Donnerstag, 12. September 2013

Culo!

Es ist schon so, dass ich am liebsten von mir denken möchte, ein herzensguter Kerl zu sein. Aber möglicherweise liegt es an der Ungeduld des Herzens, dass ich im Alter häufiger ausraste als früher:

Allerdings nicht mehr bei Politikern: Via Satellit und mit dem nötigen Abstand, geht mir eher das "Eigenmarketing" der Sender im Bayrisch-Hessisch-Deutschen Wahlkampf (!) auf die Nerven.

Dazu bin ich vielleicht einst selbst zu sehr Manipulationsprofi gewesen:
In der früher eher „linken“ ARD stelle ich zunehmend eine Kanzlerinnen-Linie fest, und der Olli Welke und der  Urban Priol können sich bei der „Heute Show“ und „Neues aus der Anstalt“ noch so genial ins Zeug legen, um bei der öffentlich rechtlichen, aber regierungstragenden Manipulation gegenzuhalten. - Die unterschwelligen Botschaften in der Außer-Acht-Lassung des einst neutralen journalistischen Handwerks sind eben doch in anderen Formaten sehr viel wirkungsvoller:

Da wird- um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen - der Bundes-Innenminister bei den „Ersten“ mit einem bundespolitischen Statement vor einem CSU-Poster aufgenommen und bei den „Zweiten“ kommt zu dem brisanten Thema des Mindestlohns zwar die Kanzlerin als Stimme vor und auch der "multipersonelle" Rainer Brüderle, aber die Partei, die diesen erst zum Thema gemacht hat,  im „Heute Journal“  erst gar nicht zu Wort.

Die „Zweibeste“ hat mich (wie einst Lysistrata) durch angedrohten Liebes-Entzug (was für eine Strafe!?) zur Briefwahl genötigt. Sonst hätte ich diesmal nicht gewählt, obwohl ich gar nicht mehr weiß, wie oft ich selbst geschrieben habe, was doch das Recht, wählen zu dürfen, für ein Privileg der Freiheit ist. Aber konnten die Erfinder der Demokratie ahnen, dass wir dereinst nur noch die Wahl zwischen machtgeilen Zombies und Marionetten von Lobbys haben würden? Politiker, die mittlerweile eine Rente mit 67 durchgedrückt haben, aber selbst am liebsten noch mit debilen 70 ein Bundestagsmandat oder gar Ministerämter anstreben.

Seht ihr, das meine ich mit der Alterswut!

Sie wird  auch hier in Italien, meiner Zweit-Heimat, gerade wieder besonders stimuliert..  Silvio Berlusconi ist zwar hier von Gesetzes wegen zu alt, um in den Knast zu gehen, aber auf sein Mandat beharrend, die Regierung durch Erpressung zum Scheitern zu bringen – das ist ihm dennoch erlaubt. Kein Wunder, bei einem Staatspräsidenten von bald  90. Wobei mir Giorgio Napolitano ehrlich gesagt  bei dem aktuellen Personal-Angebot hier sogar oft noch am vernünftigsten erscheint.

Wieso rastet der betagte Wähler oder die betagte Wählerin  (beide "als solche"), die ja schon viel haben mitmachen müssen, nicht mal am Lebensabend auf friedliche Art und Weise aus?

Die Antwort: Weil Leute unserer Generation viel zu gut erzogen wurden, um andere, die mit dem ICE durch die Kinderstube gerast zu sein scheinen,  auf deftig laute Art und Weise daran zu hindern, mit uns zu  tun, was ihnen beliebt. Wie beispielsweise in Italien auch der Grillo oder bei uns  besonders der Seehofer.

Einmal zu so einem Arschloch sagen, ohne gleich eine Zivilklage am Hals zu haben oder für sieben Jahre in der Klapse zu verschwinden wie der Mollath. Das wär's doch!

Was tue ich hingegen? 
Ich reagiere mich an einem armen Teufel mit (oder ohne?) Tourette-Syndrom ab: Den ganzen herrlichen Sommer lang stiefelte unser Burg-Geist Camillo zu den unmöglichsten Stunden Tag und Nacht zur Piazza hoch und pöbelte gegen nicht vorhandene Feinde und nutzte sein Spielzeug-Handy zu dramatischen Streitgesprächen mit wichtigen Menschen in Paris, Monaco und New York  (- wobei er nicht an so netten Ausdrücken wie culo, puttana, stronzo, rompo collioni und dergleichen sparte... - Neid!). Dann war es mir eines Abends doch echt zu bunt: 
Nachdem er mich zuerst tags zuvor nächtens nicht hatte schlafen lassen, dann tags darauf beim Schreiben störte und schlimmer noch arglosen Touristinnen Angst einjagte, schrie ich ihn beim nächsten Pöbeln publico derart an, dass er wie vom Blitz getroffen zusammensackte. Als er dann noch aufbegehren wollte, nannte ich ihn Culo und Cazzo (alle Schimpfworte bitte selbst nachschlagen!) und drohte ihm auch an, gleich zu ihm herunter zu kommen. Selten im Leben war ich derart aggressiv geworden.

Seither hat er sich nicht mehr auf die Piazza gewagt, obwohl er wirklich das gleiche Recht hat dort zu sein, wie jeder andere Burg-Geist auch. Er ist jetzt auch sonst so verdächtig  ruhig.

Als die Nachbarn und selbst die liebe Seelenfängerin in den Tagen darauf dankbar zu mir kamen, um zu sagen, dass das längst mal an der Zeit gewesen sei, dem Schrat Einhalt zu gebieten, schämte ich mich deshalb abgrundtief.


Der arme Camillo, der sich ja vermutlich wirklich nicht wehren kann, war der falsche Prügelknabe. Das Culo! - so wurde mir klar - hätte doch viel eher ich verdient. Was kann der arme Kerl denn dafür, dass ich zu alt geworden bin, mich dort aufzulehnen, wo es wirklich angebracht wäre?...

Dienstag, 10. September 2013

Herbst zeitlos

Ach, wie wünschte ich, ich wäre ein Zeitlosegewächs! Dann hätte ich das ganze Jahr hindurch Anlass, mich zu vermehren oder zu Blühen - und es gäbe diese Gemütsschwankungen nicht. Aber so wie es aussieht, scheine ich ein typischer Herbstzeitloser zu sein, denn mit der kürzeren Helligkeit kommt auch mein Mangel an Zeitgefühl ans Licht.

Die Zweitbeste, die auf alle Praxis bezogenen Dinge des Alltags immer eine Antwort hat, erklärt den Wesensunterschied unserer Charaktere damit, dass sie im Oktober das Licht der Welt erblickte, während ich ja ein Märzkind sei. Da prägende Eindrücke nach dem siebten Lebensmonat begännen, seien die ihren halt voller Licht und Wärme gewesen, während bei mir Kälte und kürzeren Tagen die Stimmung bestimmt hätten. Hausfrauen-Psychologie!

Über tausend Timelags und eine berufliche Ausrichtung, bei der der nächste Winter bereits am Ende seines Vorgängers begann, haben nämlich mein Zeit-Gefühl ein Leben lang komplett aus dem Takt gebracht.

Da wir uns schon in den kommenden Monaten um die (bereits ein Vierteljahr verspätete) Rente kümmern müssen, war ich der irrigen Ansicht, die kürzer werdenden Tage träfen mich nun nicht mehr so arg. Das Herbstlicht ist wundervoll, aber es schwindet eben dahin. Mir kommt das immer schneller vor. Eine Ewigkeit brauchte der Frühling heuer, um seine langen Tage zu entfalten. Aber nun, da es in den vergangenen acht Wochen nur ein paar mal kurz geregnet hat, scheinen die Tage auf dieser Seite des Jahres doppelt so schnell hinter den schütteren Wolken zu verschwinden.

Was macht mir das aus? Wo wir doch für die viele, frei zur Verfügung stehende Zeit weder Plan noch Stress haben. Ja aber: Ich beobachte mich dennoch dabei, wie mein zwangloser Alltag zunehmend von unbewussten Zeitabläufen geprägt wird. Und wehe, es passiert etwas, bevor ich in diesem heimlichen Ablauf meine Mitte gefunden habe. Dann bekomme ich nichts mehr auf die Reihe.

Zum Beispiel heute morgen. Die Nachbarn alarmierten mich durch die offenen Fenster, dass es in unserer Gasse wieder einen Einbruchsversuch und bei der Bar Girasole auch einen vollendeten Einbruch gegeben habe. Darauf hatte ich schon irgendwie gewartet, weil der Borgo jetzt wieder leerer geworden ist und die Diebe leichter feststellen können, wer am vergangenen Wochenende frisch angekommen und in der ersten Urlaubsseligkeit nachlässig ist. Das ist ihre Vorgehensweise, und  es stört  sie auch nicht, wenn dann jemand im Haus ist. Sie haben nämlich auch schon Betäubungsgas eingesetzt

Obwohl ich wusste, dass die Polizei nichts unternehmen würde, riet ich, sie zu informieren. Sie versprachen zumindest wieder die Streifen zu verstärken. Die Carabinieri hatten damit schon Erfolg, denn heuer wurden auch hier oben schon Banden festgenommen. Aber es werden eben immer mehr.

Als guter Nachbar bin ich sofort los und habe alle Häuser rund um die Piazza inspiziert, aber die sind ja zur Zeit verwaist. Also waren alle Schlösser intakt. Dafür gab es in meiner Küche eine Überschwemmung, denn ich hatte automatisch den randvollen Wasserkocher angestellt. Außerdem musste ich noch eine der streunenden Dorfkatzen daran hindern, sich für den Winter bei uns einzuquartieren, was mich wiederum daran hinderte dann der Zweitbesten mitzuteilen, dass ihr Morgen-Kaffee in der gewünschten Linkshänderinnen-Tasse neben den Sudokus bereit stünde. Kalter Kaffee!!!

Jetzt, da ich mich damit therapiere, diesen Post zu verfassen, ticke ich langsam wieder normal. Ist das denn zu fassen? Da bist du im Herbst des Lebens angekommen, hättest alle Zeit der Welt, um dich in Gelassenheit zu üben, aber du entpuppst dich immer noch als alter Hektiker...

Samstag, 7. September 2013

Il Signore 2

Zugegeben, es gibt Tage,  da fühle ich mich Il Signore so nahe, wie sich das für einen Agnostiker einfach nicht gehört. Da sitze ich auf der sehr hohen Eingangsstufe vom wieder in Rom malochenden Nachbarn Giancarlo in der Südost-Ecke des Burghofes und schaue in dieser einzigartigen Perspektive auf das Spektakel am Himmel. Unten die Piazza, der Burg-Brunnen, die von runden Bogen begrenzten Ausgänge; in der Mitte  die nordwestlichen Nachbarhäuser mit ihren dekorativen Abstufungen und darüber die Wolken über den Seealpen, die in dicken Wattebauschen gegen den mit ausgefransten Federwolken heranstürmenden  Mezzogiorno bestehen wollen.

Ich zeige dann mit dem Einlass begehrenden Zeigefinger, der den Burg-Geistern zu eigen ist, zum Himmel und sage zu der Zweitbesten, die im Schatten einen Krimi von Veit Heinichen liest:
„Schau mal der Mezzogiorno frisst gerade die Cumuli, äh ich meine die Haufen-Wolken.“
 „Die in Triest nennen diesen Wind übrigens die Bora!“, antwortet sie und ist schon wieder weg.

Ja, hurra, die Zweitbeste liest wieder! Seit die Nächte kühl sind, und einen mit herrlichem Tiefschlaf belohnen, verschlingt sie Bücher, als gäbe es sie morgen nicht mehr. Ich bin dann zwar weitestgehend abgemeldet, aber das ist mir egal, weil ich bei ihrem Anblick so herrlich in Erinnerungen schwelgen kann.

Das Abtauchen in Gedrucktem, das war in einer weit zurück liegenden Vergangenheit für mich immer das Zeichen, dass es ihr, der ehemaligen Buchhändlerin, gut geht. Da konnten Dutzende von Kindern um sie herumtoben, sich gegenseitig die Haare ausreißen, Erwachsene sie zwecks endlich erforderlichen Eingreifens ansprechen – durch nichts in der Welt, wäre sie in diesen Momenten der Welt ihres Lesestoffs entrückt.

Oft habe ich sie regelrecht rütteln müssen, um sie ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Vielleicht sind unsere Kinder deshalb so unerschütterlich kreative Traumtänzer geworden. Sie mussten ihre Konflikt-Lösungen in der Lese-Agonie ihrer Mutter selbst finden. Das ist ihnen jedenfalls nicht schlecht gelungen, und die Zweitbeste ist stets recht stolz auf ihre „erzieherischen Fähigkeiten“ gewesen.

Aber in der Erinnerung taucht auch ein Schwur auf:
Es war im ersten Winter, nachdem wir das „Haus“ hier gekauft hatten. Die Ruine war eine Baustelle, und ich ganz alleine, weil die Bauarbeiter nicht erschienen waren. Auf der unfertigen Terrasse lagen Schutt- und Sandhaufen und dann kam der Tramontana und brachte in D-Zug-Geschwindigkeit aus Nordwest Regen in der Dichte einer Auto-Waschstraße heran. Die verstopfte Terrasse wurde zum Pool und ergoss sich nach und nach  in die darunter liegenden Zimmer. 24 Stunden schöpfte ich ohne Pause das ins Haus eindringende Wasser und schüttete die Eimer in die alte Badewanne. Dann ließ der Wind nach, und ich fiel in einen erschöpften Schlaf.
Als ich erwachte, fingerte die Sonne gerade an einem glasklaren Azur-Himmel über die östlichen Berge. Der Ort Lucinasco (der Lichtgeborene) auf der anderen Talseite funkelte im ersten Licht, und Olivastri tief unter uns sah aus wie das grüne Relief eines Landart-Künstlers.

Ohne groß zu überlegen, sagte ich laut zu dem Gott, an den ich eigentlich nicht glaube:
„Sollte ich jemals Zweifel an der Großartigkeit Deiner Schöpfung haben, darfst Du mich zu Recht mit einem Blitz aus heiterem Himmel erschlagen.“

Von diesen trockenen Blitzen gab es in diesem Sommer einige, die auch in meiner unmittelbaren Nähe einschlugen. Wollte Il Signore mich warnen, weil ich wegen Syrien, Ägypten und vor allem dieser Enttäuschung Obama wieder mehr zum Agnostiker geworden war? 

Donnerstag, 5. September 2013

Zweifel der "Imperia"listen

Also, da muss ich etwas klar stellen: Ich bin nicht gegen Pasta-Maschinen. Als ich vor Jahren meinem Sohn eine zum Geburtstag geschenkt hatte, war ich versucht, mir gleich auch eine zu kaufen. Aber wie viele Burgbriefe-Leser vermutlich längst erkannt haben, ist meine Haupt-Triebfeder meine grenzenlose Faulheit.

Dass der Spaß beim Nudeln mit einer Maschine mehr  beim Machen liegt und weniger beim Verzehr des derart erstellten Produktes - dazu musste ich nur meinen bei derlei Verrichtungen immer sehr geduldigen Sohn beobachten: Zehnmal immer feiner einstellend durchnudeln, dann noch der Schneide- und Trocknungsvorgang sowie am Ende das minuziöse Säubern der Apparatur - nee, das war nichts für mich. Ich schraube ja auch nicht am Auto rum - geschweige denn, dass ich es jemals von Hand gewaschen hätte. Und wie soll schon Basteln funktionieren - bei zwei linken Händen, die nur Daumen haben?

Deshalb verzichtete ich letztlich auf die Anschaffung einer "Imperia" obwohl ich das schon lustig fand, dass das beste Gerät dieser Art den Namen unserer ligurischen Provinzhauptstadt trägt...

Das Teigmachen ist für die "Handwerker" der gleiche Vorgang wie für die "Maschinisten". Der Zweifel der "Imperia"listen wird durch das manuelle Ausrollen und Schneiden genährt.

Wir haben unsere altertümliche Primitiv-Küche auf der Burg nur mit einem Luxus ausgestattet: umfassende Arbeitsflächen aus Granit, die im Handumdrehen gesäubert werden können. Aber auch indem er reichlich gemehlte Frischhaltefolie unter den Teig legt, schafft der Pasta
-Profi von vornherein saubere Verhältnisse. Bleibt also das Ausrollen, bei dem wir Deutsche ja das durch zahlreiche Altherrenwitze populär gemachte Nudelholz (matterello) einsetzen können. Sophia Loren hatte - wie berichtet - nur ein kleines, poliertes Rundholz (bastonino). Das berühmteste Koch-Foto von der Diva (siehe rechts) zeigt sie allerdings während des Pizzabackens, bei dem die Könner den Teig zwecks Ausdehnung ja einhändig um seine Mitte rotieren lassen. Das geht bei der Pasta nicht, weil da ja keine Hefe für den Zusammenhalt sorgt.
Bei der Pasta darf möglichst nichts kleben, deshalb bedarf  es stets eines gewissen Mehlüberschusses.
Die Diva hat dann ihren möglichst länglich ausgerollten Pasta-Teig wie eine Roulade eingerollt, die Überstände und dann ganz feine Schnecken abgeschnitten. Ehe etwas verkleben konnte, waren die schon im sprudelnden Salzwasser. Aber auch wer kein Rund- oder Nudelholz zur Hand hat. kann feine und akkurate Pasta machen. Ich habe den Teig schon zwischen zwei Schneidebrettern flach geklatscht und dann entlang meines Plastik-Lineals aus Schulzeiten je nach Wunsch mit einem breiten Messer Tagliatelle oder gar Cappelini geschnitten. Alle 30 Zentimeter lang und geometrisch einwandfrei - als seien sie mit einer Imperia gemacht worden...

Sonntag, 1. September 2013

Pasta-Protest

Wer einen gewissen Tachostand erreicht hat, kann auch auf eine Vielzahl modischer Irrungen und Wirrungen zurück blicken. Mit dem gewissen Abstand erkennt der Ehrliche dabei, dass er nicht jeden Trend freiwillig mitgemacht hat, sondern ihm gefolgt ist, weil er plötzlich "in" war.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es dann oft zur Entschuldigung, aber das stimmt nicht. Es wird tatsächlich über nichts so ultimativ gestritten wie über persönlichen Geschmack, der anderen aufgenötigt werden soll oder mit dem jemand sich profilieren will. Die Zweitbeste und ich haben aus unseren beruflichen Anfängen eine wirklich gute Freundin für die alles, was sie gerade ohne Widerwillen überlebt, immer das "Bäääääste" ist, das man unbedingt zu probieren hat. Sie macht dabei aber auch nichts anderes, als die meisten Medien, die einem ja auch jede Woche alternativlos aufzwingen, was angesagt ist.

Seither schalte ich auf Durchzug und denke mir meinen Teil. Aber dabei möchte ich nicht versäumen, noch einmal grundsätzlich zu betonen, dass alles was ich zu Themen schreibe, ausschließlich mein persönlicher Geschmack oder grundsätzlich meine Meinung ist. Ich tue das, weil ich heute für diejenigen, die übereinstimmen, die Anleitung geben möchte, endlich eine "heilige Kuh" zu schlachten: Die ultimative Pasta-Philosophie.

Was habe ich nicht alles für Nudel-Moden mit mir herum geschleppt: Angefangen bei den langen, blauen Spaghetti-Packungen, die ich als Kind bei unseren Italien-Reisen von den jeweiligen Alimentari heim zu schleppen hatte, obwohl die kaum kürzer waren als ich. In den Supermärkten gingen diese langen Dinger natürlich gar nicht mehr, also schrumpften die Pasta-Packungen während sich ihr Inhalt über Jahre farblich und förmlich in immer neuen Variationen darbot und nur noch die Art der Verpackung Wertigkeit suggerierte. Hauptsache sie vermittelte das italienische Gefühl. Dabei soll doch erst Marco Polo und dessen Nachreisende die Italiener auf die Nudel gebracht haben, so wie die Auswanderer und die Gastarbeiter im Laufe des letzten Jahrhunderts den Rest der Welt! Der Grund war immer ein ganz profaner: Nahrhafte Kohlenhydrate konnten über lange Zeit und lange Strecken mitgenommen werden, um auf die Schnelle mit eine paar Zutaten den Magen schmackhaft zu füllen. Das war immer die Basis vom Glück. Pasta ist einfach Pasta - basta!

Entscheidend ist letztendlich, wie und mit welchen Zutaten sie zubereitet werden. Meine in Neapels Hell's Kitchen Pozzuoli geborene Nachbarin Petronella regt sich immer wieder darüber auf, dass ich behaupte, über 1000 Sugo-Rezepte kreiert zu haben. Es kommen sogar noch ständig neue dazu. Wenn Pasta im Haus ist, geht beinahe alles mit allem, was sonst noch so im Küchenschrank ist. Das ist mein Pasta-Credo!

Jetzt höre ich bereits den Europa weiten Aufschrei, all jener, die sich so eine Pasta-Maschine angeschafft haben und dem Imperativ gefolgt sind, nur selbst gemachte Pasta sei das einzig Wahre. Ich möchte gar nicht lange zum Ausdruck bringen, wie oft und wie sehr ich mich nach Nudeln aus der Discounter-Kette gesehnt habe, wenn mir bei einem privaten Gourmet-Treffen verkochtes, klebriges, wässriges und im schlimmsten Falle mehlig schleimiges Gemenge serviert wurde, über das ich auch noch erwartetes Lobsingen anheben sollte.

Also ihr Leute: Wer Nudeln selber machen will, braucht dazu keine Maschine. Um zu den Töchtern Pozzuolis zurück zu kommen: Die berühmteste von ihnen - Sofia Villani Scicolone, besser bekannt als Sophia Loren - trat in einem ihrer frühesten Filme in einem Pasta-Wettbewerb auf und hatte nur mit einem runden Stöckchen, einem Messer und ihren schönen Händen bewaffnet innerhalb von ein paar Minuten den Sieg davon getragen. Manche brauchen sogar nur ihre Hände, wie der thailändische Nudelmeister, der auf dem Dach des Robson Emporiums in Bangkok ein Restaurant mit nur 20 Plätzen betrieb. Waren sie nach einer Sitzung neu belegt, nahm er einen vor den Augen aller zubereiteten Teigball und zog ihn so oft auseinander bis eine ausreichend große Portion Cappelini entstand, für die seine "1000-Schätze-Suppe" so berühmt war.

Eine der tollsten Casareccia-Köchinnen, deren Meisterschaft ich genießen durfte, Signora Zavoca aus Acci Trezza an der sizilianischen Faraglionen-Küste - legte sogar überhaupt keinen Wert auf die geometrische Form ihrer Pasta. Sie rollte sie aus und zerriss sie einfach mit Daumen und Zeigefinger. Aber sie warf sie nicht einfach in kochendes Wasser, sondern versenkte die stracciate mittels eines Siebes, das sie auf die Sekunden genau heraus hob.

Das Entscheidende an selbst gemachten Nudeln ist mehr als bei der Fertig-Pasta das Timing. Aber es sollte auch Ehrgeiz vorhanden sein, den Gästen eine individuell entwickelte Pasta aufzutischen. Dazu braucht es Mut zu Experimenten: An der Kirche San Giovanni in Oneglia gibt es Pasta Fresca, bei deren Herstellung jeder zuschauen kann. Und immer wieder gibt es etwas Neues, an dem sich ein Nudeler daheim messen kann. So lange man aber selbst dieses Niveau nicht erreicht, um es seinen Gästen selbst gemacht zu servieren, sollte man es lieber weiterhin kaufen.

Tagliatelle al vino bianco muss ich dort zum Beispiel immer noch kaufen. Dabei klingt das doch so einfach: Zwei Eier, etwas Salz in eine Mulde von 200 Gramm Weizenmehl, und unter Zugießen eines Glases Weißwein geschmeidig verkneten...

Donnerstag, 29. August 2013

Der Schmetterlingseffekt

Am Beispiel der Chaos-Theorie lässt sich einzigartig festmachen, wie falsche Kolportage zu einem hartnäckigen Missverständnis führen kann. Der falsch ausgelegte Schmetterlingseffekt wird auf die Überschrift zu einem meteorologischen Referat des Amerikaners Edward Lorenz zurück geführt, die die Frage stellte, ob der Flügelschlag einer Möwe in Brasilien, einen Tornado in Texas auslösen könne. In der Folge wurde aus der Möwe ein Schmetterling, weil Berichterstatter, Referenten und Wissenschaftsjournalisten es mit einem zum Thema gehörenden dreidimensionalen Gemenge-Modell in doppelter ellyptischer und animierter Computer-Darstellung einer Rechenformel von Lorenz gleichsetzten. Schaute man eindimensional auf das Ergebnis so sah das am optischen Schnittpunkt der sich eigentlich nicht berührenden Linien aus wie ein hauchzarter Schmetterling.
Seither ist die romantische Fehlinterpretation populärer als dieser Beitrag zur Chaos-Theorie: Bands, Filme und Essays sind nach ihr benannt, aber das eigentlich Bahnbrechende an dieser epochalen Berechnung wird mit Falsch-Zitaten zugemüllt.

Da ist mir der Schmetterlingseffekt, den die Zweitbeste hier auf der Burg erzielt hat, trotz erster Zweifel schon einleuchtender. Mitten im Regengrau des Frühlings schleppte sie einen eher unscheinbaren Blumentopf auf die Terrasse und stellte ihn dort mitten auf den Tisch.
"Was willst du denn mit dieser hässlichen Pflanze?", erhob ich Einspruch.
"Wirst schon sehen!", gab sie sich kryptisch.
Dass diese Pflanze dann wunderschön zu blühen begann, bekam ich eigentlich nicht mit, weil ich in der Hitze die Terrasse ja tagsüber wochenlang gemieden habe. Aber im Juli fiel mir dann auf, dass wir auf der Piazza noch nie so viele Schmetterlinge hatten, und als dann alle Mauersegler fort waren, begannen die verschiedensten Arten paarweise ganz ungeniert zu tanzen.
"Schau mal Spatzl! So viele Schmetterlinge hatten wir noch nie!"
Souverän konterte sie:"Das macht alles mein Schmetterlingsbusch. Ich hab's dir ja gesagt!"
Jetzt, da ich wieder ganze Tage auf der Terrasse herum fläze, werde ich von den lautlosen Schönheiten umschwirrt, die sich mit ihren Rüsseln an dem noch immer blühenden Busch gütlich tun. Sie haben längst keine Angst mehr vor mir. Deshalb kann ich mich ihnen auf Nasenlänge nähern.
Ein Distelfalter kommt besonders häufig und bleibt auch länger als die anderen. Bei näherer Betrachtung fällt mir auf, dass ihm der halbe rechte Flügel fehlt. Schon Anzeichen des nahenden Todes? Ein genetischer Defekt? Der erfolglose Angriff eines Fress-Feindes? Oder ist er vielleicht nur beim Entpuppen eine wenig fest geklebt? Ich weiß es nicht.
Aber ich bin begeistert, dass er im Flug nichts von seiner Behinderung erkennen lässt.
Ein Airbus kann ja angeblich auch noch mit einem Triebwerk den Atlantik überqueren, aber mit so einem Schaden am Flügel würde jedes von Menschen geschaffene Fluggerät abstürzen. Dieser Distelfalter braucht einfach nur die Frequenz zu erhöhen und tankt deshalb wohl mehr Nektar.

Man könnte also sagen, dass er quasi auch in einer weiteren Dimension der Fehl-Interpretation flattert: Dem "Schmetter-links-Effekt"...

Montag, 26. August 2013

Nach der großen Hitze

"Am letzten August-Sonntag gibt es starke Gewitter und dann beginnt der Herbst." Diese Prognose galt bislang häufig für München. Dass sie aber auch für unseren Borgo gelten sollte, habe ich unserem hiesigen Wetter-Guru vor zweieinhalb Monaten inmitten der "Schafskälte" nicht glauben wollen. Deshalb habe ich nicht gewagt, sie zu veröffentlichen.
Wie macht Don Silvio das, Wetter- und Frauen-Versteher zugleich zu sein? Zumal gestern die sensationelle Vier-Jahreszeiten-Dokumentation in der ZDF-Dokumentar-Serie "TerraX" darüber berichtete, dass Jahreszeiten sich aktuell derart verschieben, dass selbst Landwirte von ihrem zu frühen Beginn oder kompletten Ausbleiben überrascht werden.
Gut, der ehemalige professionelle Rosen-Züchter ist über 70 und hat in der langen Zeit sicher gelernt, genug Erfahrungen und Signale für seine Prognosen im Kopf zu verarbeiten. Es war ja auch klar, dass nach dem fast kompletten Ausbleiben des hiesigen Frühjahrs "il grande caldo" geradezu übergangslos um so länger dauern würde. Aber selbst das Radar der Großwetter-Lage und die ligurischen Vorhersagen gaben kein präzises Bild zu dem ab, was sich dann tatsächlich einstellte.

Die Gewitter kamen am Samstag, umkreisten uns - verwirbelt durch unsere Talkessel - derart, dass auch Blitze trocken direkt neben uns herunter krachten, aber die Burg mit den ansonsten kaum zu beherrschenden Regengüssen verschonten. Obwohl der Wind ganz schön pfiff, war keine eindeutige Richtung festzustellen. Umso erstaunlicher, dass heute morgen auf der hinteren Treppe (dem Schlechtwetter-Wind Grecale aus dem Osten zu gewandt) nur ein einziger Pflanzen-Topf umgekippt war. Ausgerechnet der schwerste von allen mit einer 150 cm hohen, eher schütteren Konifere drin. Das muss eine enorme Fallbö gewesen sein. Alle flachen Töpfe - auch auf der Piazza und der Terrasse - standen unverrückt.
Heute gegen fünf Uhr früh war der Himmel noch einmal mit schweren Wolken verhangen. Um neun war er dann aber bereits wieder blank gefegt.

Alles sieht jetzt aus, als habe ein Foto-Realist sein Gemälde aus Farbschichten geradezu heraus gemeißelt. Das ist bereits das typische ligurische Herbstlicht. Mein Morgen-Kaffee auf der Piazza war angenehm chillig und kühlte die hitzigen, schweren Träume der vermutlich letzten Sommernacht.
Klar, wird es auch nach diesem Wochenende noch mal so richtig heiß werden. Wir hatten ja auch im vergangenen Oktober Tage mit über 30 Grad, aber die Nächte machen dann eben das Atmen freier.

Der Herbst in Europa  dauere jetzt doppelt so lange wie der Winter, sagen die Meteorologen: Ein schönes Karma für all diejenigen, die bereits im Herbst des Lebens angelangt sind. Eines ist jedenfalls sicher, ohne 2012 den schönsten Herbst unseres Lebens hier verbracht zu haben, hätten die Zweitbeste und ich den grausigen vergangenen Winter samt dem triefnassen Frühjahr nicht so gut weg gesteckt.

Umstände halber, werden wird hier in der letzten September-Woche die Zugbrücke hochziehen, um Herbst und Winter in München zu verleben. Das macht mich jetzt schon traurig.  Es wird also nur noch ein paar Burg-Briefe geben, aber ich bemühe mich dann darin um so mehr Optimismus.