Mittwoch, 15. Mai 2019

Bei offenem Fenster

Es ist nicht der Ausblick. Es sind die Geräusche und Gerüche,
die das Schlafen bei offenem Fenster so heimelig und entspannt machen...

如果你打开窗户,可以获得大量新鲜空气,但必须带上苍蝇

Wer die Fenster weit aufmacht, bekommt viel frische Luft, muss aber die Fliegen in Kauf nehmen...

Es sind kleine Dinge, die einen aus dem Alltäglichen herausreißen. Gestern kam es mir zu Bewusstsein, dass wir beinahe acht Monate nicht - wie sonst bevorzugt - bei offenem Fenster haben schlafen können. Im Glashaus geht das wegen des nachts kaum abebbenden Straßenverkehrs nicht. Allenfalls zwischen drei und vier Uhr nachts ginge das, aber dann waren da ja auch Großbaustellen in der Nachbarschaft, die ihren Staub in die Wohnungen bliesen. Die schalldichten Fenster schließen einen jedoch von allen Geräuschen aus -außer vielleicht dem Schnarchen des Partners.

Bei unserem Wechsel nach Italien war ja der Mini-Winter angebrochen, und es hat hier im ligurischen Vorgebirge derart eiskalt gestürmt, dass uns ein Teil von den großen Schlagläden abgerissen wurde. Mitten in der Nacht hatte der Sturm sich gelegt. Nicht mehr das Gepolter loser Teile oder das Schebbern verschobener Stühle auf der über uns liegenden Terrasse zu hören, war da schon beinahe unheimlich.

Der Himmel war schon leicht angegraut, da habe ich das Schlafzimmer-Fester geöffnet, und sofort war ich wieder daheim: Im Unterbewusstsein vernahm ich die Repitition unserer Kirchenglocke, und das immer vielstimmiger werdende Gezwitscher unserer gefiederten Mitbewohner. Das Bellen der Jagdhunde im Zwinger gegen den restlichen Mondschein,, und dann wurden irgendwo pünktlich Schweine gefüttert. Seit langer Zeit haben meine Frau und ich nicht mehr bis zehn Uhr früh geschlafen, und auch die allmorgendlichen Schmerzen blieben aus. So entspannend und erquickend war dieser Schlaf bei offenem Fenster.

Aber beim Schreiben rattert das alte Hirn natürlich weiter. Auch wenn ich mich wiederhole mit dem chinesischen Spruch als Einleitung:
Wäre es in diesen von Dumpfheit geprägten Tagen vor der Europa-Wahl nicht generell angebracht, die verbal verrammelten Fenster zum Nachbarn mal wieder weit zu öffnen. - Selbst wenn er unappetitliche Geräusche macht!

Montag, 13. Mai 2019

Wenn Mussolinis Wahlkampf machen

Nein, ich war nie ein politischer Journalist. Und ja, ich vertrete die Ansicht, dass nur akkreditierte Korrespondenten ein Recht haben, Kritik an dem Land zu üben, in das sie entsandt wurden. Als Deutscher, der die Gastfreundschaft dieses herrlichen Landes genießt, habe ich es mir bislang verbeten - auch im Angesicht germanischer, geschichtlicher Greul, die auf dem Stiefel ausgeübt wurde - eine Meinung zum Zustand der "Republica" zu äußern. Aber als leidenschaftlicher und hoffnungsfroher Europäer, halte ich mich angesichts der bevorstehenden Europa-Wahlen nicht länger zurück.

Geliebtes Italien! Wohin treibt Dich der Grecale?

Grecale, das ist der Wind der aus der furchtsamen ligurischen Sicht nach Norden - also von rechts aus dem Nord-Osten kommt, Kälte und schlechtes Klima mit sich bringt, und absolut unitalienisch ist.
Angefacht von der Lega, die es irgendwie geschafft hat, dass man sie nicht mehr allgemein treffender mit dem Nord einschränkend zusammen nennt, hat wieder ein erfolgreicher "Marsch auf Rom" stattgefunden. Anfangs belächelt wie die Faschisten, die sich am 23 März 1919 von Groß-Industriellen unterstützt mit dem links gestarteten Duce Mussolini in Mailand zum historischen Treffen einfanden, bestimmt die Lega nach überraschend schnellem Aufstieg heute die Politik Italiens. Obwohl sie von den Stimmen her nur ein Appendix an der Regierungs-Bildung mit der Cique-Stelle-Bewegung war, werden die populistischen "Lega"-Themen lauter und schneller verbreitet als die zunächst oft idealisierten Vorhaben des 5ST-Gründers und -Vordenkers Beppe Grillo.
Dass dem als "Polit-Clown" unterschätzten Schauspieler und Kabarettisten das nicht passt, hat er seit Jahresbeginn immer deutlicher zum Ausdruck bringen wollen. "Grillo afferra la sua vailigia", Grillo habe seine Koffer gepackt, textete bereits in diesem Januar die mitte-links  stehende Wochenzeitschrift L'Espresso. Aber Grillo gibt bei seinen verklausulierten, öffentlichen Auftritten für seine Botschaften ironisch danach gerne zu, dass er sie selbst nicht verstehe.
Un Grillo - also ein Schekel soll bei Starkwind Segel und Shot
zusammenhalten. Vielleicht wird sich ja der
Komiker noch bewusst, was er in Italien mit der
Koalition seiner 5ST angerichtet hat...
Dabei sei sein Austritt längst beschlossene Sache, aber er vollzieht ihn nicht. Aus Angst vor seiner missverstandenen Rolle in der Geschichte? Der Mann ist eitel bis zur Selbstverliebtheit, aber damit hat er dem auf Krawall gestrickten Polit-Selbstdarsteller Matteo Salvini mit seinem populistischen Ränkeschmieden nichts Plausibles entgegen zu setzten.

Gleichzeitig starten die Ultra-Rechten mit zwei Mussolini-Nachkommen in den Europa-Wahlkampf. Richtiger Weise gibt es kein verächtlich Machen ganzer Sippen. Aber die beiden  mit unterschiedlichen Parteien auf  Stimmenfang - Urenkel der eine, Groß-Cousine die andere - verbreiten faschistisches Gedanken-Gut. Sie verteidigen die "Bewegung der Faschen" als in ihrer positiven Entwicklung vom Krieg ausgebremst. Italien könnte viel bedeutender sein, wenn es faschistisch geblieben wäre - so der Umkehrschluss.Da die alten Schwarzhemden mehr oder weniger ausgestorben sein dürften, überrascht der Zulauf junger Neo-Nazis. Ein Phänomen, wie wir es auch aus Deutschland und Frankreich aber nun auch in Ost-Europa erkennen. Vor allem in Staaten mit überwundener, kommunistischer Repression in ihrer Geschichte ist das umso verwunderter zur Kenntnis nehmen.

Na ja, bei uns soll es ja auch immer noch welche geben, die Auschwitz für eine Lüge halten und meinen, Hitler hätte ja Autobahnen anlegen lassen und die Massen-Arbeitslosigkeit beendet...

Jüngste Prognosen für die Europa-Wahl sehen Marine Le Pen vor Emmanuel Macron, und Viktor Orban kann getrost darauf verzichten, den sich ultrarechts peinlich anbiedernden CSU-Spitzenkandidaten Manfred Weber zu unterstützen. Als Teil der national-konservativen Allianz wird seine Partei Fidesz nach der Wahl wohl  eh mehr Einfluss haben.

Natürlich hat es national-konservative Strömungen weltweit schon immer gegeben, aber dass sie mittlerweile einen derart politischen Rüpel-Stil pflegen, ist dem Einfluss seines "Spiritus Rector" geschuldet. Donald Trump fördert die europäische Rezession, und das ist auch die Antwort darauf, wieso die Europa-Gegner sich in dieses Parlament wählen lassen wollen:
"Um Europa von innen zu zerstören", wie ein verwirrter AfD-Politiker dies mit der Vernichtung des Todessterns in den STARWARS gleich setzte.
Un Grillo - also das echte Grillen-Männchen weist
erstaunliche Parallelen zum "richtigen Leben" auf: Es singt
schön un betört damit paarungsbereite Weibchen.
Beide frönen dem HWG, fressen sich aber dabei nicht auf,
wie häufig behauptet wird. Trotz des Paarungseifers landete diese
Heuschrecken-Art bereits auf der "Roten Liste" vom Aussterben bedrohter Spezies
Foto: pro natura

Freitag, 10. Mai 2019

Die letzten Tage des Winters?

Am 9. Mai 2019 war der Appenin beim Blick
von unserer Terrasse noch derart verschneit. Die links hinterm
Vorgebirge verborgenen tief in Weiß gehüllten Alpen-Gipfel hatten in den vergangenen
Wintern weniger Schnee als jetzt im Frühling
Nicht nur Donald Trump, sondern die gesamte Ultra-Rechte der Welt - von Brasilien bis Brandenburg - tut sich schwer mit dem Bekenntnis zum Klimawandel. Die Bauern, die Agrar-Multis und die Glyphosat-Hersteller würden die grünen Aktivisten am liebsten in der Gülle und dem Nitrat ersäufen, das sie damit überproportional ausbringen. Was kümmert mich die Belastung von heute als Krebs-Erreger von morgen?

Die Politik - noch dazu bei den anstehenden Europa-Wahlen - eiert auf einem (sorry aber der Gag muss jetzt sein) nicht Muh- noch Mäh-Kurs herum. Wahlen und Legislatur-Perioden haben eben rein gar nichts zu tun mit der Notwendigkeit nachhaltiger Verantwortung.

Bienen zu retten und freitags zu demonstrieren beruhigt im Hinblick auf einen Teil verantwortungsbewusster Mitmenschen. Aber auf Dauer hilft eben nur strikt, noch unverdorbene Parteien zu wählen, die den Arten-Schutz und den Klimawandel voran stellen und nicht leugnen..,

Unser ligurisches Burgdorf stirbt aus, und demonstriert damit ungewollt die Macht der Natur. Das Haus gegenüber, das wegen Tod und Alter seit zwei Jahren unbewohnt ist, bietet im Dach - wie das Gebäude direkt daneben im seit Jahren nicht gebrauchten Kamin - nun Unterschlupf für die andernorts vom Aussterben bedrohten Hornissen und mindestens zwei Wildbienen-Arten. Von unserer Terrasse aus ist der Flug-Verkehr schön und mit exklusiven Vergnügen zu beobachten. Moos holt sich auf den Nebengassen Fuge um Fuge zurück. Und wir sehen im dritten Frühjahr hintereinander, dass der eigentlich niedrigere Appenin immer noch verschneite Gipfel zeigt. Der Wonne-Monat Mai, der unsere Planung für den Ortswechsel stets beherrschte, hat uns in den letzten Tagen wieder gezwungen, die Heizung morgens und abends für Stunden anzuwerfen, damit die dicken Mauern halbwegs heimelig werden. Nachts kuscheln wir uns unter drei Decken zusammen, schlafen aber dafür ohne schlechtes Gewissen bestens. Im Glashaus mussten wir schon ab ende März kaum noch heizen...

Heute dann der Wandel: Von einer Stunde auf die andere scheint die Sonne näher an den Borgo heran gerückt zu sein. Auf der Terrasse, auf der wir nur bibbern und den erfrorenen Pflanzen nachtrauern konnten, schien die Sonne um acht Uhr noch derart intensiv, dass es gerade noch auszuhalten war. Normal ist das nicht mehr.

Geregnet hat es in den Wintermonaten offenbar genug - wie oben auf dem Foto zu sehen ist - aber die sich ankündigenden Hitze stellt die Natur hier vermutlich dann auch paranormal auf die Probe.

Am 24. Mai soll die Durchschnitts-Temperatur schon bei 26 Grad liegen. Es ist anzunehmen, dass sie - wie im vergangenen Jahr - dann bis Oktober nicht mehr zurück geht. Wenn nördlich des Alpen-Hauptkammes ein Dürre-Sommer mit Starkregen-Überschwemmungen prognostiziert wird, kann es auch hier hingegen wieder mit der Wasserversorgung eng werden...

Es ist eben so: Die Natur macht uns Menschen in jedem Fall alle platt. Und wir haben es verdient.

Das Weingut "Rocca San Nicolao" zu Füßen unseres Burgberges steht nun seit Jahren unter Kuratel. Zwar wurden die Weinstöcke beschnitten, aber Verwaltungs-Gebäude, der schöne Schauraum und die hochherrschaftliche Auffahrt wuchern und ranken zu. Aus jedem Riss des Asphalts sprießen Büsche und Staueden. So schnell geht das, wenn der Mensch nicht mehr eingreift.

Dienstag, 7. Mai 2019

Sola o Vedova

Witwen trauern oft für den Rest ihres Lebens,
überwinden aber den Katzenjammer..
Claus Deutelmoser: Hangover, Aquarell auf Bütten

Als ich am vergangenen Wochenende auf die Burg zurück kam, begegnete ich beim Hochschleppen nacheinander vier Frauen, die mir Gelegenheit gaben, beim Plauschen nach Luft zu schnappen: Starke Frauen!
Die erste, die ich noch auf dem Parkplatz unten traf, ist und bleibt eine echte "Sola". Sie war zwar mal verheiratet und ist Mutter und Großmutter. Aber dann mehrfach liiert, ohne sich auf Dauer auf einen Partner einzulassen. Meine Leser kennen sie als die einstige Sammlerin buntester Jogging-Anzüge und die heutige Sonnenblumen-Wirtin unseres Sozial-Cafes im Hauptort. Sie ist keine besonders attraktive Frau, aber sie strahlt immer noch Verlangen aus, was offenbar die Zeit spurlos an ihr vorüber ziehen lässt. Seit bald zwei Jahrzehnten sind wir Nachbarn, aber wirklich verändert hat sie sich in den Jahren nicht. Es sein denn ihr seriöser Wirtinnen-Look hat die Jogging-Anzug-Phase hinter sich gelassen. Ich denke immer noch gerne daran, wie sie früher auf unserer Bank vor dem Haus meiner Frau beim Schwatzen geduldig Italienisch beibrachte.

Es kommt stets darauf an, was sie bereit sind, aus dem
möglichen zweiten Frühling zu machen:
Claus Duetelmoser:  Secunda Primavera, Öl auf Leinwand
An der Treppe traf ich Giovanna, die seit zwei Jahren verwitwet ist. Sie war immer eine bärenstarke Erscheinung die ihren Mann Francesco noch fragiler erscheinen ließ. Aber das täuschte. Der temperamentvolle Kerl hatte enorme Kräfte, was ich erlebte, als er mich beim Schleppen der Granit-Platten für unsere Küche, die er mit seiner Ape hoch gefahren hatte, ausschloss. Er schob mich einfach zur Seite, um mit dem auch verstorbenen Ruinen-Baumeister die schwere Last ins Haus zu wuchten. Als diabetischer Leidensgenosse nahm er meine Ratschläge nicht an.  Er wollte kein Insulin spritzen und sich nicht selber zur Kontrolle  der Werte in die Finger stechen. Eines Tages kam er mit einem ausgesetzten Hündchen aus dem Wald, mit dem er dann mehrmals am Tag spazieren ging. Das war an Therapie alles, was er zuließ. Dann kam nur noch Giovanna mit dem Hündchen vorbei. Francesco hing nur noch zuhause herum. Nichts trieb ihn mehr an. Den nächsten Winter überlebte er nicht. Sein Hündchen blieb neben umfangreichen Latifundien und Häusern die gesund erhaltende Hinterlassenschaft. Braun gebrannt scheint sie nun im langen Gassigehen noch mehr Kraft getankt zu haben. Sie bezeichnet sich selbst als Sola und nicht als Vedova.

Dann auf den letzten Metern traf ich  "Gutemine", die ich vor annähernd zwei Jahrzehnten so getauft habe, weil sie der Comic-Figur als Ehefrau von "Majestix" aus "Asterix und Obelix" so ähnlich sah. Noch immer türmt sich die nun nachgefärbte, geflochtene Haarpracht um ihren Kopf. Sie ist wie immer in Eile, weil sie ja noch immer viel Familie hier oben hat, die sie selbstverständlich vollständig versorgt.

Auf unserer Piazza dann noch so ein Phänomen weiblicher Reife: Unsere direkte Nachbarin, die Bürgermeisters-Witwe. Sie könnte sich unten in Imperia in einem ihrer Häuser bei ihren Kindern und Kindeskindern einen schönen Herbst machen. Zumal sie mit beinahe 80 noch eine neue Hüfte bekommen hat, ist ihr die unabhängige Mühsal des Schleppens über Treppen hier oben offenbar immer noch wichtiger. Denn Hilfe lehnt sie energisch ab.

In der Ruhe liegt ihre Kraft,
sich in Gelassenheit den
kleinen Dingen des Lebens hinzugeben...
Claus Deutelmoser: Maturata, Ölkreide auf
Mal-Karton
Die Bürgermeister-Witwe ist es auch, die mir zwinkernd eine lustvolle Schwäche für "donne maturate" unterstellt.. Ich denke aber, dass es eher meine Begeisterung für starke Frauen ist. Als Sohn einer starken Mutter habe ich dann selbst eine starke Frau geheiratet und mit ihr eine starke Tochter gezeugt. Beide bevormunden zwar heute mein Leben als in die Jahre gekommener,abgehalfterter Womenizer, aber das finde ich total in Ordnung...

Übrigens haben italienische Männer und Frauen im Vorderfeld eine um einige Jahre höhere Lebenserwartung als Deutsche, die weltweit nur im abgeschlagenen Mittelfeld "überleben". Auf dem gesamten Globus sind es immer die Frauen, die ausnahmslos länger leben als Männer. Die Wissenschaft vermutet, das läge an dem grundsätzlich gesünderen und weniger risikobereiten Leben, und auch daran, dass die zwei  XChromosomen den Ausschlag gäben, während uns Männern das immer wirkungsloser werdende Testosteron im Endeffekt Lebenskraft raube...

Wieso geben wird nicht einfach zu, dass das sogenannte schwache Geschlecht in Wahrheit das stärkere ist?

P.S. Honkong liegt in der Langlebigkeit an der Weltspitze, aber die Burg-Gemeinschaft hier dürfte sie noch toppen.

Montag, 6. Mai 2019

Der stille Reise-Begleiter

Ein Kleidersack, der aussieht wie eine
Reisetasche, aber durch Aufhängen hilft,
den Inhalt wie frisch gebügelt erscheinen zu lassen
Vor langer Zeit in einer fernen Galaxie war die Frau, die meine Leser "als Zweitbeste", als "Fürsorglichste" und letztlich auch als "Sparsamste" kennen gelernt haben, durch ihre beinahe verschwenderische Großzügigkeit bekannt.
Weil ihr Mann so viel weltweit mit dem Flieger unterwegs war und sich immer darüber aufregte, wie viel Zeit beim Aufgeben des Gepäcks und dem Warten am Ausgabe-Band verging, machte sie sich damals noch ohne Internet und einschlägigen Versandhandel auf die Suche nach einem passenden Geschenk.

Ich bekam es zu meinem 35. Geburtstag, und seither ist der Kleidersack mit meinen Initialen drauf mein liebster Reisebegleiter. Sein 35jähriges Dienstjubiläum habe ich zu meiner Schande tatsächlich verschwitzt, weil ich ihn heute nur noch zweimal im Jahr zum deutsch-italienischen Wohnorts-Transfer mit einer Hotel-Übernachtung in Anspruch nehme. Fliegen muss ich und will ich vor allem nicht mehr, weil ich statistisch nach drei Havarien und zwei Beinahe-Crashs das Schicksal nicht weiter herausfordern möchte.

Dass ich 1972 nur bei den Sommerspielen in München und nicht bei den Olympischen Winterspielen von Sapporo dabei war, ersparte meiner jungen Vielflieger-Karriere gleich die Flugzeug-Entführung von Aden. Unter den Passagieren des Fluges Tokio-Frankfurt, die die Bundesregierung samt Crew damals für 5 Millionen US-Dollar freikaufte, waren nämlich auch die meisten der deutschen Wintersport-Berichterstatter. Von da an wurden die Sicherheitskontrollen an den Flughäfen weltweit in dem Maße beinahe täglich schärfer, wie die Lösegeld-Forderungen bei Flugzeug-Entführungen inflationär zunahmen, aber letztlich taktisch auch verweigert wurden.
Zwei Clips machen den Bag zum
Handgepäck. Der Kleiderhaken
ist durch eine Schlaufe arretiert.
Die Fotos habe ich bei unserer
Abreise am 4. Mai gemacht.
Das ist der aktuelle Look nach 35 Jahren.
Qualität zahlt sich aus

Ach hätte ich ihn da schon gehabt - meinen unverwüstlichen Reisebegleiter. Aber da brauchte es noch Hartschalen-Koffer oder klobig resistente Metall-Dinger. Das Film-Material - ob belichtet oder nicht -
musste in Schutz-Tüten gegen die "x-rays", und dazu kamen die Körper-Checks.
Alles ging viel leichter, wenn der Reisende - selbst auf Langstrecke - nur Handgepäck dabei hatte. Vielleicht ist der Kleidersack von Pierre Cardin (daher auch die Initialen CD) wirklich der Grund dafür gewesen, wieso ich bei weit über einer Million Flug-Kilometern nicht einmal ein Gepäckstück verloren habe oder auf ein fehlgeleitetes warten musste.
Todesnähe seines "Herrchens" blieb ihm erspart, aber der Kleidersack könnte manches erzählen, das ich bis auf zwei Ereignisse nicht kolportiere, weil es eben an Angeberei grenzen könnte:


So hat das Teil gleich im zweiten Jahr den Rekordflug der AirFrance-Concorde von JFK nach Orly mitgemacht. Kein Passagier-Flugzeug hat den Atlantik bislang schneller überquert. Das Kabinenpersonal war jedoch eher entzückt von meinem französischen Reisegepäck, das es einfach in ihr Compartement hängte.

Aber es ging auch anders herum: Bei einer Neuengland-Reportage hatten die Hotel-Bosse darauf bestanden, dass ich in den angesagten Etablissements von Boston absteigen sollte:
Im Boston Ritz Carlton rümpften sie die Nase wie sie meinen Kleidersack als mein komplettes Reisegepäck in Empfang nehmen sollten. Und dann trug der "Kraut" aus Gewohnheit auch noch das Stück selbst aufs Zimmer - ohne Trinkgeld abzudrücken! Die Strafe folgte beim Frühstück am nächsten Morgen. Früh mit dem Morgenlicht im gegenüberliegenden Park, dem "Common", in meinem Fotografier-Outfit unterwegs freute ich mich auf das Frühstück, wurde aber nicht vorgelassen, weil meine  Berufskleidung nicht als der geforderte Business-Look akzeptiert wurde. Man bestand trotz meiner beruflichen Reporter-Einwände auf Jackett und Schlips. Vermutlich weil man  mich in Verlegenheit bringen wollte. Es konnte sich wohl keiner vorstellen, dass ich einen "börsengrauen"  Anzug dabei hatte. Machten die Augen, als ich zehn Minuten später wie ein Banker den Frühstücksraum betrat!

Leider habe ich vergessen, wie das Hotel hieß von dessem Penthouse ich das Titelbild von der nächtlichen Skyline über Backbay hinweg schoss. War wohl selbst zu beeindruckt vom Maisonetten-Appartement mit eigenem Fahrstuhl und Butler. Der Butler hingegen war beeindruckt, wie ich aus meiner Reisetasche noch ein Dinner-Jacket samt Weste und Smoking-Hemd zum Aufbügeln hervor zog; Gimmick eines routinierten Packers.Beim Governors-Abschluss-Dinner am Abend fiel mein Trick, das Outfit mit einer schwarzen Jeans zu kombinieren gar nicht auf.

Mein "omnia mea mecum porto" ("all das Meine trage ich bei mir" von Cicero dem griechischen Philosophen Bias von Priene zugeschrieben) habe ich zwar der Praxis eines alten Reise-Journalisten-Kollegen entlehnt, aber ohne das Geschenk meiner Frau, wäre die Veredelung dieser Traveler-Philosophie niemals möglich gewesen...

Mittwoch, 5. September 2018

Digitally Yours!

Es gibt Momente, in denen ich mich der Tränen nicht mehr erwehren kann: Wenn ich Bilder von Meinem Enkel sehe, alte Familien-Fotos oder Filme, die mir zu Herzen gehen.
Ersterer ist mit bald drei Jahren ein geübter Nutzer von Digitalem, letztere können auch echter Kitsch sein. Das liegt dann meistens an der Verfassung meiner Seele.

Der Film "Kodakchrome" gehört allerdings nicht dahin. Er ist ein Meisterwerk und streift meine eigene Biographie.
Es ist ein Roadmovie bei dem ein Sohn, seinen einst berühmten, todkranken Fotografen-Vater auf einem Trip nach Kansas begleitet. Dort existiert das letzte Labor in den Staaten, wo das einst revolutionäre E16-Processing für Kodakchrome-Filme noch zum Entwickeln durchgeführt wird. Es stellt.bald die Arbeit ein. Ed Harris als alter Fotograf und Jason Sudeikis als sein Sohn liefern absolute Glanzrollen ab. Mehr verrate ich nicht.

Außer? Ja! Auch ich habe drei Jahrzehnte auf Kodakchrome und Ektachrome gebaut, aber dann war ich  noch jung genug, um sofort von den digitalen Möglichkeiten für die Fotografie inspiriert zu sein. Seit die Smart-Phones für den Haus-Gebrauch Spitzen-Fotos liefern und in Sekundenschnell versandt werden können, fristet meine letzte Digital-Ausrüstung ein Schatten-Dasein im Schrank.

Erste Tests machte ich mit einer JVC-Digital, die die Fotografien auf Disketten speicherte. Das Ganze war noch sehr "pixelig". Die Passagiere auf einem Vaporetto in Venedig staunten, wie ich einfach die Disketten wechselte. Die Fotos konnte man nicht aufblasen, aber ich machte aus der Not eine Tugend und startete meine erste "Digitally Yours"-Serie, bei der ich via Fotoshop die Pixel zu Gemälden wandelte.


Vor ein paar Tagen las ich dann, dass Kodak in Schwierigkeiten geraten sei, weil die digitale Fotografie komplett verschlafen wurde. Dabei hatte die Firma bereits die erste Digital-Kamera entwickelt.

Wieder einmal bestätigt sich der Spruch, der Michail Gorbatschow zugeschrieben wird:

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben...

Das heute ist mein letzter Brief von der Burg. Die Zeit ist rum, und nach einer kleinen Pause melde ich mich ab 21. September wieder mit Steinen aus dem Glashaus. Bleibt mir bis dahin gewogen.

Montag, 3. September 2018

Bäume

So unspektakulär sah die Via Veneto hinauf zur Burg
noch im Jahr 1956 aus
Für ein paar Tage wohl sind wir hier auf der Burg von der Außenwelt abgeschlossen. Die Gemeinde dachte wohl, direkt nach Ferragosto seien keine Touristen mehr vor Ort. Auch die, die von hier täglich zur Arbeit müssen, werden einfach ignoriert.

Nachdem die Wurzeln der Bäume auf dem unteren Teil der Via Veneto all die Jahre nicht damit aufgehört haben, mit ihren dürstenden Wurzeln jede neue Asphaltierung von unten wieder aufzubrechen, kommt jetzt die Brachial-Gewalt in Form eines Fäll-Kommandos. Da die Bäume so stattlich sind, und auf beiden Seiten wertvoller Hausbesitz hinzu gekommen ist, kann das dauern.
Aber Burg-Bewohner seien ja wohl für Belagerungen gewappnet, dachte man sich in der oft desolat agierenden Gemeinde-Verwaltung.

Zeit für ein paar Spaziergänge oberhalb der zwei Spitzkehren.
Die süßlich klebrigen Kaki-Früchte sind vom
Geschmack her nicht jedermanns Sache,
aber um zu verrotten, sind sie zu schade
Da tragen die Bäume jetzt reife Früchte, die ungepflückt zu Boden purzeln:. Äpfel, Feigen, Mandeln, Kaki und Aprikosen. Es sind eben meist die Älteren, die sie noch gepflückt haben. Die Jungen haben entweder keine Zeit, oder es ist ihnen zu mühselig. Da die Bäume einst zur Ernährung der Sippe gedient haben, sind sie sorgsam umzäunt oder hinter Trockenmauern geschützt. Und dort darf sie eben keiner aufsammeln, der nicht Eigentümer oder zumindest mit denen verwandt ist.

Schwund ist! Ein Paradies für Tiere, die sich nicht an menschliche Gesetze halten müssen. Bei uns hier hat das Sprichwort "der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" eben eine ganz andere Bedeutung. Man kommt einfach nicht ran!