Montag, 6. Juli 2020

Weniger Menschen - mehr Meer


Historischer Hafen von Porto Maurizio am 5. Juli um 15 Uhr
Nicht, dass einst so wenig
vom Tourismus zurück bleibt
wie vom mittelalterlichen
Handelshafen an gleicher Stelle...
In ein paar Jahren - sagen die Forscher - werden rund drei Milliarden Menschen an den Welt-Meeren  leben. Da sind die Reichen und ihre Versorger, die an den großen Seen auf diesem Globus leben, noch nicht hinzu gerechnet.

Dass die Anziehungskraft (Adhäsion) des Wassers zur Physik der Menschheit gehört, beginnen wir hier auf der Burg zu spüren, denn eines ums andere "Sommerhaus" wurde an diesem Wochenende wieder von seinen ausländischen Eigentümern bezogen. Kaum angekommen, geht es gleich hinunter an die Stammplätze an den Stränden. Da weicht die Angst vor Corona zurück - und das ist gut so. Denn die Einheimischen brauchen jetzt jeden Cent für die wirtschaftliche Erholung.

Gestern haben wir geschaut, ob es unser Lieblings-Restaurant im Stadtteil Prino von Borgo Maurizio noch gibt. Wir waren sehr erleichtert, dass es die fünf Monate Schließung bei unveränderter Qualität überstanden hat. Sogar die junge Frau, die seit Jahren unsere Bestellungen aufnimmt, hat ihren Job behalten. So erhielten wir auf viele offene Fragen Antwort. Die fünf Monate ergaben sich durch die Betriebsferien im Januar, und das Überleben ist der patriarchalen Struktur dieses Familien-Betriebes mit Hausbesitz geschuldet.
Das leere Pescatore an einem
Sonntag-Mittag im Juli


An einem Sonntag-Mittag - wenn sonst die Terrasse am historischen Hafen rammelvoll ist - waren nur zwei Tische von Italienern besetzt. Der Rest war frei. Karte und Preise waren zwar unverändert, aber es werden sich wohl erst Touristen aus dem Norden die gehobenen Preise wieder leisten können.
Wir schlucken ja auch jedesmal im doppelten Sinne, wenn die Rechnung kommt. Weil wir in nicht so toller Lage die gleiche Qualität schon um dreißig Prozent weniger bekämen...

Bei der Parkplatz-Suche waren wir erstaunt, wie viele Einheimische auf den Straßen sogar  unterwegs noch ihre Masken tragen. Am ersten Tag mit Temperaturen über dreißig Grad wäre ich mit Maske wegen Schnappatmung wohl umgefallen.

Zunächst dachten wir, die alte Mole, auf der die Sonnenanbeter sonst wie Ölsardinen liegen, sei wegen der Mittagszeit so verwaist gewesen, aber als ich nach dem Essen gegen 15 Uhr diese Bilder für den heutigen Blog schoss, hatte sich an dessen "Belegschaft" nichts geändert.

Weniger Menschen bedeuten im Moment also zur Zeit noch mehr Meer. Ganz gegen mein privates Empfinden wünsche ich Italien möglichst schnell den gewohnten touristischen Betrieb!
Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren genossen wir die einzigartige Kulisse
von Porto Maurizio ohne einen einzigen Bau-Kran

Freitag, 3. Juli 2020

Fatale Freiheit gebremster Generationen

Immer wieder begeistert mich, wie schnell sich die Italiener auf Gegebenheiten einstellen. Sie haben es nun wirklich nicht leicht gehabt in den vergangenen fünf Monaten:
Gerade hat mich der junge Vodafone-Techniker hier wieder mit der Außenwelt verbunden. Ohne Masken zwar, aber mit quasi automatisch eingehaltenem Abstand.

Bei meinem Lieblings-Bäcker L'Angolo del Pane bedienen und kassieren die drei Ladys hinter einer Totalverglasung, was sie jedoch nicht davon abhielt, laut zu jubeln als sie mich nach neun Monaten Abwesenheit trotz Maskierung sofort erkannten. Eine Karriere als Bankräuber kann ich mir wohl abschminken - bei diesem fatalen Wiedererkennungs-Effekt... Der beliebte Wochenmarkt wurde - mit großzügigem Abstand zwischen den Ständen - einfach an den Großparkplatz bei der Mole vom Alten Hafen verlegt, und die Restaurants, die die Krise überlebt haben servieren eben im Freien.

Natürlich begrüßen alle die neue Bewegungsfreiheit, aber sie erliegen nicht der Euphorie; zu drastisch aber auch häufig geschürt waren die Ängste noch vor kurzem.

Aber was ist mit den jüngeren Generationen, wenn die Normalität wieder in den Alltag eingezogen ist?

Mit Abstand am Stern der Ruhe
Vorgestern Abend passierte auf unserer Piazza Denkwürdiges: Im Dunklen hob plötzlich lautes Gelächter und Jauchzen sowie munteres Geschnatter an. Seit zwei Jahrzehnten hat die Burg nicht mehr so viele junge Leute auf einmal in ihren Gemäuern erlebt. Gut zwei Dutzend Mädchen und Jungen im fortgeschrittenen Teeny-Alter lagerten vor der Fontana auf dem weißen Stern und amüsierten sich. Ein Abwechslung in der Toten-Stille hier oben. Viele Häuser sind ja immer noch verrammelt.Als es elf war, setzten sie sich rücksichtsvoll wieder ihre Motorino-Helme auf und verschwanden behutsam zu ihren Maschinen. Ein Spuk? Denn in der nun wieder alles verschluckenden Stille kamen mir infolge der ersten Gespräche hier mit Freunden unheilvolle Gedanken.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat in Italien ja besonders die nachrückenden Generationen getroffen. Fertig studierte und diplomierte Akademiker finden keine adäquate Anstellung und müssen sich als Tagelöhner verdingen. Das ohnehin schon extrem niedrige Lohn-Niveau in Ligurien wird von den ins Trudeln geratenen Unternehmen nun bis zur Schmerzgrenze weiter gesenkt. Wer einen Job mit rund tausend Euro monatlich und ohne Krankenkasse hat, kann sich schon glücklich schätzen. Julia aus dem Nachbardorf, die sich in unserer Abwesenheit um unser Haus gekümmert hat, muss damit zurecht kommen, dass ihr Sohn vor dem Abitur durch Corona ausgebremst wurde, und dass ihre in der Hotspot-Lombardei studierenden Tochter erst im Januar ins fort zu zahlende Studentenheim und zum Studium zurück kehren kann. Da bieten auch die schönsten Strand-Tage nur vorübergehend Entspannung.

Als hätte er den richtigen Riecher gehabt, macht der Sohn meiner besten Freundin nun krisenfeste Karriere bei den Carabinieri.

Auch in Deutschland versucht ja die Bundeswehr gerade aus der Krise mit Werbespots in allen Medien eine qualitativ verbesserte Personaldecke abzuschöpfen. Ob damit dann aber das Drama mit den Sicherheits-Spezial-Kräften behoben wird, bleibt abzuwarten....
Alle hoffen, dass sich die grauen Wolken bald verziehen
Fotos: Paolo Bensa (oben) und Claus Deutelmoser

Montag, 29. Juni 2020

Von daheim nach zu Hause

Die Reise durch ein verändertes Europa sah doch anders aus, als wir sie uns vorgestellt hatten. Im Auto fährt die Isolation, der wir uns Monate lang wegen Corona verpflichtet hatten, quasi unverändert mit. Nur bei den Fahrpausen konnten wir hinter den Masken unterschiedlich Grade der Sorglosigkeit erkennen.
Damit wir  das Risiko einer Übernachtung  nicht hatten, bin ich nach längerer  Pause  auch  gefahren. Von München durch  den  Pfändertunnel Hohenems, den ehemaligen Corona-Hotspot  Vorarlberg,  links  liegen lassend direkt  über  den Rhein  ins Schweizerische Diepoldsau.
Zum  ersten Mal seit langer Zeit wurden  wir von  den  Grenzern  kontrolliert  und  nach dem Wohin  befragt. Vermutlich  weil  wir  eben  sichtbar  der  Risikogruppe zugeordnet werden mussten. In der Tanke  beim Fahrerwechsel trug   niemand eine Maske, aber die  Kassiererin  saß  hinter  einer Glaswand,  und eine maskenlose  Kundin  wies mich höflich auf  die  Coop-Schrifgzüge hin, die als  Abstands-Markierungen auf den Boden geklebt waren.
 Je  näher wir der Italienischen Grenze kamen,  desto  größer  die Zahl  der Masken-Träger. Als ich ohne jemandem  zu begegnen,  in Coldrio ohne Maske  auf   die Herrentoilette  ging, habe  ich  mich noch nie so sehr  über das Zahlen für Hygiene  gefreut. Inzwischen  hatte sich aber vor der  Damen-Toilette eine Schlange Abstand haltender Maskenträgerinnen gebildet, aus der ich böse angestarrt wurde, als liefe ich unten ohne durch die Raststätte.
Sehr gut geregelt  war dann das Einkaufen,  als  wir  -wie zeitlich geplant-  in Imperia  waren.   Alle trugen in unserem Stamm-Supermarkt  Maske.  Eingelassen wurden wir  nur mit  Abstand von einer elektronisch  gesteuerten Pendelschrake.  Trotz der Vermummung  wurden wir vom alten Personal unter großem  Hallo  wieder  erkannt.
Letztlich wurde die Heimkehr noch  durch  Überraschungen  versüßt:
 Die Nachbarn  haben die Zeit der  Isolation  genutzt, um die Piazza  in ein Garten-Paradies zu  verwandeln  und sogar die heru der gekommene Montana  mit neuer Farbe zu versehen. Aber seht selbst:
 P.S. Der nächste Burgbrief kommt  erst am kommenden Freitag,  wenn ich meine  neue Verbindung habe.  Mit dem Smart und meinen Knubbelfingern war das  Schreiben  heute für mich die echte Tortur.




Montag, 30. März 2020

Aus der italienischen Isolation

Via "telegram" erhielt ich am Samstag diesen Text von unserer Freundin aus dem Nachbardorf, die sich während unserer Abwesenheit um alles kümmert. Die gelernte Sozial-Pädagogin aus Deutschland ist seit ein paar Jahren verwitwet und lässt sich mit zwei Kindern in der Ausbildung so leicht nicht unterkriegen. Am Monatsanfang hatten wir nach ihrem Deutschland-Besuch miteinander telefoniert. Da meinte sie noch, sie sähe dem Kommenden mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Dass eine derart starke Frau innerhalb weniger Tage die Hoffnung verlieren könnte, muss uns allen eine Warnung sein. Deshalb wollte ich euch diese Botschaft nicht vorenthalten. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung habe ich natürlich eingeholt, und die Burggeister wissen ohnehin, wer das schrieb


Hallo!
Wir sind heute am 18. Tag der Ausgangssperre angekommen und ich finde es total fürchterlich! Wir dürfen uns,  wenn wir einen Hund haben, 300 Meter vom Haus entfernen, Einmal die Woche am ersten Supermarkt , den wir erreichen können, einkaufen ( das ist für uns der nicht ausreichend ausgestattete Ekom ) und ansonsten dürfen wir das Haus nicht mehr verlassen. Alle Geschäfte, außer Lebensmittel und Apotheken sind geschlossen. Ich kann die Situation nur schwer ertragen. Auch weil ich größte Sorge habe, wie es danach weitergehen wird. Eine Weltwirtschaftskrise in diesem Ausmaß haben wir noch nicht erlebt. Ich meine, man müsste viel mehr testen, damit schon immunisierte Leute wieder ins Arbeitsleben zurückkehren könnten. Die riesige Corona-Krise in Italien ist vor allem ein Resultat des 'Gesundschrupfens' des Gesundheitswesens.  Man wird den Virus nicht aufhalten können und wenn die Ansteckung  immer mehr verlangsamt wird, haben wir noch sehr lange Zeit mit der Ausgangssperre zu leben. Oder sollte ich besser sagen, zu überleben? Denn 'Leben' kann man das kaum noch nennen. 
Langsam aber sicher leiden alle am Lagerkoller! Die häusliche Gewalt wird extrem zunehmen und die psychophysischen Ausmaße sind nicht bekannt. Mittlerweile werden flächendeckend die Handys überwacht, und in größeren Städten kommen Dronen zum Einsatz, um Menschen zu identifizieren, die vor die Haustür gehen. Willkommen in der Diktatur!  

Und es scheint momentan so, dass diese enormen Restriktionen gar nichts bringen!  
Solange nicht mindestens 80% der Bevölkerung infiziert sind, sind wir nicht Herden geschützt. Natürlich ist es ein Drama für jede Familie, die einen Toten zu beklagen hat. Nach den Maßnahmen wird es ein Drama für das ganze Land (Welt) sein! 
Ich dürfte noch nicht einmal alleine  zum Pizzo d'Evigno hochlaufen....Wen soll ich da denn anstecken? Das ist doch staatliche Willkür! Die Schule von Giacomo bietet noch nicht einmal online Unterricht an. Er sollte dieses Jahr Abitur machen. Wie soll das möglich sein? 
Gesundheitlich geht es uns gut. Ich vermute, dass wir den Virus alle schon frei von Symptomen hatten. Die Sterblichkeitsrate kann aber gar nicht ermittelt werden, wenn man nicht flächendeckend testet.
Alles in allem bin ich völlig genervt und mit dem Geld am Ende der Fahnenstange angelangt. Aber das ist ja erst der Anfang.

Freitag, 27. März 2020

Bericht eines Eingeschlossenen an die Außenwelt

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt offenbart: Jeder Tag ist nicht ein Tag wie jeder andere!

Als ich noch ein junger Buchhändler war, gab mir der heutige Nobelpreis-Träger Peter Handke mit seinen ersten Bühnenstücken und Manuskripten den Mut, selbst ein wenig mit der Sprache zu jonglieren. Dass ich ihn heute zur Einleitung meines Posts gleich zweimal zitiere, zeigt, dass ich ihm seine parteiischen Einschätzungen zum Grauen des Balkan-Krieges als leider typische Entwicklung eines Schriftstellers nachsehe. Rudyard Kipplings wunderbaren, frühen Romanen nimmt die Tatsche seiner  späteren Nazi-Gesinnung in meinen Augen auch keinen Glanz. So wie die Schilderung von Pippi Langstrumpfs Vater Ephraim als "Neger"-Häuptling mich als Leser in der folge nicht zum Rassisten gemacht hat.

Der mit meinen verschwiemelten Texten vertraute Konsument ahnt schon, heute geht es angesichts der virologisch verursachten, kommenden gesellschaftlichen Krise um das Miteinander auf engstem Raum und die Toleranz, die es uns abverlangt.
Tatsächlich ist unser Appartement im Glashaus die Innenwelt der Außenwelt die mit Blick auf die Innenwelt der anderen so manches offenbart:

Seit der Kommunal-Wahl habe ich das Haus nicht mehr verlassen. Müsste sich die Fürsorglichste all meiner Ehefrauen nicht auch noch dreimal die Woche um ihren hinfälligen Bruder kümmern, wäre ansonsten kein persönlicher Kontakt mehr gegeben. Aber so geht sie dann auch noch gleich einkaufen und versorgt mich mit Korona-Klatsch von unserem Metzger gegenüber, vor dem die Warteschlangen jeden Tag länger werden und schon allein auf diese Weise Handkes "Weissagung" erfüllen.
Doch der täglich fortschreitende "Zustand" oder Stillstand konterkariert die Tage auch durch stetig wachsende Scharen von Joggern, die jetzt die Straße bei spürbar weniger Auspuffgasen und umso mehr "Freizeit" schadlos entlang traben: ein heiteres Bild!

Den dramatischsten Wandel aber bietet unsere verkehrsreiche Kreuzung nächtens. Der stete Fluss des Verkehrs ist total verebbt und hinterlässt eine beängstigende Stille, die uns nicht schlafen lässt. Der Eiswind dieser Tage beschert uns hier eine Stadtluft von ungeahnter Qualität. Die Fenster können wir trotzdem nicht offen lassen, weil die Amseln, die ab vier Uhr früh mit ihrem Gesang beginnen, ihre "Verkehrsübertön"-Tonlage nicht geändert haben. Und dann noch das laute Ticken unserer bretonischen Pendule am anderen Ende der Wohnung; als ob das Schlagwerk in Stärke einer Kirchenglocke - einmal zur halben und zweimal zur vollen Stunde - allein nicht reichte um mir das Vergängliche der Zeit zu Gehör zu bringen...

In den drei Stunden, die ich vergangene Nacht wach war, konnte ich zum einen erkennen, dass es nicht wenigen Nachbarn in den umliegenden Häusern ähnlich ging. Was wird uns erst zum anderen widerfahren, wenn Samstag-Nacht wieder die Sommerzeit beginnt? Noch mehr Zeit, die dann totgeschlagen werden muss.

Apropos Totschlag: Beim nächtlichen Grübeln wurde mir schlagartig klar, dass  Covid-19 nicht nur eine gesundheitliche Bedrohung darstellt, sondern angeheizt durch eine übervorsorgliche Ratgeberitis täglich mentale Dramen in unserer Psyche geradezu programmiert.

Der offenbarte Zerfall der "Europäischen Idee", der wieder hervor geholte individuelle Nationalismus sind ja nur Katalysatoren für eine neu Schuld-Suche, die auch vernünftige Mitmenschen unbewusst ereilt.

Gestern musste ich meiner Frau zum Thema Pandemie in Italien Zahlen gegen ihre Vermutung vorlegen, dass daran dort die vielen Chinesen Schuld seien. Tatsächlich sind die Fallzahlen in Provinzen, in denen am wenigsten Chinesen leben  mit Abstand am höchsten, während die zentrale Toskana mit ihrer China-Township in Prato die geringste Infektions-Rate hat.
Bei der Behauptung, dass die Rückhol-Aktion unseres Außenministers Heiko Maas jedoch hohe Risiken birgt, musste ich ihr zustimmen, weil die "Rückkehrer" offenbar gar nicht oder nicht gut genug getestet werden. Anders wären ja trotz Befolgung aller Auflagen der überproportionale Anstieg der letzten Tage nicht zu erklären

Am vergangenen Samstag kam ein Ehepaar, mit dem wir seit den 70ern eng befreundet sind, verfrüht vom alljährlichen, mehrwöchigen Aufenthalt in Florida zurück. Sie musste abbrechen, weil ihre für morgen gebuchten Flüge annulliert wurden. Direkt zurück ging es also nicht mehr. Mit Müh und Not gerade noch über den US-Pandemie-Hotspot New York. - Weder bei der Ausreise noch nach der Landung in München wurden sie jedoch getestet...
Sie haben sich selbst sofort daheim - versorgt von ihren Söhnen und Enkeln, die ihnen alles vor die Tür stellen - in eine selbst auferlegte vierzehntägige Quarantäne begeben. Aber was haben die anderen aus dem proppenvollen Flieger gemacht, die sich das vielleicht so nicht leisten konnten?

Freitag, 20. September 2019

Noch ein Nachschlag!

Er kann es nicht lassen. Trotz der nur begrenzten Urlaubstage hier lässt der Meister-Koch es sich nicht nehmen, für die Familie aufzukochen; als Crossover-Spezialist daher hier eine "Portion" "Spaghetti allo Scoglio" für den Blogger. Hab den anderen natürlich ein wenig abgegeben...

Montag, 16. September 2019

Über die Sozialisation

Tut mir leid, aber das musste ich jetzt einfach bei Wikipedia cursorn:

Sozialisation (lateinisch sociare ‚verbinden‘) wird im Handbuch der Sozialisationsforschung von Klaus Hurrelmann u. a. definiert als „Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen entstehen“. Sozialisation ist demnach die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen.

Verständlich geht anders. Und wieso habe ich den Begriff überhaupt in die Suchmaschine eingegeben?
Meine vielseitig talentierte Personalchefin, Unternehmerin und heutige Landfrau, meine Freundin, die "Schweizer Garde", ist ja unter anderem auch Diplom-Psychologin. Als solcher ist ein so mannigfaltig Gestörter wie ich natürlich eine Herausforderung.

Obwohl wirr, verläuft ja mein Tagesablauf nach festen Regeln, und wenn sie uns Feldfrüchte und Eier  bringt, sitze ich immer in einer Ecke unseres Esszimmers. Dort fluche ich - obwohl ja sonst niemand rund um meinen Sessel zu sehen ist - möglicherweise über meine Skat-Partner Ärschling und Wichser, die offline vom Programm "Skat Palast" deutlich häufiger, bessere Karten  auf meinem Tablet zugeteilt bekommen als ich. Mein Tablet sieht ja die holde Helvetia im Gegenlicht des großen Fensters nicht.

"Du musst dich mehr sozialisieren!" Dann greift sie zu dem meist schon kalten Kaffee, den sie von meiner Frau angeboten bekommt, setzt sich und beginnt ein therapeutisches Gespräch, das bald in eine heftige Diskussion rund um die Tages-Aktualitäten mündet.
Die härteste Lektion der Sozialisation ist die Erkenntnis,
dass sie selbst in der Familie den Einflüssen
von Zeit und Alter unterliegt


Tatsächlich sieht sie sich als Teil meiner Sozialisation, ist dann aber verblüfft, wenn ich im Gegen-Argument die derzeitige Weltlage als eindeutig "entsozialisiert" bezeichne.

Es ist also so, dass ich mich in erster Linie immer mehr von der Welt im Allgemeinen zurück ziehe. Und da ich nie ein Party-Typ war, geht mir auch das sozialisierende Dauerfeiern auf der Burg - mit meiner Frau mittendrin als Katalysator - zunehmend auf den Senkel. Es ist eben mit mir nicht mehr alles im Lot (das Bleilot - der Senkel - zeigt beim Bauen die Senkrechte an).

Obwohl ich Individuen, die ich kennen lerne, größtmögliche Empathie entgegen bringen kann, versage ich bei Gruppen die größer sind als sechs Personen. - Als stammte der britische Spruch  "more than six is a crowd" von mir. Auslöser war unter anderem  in meiner Jugend auch eine Studie, die Soziologen mit zwei Pfadfinder-Gruppen angestellt hatten. In Einzel-Befragungen mussten die Jungs sagen, wen sie aus der anderen Gruppe am wenigsten sympathisch fanden und wen sie in der eigenen Gruppe am liebsten mochten. Es wurden zwei neue Gruppen geformt, die jeweils nur aus Probanden bestand, die sich unsympathisch waren. Nach kurzer Zeit der Sozialisation wurden die  Gruppen wieder in Wettbewerben aufeinander "gehetzt". Es stellt sich heraus, dass die einstigen Sympathie-Träger nun einander spinnefeind waren.

Schon als Jugendlicher hatte ich deshalb einen Argwohn gegen allzu viel Freundschaft und war vielleicht übervorsichtig, auf wen ich mich einließ. Und dennoch wurde ich eins ums andere Mal nicht nur getäuscht, sondern auch geschädigt...

Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Sozialisation bei vielen Tier-Arten
besser funktioniert als bei uns Menschen
Foto: pixabay


Nach den Olympischen Spielen 1972, 1976 und der Fußball-WM 1974 war mir eigentlich klar, dass ich an einer Stadion-Phobie litt und deshalb kein Sport-Schreiber werden wollte. Aber das Schicksal meinte es dann anders: Große und größere Menschenmengen gehörten also bis zum Ende meines Berufslebens zum Alltag. 

Auf die Burg kam ich dann in der Hoffnung, dass ich fortan die Größe der Gruppen mit denen ich Umgang habe, im  Kleinstmaß kontrollieren könne. Das ist mir so schlecht gelungen, dass ich jetzt von Tag  zu Tag eine größere Sehnsucht nach meiner Münchner Großstadt-Isolation habe. Jetzt ist meine Tochter mit ihrem Sohn und mit Freunden hier, und sie will natürlich auch Party mit den Leuten machen, die sie hier oben kennt. Das Haus gleicht einem Bienen-Stock. Es ist gut, dass sie das Haus hier bald mit ihrem Bruder übernimmt.

Der Party-Sommer ist nun bald vorbei. Der Blogger nimmt sich jetzt eine kurze Übergangszeit, um vom Eremiten-Dasein zu träumen. Ich weiß, dass ich heuer meinen depressiven Strömungen beim Posten zu sehr nachgegeben habe, aber das lag an den permanenten Schmerzen, für die es kaum Aussicht auf Linderung gibt...


Ab dem 3. Oktober werden wieder Steine im Glashaus geworfen. Am Tag der "Deutschen Einheit"gibt es nämlich für mich weniger zu feiern als zu bedenken. Bleibt mir trotz allem weiter mit hohen Zugriffszahlen wie in diesem nun vergangenen Sommer gewogen.