Sonntag, 18. September 2011

Wie kann man nur einen Pfau essen?

Der Pfauenkönig von Gilleleje                  Öl auf Leinwand gespachtelt








Pfauen spielen als Motiv für meine Bilder fast so eine große Rolle wie der Mond. Ich liebe die radschlagende Zurschaustellung ihrer männlichen Eitelkeit und die Tatsache, dass kein Federkleid dem anderen gleicht. Pfauen, die ursprünglich aus den Dschungelzonen des indischen Subkontinents stammen, sind mittlerweile in Züchtungen auf der ganze Welt verbreitet und lösen allerorts Begeisterung aus.
Pavone alla Mantegna     Acryl auf Pappe
Dennoch ist der Pfau in unseren Breiten für den Hausgebrauch irgendwie aus der Mode gekommen, seit es die großen, privaten Parks des Adels nicht mehr gibt. Das gilt erstaunlicher Weise auch für Italien, wo sein Machogehabe ja sprichwörtlich ist. Dabei sind die Weibchen in ihrem eher monochromen Federkleid neben ihrer speziellen Attraktivität auch so wehrhaft, dass sie das Auftreten ihrer Begatter mitunter ganz schön zurechtrücken. Jedenfalls konnte ich das einmal in dem herrlichen Park von Gilleleje auf der dänischesn Insel Mjön beobachten. Da hat eine Henne den Pfauenkönig ziemlich herzhaft abgewatscht, als sie nicht so wollte, wie seine Selbstherrlichkeit es sich gerade gedacht hatte...
Und jetzt wird's heikel:
Wir essen Fasanen. Flugenten und Spielhähne, ohne dass aus ethischen Gesichtspunkten darüber diskutiert wird. Und auch das Perlhuhn ist ja ein attraktiver Vogel, der in der Gourmet-Küche das Massenzucht-Hähnchen längst abgelöst hat. Wieso schaudert es einen dann bei der Frage, ob Pfauen gegessen werden können beziehungsweise dürfen...?
Mir ging es jedenfalls vor vierzig Jahren so. Veroneser Freunde hatten uns - lange bevor die Gourmetwelle über Europa schwappte -  zu Italiens Kochlegende Angelo Berti in dessen Restaurant "Taverna Degli Artisti" in Revere hinterm Deich des Po eingeladen. Bei Berti musste man Essen, was auf den Tisch kam - wie hier in den ligurischen Traditionsrestaurants. Es gab auch ebensoviele Gänge. 14 waren es mindestens, und einer davon war in jener Nacht "Pavone alla Mantegna" - also Pfau - wie ihn Hausfrauen aus Mantua seit Jahrhunderten zubereitet hatten.
Der einziartige Geschmack des im Ölpapier-Beutel mit Parmesan und Hackfleisch im Ofen geschmorten Pfauenfleisches machte jedes schlechte Gewissen platt. Und ein paar Jahre später bei Reisen durch Indien und auf der malayischen Halbinsel erlebte ich, dass dort der domestizierte Pfau - vor allen seine Hennen - als Fleischlieferanten völlig normal sind.
Dennoch die Zeiten und das Bewusstsein haben sich eben (vielleicht auch zurecht) gewandelt, und das Rezept wird hier in Italien nun auch wahlweise mit Truthahn oder Perlhuhn  verwirklicht.  Natürlich müssen die dafür  eben auch geschlachtet werden ...
Angelo Berti, der 2009 hundertjährig an seinem Geburtstag starb, ist vor allem deshalb als Legende unsterblich, weil er all die Casareccia-Rezepte der Vergangenheit dokumentiert und celebriert hat. Eine wahre Sammelwut ist um seine "Pavone alla Mantegna"-Teller entbrannt. Doch Vorsicht, sie werden so hoch gehandelt, dass sich bereits Fälschungen lohnen.


Pfau im japanischen Garten          Oil on Canvas

Donnerstag, 15. September 2011

Denkzettel

Denk Dir nur...    Deckblatt Libretto: Mann vom Meer  Acryl auf Cartoon

















Aus aktuellem Anlass auf die Bundesregierung anzuwenden: Ein Gedicht von mir.


DENK DIR NUR - WELCH' WONNE 
DREI MANN IN EINEM BOOT...
LENK MIR ZUR LETZTEN SONNE
DEN KAHN INS ABENDROT

EINER MUSS DEN KURS ANGEBEN
DU STEUERST IHN DANN BLOS
NUR ÜBER'N SUND - WIRST'S ÜBERLEBEN
WAS BEDENKEST DU DA GROSS?

DAS EINER RUDERN MUSS?
TUT DAS DOCH DER IN DER MITTE 
HAT ER JA KRAFT IM ÜBERFLUSS
DAZU IST ER DOCH DA  - DER DRITTE

AM RIEMEN SICH REISSEN
UND SICH IN SIE LEGEN
SOLL JENEM VERHEISSEN:
SICH REGEN BRINGT SEGEN!

DAS WÄR' JA DOCH GELACHT
WENN'S IM BOOT NICHT FUNKTIONIERTE:
DER ORIENTIERTE UND DER, DER ÜBERWACHT...
SO IST'S - DAS ALTE SPIEL DER MACHT

DER IN DER MITTE TUT ZWAR DIE ARBEIT
DOCH HAT ER NACHGEDACHT:
LEISE, S'WAR JA AN DER ZEIT,
LIEF  ER AUS DEM RUDER MIT BEDACHT

INDEM ER'S RUDERN SEIN LIESS
UND MITTEN AUF DER REISE  GANZ SACHT
BEIDE AUS DEM NACHEN STIESS
- HAT DER SICH EIN'S GELACHT!

Sonntag, 11. September 2011

Vollmond

Und aus den Wiesen steiget....                  Ölkreide und Gouache auf  Bütte


Mag ja sein, dass die Wissenschaft aktuell den Einfluss der Vollmond-Phase auf sensible Menschen weitestgehend entmystifiziert hat. Aber hören Gläubige auf zu glauben, wenn sie auf all die Widersprüchlichkeiten in religiösen Texten und Überlieferungen hingewiesen werden?
Ein Agnostiker wie ich hat es auch in solchen Fragen mit seiner Standartantwort leicht: Ich weiß einfach nicht, wieso der Mond Einfluss auf mich hat.
Mondscheinbad mit Tiger                   Öl auf Bütte (progetto)
In der westlichen Krümmung des bereits herbstlichen Himmels über dem Borgo war der Vollmond in dieser Nacht riesig; etwa doppelt so groß wie normal. Er erschien auch heller und hielt mich deshalb vom Schlafen ab. Quatsch! Bei 0,2 Lux maximal gäbe es keine biologischen Auswirkungen, stellte die Wissenschaft fest...
Während ich mich sonst schlicht weigere, Gäste zu Abendflügen nach Nizza zu fahren, leiste ich bei Vollmond im November nie Widerstand - obwohl mir der Grund immer erst bewusst wird, wenn ich über die Autostrada dei Fiori heimfahre. Dann nämlich steigt noch frühabends eine Riesenscheibe aus dem Ligurischen Meer. Sie ist dann nicht blaßsilbrig, sondern rotgold und versetzt mich mit der Schönheit des Gesamtbildes in eine oft tagelang anhaltende Euphorie.
Das italienische Wort für launenhaft heißt "lunatico" und verweist auf den Wortstamm luna, worauf vermutlich auch unser Wort Laune irgendwie zurückzuführen ist. Leider bin ich ein ausgesprochen launischer Mensch, der unter seinen Gemütsschwankungen selbst am meisten zu leiden hat. Aber wenn ich auf die über sechs Jahrzehnte meines Lebens zurückblicke, sind mir viele Vollmondnächte mit ihren Erlebnissen unauslöschlicher in Erinnerung als all die grandiosen Sonnentage, deren Eindrucksfülle mich oft genug zu erdrücken drohte. Und darin liegt möglicherweise ein Erklärungsschlüssel: Vollmondnächte kommen eben einfach viel seltener vor als Sonnentage. Und möglichwerweise erleben wir sie deshalb als etwas besonderes und verhalten uns daher anders.
Einer meiner Nachbarn hier ist ein bedeutender Kameramann, der mit den Größten der großen Regisseure zusammengearbeit hat und jetzt an seinen Memoiren schreibt. Deren Titel: "Der Mond hat Blende 8".
Als Fotograf habe ich den Mond überall auf der Welt versucht, so einzufangen wie ich ihn jeweils gesehen - oder besser - erlebt habe. Es ist mir nur einmal wirklich befriedigend gelungen: in der Wüste.
Als Autor hat man es da leichter, weil der ja die eigene und die romantische Ader des Lesers in Einklang bringen kann.Aber richtig verblüfft war ich über die Frage einer Freundin meiner Kinder: "Wieso malst du so oft den Mond?"
Ich habe keine Antwort, weil mir das bis zu ihrer Frage gar nicht bewusst war. Und jetzt, da es mir bewusst ist, vermeide ich es, tiefer in die Beweggründe dafür einzutauchen.
Klar habe ich - wie alle Kinder - den Mond veralbert: beim Singen von Carl Orffs glerichnamigem Opus oder indem wir den unnachahmlichen Text von Matthias Claudius mit "der weiße Neger Wumbaba" verballhornt hatten. Auch meine aktuelleren Titel von Bildern mit Mondmotiven dokumentieren - ohne, dass es mir bisher klar war - irgendwie lässigen Abstand. So als wollte der Knabe nicht wahrhaben, dass er deshalb so laut pfeift, weil er im dunklen Wald so schreckliche Angst hat...
Zeus und Europa haben's getan                                             Oil on Canvas

Sonntag, 4. September 2011

Bei allen Heiligen!

Johannes der Täufer       Digitally Your's Art-Series
Da kann eine schon mal durcheinanderkommen - mit 92 Jahren! Gestern marschierte Eulalia mit ihrem Stöckchen über die Piazza, um ihren klassischen Stop bei der "Seelensammlerin" einzulegen. In jüngster Zeit zeigt sie immer häufiger in den Himmel und spricht  mit dramatischer Stimme vom "Signor", der sie nun wohl bald zu sich holen wolle. Sie ist absolut klar im Kopf, und selbst den steilen Weg zum Horto der hundertjährigen Geschwister am oberen Dorfrand nimmt sie noch behender als manche der jungen Burgbewohner.
Aber gestern musste ihr der Agnostiker nun doch mal sanft in einer Frage der religiösen Mythologie widersprechen: Als sie nämlich der zweitbesten aller Ehegesponse - getauft unter dem Namen der heiligen Elisabeth - bekundete, Elisabetha sei ja die Mutter vom Vater des Herrn gewesen, worauf sie ja sehr stolz sein müsse.
Wie schon früher beschrieben, kann es sehr verwirrend sein, bei all den Heiligen, die diesen Borgo beschützen.
- Und bei den vielen Kirchen, die dieser drei Fußballfelder große, alte Ort sein Eigen nennt. Da hätten wir an der oberen Piazza "Santa Anna" und am unteren  Dorfeingang "San Giovanni Battista", "San Lorenzo in Horto" in den darunter liegenden Olivenhainen und Gärten, und die Fragmente der ältesten Kirche an unserer Piazza, die ich wegen Kolumbus' diffuser Geburt einfach mal "San Christoforo" zuschreibe, was natürlich aus der Sicht von Gelehrten nicht die feine historische Art ist. Auch die gerade renovierte Kapelle an der Kurve zur Konsortiumsstraße darf nicht vergessen werden...
Apropos diffuse Geburten: Elisabeth, die der Legende nach in späten Lebensjahren ebenfalls eine Prophezeiung hatte, sie werde einem Sohn das Leben schenken, brachte demnach eher "Johannes den Täufer" zur Welt. Hingegen sind die Evangelien im Hinblick auf den Vater Josefs sehr widersprüchlich.
Demzufolge zeugte nach Matthäus 1, 16 Jakob den Josef, während Lukas einem Elis dessen Zeugung zuschreibt. Aber angesichts der "Stiefvaterschaft" Josefs gegenüber Jesus und der Beteiligung des "Heiligen Geistes" bei der Zeugung, gewinnt die sich von Forschern aus der aramäischen Übersetzung abzuleitende Version an Logik, nachdem der Mann an Marias Seite möglicherweise ihr Vater war, also der Vater der Jungfrau Maria, die unehelich mit einem gesegneten Knaben niederkam. Soll ja vorkommen.
In biblischen Quellen findet sich nämlich kein eigentlicher Hinweis auf die Eltern von Maria, die später als Anna und Joachim in die Mystifizierung eingingen. Anna könnte in dem Verwirrspiel also auch die Ehefrau von Josef gewesen sein, was wiederum den seit dem Mitelalter vor allem in der Malerei und Bildhauerei immer stärker aufkommenden "Selbdritt"-Kult plausibel machte. In diesen Darstellungen steht Marias Mutter Anna der heiligen Jungfrau und dem frisch geborenen Jesus zur Seite.Erwachsene Männer fehlen da stets - heutzutage auf  Geburtsfotos undenkbar.
Da eine heilige Anna auch im Leben meiner sehr gläubigen Frau  und dem meinen (dem eines Agnostikers), eine wichtige Rolle gespielt hat, habe auch ich mich mal "malerisch" mit einem Entwurf, einem "progetto" auf des Thema "Selbdtitt" eingelassen. Meine Frau hasst dieses immer noch nicht fertige Bild und hat es zum ewigen Verbleib in der Cantina verbannt.
Es zeigt eine sehr alte Anna mit durchaus sorgenvoller Miene, eine prallbrüstige Maria, die gerade gestillt hat und nicht so aussieht, als hätte sie das ihr Geschehene bereits voll überrissen. Aber das liebe Jesulein, das sich gesättigt auf Marias Schoß räkelt und sich super amüsiert,wird hoffentlich mal als die bestgelaunte Christus-Darstellung in die Kunstgeschicht eingehen.

Donnerstag, 1. September 2011

Jetzt mal den Roten wählen!

Die Kampfhähne                           Oil on Canvas
Wer in den letzen August- oder den ersten Septemberwochen durch ligurische Bergdörfer fährt, die abseits stark befahrener Straßen noch nicht in erster Linie vom Tourismus leben, hat vielleicht Glück, sie noch blitzen zu sehen:
Die großen Weißbleche, auf denen die langen Tomaten und die roten Paprikaschoten filettiert und eingesalzen zur Extremtrocknung für den Hausgebrauch der Sonne ausgesetzt werden. Der enorme Bedarf der Gourmets in aller Welt wird natürlich mittlerweile durch industrielle Trocknungsprozesse befriedigt. Was in der letzten Zeit minuziös auf diverse Gustopunkte ausgerichtete Reifeprozesse ermöglicht. Der letzte Schrei sind jetzt die Trockentomaten, die hellrosa nicht gar so verschrumpelt rüberkommen und die, ohne in Öl eingelegt zu werden, bereits kauweich sind.
Die Paprikaschoten lassen sich offenbar so noch nicht herstellen, oder die Nachfrage fehlt bislang. Wie sie überhaupt selbst auf den Bauernmärkten eine Seltenheit im Angebot sind. Da muss einer die Anbieter schon kennen und sofort zugreifen, wenn er dem mitunter wie rotes Transparentpapier aussehenden Geschmacksverstärker in ausreichender Menge habhaft werden will...
Sobald der variationsreiche Gartenbasilikum für den grünen Pesto langsam abgeerntet ist und nur noch schütter nachwächst, beziehungsweise schon wieder aus dem Treibhaus kommt, wird es Zeit für den roten Pesto, der natürlich mittlerweile auch schon den Gaumen der nordeuropäischen FoodinStyle-Esser schmeichelt.

Wieso ich mich dennoch ermutigt fühle, hier ein Rezept auf der Basis von rotem Pesto zum Besten zu geben? Weil Pesto eben nicht gleich Pesto ist und nicht nur von Tal zu Tal, sondern auch von Koch zu Koch variiert. Beim letzten "cena sotto le stelle" hat mein grüner Pesto von den ausgefuchstesten Köchinnen des Borgos ein mehrfaches Daumen-Hoch bekommen. Bald werde ich ihnen auch meinen Roten auftischen. Aber zuvor haben die Burgbriefe-Leser exklusiv die Möglichkeit, dieses Rezept hier nachzukochen. Wie immer für vier Personen, aber unter dem Hinweis, dass es durchaus angebracht ist, den roten Pesto auf Vorrat zuzubereiten, weil er sich kühl aufbewahrt den ganzen Winter hält und leicht durch weitere Hinzugabe von Öl "verlängert" werden kann...

Maremonti 4

Bucatini con Pollo in Pesto Rosso
Makkaroni mit Hähnchen in rotem Pesto

Zutaten:
30g dunkelrote Trockentomaten
30g getrocknete rote Paprika
10g Pinienkerne
4 kleine Peperoncini- oder Chilly-Schoten
4 mittelgroße Zehen roter Knoblauch
Saft einer kleinen Limone
1 gehäufter EL brauner Melassezucker
30g grob geschnittener frischer Parmesan oder Grano Padano der besten Qualität
Je nach gewünschter Geschmeidigkeit und Gusto 100 bis 200ml Mosto d'Oro (ungefilterte Erstpressung) ansonsten gutes Extra Vergine
In dieser Reihenfolge in den Mixer geben und nicht salzen, bevor abgeschmeckt wurde. Die getrockneten Tomaten und Paprika sind (unterschiedlich) nämlich sehr salzig

Pro Person zwei entbeinte Hähnchen-Oberschenkel
400 g dünne Makkaroni (No 6) oder nach Gusto

Zubereitung:
Makkaroni al dente kochen
Hühnchen entweder in einer Pfanne auf der Haut ohne zusätzliches Fett erst bei kleinster Flamme ausschwitzen lassen, dann scharf  zuende braten oder grillen, bis die Haut rundum knusprig ist. Die Makkaroni nicht ganz abgießen und den Pesto nach Geschmack unterheben und ein paar Minuten ziehen lassen. Die Hähnchenschenkel auf der Fleischseite mit dem Pesto bestreichen und dann in feine Streifen geschnitten auf die Makkaroni legen.
So zubereitet hat das Gericht eine süßscharfe Note. Wer es deftiger mag, kann die rote Note noch dadurch unterstreichen, dass er zwei Radicchio Trevisiano (das sind die länglichen) der Länge nach halbiert und in dem Hühnerfett kurz scharf anbrät, bis er auf der Schnittfläche knusprig braun wird; dann neben den Hühnerteilen drapieren

Buon appetito!

Sonntag, 28. August 2011

Der Burgnarr

Der Hofnarr                  Oil on Canvas
Jetzt geht die Sonne schon wieder kurz vor acht hinter Cuneo di San Bernardo unter. Die Ferien sind schon fast vorbei, und die Hitzewelle klingt ebenfalls langsam ab. Nachts tasten wir schon wieder mal nach der Bettdecke, wenn der Libeccio weht. Es mehren sich  auch die Wanderer, die die Piazza überqueren, um auf dem Weg zum Passo del Ginostro das vielbeschriebene Dorf zu besichtigen.
Ich arbeite an einem Video, dass ich zu Beginn der nächsten Burgbriefe-Saison in diessen Blog stellen werde. Es geht um einen ganz normalen Tag hier im Borgo, und dabei stelle ich mir immer aufs neue die Fagen, was eigentlich normal ist...
Vermutlich kommt diese Frage auf, weil ich schon zu lange nicht mehr mit "Steinen aus dem Glashaus" geworfen habe. Treue Leser meiner beiden Blogs wissen ja, dass ich es immer noch nicht aufgegeben habe, die Welt zu retten. - Dass ich mich daher hier wie auch in meinem Münchner Stadtteil sehr  um Integration und das kommunale, multikulturelle Zusammenleben sorge. Nicht, dass ich glaubte, hier im Borgo jemals als Gemeinde-Mitglied anerkannt zu werden. Da kann ich noch so sehr den "Omburgsmann" geben oder zusammen mit meiner Frau versuchen, die Piazza sozial wieder zu beleben.
Ist es normal, dass ich hier rumhänge und nichts tue, außer ein paar Bilder zu malen und Texte zu verfassen, auf die die Welt weiß Gott nicht gewartet hat?
Der "böse Burggeist"  geht jedenfalls Tag für Tag trotz seiner 90 Jahre in die Campagna und holt aus seinem mageren Körper alles heraus, was der noch Erstaunliches zu leisten in der Lage ist? Ist es normal, dass der dreißig Jahre jüngere Gustavo jeden Morgen um fünf aufsteht, um nicht nur seinen Horto zu bearbeiten, sondern auch noch Nachbarn zu helfen? - Von den erotischen Höchstleistungen mit der Sammlerin buntester Jogging-Anzüge jede Nacht ganz zu schweigen... Ist es normal, dass meine Freundin Paola ihr Familien-Leben aufs Spiel setzt, nur um hier bei diesem so lausigen Lohn-Niveau  in der ligurischen Gastronomie ihren Selbstwert aufzupolieren?
Das alles ist genau so normal oder anomal wie unser am Tourette-Syndrom leidender und unter einer Horrorkindheit gelitten habender Corrado.
"Jede Burg braucht ihren Narren", hätte ich in meiner formulierenden Leichtsinnigkeit noch vor ein paar Wochen getextet.
Aber dann haben wir uns angewöhnt, Corrado bei jeder Aktivität auf der Piazza mit einzubeziehen. Dabei stellte sich heraus, Corrado trinkt zu Zeit nicht mehr. Er schluckt nur Unmengen von Kaffee, den er in voluminösen Plastikflaschen stets bei sich trägt, und er dreht sich - um von seinem hohen Zigaretten-Konsum herunterzukommen - die Zigaretten jetzt selbst. Nicht, dass er über Nacht zu einem angenehmen Gesprächspartner geworden wäre, und wer so schlecht Italienisch spricht wie ich, muss sich auch daran gewöhnen, dass er seine mitunter überraschenden Ausführungen mit Ersatzbegriffen verklausuliert. Napolitano steht gleichermaßen für Berlusconi und alle mafiösen Zustände in seiner Heimat. "Kaputt" für den Tod, der seiner Ansicht überall auf jeden lauert, aber den er - im Gegensatz zu mir - eben nicht fürchtet. Er ist 45, und muss - wie wir in Bayern sagen - erst einmal so alt werden, wie er bereits jetzt ausschaut. Beim nächsten Vollmond rastet er vielleicht wieder aus - wie neulich tagsüber.
Meine Frau versuchte ihn von der sicheren Höhe unserer Terrasse mit einem wiederholten  "basta Corrado!" auch wegen der vielen ahnungslose Feriengäste zu beruhigen. Da sagte aber der "Vicino Vittorio", der fünf Meter weiter sein Fenster aufgemacht hatte zur zweitbesten aller Ehefrauen:
"Er hat doch recht. Gaddafi ist doch wirklich ein Arschloch, und ein noch größeres Arschloch ist unser Cavaliere, der ihm jahrelang die colleoni eben nicht ..." ("rompere i colleoni" ist eine Art, den männlichen Familienschmuck zu behandeln, die ich hier lieber nicht übersetzen möchte)"
Nun habe ich mir angewöhnt - so nervig es auch sein mag - mich mit Corrado beinahe täglich auf eine Diskussion einzulassen. Der Mann hat Witz - auch die Italiener, die mitunter dabei sind, müssen des öfteren herzlich lachen. Wohl gemerkt, sie lachen durch ihn - nicht über ihn. Schade, dass mein Italienisch für seinen "irren" Humor oft nicht ausreicht.  Aber je mehr ich ihn verstehe, desto mehr kommt mir ein fürchterlicher Verdacht:
Der Burgnarr bin wohl eigentlich ich...

Donnerstag, 25. August 2011

Der alte Kauz und die Käuzchen

Wenn die Temperatur auch nachts die 30 Grad nicht unterschreitet, kommt es manchmal zu komischen Dialogen, die dem Burgbriefe-Schreiber dann das nächste Thema vorgeben:
So stellte meine geliebte Muse gestern im Sternen-Dunkel der immer noch aufgeheizten Terrasse fest:
"In dem Licht siehts du echt aus wie ein alter Uhu."
"Na", antwortete ich, "so lange du nicht alter Kauz zu mir sagst..."
Aber nach einer kurzen Pause stellte ich die für diesen Burgbrief entscheidende Frage:
"Ja, übrigens, wo sind die denn alle hin?"

Da dachte ich nämlich an eine Nacht wie diese vor etwa fünf Jahren. Ich hatte mich im Dunkeln auf die Terrasse geschlichen, weil ich wegen der Hitze einfach nicht schlafen konnte.  Eine ganze Weile lag ich still  im Liegestuhl, als im Haus plötzlich das Licht anging und mir im selben Moment das Herz stehen blieb:
Ein Uhu hatte wohl die ganze Zeit im Portico auf dem Gitter direkt hinter mir über meinem Kopf gesessen und die Aussicht genossen. - Vielleicht in der Hoffnung, ein über die Dächer streifendes Kätzchen oder eine hier fälschlicher Weise so genannte  Baumratte zu erbeuten. Aufgeschreckt vom Licht hatte er nur schlampige Startvorbereitungen getroffen und rasierte mir derart scharf über den Kopf, dass ich den Luftschwall seines panischen Flügelschlages zu spüren bekam und ansehen musste, wie er beinahe in die Blumen gekracht wäre. Ein letztes Steuermanöver brachte ihn gerade noch über die Mauer. Dann trugen ihn seine mächtigen Schwingen ins Tal hinunter. Leider habe ich ihn oder einen seiner Artgenossen seither weder zu Gesicht noch zu Gehör bekommen...
Auch die Steinkäuzchen, die wie Porzellan-Miniaturen ohne Scheu bei der Nachbarin auf der Wäscheleine saßen, sind offenbar umgezogen. Manchmal wurden sie nächtens von den Scheinwerfern der "Spätheimkehrer"  beim Steinchenschlucken für die Verdauung in ihren Retortenmägen auf der Straße paralysiert. Aber daran kann es auch nicht gelegen haben, dass man sie nicht mehr sieht oder hört.
-Wie ihre etwas größeren Verwandten die mediterranen Schleiereulen vermisse ich sie sehr. Meine Familie ist darüber vermutlich nicht ganz unfroh. Denn einer meiner Späße war es, wenn alle schlafen wollten, vom Bett aus den charakteristischen rhythmischen Pfeiflaut während der Balz nachzuahmen. Nicht etwa, um sie anzulocken, sondern um sie aus den Takt zu bringen. Einmal ist mir das offenbar so gut gelungen, dass ein Tier mit dem Licht der Piazza im Rücken vor mir auf dem Fenstersims landete. Der Riesen-Schatten hatte mir dann so einen Schrecken eingejagt, dass mir die Pfiffe lange Zeit gewissermaßen im Hals stecken geblieben sind...

Ja, wo sind sie nur alle geblieben, all die Nachtaktiven, die Jahrzehnte lang im Niedergang des Borgos ein unbeschwertes Leben auf der Burg hatten? Noch heute  herrscht doch 90 Prozent des Jahres hier oben die absolute Grabesruhe:

Immer mehr lehrstehende Häuser und historische Gemäuer sind in den vergangenen Jahren restauriert oder ausgebaut worden. Vor allem die Dächer, die hergerichtet worden sind, waren ja ideale Nistplätze. Gleichzeitig wird die Campagna deutlich weniger bewirtschaftet, die Oliven-Haine seltender beschnitten.
Vor allem die Schleier-Eulen, die durch ihr herzförmiges Sensor-Gefieder im Gesicht jeden noch so kleinen Nager orten und erbeuten konnten, beginnen zu fehlen. Unsere Weintrauben auf der Terrasse hatten heuer gegen die rankenkletternden Ratten keine Chance - zumal diese mittlerweile so groß werden, dass auch ausgemachte Dach-Kater wir der "Lazaro" sich kaum noch Chancen gegen sie ausrechnen...

Die einen gehen, die anderen kommen:
Seit einigen Jahren dürfen wir uns über die Zunahme des "Aquila Marina", des mediterranen Seeadlers, freuen. Eine Kolonie hat sich in einer Felswand unweit vom Passo del Ginostro eingenistet. Seither sind die Horste in keinem Jahr leer geblieben, und es ist, als wollten uns diese Angeber mit ihrem schrillen Pfeifen aus der Blauthermik heraus im mühelosen Gleitflug an unsere Erdhaftung erinnern.