissermaßen selbst zum Erfinder und Fremden-Bürgermeister von Castellinaria aus. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis der, der sich ebenfalls – bislang unangetastet - in dieser Position sah, zu einem seiner leidenschaftlichsten und hinterhältigsten Feinde wurde: Der Leibhaftige selbst, der listige Lenz.


  Aber das  transferierte Deutsche Wesen gedieh auch noch auf dem Humus anderer, sich stetig anreichernder Erkenntnisse. Eine davon: Luftschlösser taugen nicht zum Schaffen von Dynastien, weil es Kronprinzen und-Prinzessinnen an vergleichbarer Nostalgie und Wahrnehmungsfähigkeit fehlt. In Castellinaria selbst wurden ja keine Kinder mehr geboren. Die verbliebene einheimische Bevölkerung hatte ihren abgewanderten, bevölkerungspolitischen Beitrag  längst geleistet oder war schlichtweg zu alt, um sich zeugend noch einmal ans Werk zu machen. Die nordeuropäischen Damen im gebärfähigen Alter hingegen ließen ihre teutonischgermanischen Eizellen vielleicht dort oben vom Ambiente stimuliert befruchten. Doch zur Niederkunft suchten sie die Kreissäle daheim auf.
  Sebastian Kleiner – wohl die unbestrittene Nummer Eins auf dieser besonderen Zeugungsliste – kann als exemplarisch für diesen eigenartigen Generationen-Konflikt dienen: Traute nutzte das Vorschulalter ihres Sohnes und die langen Aufenthalte Bernhards bei Bauvorhaben auf der Iberischen Halbinsel, um Sebastian so viele italienische Momente fürs Leben mitzugeben wie nur irgend möglich. Der Knabe wuchs in diesem herrlich abenteuerlichen und autofreien Ambiente mit dem Maximum an Sonne, Wärme und Sinnlichkeit auf, aber er hatte – außer wenn Sie mit dem Bus ans Meer hinunter fuhren – keine gleichaltrigen und wenn dann nur sporadische Spielgefährten. Der Vater fehlte ihm dabei gar nicht mal so sehr. Denn sobald des Autofahrens mächtig, fuhr Bernhard in Barcelona auf die Fähre nach Genua und war so vermutlich mehr verlängerte Wochenenden (durch den langen Schlaf an Bord auch völlig entspannt) präsent, als ihm dies in Deutschland möglich gewesen wäre.
  Kaum waren die Kleiners zwecks Einschulung von Sebastian in eine Wohnung bei Düren gezogen, passierte aber etwas Unerwartetes. Sebastian, braugebrannt und randvoll mit italienischen Impulsen fuhr auf seine neues Umfeld total ab. Durch sein annähernd perfektes Italienisch wuchs ihm eine besondere Rolle bei der Integration der Gastarbeiter-Kinder in seiner Klasse zu, und er erfuhr, dass es wichtiger als alles andere war, eine Horde gleichaltrigrer Freunde zu haben, mit denen er selbst bei schlechtestem Wetter spielen konnte. Das war es! Sehnsüchte, da gesättigt, mussten nicht länger befriedigt  werden. Für Sebastian überwog – den Eltern fast unverständlich – das Deutsche Wesen. Je älter er wurde, desto schwerer wurde es für Traute und Bernhard, den Knaben dazu zu bewegen, sich mit ihnen in den Schulferien immer wieder auf die lange Reise in den Süden zu begeben. Nach der Pubertät kam es deswegen sogar einmal zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, aber das Verhärtete die Fronten diesbezüglich nur.
  In solchen Momenten fand er tröstenden Unterschlupf bei Mutter Körber, die genau das richtige Rezept für derlei Missstimmungen hatte: Fernsehen bis zum Einschlafen und Fastfood bis zum Abwinken. Traute und Bernhard, selbst immer noch Aufsehen erregende statuarische Erscheinungen, übernahmen ihren Hoffnungsträger nach jedem Aufenthalt bei seiner Oma einige Kilo schwerer. Als er 1987 ein 1,0 Abitur hinlegte, war Sebastian bereits ein wachsbleicher  120Kilo-Schwabbel, dessen Leben sich – als sei die Reife-Note Vorgabe – fortan nur noch um Einsen und Nullen drehte.  Das Programmieren und Entwickeln von Computern war dem Junior derart zum Lebensinhalt geworden, dass seine gramgebeugten Erzeuger befürchteten, die grüne Schrift jener Screens hätte für immer seine Haut verfärbt.
  Sebastian war das, was die Szene bald einen „Nerd“ nennen sollte. Er schaffte es aber dennoch, seine Eltern irgendwie stolz zu machen. Nicht nur, dass er sein Studium autark, selbst finanziert und ohne Umweg über die Bundeswehr in Rekordzeit durchzog. Er war, als er seinen Doktor magna cum laude machte, auch sonst schon ein gemachter Mann. Anhand eines deutsch-italienischen Übersetzungsprogramms, das er als Semester-Arbeit eingereicht hatte, war ihm die Idee zu grundsätzlicher Software auf dem Gebiet der Spracherkennung gekommen. Sein Vater indes sprach – nach bald dreißig Jahren „residenza“  immer noch kaum mehr als sein Baustellen- und Menükarten-Italienisch
  Sebastians äußere Langsamkeit stand im krassen Gegensatz zu der rasenden Geschwindigkeit seiner Gedanken und Ideen im Cyberspace. Wer so wollte, konnte das Wesen Castellinarias und damit seine Abneigung als das genaue Paradoxon zu dieser Konstellation sehen.
  Bernhard hingegen, der den Zauberberg immer noch zwecks Broterwerb verlassen musste, hatte gerade deshalb die notwendige Perspektive, genau in diesem Wandel mit Weile die Magie Castellinarias zu erkennen: Er sah, wie sich zwar das Umfeld rapide nach jeder Abwesenheit verändert hatte. Er erkannte aber auch, dass hier das Wahre immer noch das Virtuelle ausstechen konnte.
  Der Blick vom Tal hinauf mochte im Vergleich zu seiner allerersten Momentaufnahme noch unverändert geblieben sein, wie die unmittelbare Atmosphäre in den engen Gassen.  Doch Castellinaria war auf wundersame Weise errettet worden. Einmal abgesehen davon, dass alles neu gepflastert worden war und das Ambiente sich harmonisiert hatte. Die prägenden Häuserzeilen waren nun alle saniert und zum teil recht niedlich hergerichtet worden. Aber dadurch, dass die Autos fehlten und die Logistik noch nach Körperkraft verlangte, schien die Zeit immer noch langsamer zu vergehen als unten am Meer.
  - Der Zauberberg trog, wie Zauberberge dies nun einmal zu tun pflegen.
  Die fiktiven „mannschen Protagonisten“ konnten noch isoliert mit intellektueller Egozentrik in Parabeln dräuende „Zeitläufte“ reflektieren. Die realen „Luftschlosser“ von Castellinaria erlebten hingegen die Serpentinen vom und ins Tal tatsächlich wie das Zeittor bei „Stargate“. Und wenn sie von ihren Terrassen den Blick nicht nur auf das Meer schweifen ließen, sondern senkrecht hinunter richteten, konnten sie ihn auch nicht mehr vor den Veränderungen verschließen.
  In dem Maße wie das „grüne Gold“, das unverschnittene Olio extra vergine aus den  Valle d’Olio,  quasi ohne EU-Subventionen unbezahlbar wurde, krochen die Industriezonen Werksgelände um Werksgelände flankiert von gigantischen Einkaufszentren das Impero-Tal hinauf. Namhafte Olivenöl-Weltmarken, die am alten Hafen von Oneglia Jahrhunderte produziert hatten, verschwanden oder beugten sich nach und nach den billigen Verschnitt-Diktaten durch Granulat-Importe aus Nordafrika. Neue EU-Richtlinien machten das möglich. Die Ernte-Handarbeit auf den historischen Terrassen mit unter den Bäumen ausgelegten Netzen und den Klöppelstangen, sowie der mühevollen und auch gefährlichen Schlepperei von vollen Körben über steile Terrassen-Trittsteine blieb die alte. An bezahlte Erntehelfer war längst nicht mehr zu denken, und Ende des Jahrtausends konnte dieses Weltkulturerbe der UNESCO auch nur noch vor dem Überwuchern bewahrt werden, weil die Europäische Gemeinschaft Beschnitt-Prämien auslobte.
  Aber damit noch nicht genug der kuriosen Paradoxen: Je mehr die Bergbauern oben wirtschaftlich am Stock gingen, suggerierten unten im Tal clevere Geschäftsleute ursprünglichen Gaumengenuss auf Konserve, indem sie die vermeintliche Romantik eben jenes Berufsstandes auf Flaschen und Gläser zogen. Aziende Agricole schossen wie die berühmten ligurischen Steinpilze, die nun immer häufiger aus Rumänien importiert werden mussten, aus den aufgelassenen zu Bauland mutierten Ölterrassen. Für den Export ins sehnsüchtige Nordeuropa gab es Pesto im Minigläschen, Peperoncini mit Ricotta gefüllt und marinierte Funghi Porcini zu Preisen pro Einheit, mit denen eine ligurische Bauersfrau ihre ganze Riesensippe auf gleiche aber besser und frisch zubereitete Weise ein ganzes Jahr versorgt hätte. Schlaumeier zogen von einem dörflichen Ölmüller (frantoio) zum anderen, kauften den Mosto billig auf und füllten ihn im Rahmen der Richtlinien gestreckt in mit Goldfolien kaschierte  und fantasievoll etikettierte homöopathische Fläschchen. Natürlich zu entsprechenden Preisen, die bis zu  500 Prozent Gewinn ermöglichten.
  Wo so eine Gewinnspanne lockte, durfte natürlich einer beim Mitmischen nicht fehlen: Lorenz Meester war einer der Ersten, der die Nordlichter mit selbst erfundenen „original  altligurischen“ Fantasieprodukten küchennostalgisch versorgte. Wobei die Marke, die er schuf, von seinem bösartigen Humor zeugte. Die hieß angelehnt an das Lateinische - die Metapher doppeldeutig abwandelnd - „tavola rasa“, was natürlich im Italienischen nicht wirklich Sinn machte. Ihm jedoch gefiel seine Assoziation:
   Denn wenn die Leute zwischen Garmisch und Großenbrode nach telefonischer Akquise und Postversand seine Genussmittel auf ihren Tisch stellten, hatte der Lenz sie wirklich im übertragenen Sinn ordentlich rasiert: Normal eingelegte Zwiebeln, Pilze, Schoten, Wildschweinstücke und dergleichen – noch nicht einmal von besonderem Geschmack – unterschieden sich von den gängigen Industrie-Produkten in den Regalen der großen Supermärkte nur durch ein Stück nostalgisch bedrucktes Kunstleinen, das von einem grünweißroten Band auf den Deckeln festgezurrt war; – und natürlich einem Preis der um die Hälfte höher war…
  Ganz seinem Stil treu bleibend, rührte der Lenz jedoch weder Koch- oder Öltöpfe noch den kleinsten Finger. Er stellte eine seiner fasce für die Ansiedlung des Betriebes zur Verfügung. Der eilfertige Bürgermeister einer Gemeinde im benachbarten Tal hatte sie in freudiger Erwartung neuer Arbeitsplätze zur Bebauung frei gegeben. Die übernahm gegen Beteiligung ein kleiner ortsansässiger Bauunternehmer (Impresario), der endlich einmal etwas Großes bauen wollte. Die Herstellung und Logistik für Marke und Produkte gingen gegen Tantieme zu Gunsten Meesters an eine Agrar-Genossenschaft. Die Perspektiven entwickelten sich prächtig und der Lenz hatte wieder einmal ohne großen Kraftaufwand eine Geldquelle, die ordentlich sprudelte. Zumindest so lange bis die erste rege Nachfrage die dem Lenz sattsam bekannte Gier beflügelte.
  Seit einigen Jahren kann man diesen makellosen Musterbetrieb nun auf einer Serpentine mit prachtvoller Aussicht bei gleichzeitiger Einsicht umfahren. Drinnen sieht alles aus wie bei Dornröschen: Allerdings ohne Personal im Tiefschlaf. Ansonsten scheint alles mitten im Produktionsprozess zum Stillstand gekommen zu sein. In Momentaufnahme erstarrt steht ein einst ultra moderner Betrieb seit bald einem Jahrzehnt unter Konkurs-Kartell und Gläubiger-Schutz.
  Seine früheren Partner glaubten immer noch an eine altersbedingte Hinfälligkeit, wenn der Lenz angesichts dieses Themas einen unbändigen Hustenanfall bekommt. Sie ahnten nicht, dass er sich tatsächlich ins Fäustchen lachte. Der Hauptgläubiger war natürlich er – ohne jemals jedoch selbst eine Lira oder einen Euro riskiert zu haben. Der bald Hundertjährige wähnte da immer noch den Faktor Zeit auf seiner Seite…
  In dem Maße, in dem beim Lenz die sexuelle Gier als Triebfeder seines Schaffens nachließ – was sowieso unverschämt spät der Fall war – gewann der pure Spaß an der Macht-Ausübung die Oberhand. Die Puppen an ihren Fäden nach seiner Facon zappelnd agieren zu lassen, war ihm als Genuss auf seine alten Tage bald wichtiger als das Studium seiner Konto-Auszüge.
Man könnte rückblickend meinen, gerade das fortschreitende Alter hätte ihn gegen diverse Ängste zusätzlich resistent gemacht, aber so war das nicht.

  Bernhard hatte aus anerkennendem Respekt und Toleranz eine Allianz mit Häubel geschlossen, ohne ihm allerdings jemals freundschaftlich verbunden zu sein. Aber allein dieser Umstand offenbarte ihm, dass der Lenz trotz ihres gestörten Verhältnisses so etwas wie Eifersucht auf ihn, den eigentlich ungeliebten Schwager, projizierte. Das ging so weit, dass Meester, um auch ein wenig schön Wetter bei Traute zu machen, Bernhard zunehmend um großzügig belohnte Hilfestellung bei bautechnischen Aufgaben oder der Verwaltung seiner Liegenschaften bat.
  Bernhard Kleiner war ein großer Charakter. Er konnte Mitleid mit dem Alten empfinden, ohne die in seinem Hinterkopf gespeicherte Wut der Vergangenheit ad acta zu legen. Rachegefühle hegte er keine, aber er hatte sich vorgenommen, seinen Schwager irgendwann auf elegante Weise in die gleiche hilflose Ohnmacht zu versetzen, wie er sie hatte erleiden müssen. Er konnte nicht ahnen, dass ihm dies auf recht heftige Weise abgenommen werden würde.
  Er war zwar im Rang als Bauleiter die Treppe weit hinauf geklettert, aber das hatte ihn nicht unabhängiger gemacht. Seit Sebastian in Aachen studierte, waren seine Auslandseinsätze weniger, aber die Verantwortung auf den Großbaustellen im Rheinland belastender geworden. Er schaffte die zusätzliche Schufterei beim Urlaub in Castellinaria einfach nicht mehr.
Auch der gleichaltrige Häubel  hatte noch genug neben seiner Landwirtschaft zu tun.
   Aber beide wollten die Eisen auch schmieden, so lange die noch heiß waren. Sollte heißen, die letzten aussichtsreichen Ruinen noch zu sanieren, um daraus Ferien-Appartements zwecks späterer Rentenaufbesserung zu gestalten.
  Häubel und er hatten sehr gute Erfahrungen mit zwei albanischen Brüdern gemacht, die nach ihrer Flucht ein kleines Bau-Unternehmen bei Garlenda gegründet hatten. Sie waren ehrlich, fleißig, in einem gewissen Maß zuverlässiger als ihre ligurische Konkurrenz und vor allem nannten sie einen Preis, und dabei blieb es dann. Selbst Bernhards Freund Lucca hatte sich im Laufe der Jahre dieses nervende, scheibchenweise Nachfordern bei Baufortschritt angewöhnt.
  Die beiden deutschen Poliere bündelten also ihre Vorhaben mit den restlichen vom Lenz zu einem guten halben Jahr Vollbeschäftigung für die „albanesi“. Bernhard unterrichtete seinen Schwager der Fairness halber.
Lorenz Meester residierte ja  bekanntlich zu diesem Zeitpunkt schon in seiner Villa auf dem Capo Berta, wie man sie nur aus Hochglanz-Magazinen kennt. Zwei Hektar mediterraner Botanik in Hanglage über dem Meer, mit einem großen Pförtnerhaus oben und einem Renaissancebauten-Ensemble mit Pool-Terrasse über der steilen Klippe unten.
  Das vordere Haus war lukrativ vermietet, Autos verschwanden in einer in den Fels gesprengten Tiefgarage, und die mit einem Golfcart befahrbaren Parkwege waren elektronisch gesichert und wurden von Videokameras überwacht.
  Bernhard hatte schnell aufgehört, sich von diesem Ambiente einschüchtern zu lassen. Er genoss vielmehr die angenehmen Seiten seiner „Altenpflege“, die ihm zunehmend Freiräume im Anwesen seines Schwagers einräumte, ohne sich für die gewaltigen Unterhaltskosten interessieren zu müssen.
  Meester war überraschend schnell einverstanden gewesen mit der Beauftragung der Albaner, so dass sich Bernhard anschließend in dem Riesenpool einem ausgiebigen Schwimmtraining hingeben konnte. Der Pool war auf einer Ebene  mit Überläufen angelegt. Seine bis zum Rand reichende Wasserfläche spiegelte vor, man schwämme im Süßwasser aufs offene Meer hinaus. Noch einmal ordentlich Frieden und Ambiente tanken, dachte Bernhard, bevor es am nächsten Tag mit dem Flieger wieder von Nizza nach Köln/Bonn ginge…


Donnerstag, 28. Juni 2012

Eine Art Zauberberg

Castellinaria Kapitel 9


  Später sollte Bernhard einmal gestehen, dass er sich nie und nimmer auf sein italienisches Luftschloss eingelassen hätte, wenn er auch nur geahnt hätte, doch noch Vater zu werden. Die durch die alleinigen Versorgerpflichten bedingte höhere Verantwortung als Bauleiter war allerdings zweischneidig. Einerseits war der Kredit für Italien im Nu getilgt, andererseits ging der weitere Ausbau in Castellinaria nur sporadisch im knapp bemessenen Urlaub voran. Manches musste jetzt mit italienischen und aus der Heimat über die Adria geflohenen albanischen Bauarbeitern fortgeführt werden, sollte das Haus nicht wieder in den Ruinenzustand zurück fallen.
  Klar waren die vier ligurischen Freunde auch da wieder zur Stelle, aber immer konnten sie die jeweiligen Vorhaben auch nicht beaufsichtigen. Der Lenz, der die Zeit genutzt hatte, um im Ort zu Ansehen und Akzeptanz zu kommen, spielte nun in Bernhards Abwesenheit immer  häufiger die Karte des fürsorglichen Schwagers aus. Da die Schwestern immer noch – so sie dort zusammen waren – einen liebevollem Umgang miteinander pflegten, war es bei den ligurischen Familienmenschen keine Frage, dass das Tun der beiden Schwäger ebenso von den Familienbanden motiviert war.
  Auf einmal fanden die Kleiners aber bei ihrer Rückkehr den ehemals großzügigen Eingangsbereich ihres Hauses durch eine massive Mauer halbiert wieder. Sie war während ihrer Abwesenheit eingezogen worden, weil der Lenz der deutschen Arztfamilie, der er das unmittelbar an die Mauer grenzende Nachbarhaus zu einem vielfachen Gewinn verkauft hatte, auch einen Eingang von der Gasse haben wollte. Praktischer Weise war der Bauschutt des Umbaus dafür im kleinerschen Garten gelandet…
  Lucca, der im ganzen Haus des deutschen Doktors edelste Fliesen verlegt hatte, war gar nicht auf die Idee gekommen, die Anweisungen des Schwagers Don Lorenzo in Frage zu stellen und Bernhard von diesem „Umbau“ zu berichten.
   Allerdings war er durch eine anderweitige Motivation auch arg abgelenkt. Weil die die Arbeiten überwachende Arztgattin vor allem einen Blick auf Luccas schneidige Erscheinung geworfen hatte, unterhielten die beiden in engster deutsch-italienischen Freundschaft über nahezu ein Jahrzehnt eine leidenschaftliche Sexbeziehung. Der ganze Ort nannte den alten Eingang des Anwesens, der zum Garten führte, folglich auch „La porta di Lucca“. Es konnte passieren, dass Lucca erst unten durch diese Tür in die Campagna entschlüpfte, wenn der aus Deutschland angereiste Doktor oben bereits vom beschwerlichen Aufstieg schnaufend seine Koffer in die geraubte Diele stellte.
  Klar, dass zwischen Bernhard und Lenz – da konnten sich die Schwestern mit weiblicher List noch so sehr ins Zeug legen – die Tür zueinander für eine lange Zeit schwer ins Schloss gefallen war. Was den Lenz nicht sonderlich anfocht, denn er zog sein Ding durch. Am Ende der Siebziger sprach er, im Gegensatz zu Bernhard nicht nur fließend Italienisch, sondern hatte, bis auf ein Schmuckstück von Terrassen-Villa mit Gärten, Pool und Einlieger-Wohnung, das er für sich selbst behielt, alle oberflächlich renovierten Ruinen, die in Castellinaria ihm gehört hatten, verkauft; meist an betuchte Alltagsflüchtlinge aus Deutschland und den Benelux-Staaten.
  Bernhard meinte, der Lenz habe dabei mehr als eine Million Mark steuerfreien Reingewinn gemacht. Damit er die Bebauungs- und Spekulationsfristen von fünf Jahren auch parallel einhalten konnte, hatte er mit Gratisurlauben Familien-Mitglieder als Strohmänner- und –Frauen gewonnen. Auch die Körber-Zwillinge und selbst ihre mittlerweile gassenbreite Mutter, die nie und nimmer mehr dort hochgekommen wäre, waren so eine gemessene Frist pro forma Hausbesitzer in Castellinaria gewesen, wagten aber nicht, vom Lenz vor dem Verkauf einen Bonus für ihr Zurücktreten zu verlangen.
  Die Raffgier und Konsumstärke der neuen Bewohner dieses mittelalterlichen Wehrdorfes hatten aber auch positive Auswirkungen; vor allem auf die Infrastruktur. - Einmal abgesehen davon, dass der Ort vielleicht ein Jahrzehnt später gar nicht mehr zu retten gewesen wäre.
  Den endlich asphaltierten Serpentinen vom Capoluogo hinauf  folgte bald auch ein geteertes, steiles Sträßchen des neu gegründeten Konsortiums durch die Oliventerrassen zum höher gelegenen oberen Dorfrand. Das erleichterte Transporte und Lieferungen und trug ein wenig dem nun rasant wachsenden Bedarf an Parkplätzen Rechnung.
  Die kleinen heimischen Bauunternehmen, bei denen der Impresario meist Maurer und Architekt – beziehungsweise Geometra -  in Personalunion war, konnten auf einmal Leute einstellen und mussten nicht mehr zeitweise in andere Regionen Italiens ausweichen.  Diese völlig ungewohnte Vollbeschäftigung sorgte sogar dafür, dass, selbst bei der lausigen Steuermoral der Einheimischen, ordentlich Geld bis hin in  die Gemeindekasse floss. Erstmals wurde von der Comune  im Tal oben in Castellinaria auch Geld für Schönheitsreparaturen ausgegeben.
 
  Bernhards Weg nach Ligurien war von einem bestimmten Gefühl motiviert gewesen, das treffend in der italienischen Denkweise und Bedeutung als la nostalgia bezeichnet werden konnte. Er war keinesfalls schwermütig und konnte sich im doppelten Sinne sogar größte Lasten aufbürden. Es war auch nicht so, dass er süchtig war nach einer gewissen Leichtigkeit des Daseins. Es war wohl die Sehnsucht nach einer gewissen archaischen Existenz in den Aggregatszuständen des Lebens, die er auf den Großbaustellen Europas immer mehr aus dem Blick verlor.
  Die neuen residenti aus den Bildungs- oder Wohlstandseliten nordeuropäischer Gesellschaften hingegen hatten vordergründig meist andere Beweggründe für den Kauf ihrer meist schon vorrenovierten Häuser: Sie schufen sich damit ein Statussymbol und pflegten etwas, das sie für das dolce far niente hielten – zumindest die nicht mit dem Gelderwerb befassten Angehörigen.
  So entstanden in den Achtziger und Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts dort oben, aber auch in ähnlichen Dörfern der anderen Täler, zeitgeistige Karikaturen von Thomas Manns Zauberberg. Enklaven des Denkens und Verhaltens, die die Natur und das Naturell der unmittelbaren Umgebung nur soweit mit einbezogen, wie die eigene Wahrnehmung das zulassen wollte. Da Neid, Missgunst oder treudeutsche Werte jeweils im Reisgepäck verstaut wurden, entstand so etwas wie eine italienische Schein-Existenz. In Wahrheit mutierte Castellinaria zu einer Enklave Wohlstands-Europas, während die RAF und die Brigate Rosse ihr Terrorwerk verrichteten, der kalte Krieg seiner absoluten Eiszeit entgegen frostete und allenthalben die Umweltzerstörung fortschritt. Wer wollte, konnte - so er sich es eingerichtet hatte – dort ganzjährig auf der Sonnenseite des Lebens Gott einen lieben Mann sein lassen. Aber es gab keinen Gott in Castellinaria oder besser gesagt, er hatte sich von dort eine Auszeit genommen. Und das, obwohl Generationen dieses kleinen, an einen Felsgrat geklammerten Bergnestes in den tausend Jahren seiner Existenz, um ihn zu preisen, auf einer Grundfläche von etwa vier Fußballfeldern, nicht weniger als drei Kirchen und zwei Kapellen errichtet hatten…


Die Cliquen


Castellinaria Kapitel 8
   Während Bernhard und Traute sich auf den Weg machten, ihr eher bescheidenes, bürgerliches Glück zu finden, hatten es andere mit weniger Startschwierigkeiten nach dem Krieg längst gemacht. Im deutschen Wirtschaftswunder hatten Altreiche sich schnell wieder erholt und Neureiche noch schneller die Gunst der Stunde genutzt, um sich einen sozialen Logenplatz zu sichern.
    Wenn die Firma oder die Praxis im Aufschwung florierte, die Villa am Stadtrand gebaut war und die Kinder ihr Abitur gemacht hatten, widmeten sich die Bundesbürger ihrer gesellschaftliche Position in Vereinen oder besser noch Clubs. Dabei wurde Tennis zum Golf der Postmoderne. Jeder, der mit dem Schwung seines Schlägers nur halbwegs um seinen wachsenden Wohlstandsbauch herumkam, verbrachte seine Freizeit nun damit, die kleine Filzkugel mehr oder weniger gekonnt über das Netz zu befördern. Wer in einem Club Mitglied war, gehörte zur Elite, fühlte und verhielt sich auch so.
   Jene, die keinen Konditionszuwachs durch diese Betätigung erzielten, verlagerten den sportlichen Ehrgeiz dann eben auf die Club-Terrasse, wo sie Kontakte knüpften und sich im Idealfall als Mäzene profilierten. Der deutsche Tennisboom der Achtziger hatte seinen Ursprung im Ehrgeiz dieser ersten Club-Funktionäre und ihrer Ehefrauen, die ihre talentierteren Sprösslinge von Turnier zu Turnier kutschierten. Aber nur wenigen gelang der tatsächliche sportliche Durchbruch und deshalb drehten sich die Terrassengespräche dann nicht selten um zwischenmenschliche Kontakte. Wer bei wem saß, wenn gefeiert oder bei Mitgliederversammlungen abgestimmt wurde, bekam auf einmal eine andere Gewichtung; nicht nur in den rheinischen Wirtschaftszentren, sondern auch in Schwaben und Bayern. Es bildeten sich Gruppen, deren Tonangeber mehr oder weniger  direkt vorschrieben, mit wem man im Club sprach und mit welchen anderen die eigenen Kinder Umgang pflegten.
Es entstanden Cliquen.
   Vom Klüngel zur Clique – das war für den Lenz, dem Jahrmarktshändler menschlicher Eitelkeiten eine einfache Folgerung. Diese Cliquen hatten ja meist Geld, und wenn das gesellschaftliche Ansehen der Außenseiter in den  Clubs einen Schubs brauchte, war er zur Stelle. Dazu musste er nicht mal Mitglied sein. Er hatte bundesweit genug Kontakte, um mal auf einen Drink oder zu einem exklusiven Essen auf die Tennisclub-Terrassen der Republik eingeladen zu werden.
   Vor allem bei Spielpausen und Schlechtwetter-Frust, die den Sportbetrieb eindämmten, schlug seine Stunde, wenn er durch Schilderung „seines Dorfes im Süden“ die  ja im Deutschen latent vorhandenen Sehnsüchte weckte. Jedenfalls waren seine ersten fünf Häuser in Castellinaria im Handumdrehen an Adepten solcher Cliquen verkauft. Zu einem - aus deutscher Sicht – Spottpreis, die dem Lenz aber immer noch einen satten Gewinn von mehreren hundert Prozent sicherten. Genug, um gleich noch ein paar Häuser in Castellinaria zu erwerben, denn von da an ergab sich ja quasi ein automatisches Marketing:
  
   Der bis jetzt noch im Club trotz seiner üppigen Spenden nicht so anerkannte Elektro-Großhändler spielt in der Senioren-Rangliste Forderung gegen den die  Cliquen-Meinung beherrschenden Zahnarzt. Verliert zwar, aber kann beim Seitenwechsel einen „Passierschlag“ landen, indem er von seinem gerade erworbenen  Haus auf einem ligurischen Burgberg schwadroniert. Nach  dem Spiel will der Zahn-Doktor natürlich mehr wissen, hat er doch ein paar geschwärzte Märker schon auf halben Weg in der Schweiz liegen.
   So entsteht im achtsam  vom Lenz gewahrten Spekulationsrhythmus im auferstandenen  Castellinaria eine merkwürdige Besiedlungsstruktur, die vielleicht einmal in ein paar hundert Jahren von Völkerkundlern analysiert werden wird:
   Am oberen Ortsrand siedelt sich vorwiegend eine rheinische Clique an, während Schwäbische Tennisspieler rund um die Burg ihre südliche Traum-Immobilie in Besitz nehmen. Aber die Zeit schreitet ja voran, und Animositäten, die einmal da waren, bilden sich dann wieder heraus. Vor allem dann wenn sich der Elektro-Großhändler bei einem Schleifen-Turnier in die Zahnarzt-Gattin verknallt, sie ver- und - nach Verkauf seiner Firma - ins romantische Castellinaria entführt. Seine und ihre Kinder, die als Erben heranwachsen reden da alsbald  nicht mehr miteinander, obwohl sie jedes Jahr im gleichen Dorf alle ihre Ferien verbringen.
   Oder der Autohändler aus Stuttgart erzählt seinem Nachbarn in Bad Canstatt von dem Umstand, dass da wegen Familien-Streitigkeiten bald ein Haus zum günstigen Verkauf steht und übersieht wie bei dem die Markstücke in den Pupillen erscheinen. Es gibt ja nicht nur einen Lenz auf der Welt. Zumal der ja mittlerweile auf die 80 zugeht und längst eine Riesenvilla am noblen Capo Berta mit seien Gewinnen erworben hat.
   Nun darf  aber der Leser nicht glauben, die Deutschen Hoffnungssuchenden hätten nur zu kaufen brauchen und wären dann gleich ins Fertige gezogen. Fast alle Objekte hielten nur der  ersten, euphorischen Besichtigung statt, ehe sie nach dem ersten längeren Aufenthalt ihre Macken preisgaben. Daraus entwickelte sich – wie später noch zu lesen sein wird – eine für den Hauptort unter der Burg ertragreiche Subwirtschaft in Form diverser am Bau engagierter Kleinunternehmen. – Ganz wie im Mittelalter!
   Und weil sich die Deutschen - ohne das Vermutlich zu  wissen - wie einst die Patrizier von San Gimignano verhielten, kam es beim weiteren Ausbau zu manch kuriosem, architektonischen Wettstreit, bei dem einer versuchte den anderen zu übertreffen. Es entstanden neue Zinnen und Bergfriede, ehe die Gemeinde den Auswüchsen einen Riegel in Form von dann doch erstaunlich strengem Denkmalschutz vorschob.
   Da nach oben Grenzen gesetzt wurden, ging es teilweise in den Untergrund. Auf einmal wurden aus ebenerdigen Kellergewölben Appartements und Cantine wechselten mehr oder weniger ohne das Katasteramt die Besitzer, was in der Gegenwart gerade zu bösem Erwachen bei der Nachbesteuerung und der Überprüfung der Kataster-Einträge führt.



Dienstag, 26. Juni 2012

Mamma Giardini

Zur Abwechslung wieder mal ein regulärer Burgbrief:


Das Verhältnis "Herr und Hund", wie es Thomas Mann in seiner gleichnamigen Parabel aus dem Jahre 1918 schildert, bekommt hier im Borgo ganz eigene Perspektiven. Das liegt nicht an der deutlich gesunkenen Zahl herrenloser Vierbeiner, sondern vielmehr an der Tatsache, dass die wegen der Gemeindverordnung  mittlerweile ordentlich an der Leine Ausgeführten überwiegend von "Frauchen" begleitet werden. Mit einer Ausnahme: Bandito.

In Wirklichkeit heißt er natürlich nicht so, aber auch Tiere haben eben in meinem Blog ein Anrecht auf einen "nom de plume". Bandito also ist eine hinreißende Pfeffer-und-Salz Promenadenmischung in Jack-Russel-Größe. Er ist deshalb nicht ganz weiß, weil aus seinem Kurzhaarfell regelmäßig längere schwarze Haare sprießen. Der Anflug von Verwegenheit wird aber von einem großen, schwarzen Fleck über seinem rechten Auge geprägt. Klar, dass so ein Hund von Haus aus Narrenfreiheit hätte, aber sein Befreitsein beruht hier auf einer anderen Funktion. Er ist nämlich ein Vorbote.

Sobald Bandito die Burg betritt, ist jeder quasi offiziell informiert, dass Signora Giardini im Anmarsch ist. Signora Giardini kümmert sich um die Pflanzen und Bepflanzungen in den verschiedenen Ortsteilen und ist im  Rahmen dieser Tätigkeit auch die Chef-Unkrautvernichterin  und -Laubbläserin in den Gassen. An den Tagen, an denen sie nur mal kurz zum Gießen kommt, wäre ihr Vorbote gar nicht nötig, denn das macht die rüstige 60igerin ja sehr diskret.

Die Vorwarnung macht hingegen immer dann Sinn, wenn sie mit ihren schweren Waffen den Borgo betritt. Dann sieht sie nämlich mit ihrem Vollvisier-Helm und dem Brust- und Bein-Harnisch so erschreckend aus wie Boba Fett der Weltraum-Kopfgeldjäger aus den StarWars. Allein auf diesen Anblick vorbereitet zu sein, machte die Arbeit von Bandito schon lobenswert. Aber wenn er gewissermaßen von Piazza zu Piazza vorausprescht, weiß jeder, dass der ganze Ort gleich erschüttert wird wie beim legendären Angriff der Klon-Krieger.

Kein Zweifel, die Signora braucht ihre Rüstung, denn sie setzt ihren Feinden mit einer derart erbarmungslosen Verbissenheit zu, dass dem nicht nur das Kraut nicht gewachsen ist, sondern auch Mauerteile und schwereres Geäst wie Geschosse auf sie zufliegen. Erst kommt der Draht propellernde Hand-Mäher - allerdings in seiner schweren Ausführung, wie ihn auch unsere Olivenbauern zwischen ihren Ölbäumen verwenden. Dann wird mit einem Laubbläser nachgepustet, der möglicherweise einmal ein Geländemotorrad war. Jedenfalls kaum hat Signora Giardini den angeworfen, schallt es durch die Burg, als sei ein Motorrad-Grandprix gestartet worden.

Für die feinen Ohren von Bandito wäre das natürlich eine quälerische Belastung. Deshalb hat er seiner Vorboten-Aufgabe längst schon einen Zusatznutzen abgewonnen. Wird es ihm durch das lärmend herannahende Frauchen zu ungemütlich, verkriecht er sich bei der permanent unter Hunde-Entzug leidenden zweitbesten aller Ehefrauen in der Küche . Wohl wissend, dass dort stets eine Scheibe Schinken oder ein Zipfel Salami auf ihn wartet.

Übrigens muss niemand fürchten, dass dieser vierbeinige Freibeuter jemals seine Funktion nützt, um selber mal eine Tretmine zu legen. Das wagt er einfach nicht - Hat  er ja oft genug mitbekommen, wie gottserbärmlich die Giardini flucht, wenn sie so eine Hinterlassenschaft beseitigen muss...

Sonntag, 24. Juni 2012

Traute


Castellinaria Kapitel 7

Die, die nur nach dem Äußeren eines Menschen gehen, machen es sich oft bei ihren Beurteilungen wissentlich zu leicht. Das Vorurteil, eine Frau müsse nur gut genug aussehen, um Erfolg und Glück im Leben zu haben, hält sich sogar bei intelligenteren Menschen. Traute Körber war, bis sie sich endlich die Liebe ihres Lebens erarbeitet hatte, das Opfer multipler Vorurteile:
 
  Vorurteil 1: Wer einmal im Keller gehaust hat, bleibt meist auch ein Kellerkind - also sozial unterste Schublade.
  Als Familie Körber 1943 in Köln ausgebombt und  ins Bergische Land auf einen Bauernhof umgesiedelt worden war, musste die dreijährige Traute an der Hand ihrer älteren Schwester Hannelore schon große Strecken auf eigenen Füßen zurücklegen. Die Mutter schob den Kinderwagen mit den anderthalb jährigen Zwillingen Rolf und Renate und einen Bauch vor sich her, aus dem in zwei Monaten Tochter Nummer vier schlüpfen sollte: Vielleicht das Abschiedsgeschenk von Eddie Körber, der kurz nach seinem finalen Zeugungsakt auf möglicher Weise nimmer Wiedersehen an die Ostfront geschickt worden war.
  Die Demütigungen, die die Stadtkinder bis ein Jahr nach Kriegsende dort von der Landbevölkerung erfuhren, waren nichts gegen die Wohnverhältnisse und den Hunger, den sie trotz fleißiger Erntearbeit zu erleiden hatten. Der Bauer hatte ihnen eiligst den muffigfeuchten Unterbau einer Scheune frei geräumt. Plumpsklo und Pumpe zum Waschen lagen auf der anderen Seite vom Hof.
  Um die Versorgungsverhältnisse ihrer Kleinen bisweilen ein wenig zu verbessern, ließ Mutter Körber es zu, dass der Bauer ihr gelegentlich im Stall oder, in einem vermeintlich unbeobachteten Moment bei der Pause von der Feldarbeit die Röcke über den Hintern hochschlug. Was er dann machte, kannten die beiden großen Mädchen, die mehrfach spionierten, von Hengst und Stute auf der Weide.
  Durch eine Fehlmeldung kurz vor Weihnachten 1946 hieß es, sie könnten in ihre alte Wohnung zurück. So hoffnungsfroh waren sie gewesen, von dem Bauernhof fort zu kommen, dass sie eine Rückversicherung gar nicht in Erwägung zogen. Zu sechst standen sie mit ihrer armseligen Habe und löchrigen Klamotten vor ihrem einstigen Wohnhaus, das allerdings immer noch so aussah wie nach dem Bomben-Einschlag. Ein Zahlenverdreher bei der Straßennummer hatte sie zum zweiten Mal obdachlos gemacht.
  Bis 1947 lebten sie folglich in einer zum Massenquartier umfunktionierten Kaserne. Sie teilten die Stube mit einer Kriegswitwe, die zwei kleine Buben hatte. Das Zusammenleben war ein Alptraum. Hygiene und Privatsphäre konnten nur mit erheblichem Kraftaufwand bei der Selbstdisziplinierung erreicht werden. Die beiden Frauen vermochten immerhin jedoch im Wechsel einer bescheidenen Erwerbstätigkeit nachzugehen.
  Mutter Körber hatte dabei Glück im Unglück – oder umgekehrt? Sie fand Arbeit bei einer Änderungsschneiderei, die in einem ehemaligen Textil-Geschäft von den Eigentümern im eigenen Haus betrieben wurde. Bei dem Haus war nur der Dachstuhl zerstört. Weil sie sehr fleißig war und bei Überstunden nicht murrte, machte ihr der Arbeitgeber den Vorschlag, es sich mit ihren Kindern und den dort noch vorhandenen, nicht so ramponierten Möbeln,  unter dem unbeschädigten Teil des Speichers gratis häuslich einzurichten. Damit begann eine fünfjährige nahezu sklavische Abhängigkeit der Körbers, in der das Textilgeschäft wieder auferstand und  das Dach mit den Körbers drunter sowie Etage um Etage wieder saniert wurde, ohne dass sich jedoch deren Lebensverhältnisse sonderlich verbesserten. Dann erst flohen sie aus Verzweiflung in das Souterrain, aus dem sie der Lenz dann „befreite“
  Hannelore und Traute wurden trotz des Altersunterschiedes zusammen eingeschult. Die britische Besatzungsmacht hatte sich alle Mühe gegeben, das Deutsche Bildungssystem zu entnazifizieren und wieder auf ein gewisses Niveau zu bringen. Damit die Schüler nicht gezwungen waren, wegen der permanenten Nahrungssuche in diesen chaotischen Verhältnissen die Schule zu schwänzen, wurden sie von den Tommys mit einem Mittagsessen – meist Suppe oder Brei – zum Besuch des Unterrichts regelrecht angelockt. Damit Mutter Körber ungestört durchschuften konnte, nahmen die beiden großen Mädchen die drei kleinen Geschwister einfach mit in den Unterricht und Teilten den Inhalt aus den zwei Kommissbüchsen durch fünf. Niemand erhob Einwand dagegen, obwohl die mangelhaft ausgestatteten und kaum geheizten Klassenzimmer der Notschulen ohnehin hoffnungslos überfüllt waren…

  Vorurteil 2: Außergewöhnliche Intelligenz bahnt sich von selbst ihren Weg.
  Obwohl sich Traute im Gegensatz zu Hannelore mit ihren Leistungen aus den unüberschaubaren Klassen stets nachhaltig heraus hob, reüssierte sie nicht. Die Lehrer, die vor allem auch wegen der hohen sozialen Kompetenz, die Traute von Beginn an entwickelt hatte, nicht müde wurden, Empfehlungen für das Gymnasium und ein späteres Studium auszusprechen, fanden kein Gehör.
  Hannelores frühe Hochzeit war ebenso kontraproduktiv wie die wenigen Monate väterlicher erzieherischer Begleitung.  Eddie Körber hatte selbst am eigenen Leib verspürt, dass er durch die Heirat seiner Töchter einen Status einnahm, den Leute aus seinen Kreisen sich nie und nimmer hätten erarbeiten können. Warum sollte Traute dann unnütz die Zeit auf der Schule verplempern?
  1954 war Traute immer noch auf der Volksschule und alles hatte darauf hingedeutet, dass sie dort auch ihren Abschluss gemacht hätte. Wenn es im Leben des Lenz aus menschlicher Regung eine Handlung gegeben hat, die in der Folge zu etwas Gutem führte, dann war es sein Beharren, Traute müsse zumindest die Mittel- und danach eine Handelsschule besuchen. Die edle Tat wurde später allerdings von Traute selbst als Akt der alternativen sexuellen Langzeitversorgung enttarnt. Meesters Büro in Porz lag nur um die Ecke von den beiden avisierten schulischen Einrichtungen, und er selbst bestand darauf, sich persönlich um Trautes Fortkommen zu kümmern. Neben der Überwachung der Hausaufgaben sollte sie so auch gleichzeitig in den Vorzug kommen, alle fürs Büro von der Pieke auf zu lernen…
  „Dat Jerda, dat Aas“, hatte natürlich den Braten als erste gerochen und machte sich einen Spaß daraus, ein ums andere Mal ihrem Sex- und Geschäftspartner auf die vor  vorfreudiger Geilheit bis auf den Boden feudelnde Zunge zu treten. Und zwar so, dass es immer richtig weht tat.

 Vorurteil 3: Schönheit muss nicht arbeiten.
 Da war aus dem Gör, das langgliedrig und dürr war wie eine Gottesanbeterin plötzlich mit gerade einmal sechzehn eine hoch aufragende Schönheit geworden, die selbst angebetet wurde. Selbst der freche kleine Bruder, der sich immer über ihre Länge lustig gemacht hatte, verstummte. Gerade hatte er noch gemeint, wenn Traute jemals Männer abbekommen wolle, müsse sie wohl zwei aufeinander stellen, da rannten die Kerle ihnen bereits die neue Bude in Porz ein. Aber war Traute darüber glücklich?
  Ein Freund vom Lenz, der es in den wenigen Jahren zum Besitzer mehrerer großer Friseur-Salons gebracht hatte, spannte die überragende Traute gratis als Modell und Repräsentantin seiner neuesten Haarkreationen ein. Was Traute noch mehr zu einem Hingucker machte. Das wiederum blieb nicht ohne Folgen auf ihr soziales Umfeld. War sie mit Freundinnen zum Tanztee, stürzten sich die Jungs allein auf sie, was den anderen Mädchen unbeabsichtigt das Gefühl gab, Mauerblümchen zu sein. 
  Was tat Traute in ihrer angeborenen sozialen Fürsorge? Sie wurde den Galanen gegenüber unwirsch und abweisend, damit ihre Freundinnen besser zum Zuge kamen. Sie selbst blieb von da an stoisch hocken, was wiederum als unnahbare Arroganz ausgelegt wurde.
  Intellektuell unterfordert, zu Höherem befähigt, aber nicht erkannt und unnahbar schön glitt die Göttin in eine Isoliertheit ab, in der sie aber nach indischem Vorbild sechs Arme benötigt hätte, um die flinken zielstrebigen Hände von Schwager Lorenz Meester abzuwehren. Der Lenz hatte doch so gar nichts frühlingshaftes, war er doch erkennbar nun schon ein Mann in den Fünfzigern.
  Kaum aus der Handelsschule nahm Traute also eine Lehrstelle an, die sie, so weit es ging, aus der Reichweite dieser Fänge brachte. In Königsdorf begann sie eine Lehre als kaufmännische Gehilfin für Im- und Export. Paradoxer Weise bekam sie die Stelle, weil sie im Büro vom Lenz so gut aufgepasst hatte, dass  sie gleich als vollwertige Kraft eingesetzt werden konnte. Es brauchte ihr ja kaum jemand noch etwas beizubringen …
 
 Man stelle sich die ersten Begegnungen zwischen Bernhard und Traute am besten folgender Maßen vor:
  Aus dem Meer der allmorgendlich zur Arbeit schwappenden Köpfe auf den Bahnsteigen des Königsdorfer Bahnhofs ragten zwei Leuchttürme, die ihre Strahlen über allem kreisen ließen: Stadteinwärts Bernhard mit seinen Attitüden eines englischen Landjunkers und langem, sonnegebleichten Blondhaar sowie dem gepflegten Oberlippenbart, der sein stets gebräuntes Gesicht markant kontrastierte. Und auf dem gegenüberliegenden Perron ankommend schwebte die der Garbo so ähnliche Gottheit mit wöchentlich wechselnden, tollkühnen Frisuren, wie man sie nur von den Titelbildern der FÜR SIE oder der Constanze kannte.
  Am Anfang streiften sich die Strahlen lediglich oder kreuzten sich bestenfalls. Aber eines Morgens verhakten sie sich kurz, und von da an warteten alle anderen vergebens, noch einmal von beider Glanz beschienen zu werden.
Erst zehn Sekunden, dann zwanzig und schließlich eine volle Minute ertranken sie nun täglich - immer noch durch die Bahngleise getrennt - gegenseitig in ihren Augen. Dann wechselte Bernhard endlich mutig  auf ihre Seite und erwartete sie. Bewusst eine Verspätung in Kauf nehmend, artig unter Wahrung aller Anstandsregeln, sie im Gespräch auch formell siezend, begleitete er Traute erstmals zu ihrer Firma.

  Obwohl der direkte Augenkontakt die Initialzündung war, ist das keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, die da zwischen Traute und Bernhard ihren Lauf nahm. Sie gingen ins Kino, wo sie zunächst einmal zögerlich Händchen hielten, aber sich noch nicht zu küssen wagten. Sie verabredeten sich am Samstagabend zwar zum Tanzen und gingen beim Slow auch auf Tuchfühlung, aber den ersten Kuss tauschten sie erst nach acht Wochen bei einem Sonntagsspaziergang am Rheinufer. Es war der Kuss seines Lebens, behauptete der 71jährige Bernhard und dabei schwammen seine Augen immer in etwas mehr Flüssigkeit als sonst.
  An diesem Sonntag war Traute schon 22 und noch Jungfrau. Bernhard war 25 und verdrängte schlagartig die nun scheinbar schon so weit zurück liegenden Exzesse mit seiner lesbischen DDR-Braut. Er wartete noch zwei Monate, bis er Traute vorsichtig fragte, ob sie nach dem Tanzen noch zu ihm in sein Appartement im „Bullenkloster“ käme…
  Diese Behutsamkeit, manchmal sogar Langsamkeit, bei den gemeinsamen Schritten, sollte ihr weiteres Leben prägen. Wieder einmal war Bernhard in einem Zeittunnel autarker Wahrnehmungen unterwegs, und dass seine Partnerin dies akzeptierte, gab ihm eine veränderte, aber noch stärkere Selbstsicherheit.
  Traute fand Bernhard auch in seinen Maurerklamotten äußerst attraktiv, aber den Kick versetzte ihr dieser Mann immer aufs Neue, wenn er in seinen Maßanzügen vor ihr stand. Lag es nun an Bernhards DDR-Vergangenheit, die ihn sichtlich reifer erscheinen ließ, oder auch an Trautes reservierter Schönheit, dass die zwei die stürmischen 1960er in einem Kokon erlebten. Klar hörten sie Beatles und Rolling Stones und manchmal twisteten sie sich auch die Seele aus dem Leibe, aber sie waren doch eher die Cliff-Richard-oder Paul-Anka-Typen. Zu ihrer Lebenshymne wurde jedoch Percy Sledges “When a Man Loves a Woman“. Sie wurde natürlich auch bei  ihrer Hochzeit 1966 gespielt.
  Was hatte die beiden abgehalten, schon früher zu heiraten? Sie waren doch einander so sicher.  - Die Welt war es nicht. Da kam die Kuba-Krise. Dann wurde Kennedy ermordet. Aber gleichzeitig erhob sich Köln immer noch nachhaltig aus seinen Trümmern. Banken, Versicherungen und Spekulanten überboten sich im Hochziehen gigantischer Verwaltungsgebäude. - Mittendrin der Lenz als eine Art Neunauge im Kölschen Klüngel, der sich überall parasitär festsaugte und den Versuch nicht aufgab, den „Beschäler von Traute“ (so nannte er Bernhard verächtlich vor Dritten) auf die dunkle Seite hinüber zu ziehen. Aber da Bernhard nur wenig von seiner Vergangenheit preisgegeben hatte, ahnte der Lenz nicht, dass Bernhard der Umgang mit Dunkelmännern durchaus vertraut war. Zudem konnte es sich der permanent sich selbst überhöhende Meester wohl nicht vorstellen, dass er die „Fünfte Kolonne“ in den eigenen Reihen hatte. Mag sein, dass Gerda Janke zunächst aus einer Art Eifersucht die Annäherung des Lenz an Traute immer wieder geschickt sabotierte. Aber da die rasant verstreichenden Jahre ihre Kinderlosigkeit besiegelten, wuchsen ihr Bernhard und Traute mehr und mehr ans Herz. - Wobei ihr langer Blick auf Bernhards männliche Attribute recht häufig nicht unbedingt etwas mit mütterlicher Zuneigung zu tun hatte.
  In der Praxis sah das so aus: Wann immer der Lenz etwas ausgeheckt hatte, um Bernhards Geradlinigkeit zu erschüttern oder ihn in Folge nicht ganz koscherer Vorgehensweisen von sich abhängig zu machen, steckte Gerda das der Traute.
  Der Lenz musste lernen, dass es, jenseits seiner Ränkespiele, eine unerschütterliche Aufrichtigkeit gab, gegen die ihm kein Mittel gegeben war. Das gefiel ihm nicht. Und es gefiel ihm noch weniger, dass dieser, sein neuer Schwager, immer nur einen kontrollierten Schritt davon entfernt war, seinem durchaus vorhandenen Temperament wie einen Vulkan ausbrechen zu lassen.
  Im Frühjahr 1967 überraschte er im Baubüro zu einer Großbaustelle am Kaiser-Wilhelm-Ring seinen Schwager dabei, wie er gegenüber Gerda Janke in einem Streit handgreiflich wurde. Er ahnte doch nicht, dass das einmal „part of the Game“ war. Gewalt gegen Frauen aktivierte bei Bernhard ganz kurze Reizleitungen. Dass hatte nichts damit zu tun, dass Gerda dem jungen Paar eine echte Vertraute geworden war. Jede andere Frau in dieser Lage hätte die gleiche ungebremste Reaktion bei Bernhard ausgelöst:
  Er zerrte den Lenz an seinen Jackett-Aufschlägen aus der Baracke an den Rand der Baugrube für die dreistöckige Tiefgarage. Eine falsche Bewegung, und der Lenz wär fünfzehn Meter tief gefallen:
 „Wie wär’s, wenn du dir mal einen gleich starken Gegner suchtest? Ich schau mir das ja schon eine ganze Weile an und ich weiß auch, dass du mich nur für einen rüber gemachten DDR-Trottel hältst. Aber sollte ich noch einmal erleben – vor allem bei Gerda und Traute – dass du eine unserer Damen nur berührst, dann hast du keinen Schwager mehr, der dich gerade noch vor einem Fehltritt bewahrt. Dann hast du einen Unfall!“
  Eine Stunde später lag Bernhards Kündigung auf dem Tisch, und irgendwie war von da an auch klar, dass beide wohl keine echten Freunde mehr würden.