Freitag, 16. September 2022

Inquisition als Wegbereiter für den Faschismus

Am 16. September 1498 starb in Avila Tomás de Torquemada im Alter von 78 Jahren. Der Dominikaner, der von  Isabella und Ferdinand von Kastilien  mit Segen von Papst Sixtus IV. zum ersten Großinquisitor auf der Iberischen Halbinsel wurde, gilt als Chefideologe dieses dunkelsten Kapitels der Kirchengeschichte.
Allerdings gab es da in Deutschland schon seit 1348  Johan Schadland als offiziell von Papst Clemens VI ernannten Großinquisitor. Torquemadas "Instrucciones"  wirken in der Folge aber als "Gesetze der Inquisition" im ganzen "Herrschaftsbereich" der da noch nicht reformierten Kirche. Der Reformator Martin Luther - es wurde ja auch höchste Zeit - erblickte ja erst 1483 das Licht der Welt und bleibt wohl der prominenteste "Überlebende" eines kirchlichen Ketzerverfahrens.

Historiker - je nachdem wie religiös sie beeinflusst sind - tun sich oft schwer mit der Gewichtung  inquisitionärer Einflüsse auf die Entwicklung politischer Strömungen. Inquisitoren werden heute nicht umsonst  als Personen betrachtet, "die im öffentlichen Auftrag Andersdenkende in böser Absicht oder Verblendung verfolgen und dabei von Grausamkeit und Machtmissbrauch geleitet werden" (Will ein Beitrag im Wikipedia wissen), Der heutige Klerus mag zwar interpretieren, Torquemada habe die Willkür der Verurteilungen  mit seinen "Instrucciones" eingeschränkt. Es bleibt aber doch unter seiner Verantwortung die Horror-Bilanz von annährend 15.000 Verteufelten, die direkt oder zumindest - wenn man ihrer nicht habhaft wurde -symbolisch auf dem Scheiterhaufen endeten.

Mussolini und sein gelehriger
Schüler Hitler 1940 in München
Quelle: wikipedia

Die absoluten Strukturen ihrer Weisungen hat die Katholische Kirche zwar immer noch nicht aufgegeben, aber deshalb ist auch fraglich wie lange noch das Brodeln an ihrer Basis wirkungslos bleibt. Die Gläubigen laufen ihr ja schon mit stetig steigenden Zahlen von Austritten davon. Das Schlimme ist, dass ihre als Basis-Denken dienenden Strukturen zur Schaffung von Macht und dem Glauben an Führung durch nur eine einzige Person heute wieder dramatisch an Popularität gewinnen:

Gott - Papst - Inquisition

Führer - Volk - Gleichschaltung des Denkens

Natürlich wurde auch vor Torquemada immer schon  darüber nachgedacht, wie die Welt im Zaum zu halten sei. Niemand aber hat das derart weitreichend zu Pergament gebracht wie dieser gestrenge Gottesmann. Dass er dadurch als Wegbereiter faschistischen Denkens gelten könnte, wäre vermutlich schwer historisch zu belegen, Nicolo Machiavellis Denkweise hat sich zudem ja glücklicher Weise auch nicht durchgesetzt
Ich mein' ja nur!

Als Buch bei Amazon auf Lager
Die Website für Kinder und Jugendliche "helles.köpfchen,de" definiert Faschismus derart einfach und präzise, dass sie so eigentlich  auch von erwachsenen Querdenkern verstanden werden müsste.
Der Faschismus ist eine rechtsradikale politische Bewegung, die die Werte einer Demokratie ablehnt. Die Herrschaftsform des Faschismus ist die Diktatur. In faschistischen Systemen gibt es nur eine Partei, andere Parteien neben ihr sind verboten. Gegner des Faschismus werden in einer solchen Herrschaftsform verfolgt, gefoltert und eingesperrt.

Wer hat's erfunden?
Das Königreich Italien
führte das von Mussolini
den alten Römern geklaute Symbol des
unzerbrechlichen Bündels
von 1927 bis 1929
sogar im Staatswappen...


Mittwoch, 14. September 2022

Reizüberflutung


Was malen wir nur heute?
Gegen die vielfältigen Eindrücke
aus den Spielkonsolen
hat es ein Großvater mit
seinen Bild-Ideen extrem schwer
Je entwickelter das menschliche Hirn desto grenzenloser die Phantasie. Wenn der Herbst kommt und die Nächte immer länger werden, muss ich meinem reizüberfluteten Leben mit ständigen Albträumen Tribut zahlen. In ihnen herrscht jedoch nicht ein "Gott de Gemetzels". Es sind auf die Spitze getriebene Alltags-Situationen eines längst vergangenen Lebens.

Gestern ist meine Enkel eingeschult worden, und ich mache mir Sorgen, wie es ihm einmal mit seiner Vorstellungskraft ergehen wird. Er ist ja jetzt schon mit derart vielen virtuellen Reizen belastet, wie sie frühere Generationen ein Leben lang in Realität nicht zu verarbeiten hatten.

In den Augen meines Schwiegersohnes bringe ich mich als Opa nicht genug ein. Aber wie soll das gehen, wenn die Dinge, die noch bei meinen Kindern zu deren Unterhaltung gut funktionierten, meinen einzigen Enkel im Handumdrehen langweilen? Ich komme einfach nicht an gegen die Flut von Phantasie-Spielzeugen und all der Spannung, die ihm die vielfältigen Erlebnisse in seinen Computer-Konsolen anbieten. Die haben ja längst dem Fernsehen den Rang abgelaufen.
Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass er ein Einzelkind ist, denn vor einigen Tagen war die Familie seines Spielkameraden für ein paar Nächte hier zu Besuch. Ich in deren Alter hätte diesen mittelalterlichen  Spielplatz mit seine engen Gassen, den verwunschenen Häusern und den schönen Plätzen als unbegrenzten Abenteuer-Spielplatz genutzt. Aber meine Mutter war auch nicht so ängstlich wie offenbar heute alle Mütter, deren Vorstellungswelt von horrösen Schilderungen in den Nachrichten gefüttert wird. Also saßen die beiden bei herrlichstem Wetter oft lieber dicht vor einem kleinen Multifunktions-Computer und schauten sich im Esszimmer Comics an.

Durch meine vielen Reisen war ich bestimmt kein prägender Vater, aber daheim, hatte ich zumindest bis zu deren Einschulung  in Dreisamkeit sehr intensive Momente mit meinen Kindern. Gemeinsames Malen oder spannende Geschichten von meinen Reisen waren da die Hits, und ich überprüfte regelmäßig, was davon hängen geblieben war. Prägend war da vielleicht leider oder glücklicher Weise, dass mein Sohn seinen ersten richtigen Computer schon im Alter von zehn bekam und meine Tochter in ihren musischen Begabungen sehr zeitig unterstütz wurde. 

Aber zurück zu meinem Enkel: Natürlich hat mich der Vorwurf meines Schwiegersohns betroffen gemacht. Vielleicht scheitere ich als Opa ja daran, dass ich grundsätzlich möchte, dass aus der spielerischen Zweisamkeit ein bildender Nutzen entspringt?

Mein Enkel hat wunderschönes schwarzes Haar, dass ihm beim Essen stets vor dem Mund hängt. Auch kaut er darauf herum, wenn er unter Strom steht, was beinahe im Wachzustand die Regel ist.
Es entspann sich also folgender Dialog:
"Wenn du dann  in der Schule bist, solltest du ein Stirnband tragen wie Klein Adlerauge, damit du besser gucken kannst."
"Wer ist denn Klein Adlerauge?"
Hätte ich ihm jetzt den gesamten Disney-Kosmos erklärt, wäre ich bei dem, der ganze Galaxien mit seinen Superhelden auf diversen Konsolen durchreist vermutlich sofort gescheitert.
"Das ist eine Comic-Figur, die ich gemocht habe, als ich in deinem Alter war. Ein kleiner Indianer-Junge, der viele Abenteuer in der Prärie erlebt. Soll ich dir mal zeigen, wie der aussieht?"
Auweia! Hätte ich nicht sagen müssen: Native American oder indigener Häuptlingssohn? Aber dann wäre es mit der Neugier vermutlich da auch schon wieder vorbei gewesen.
"Wollen wir ihn gemeinsam zeichnen und malen?"

Wer ist denn dieser Klein Adlerauge?
Mickymaus? Donald Duck? Tick,Trick und Trak?
Angesichts des elektronischen Daten-Universums
im Kinderzimmer kommt sich der
Blogger vor wie der debile Franz Gans bei 
seiner Oma Duck: Entsprechend sieht das
erste Gemeinschaftswerk Enkel/Opa dann auch aus
Da war er wieder - der Opa-Ehrgeiz, dem Enkel den Unterschied zwischen Zeichnen und Malen zu vermitteln. Ich stellte einen rückseitig bereits für Skizzen verwendete Mal-Karton und Wachskreide zur Verfügung. 
"Ich zeichne dir vor, wie er in etwa aussieht, und du malst dann die passenden Farben -wie du sie dir vorstellst - dazu."

Es war spannend, welche Farben er auswählte, und als er schnell begriffen hatte, dass man die richtig zugeordnet und mit einer anderen auch noch mit dem Finger zu einer anderen mischen und verschmieren kann, war er Feuer und Flamme. Allerdings erlosch beides schnell, als er merkte, dass so ein flächiges Bild eine gewisse Weile viel Aufmerksamkeit bindet. Als hätte eigentlich er mir einen Teil seiner kostbaren Zeit geopfert, fragte er seine Mutter ungeduldig:

"Mami darf ich jetzt wieder Computer spielen?"

Immerhin entstand so ein erstes gemeinsames Enkel-Opa-Werk, das vor allem beim Opa die Hoffnung weckt, dass dem - sobald der Enkel Geduld und Beharrungsvermögen aus der Schule mitbringt -weitere folgen könnten...
Sein Erstlingswerk unter Opa-Beteiligung lehnt jetzt am Spiegel im Gästezimmer.

Das sagt die übrigens die Wissenschaft zum Begriff  Reizüberflutung:
Das ist in umgangssprachlichem Gebrauch eine Metapher für einen angenommenen Zustand des Körpers, in dem dieser durch die Sinne so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden können und beim Betroffenen zu einer psychischen Überforderung führen.



Montag, 12. September 2022

Die Angst vorm Hund

Es ist in ihren Genen: Mias Artgenossen  - die Beaucerons  -
sind verlässliche Hüter und  Beschützer. Da muss
sich auch das im Vergleich winzige Lämmchen
nicht davor fürchten,, einmal als "schwarzes Schaf"
in seiner Herde zu bestehen
Quelle: Easy Dogs Hundeschulen
Meine vierbeinige Freundin Mia ist, seit wir hier sind, zu einer stattlichen Hündin herangewachsen. Der Lebensgefährte meiner Schweizer Freundin ist ein durchtrainierter Mann, der sein Leben lang hart körperlich gearbeitet hat. Wenn er von seinem Garten-Paradies wieder auf die Burg und über die Piazza kommt, hat er sich die lange Hundeleine schon vorsorglich um die Schulter geschlungen. Mia zerrt ihn nämlich unerbittlich zu unserer immer offenen Haustür, weil sie weiß, dass da stets eine Scheibe Salami oder ein anderes Leckerli auf sie wartet. Trotz ihrer beachtlichen Größe ist Mia ein liebenswertes Tier, was sich vor allem bei kleineren Rüden herausstellte, als sie zum ersten Mal läufig war. Mit den Zwergen auf Freiers Pfoten tobte sie den üblichen Reigen, ohne dass es zu Verletzungen kam. Dennoch haben viele Dorfbewohner und vor allem die Touristen oft Angst, wenn sie mal ohne Leine ausgebüchst ist.

Wurde auch nicht eifersüchtig,
als mein Vater aus der
Zweisamkeit ein Trio
machte: Flak, der erste Terrier
in der Familien
Wie die Angst vor Spinnen und Schlangen scheint dass Misstrauen oder der ängstliche Respekt vor Hunden in vielen Menschen tief genetisch verankert zu sein, seit Wolf und Homo Sapiens erstmals aufeinander trafen. Es ist eine Ur-Angst gewissermaßen. Sie ist aber heute mit Geduld und Wandel durch behutsame Annäherung durchaus zu überwinden:

Meine Mutter zum Beispiel hatte als Teenager trotz ihrer mächtigen Körperlichkeit eine schier unüberwindliche Angst  - selbst vor den kleinsten Hunden. Mein Großvater kaufte ihr dennoch einen Airedale-Terrier. Die erste Begegnung der beiden ist immer noch Familien-Legende, obwohl alle Beteiligten längst gestorben sind. Der noch junge Welpe wartete geduldig schwanzwedelnd vor einem Sofa, auf  das meine Mutter gesprungen war und nicht mehr herunter wollte. Sein Hundeleben lang waren die beiden kurze Zeit später  unzertrennlich - selbst als mein Vater ins Leben meiner Mutter trat.

Als unser Papageno - zufällig auch ein Airedale - eher unverhofft in unser Leben stürmte, kam es zwischen ihm und meinem Sohn - beide noch mit Milchzähnen ausgestattet - zu erbitterten und mitunter schmerzhaften Kämpfen um die Rangfolge im Familien-Rudel. "Der Hund muss weg!" schrie er immer wieder. Am Ende seines Hundelebens war es mein Sohn, der Papageno zärtlich durch dessen letzte Stunden half. Auch unsere Haushaltshilfe, die wegen des Hundes schon ihren jahrelangen Job kündigen wollte, wurde durch den fürsorglichen Charme des Rabauken von ihrer beinahe panischen Hundeangst befreit.

Nachdem die Rangfolge im Rudel abgeklärt war
wurde Papageno ein wachsamer und duldsamer Reisebegleiter.
Hier beim "Gassigehen" auf Elba

Wieso ich das alles schreibe? Vielleicht hätten alle, die  bei Wladimir Wladimirowitch  Putin antichambriert haben, einmal besser darüber nachdenken müssen. was das für ein Mensch ist, als er unsere bekanntermaßen unter Hundeangst leidende Bundeskanzlerin bei einem Staatsbesuch beiläufig mit seinem nicht angeleinten, bedrohlich großen Hund konfrontierte. Wer sich einen Hund allein dafür hält, damit andere Angst vor ihm haben oder sein Herrchen nur so respektieren, kann charakterlich nicht wirklich einwandfrei sein...
Nicht umsonst ist ja immer wieder ein Hunde-Führerschein im Gespräch,

Quelle: Deutschlandfunk Kultur



Freitag, 9. September 2022

Das Kassandra-Kartell

Sind wir alle mittlerweile so  informationsdürstend, dass diese Sucht zum allgemeinen Masochismus führt? Der Drang nach Information scheint ein künstlich gesteigerter Bedarf zu sein, der gerade in diesem Jahr - wie ich finde - überproportional und willkürlich bedient wird.

Wenn die Nachrichten-Produzenten aber nicht genug wissen, muss jemand für sie Mutmaßungen anstellen, die sobald sie in den Medien geäußert worden sind, von anderen "Mutmaßern" ins Gegenteil verkehrt werden. Längst rangiert der Grundsatz "Sex sells" an zweiter Stelle hinter der Angst, die täglich lukrativ aufs neue geschürt wird. Diese Angst steigert die Einschaltquoten und Auflagen, und dabei bleibt nicht nur der Wert der Informationen auf der Strecke, sondern nicht selten auch die Wahrheit. Schon Halbwahrheiten sind ja gefährlich.

Quelle: Einfluss

Wenn wochenlang auf Basis nicht abgesicherter Statistiken für den kommenden Winter nicht nur in punkto Heizen und Ernährung schlimmste Horror-Szenarien erzeugt werden, muss sich niemand wundern, dass bereits im Sommer die Energie-Preise "vorsorglich" steigen und Lebensmittel bereits teurer werden, bevor sie geerntet sind. Ja und dann die unterbrochenen und verlangsamten Lieferketten: Hier in Italien sind die Regale der Supermärkte genauso überreichlich gefüllt wie in Deutschland. Wenn sie lückenhaft befüllt oder gar gänzlich leer wären, könnte ich verstehen, wieso die Preise schon für Ware gestiegen ist, die bereits unter besseren Bedingungen produziert worden war...

In Krisenzeiten ist die freie Marktwirtschaft, auf die wir so stolz sind, ein böser Fluch, weil jeder staatliche Eingriff  um sie angemessen zu regulieren  von lautem Protest begleitet wird. Wieso muss die Regierung zu Schutzschirmen, Deckelungen und Gießkannen-Subventionen gezwungen werden, wenn das Verursacher-Prinzip doch so offensichtlich ist.

Denn die Marktlage wird wie von jeher von einer Gruppe Krisengewinnler gesteuert, die sich des - wie ich es nenne - "Kassandra-Kartells" bedient. Um auf diversen Wegen noch mehr Gewinn zu erzielen? Während das Gros der Steuerzahler dann die Wassersuppe auslöffeln muss. um doch am Ende die Zeche der Absahner allein zu bezahlen.

Sie ahnte alles. konnte aber
eigenen Schicksals-Schläge
nicht abwenden: Von Ajax vergewaltigt

und von Klytaimnestra erdolcht,
  endete Kassandra als tragische Heldin
quelle: Nationalmuseum Athen
Ich will nicht tiefer in die Griechische Mythologie der Antike eindringen, aber doch soviel zur Erläuterung meines Begriffes:
Die Priamos-Tochter Kassandra wurde ob ihrer Schönheit vom Gott Apoll mit der Gabe der Weissagung beschenkt, aber - als sie ihm nicht zu Willen war - umgehend derart verflucht, dass fortan niemand mehr ihre Prophezeiungen glaubte.

Zurück in die Gegenwart:
Seit Monaten geben die führenden Institute der Wirtschaftsforschung auf Basis ungesicherter Daten in einer Situation, die es seit sieben Jahrzehnten nicht mehr gab, Prognosen ab. Denen muss die Ampel mit aus ihrer Sicht gesicherten Fakten umgehend widersprechen. So wird sich gegenseitig tagtäglich hoch geschaukelt, ohne dass dieser Antagonismus zu etwas anderem führte, als die Angst der Menschen in diesem, unseren Europa noch zu vergrößern. Derart nämlich, dass sie wieder zunehmend hörig werden für faschistische Parolen.

Da die oft noch jungen Analysten, ähnliche Zustände wie jetzt allenfalls historisch verkürzt in den Geschichtsbüchern nachlesen konnten, ahnen sie nicht, was sie mit dem Beharren auf ihren Weissagungen anrichten könnten. Und selbst noch einigermaßen verlässliche Medien hätten bei einem Umschwung  - angezettelt in den sozialen Medien -  dem dann nichts mehr entgegen zu setzen. 
Wieso also noch Prognosen, wenn sie am Ergebnis doch nichts ändern? Kassandra sagte den Untergang Trojas zwar voraus, aber es überlebte dennoch nicht. Mal sehen, was sie Helden der Wirtschafts-Weissagung so um Weihnachten befürchten werden...

Eigentlich geht es doch immer nur um Geld.
aber mittlerweile beanspruchen die sogenannten
Wirtschaftsweisen einen Einfluss, der weit
über ihre Kompetenzen hinausreicht

Quelle wiwo.de


Mittwoch, 7. September 2022

Als die Frauenbewegung erstmals ihren Kopf verlor

Aubrey Beardsley's
Jugendstil-Plakat zu
Lysistrata

Quelle: wikipedia









Nach meinem Baerbock-Post vom vergangenen Montag ist dieser Beitrag zum heutigen Datum nur logische Konsequenz. Zwar beschäftigte sich schon Aristophanes um 411 vor Christus in seiner Komödie "Lysistrata" damit, was passieren könnte, wenn Frauen sich durch Verweigerung von Sex gegen Krieg und der damit verbundenen Geldverschwendung erheben könnten. Aber sie war eben doch aus dem Blickwinkel des Mannes geschrieben worden. Wie im übrigen auch die Französische Revolution - trotz ihrer Symbol-Frau Marianne - in ihren Manifesten reine Männersache war.
Quelle: pinterest

Das stieß der am 7. September 1748 als "Bastardtochter" des Landedelmanns Jaques Lefranc de Pompignon in Montauban geborenen Marie Gouze  in den postrevolutionären, von der Guillotine blutig geprägten Tagen derart sauer auf, dass sie 1791 ihre Kampfschrift "Die Rechte der Frau" veröffentlichte.
Da hatte sie - der Zeit entsprechend - schon ein typischen Frauen-Dasein hinter sich: Mit 17 zwangsverheiratet, bald verwitwet und erst in dritter Ehe 1768 nach Paris gelangt, war sie quasi noch Analphabetin und sie sprach Aquitanisch, den rauen nordfranzösischen Dialekt. Mit einem kaum vorstellbaren Willen und unbändigem Fleiß erfand sich die Aufklärerin in einer Qualität neu, die sie befähigte bereits 1784 unter dem neuen Namen "Olympe de Gouges" ihr erstes Theaterstück auf die Bühne zu bringen.

Olympe de Gouges auf
einem Pastell von
Alexander Kucharski

Ihre erste Version von  der "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" könnte auch heute noch als Grundsatzpapier der Frauenbefreiung gelten. Das passte dem Robespierre-Terror natürlich gar nicht, zumal die Streitbare und Unbeugsame ihn auch öffentlich an den Pranger stellte. Zwei Jahre nach ihrer "Déclaration" wird sie verhaftet, und um sie zu brechen, durch verschiedene Kerker der jungen Republik geschleift. Am 3, November 1793 starb sie unter dem Fallbeil.

Tuschzeichnung von Lavis de:Matteis
von 1793
Alle Zeitdokumente
aus wikipedia
In der Urteilsbegründung spielten natürlich andere konterrevolutionäre Ansichten wie ihr Girondismus und die Treue zur Monarchie eine vorrangige Rolle. Aber ihr Einsatz für die Rechte der Frauen wurde so zudem als eine unerwünschte Einmischung in die "den Männern vorbehaltene Politik" gebrandmarkt.

Robespierre starb übrigens im Jahr darauf bei einer Schau-Hinrichtung - ganz sicher nicht "einträchtig" -auf  der "Place de la Concorde".

Als Frauenrechtlerin geriet Olympe de Gouges in den beiden folgenden Jahrhunderten durch ein verstärktes Interesse an Suffragetten und weiblichen Politikerinnen bei verbesserter Nachrichtenlage vor allen Dingen in Frankreich und England beinahe in Vergessenheit.
Dass Rosa Luxemburg ein vergleichbares Schicksal erlitt, brachte sie zumindest bei HistorikerInnen der Gegenwart wieder auf den Schirm.

Übrigens gab es bis in die 1990er auch im BGB Deutschlands immer noch Passagen, die Frauen eindeutig benachteiligten...

Rosa Luxemburg
Quelle: LEMO


Montag, 5. September 2022

Schneewittchen, Hexe, Weltpolitikerin

Im gendergerechten Heute traut sich das ja kaum einer noch zu sagen: Sie ist nicht nur die schönste Außenministerin der Neuzeit, sondern wird vermutlich als Weltpolitikerin von Rang in die Geschichte eingehen. Das hätten Macho-Politiker, die sie während ihres Aufstiegs bei den Grünen gar als "Schneewittchen" verunglimpften, sich vermutlich genauso wenig vorstellen können wie sie selbst. 

Keiner ihrer historisch wichtigen. männlichen Vorgänger in diesem Amt hatte jedoch eine derartige Feuertaufe zu bestehen wie Annalena Baerbock. Nobelpreisträger Gustav Stresemann musste hinter dem untergegangenen Kaiserreich aufräumen sowie Deutschland mit Frankreich versöhnen, was ihm der liberale Aristide Briand bei gegenseitiger Sympathie auch leicht machte. Außenamts-Weltrekordler Hans-Dietrich Genscher fiel die Wiedervereinigung quasi von "Gorbis" Gnaden in den Schoß. 

Keinen Monat im Amt mutierte die neue Deutsche Außenministerin zur Weltbotschafterin der "Zeitenwende" und musste sich von den bisweilen sympathisch naiven Grundsätzen grüner Politik genauso wie Amtskollegen aus eigenen Reihen empfindlich schnell verabschieden. Aber ihr gelang die Überraschung.

Traut sich was: Obwohl ihre  diesbezüglichen Kenntnisse
im eigenen Land angezweifelt werden,
hält Baerbock ihre Reden vor den UN
in Englisch, und die Welt versteht sie...
Quelle: zeit.online
Die auch mutig in fremden Sprachen, die sie nicht perfekt beherrscht, referierende Politikerin kann harte Kante in Klartext geben. Jedenfalls ist sie nicht Schneewittchen bei den sieben Zwergen, sondern eine respektierte Kollegin in den Ministerrunden der G7, weil sie sich traut. Nie zuvor waren die Aktionen des Deutschen Außenministeriums so nah am Auslösen eines atomaren Angriffs. Dass die Grünen in Umfragen auf dem Weg zur stärksten Partei der Bundesrepublik sind, verdanken sie nicht zuletzt des agilen Auftretens ihrer ehemaligen Partei-Chefin.

Dagegen muss doch etwas unternommen werden: schön, eloquent, mutig und auch im Ausland anerkannt? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Im 15. Jahrhundert wäre das auch ohne Inquisition genügend Grund gewesen, auf dem Scheiterhaufen zu enden. Heute versuchen Gegner die Verunglimpfung viel anonymer  mit elektronischen Mätzchen im Netz: Aus dem Zusammenhang gegriffene und verkürzte Video-Zitate befruchtet von Russischen "Trollen" machen gerade die Runde, und die Opposition ist sich nicht zu blöde, sie ungeprüft als wahr zu zitieren. Das hat selbst das Springer-Schlachtschiff  "Die Welt" getan. Die laue Richtigstellung ohne Schlagzeile ist dann einfach untergegangen. So geht Infamie heute

Wohl eher Jeanne D'Arc als 
Schneewittchen: Annalena in Kampfkleidung
an der Front im Ukraine-Krieg.
Das Outfit hilft vielleicht auch gegen die immer
wieder losbrechenden Shitstorms, an denen
sich 2021 sogar noch renommierte
Magazine beteiligt haben.
Quelle: weltwoche.de

Mir stellt sich gerade jetzt - im Angesicht narrativer Lügen - die Frage: Wer hätte tatsächlich etwas davon, die aktuelle Deutsche Außenpolitik zu diskreditieren. Freunde des Vaterlandes - wie sie sich gerne selbst sehen - tun so etwas nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Opposition ist für jede Demokratie eminent wichtig. Aber in "trumpscher" Manier zu versuchen, das eigene Land in der Krise mit solchen Aktionen zusätzlich zu schwächen, müsste als Kapitalverbrechen verfolgt und schneller abgeurteilt werden, als das zur Zeit beim größten Bündnispartner nach dem Sturm aufs Capitol und der Akten-Unterschlagung von Ma-a-Lago der Fall ist.

Entweder die Bundesnetzagentur erhält entsprechend erweiterte Aufgaben oder zur Absicherung unserer Demokratie bekommt das Land eine strafverfolgende Institution mit direktem Zugriff. Ansonsten: "Denk' ich an Deutschland in der Nacht..."

Passender Lesestoff bei amazon


Donnerstag, 1. September 2022

Wer zu früh stirbt, verpasst so einiges




















Gorbatchows Tod hat so einiges an Erinnerungen in mir geweckt, denn nicht nur die Welt war Ende der 1980er an einem kaum glaublichen Wendepunkt angelangt. Kurz vor meinem 40. Geburtstag musste auch ich mich für ein neues Lebenskonzept als Unternehmer entscheiden: Die Verantwortung für ein Dutzend eigene Mitarbeiter übernehmen, Büroräume anmieten und eine halbwegs erfüllbare längerfristige Geschäftsplanung auf die Beine stellen.

Bei Perestrojka und Glasnost war ich zwar auf dem Laufenden, aber ich konnte mir den Cowboy-Präsidenten einfach nicht als Weltenretter vorstellen. Aber dann überrollten mich die Ereignisse aus allen Himmelsrichtungen.

Das Porträt meines Vaters habe ich ein Dreivierteljahr vor seinem Tod mit Öl auf Leinwand gemalt. Ich muss da einem geheimen, inneren Antrieb gefolgt sein, denn ich habe mich beim Malen äußerst selten an so schwierige Dinge heran gewagt. 
An seinem Krankenbett im darauf folgenden Herbst hatten wir ein denkwürdiges Gespräch, das vom Mittag bis in die Nacht dauerte. Nie zuvor in unserem gemeinsamen Leben waren wir einander so nahe gewesen. Vielleicht wollte ich deshalb so eine Art Halo-Effekt an ihm sehen, der versprach, dass er sich noch einmal völlig erholt. Er starb im Januar 1988. Heute wäre der 125. Tag seiner Geburt.
Der "Gorbi" vermutlich fälschlicher Weise zugeschriebene Sinnspruch vom zu spät Kommen, welches vom Leben bestraft wird, erfuhr beim Regierungsdirektor Werner Deutelmoser leider eine tragische Umkehr.
Ich hätte ihm, dem leidenschaftlichen Berliner, gegönnt den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung (an die er nicht mehr glaubte) sowie den neuerlich Hauptstadt-Status seine Geburtsstadt noch mit zu erleben. Aber so ist Geschichte; vielleicht mitunter aber auch ganz gut so...