Freitag, 1. Juni 2012

Stur wie ein Esel

Castellinaria Kapitel 1


  Die Alten des Dorfes fanden sich nach und nach schweigend auf der steilen Mauer im Schatten der Kastanien, Platanen und Akazien ein. Da sie ausnahmslos Schwarz trugen, muteten sie an wie eine zögerlich eintrudelnde Versammlung von großen, flatterigen Rabenvögeln auf einer Überlandleitung. Es mögen sich im Laufe einer halben Stunde wohl an die tausend Lebensjahre dort entlang der krummen Stufen versammelt haben, die in die mittelalterlichen Ruinen hineinführten.
  Weiter oben, schon im Schlagschatten der engen Gasse, summten und schwirrten die Schmeißfliegen um zwei gewaltige Dungfladen, die sich beim fallen Lassen fast über die gesamte Breite des Aufstiegs  ausgedehnt hatten.
  Die riesigen ligurischen Ochsen, die sich vor ein paar Minuten derart erleichtert hatten, bevor sie - die urgewaltigen Hinterteile voran - in ihre Cantina-Höhlen bugsiert worden waren, sorgten für ein weiteres Hindernis. Mit ihren Titanen-Köpfen und sabbernden Mäulern, die von beiden Seiten so weit in die Passage hineinragten, dass sie fast aneinander stießen, schufen sie ein respektables Bollwerk. Sie waren offenkundig froh, der schon in den Morgenstunden herrschenden Sonnenglut entronnen zu sein. Auch die Alten in ihren schwarzen Stoffsakkos mieden jeden direkten Sonnenstrahl und genossen den bisweilen kühlenden Atemhauch der Tramontana. Der Fallwind aus dem Appenin nährte einmal mehr die Hoffnung, dass ein paar kräftige Gewitter die eingeschränkte Wasserversorgung hier oben beenden mochten. Normalerweise hätten  sich die Männer im Dunkel der kühlen Kellergewölbe schon mal das erste Gläschen Rotwein des Tages gegönnt, aber dieses angekündigte Schauspiel wollten sie sich einfach nicht entgehen lassen.
  „Beim nächsten Mal macht er schlapp“, prophezeite der ausgezehrte Mario Bartolo. Er reckte sein stoppeliges Kinn in die Brise und sah dabei so aus, wie Mussolini gerne seine Contadini in den frühen Propagandafilmen hatte in Szene setzen lassen.
  „Eine Packung Nationale dagegen!“ Claudio  mit gleichem Nachnamen aber doch nur ein entfernter Vetter von Mario hatte dem Wettobjekt ein ansehnliches Bündel 1000-Lire-Scheine zu verdanken. Und er hatte mit den Deutschen ja als Partisan zu tun gehabt: „Er wird es schaffen - der tedesco pazzo …“
  Sie warteten darauf, dass der lange Blonde und der mickrige Esel, den ihm der listige Fulvio geborgt hatte, endlich aufgeben oder gar unter den Lasten und  der Glut dieses Vormittags zusammenbrechen würden. Fast die Hälfte der betagten  Rabenreihe hatte dem „verrückten Deutschen“, wie ihn Claudio genannt hatte, in der letzten Woche ein Stück zerfallenes Gemäuer an der steilen Ostflanke des mittelalterlichen Wehrdorfes verkauft.
   Einst als Rückzugsrefugium gegen die Piraten auf einer Felsnase mitten in den schier unendlichen Olivenhainen der Campagna Imperese errichtet, war das Dorf nun im Jahre 1968 nahezu verlassen. Die Jungen waren wegen der vermeintlich leichteren Arbeit und des Dolce Vita, das ihnen das Fernsehen vorgegaukelt hatte, in die Industrie-Städte im Norden oder in die touristischen Ballungszentren der Riviera gezogen. Die Alten schufteten, gewissermaßen als letztes Aufgebot, so lange es eben noch ging, in diesem von Oliven- und Weinernten bestimmten Wartestand zum Jenseits.
  Und dann kam dieser Deutsche Spinner und zahlte für wertloses Gemäuer mal kurz eine Million Lire oder für ein verwildertes Stück Garten mit ein paar gegen die Trockenheit kämpfenden Zitronen- und Feigenbäumen unvorstellbare  600.000 Lire. Obwohl er offenbar so reich war, dass er sein Geld zum Fenster hinaus werfen konnte, begann er nun auch noch zur völlig falschen Jahreszeit damit, sich als Ruinen-Baumeister selbst abzukämpfen. Er würde knöcheltief durch die Ochsenfladen stapfen müssen. Der Esel würde bocken, wenn er zwischen den beiden Monstern hindurch müsste, und die gnadenlose Sonne würde dem hellhäutigen Blonden nach dem fürchterlichen Sonnenbrand einen gnädigen Hitzschlag versetzten, noch ehe nur eine der sinnlos erworbenen Mauern wieder stünde.

  Der Baustoff-Händler aus Borgomaro hatte alles unten an der Schotterstraße abgeladen, was Bernhard Kleiner für den ersten Bauabschnitt bei ihm geordert hatte: Zementsäcke, einen stattlichen Haufen schwarzen Schiefersandes, der wie das Teergranulat erst noch in Kiepen umgefüllt werden musste,  Dachrinnen, Leitungsrohre, Kabel und eine handbetriebene Miet-Mischmaschine. Näher als die zwei Serpentinen vom Hauptort herauf an den unteren Dorfeingang ging es nicht. Der Rest würde harte körperliche Schlepparbeit sein; zweihundert Meter über Stufen und steile Plattenwege hinauf zur eigentlichen Baustelle. Es war zu befürchten, dass die Hälfte des Materials über Nacht verschwunden sein würde, wenn Bernhard es nicht  binnen eines Tages auf sein gesichertes Terrain geschafft hätte.
  Bernhard hatte im Morgengrauen bereits Bekanntschaft mit seinem langohrigen Assistenten gemacht. Fulvio, der Dorfälteste, hatte ihm den Graukittel als sconto für große, grob behauene Sandstein-Quader überlassen, die der Deutsche ihm abgekauft hatte. Was für ein Trottel! Fulvio hatte sich die ganze Zeit über die herumliegenden Dinger geärgert. Jetzt schaffte der Deutsche sie fort und zahlte auch noch dafür. Kein Mensch würde heutzutage noch diese Brocken verarbeiten. Laura, seine Frau, müsste dann nach der Räumung des Trümmerfeldes nicht mehr zu ihrem Gemüsegärtchen an den oberen Ortsrand. Jetzt würde sie einen Garten direkt vor der Haustür bekommen. Ein Garten am Haus - das war für die Bewohner solcher Nester in den Bergen ein Zeichen von echtem Wohlstand.
  - Was der Esel, der Beppo hieß, ganz sicher nicht war. Kaum weniger hinfällig als sein Eigentümer balancierte Beppo einen stattlichen Hängebauch auf ziemlich zerbrechlich wirkenden Stelzen. Der Rücken hing so durch, dass Bernhard, der von Eseln ziemlich wenig verstand, sich fragte, wie der überhaupt den Berg hochkommen sollte. Geschweige denn nur einen Sack Zement dabei würde tragen können. Aber als er ihm eine vorsorglich eingesteckte Kohlrübe als Akt der Fraternisation hinhielt, glaubte er in den aufmerksamen Augen des Tieres so etwas wie sein "Alterasino" zu entdecken: Sturheit, Verschlagenheit aber auch ein Beharrungsvermögen, das keiner beiden  auf einen flüchtigen Blick hin anzusehen vermochte...

  Und dann hatten die beiden Sturköpfe mit ihrer vermeintlichen Sisyphos-Arbeit begonnen:  Der 31jährige Bernhard, der mit seinem lang gezogenen Adlerprofil und der hoch mögenden Kopfhaltung eher anmutete wie einer, der sich nicht gern die Hände schmutzig macht und der alterslose Beppo, der mit dem Auflegen des Tragegeschirrs auf einmal seinen Rücken mit dem "Jesuskreuz" auf der grauen Schulter durchstreckte und keinen Hängebauch mehr hatte. Selbst bei zwei Zementsäcken auf jeder Seite bog sich der Rücken des Esels nicht mehr durch, so dass Bernhard, der vor dem Tier nicht zurückstecken wollte,  seinerseits ordentlich schulterte.
  Der lange Deutsche hatte ebenfalls unsichtbare Kraftpotenziale an seinem hageren Körper, die manchem arglosen Widersacher oder vorlauten Mitarbeitern auf anderen Baustellen schon zum Verhängnis geworden waren. Das waren keine Muskelprotzereien, sondern routinierte, abgestimmte Bewegungsabläufe aller Gliedmaßen. Sie erweckten den Eindruck absoluter Mühelosigkeit. Als hätte der Schlacks leicht selbst das Quantum des Esels bewältigt. Sie schafften so an die 15 Säcke pro Stunde. Am Ende der zweiten Stunde fanden sich dann die "Rabenvögel" ein, denn die Kunde vom Unterfangen Bernhards hatte sich zwischen den wenigen noch bewohnten Häusern schnell herumgesprochen. Jetzt mit der Hitze musste der Mann doch wohl aufgeben...
  Aber Bernhard richtete sich ganz nach dem Rhythmus von Beppo. Sie machten nach jedem Aufstieg Pausen, die der Esel bockig einforderte. Tranken das herrlich kühle und mineralhaltig schmeckende Wasser aus der Fontana und teilten brüderlich ein Stück Foccacia bevor sie leichtfüßig wieder zur Schotterstraße hinunter trabten...
  Aber nun herrschte in der Gasse dieser penetrante Ammoniak-Gestank, und die Bremsen fielen über sie her. Von den Monster-Hörnern, die drohend den Weg versperrten, ganz zu schweigen. Bernhard spürte, wie sich die Augen der "Raben" in seinen Rücken bohrten, als er erstmals auf die neuen Hindernisse zustrebte. Er hatte seine bewährten deutschen Norm- Arbeitsstiefel mit den Schutzkappen an und patschte mitten in die Ochsenfladen hinein, dass es nur so gegen die Hauswände spritzte. Und als sich die Titanen-Köpfe nicht in ihre Höhlen zurückziehen wollten, trat er dem einen mit frisch gedüngter Sohle fest genug gegen die weichen Nüstern, so dass auch der andere diese Schmerzen ahnen konnte. Diese Behändigkeit trotz der Last auf seiner Schulter nötigte den Alten schon Respekt ab. Sie nickten einander beifällig zu. Doch noch immer war das sardonische Lächeln aus ihren von Sonne und Alter plissierten Gesichtern nicht ganz verschwunden, denn jedermann kannte Beppos Angst vor den ausladenden Ochsenhörnern.
  Und richtig, kaum war Bernhard, der sich den Zaum des Esels an den Werkzeuggürtel gehakt hatte, vorbei und ein paar Stufen weiter oben, schwangen die Riesenschädel der Ochsen wieder auf die Gasse hinaus. Die zwei Lastenträger waren in der Falle, weil der Esel sich nicht weiter bewegte.
  Wären die Ochsen Bauarbeiter von Bernhard gewesen, so hätten sie nun gewusst, dass damit die zweite Reizstufe des stoischen Deutschen erreicht war. Der drehte sich - immer noch ruhig - um die bepackte Achse, womit er die Longe zum Esel verkürzte und sich beim Abstieg nicht verhedderte.
Auf einer Stufe höher angekommen, trat er nochmals zu. Diesmal nach beiden Seiten, und jetzt tat es richtig weh, weil die gezielten Tritte auf die Nasenringe der Tiere trafen. Es erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebrüll, und die annähernd eine Tonne schweren Ochsen bäumten sich dermaßen in ihren Gewölben auf, dass man das Gefühl bekam, die darüber liegenden Häuser würden von einem Erdbeben erschüttert.
  Beppo, der schlaue Esel, nützte die schmerzliche Verwirrung, um an  Scylla und Charybdis vorbei zu klettern. Aber dann blieb er eine Stufe oberhalb - außerhalb der vermeintlichen Reichweite der Hörner - plötzlich bockig stehen, als wolle er das Herausschießen der wütenden Ochsenköpfe  noch einmal regelrecht provozieren.
  Und die dummen Ochsen fielen drauf herein. Als sie mit mächtigem Schädelschwänken nachtarocken wollten, zeigte sich Beppo Bernhard als Bruder im Geiste zumindest ebenbürtig: Trotz seines in Hangneigung beladenen Schwerpunktes keilte er mit seinen zierlichen Hufen über die Hinterhand paarweise zweimal elegant aus - wie ein Lipizaner in der Wiener Hofreitschule - und traf die Monster noch einmal hart an den schmerzenden Nüstern.
  Bei den nächsten Anstiegen verschwanden die Köpfe dann in den Höhlen, sobald sie die beiden zu Gesicht bekamen. Bis Mittag war bis auf die Mischmaschine alles Material zu Bernhards Baustelle hoch geschafft. Die beiden Recken gönnten sich im Schatten der eingestürzten Altbauten eine ausgiebige Siesta, in der der Esel vom Geschirr befreit an eine schattige Mauer gelehnt schlief und Bernhard mit einem Sandsteinquader als Kopfkissen in das Azur des Himmels starrte und verzweifelt darüber nachdachte, wie er die Mischmaschine herauf schaffen sollte.
  Dann war auch er eingeschlafen. Als er erwachte, stand die Mischmaschine an einem geeigneten Platz vor seinem bröckeligen Tor. Ganz kommentarlos hatten die Alten ihm mit Ochsenkraft ihren Respekt gezollt. Na, nicht so ganz, denn ein noch feuchter Ochsenfladen stank breit geplatscht von seiner Eingangsstufe und beherbergte schon massenhaft dicke, grün schillernde Fliegen.
 
  In diesem ersten Jahr als Ruinen- und Grundbesitzer in Italien konnte Bernhard weder Italienisch noch hatte er einen Führerschein, der ihm eine unabhängige Mobilität ermöglicht hätte. Zum Telefon,  das nur mit Gettoni aus der Bar Tabacchi  im Capo luogo funktionierte und auf Fernamtvermittlung angewiesen war, musste er fast tausend Stufen hinunter und wieder zurück. Für Behördengänge war er auf den zweimal am Tag verkehrenden Bus angewiesen oder er klemmte sich zu einem der Olivenbauern in die für ihn viel zu kleinen Führerstände der Ape; jene nach Zweitaktgemisch stinkenden, dreirädrigen Lieferkarren, die bergab aus jeder Kurve zu fliegen drohten und bergauf so langsam wurden, dass man am liebsten ausgestiegen wäre, um zu schieben.
  Was Bernhard mit Worten noch nicht erreichen konnte, schaffte er mit seiner Hände Arbeit. Die einfachen Menschen im Appenin machten ja ohnehin nicht viel Worte. Aber sie wussten handwerkliche Fähigkeiten über alle Maßen zu schätzen. Es war  dies ja eigentlich nur als ein erster Urlaub zum Grunderwerb und zur Regelung möglicher notarieller Angelegenheiten  gedacht gewesen. Sein Konzept sah vor, dass er künftig die saisonal bedingte Arbeitslosigkeit als Maurer in Deutschland hier in Italien nutzte, um das in die Tat umzusetzen, was ihm als Achtjähriger in Vorpommern während des gnadenlos kalten letzten Kriegswinters geweissagt worden war und was er sich daraufhin selbst geschworen hatte:
  Ich will ein Schloss im Himmel, und nie wieder frieren müssen!
  Bernhard war von einer zögerlichen, reservierten Gott-Gläubigkeit, die keiner Religion anhing und beherzigte eine unumstößliche, persönliche Moral, so dass ihn Freunde schon mal flapsig in Anspielung auf seine Tätigkeit den "Freimaurer" nannten. Jedenfalls hatte er es als Fingerzeig des Himmels empfunden, als er erstmals bei der Suche nach seiner südlichen Traumimmobilie auf das Wehrdorf Castellinaria gestoßen war.
  Zunächst hatte ihm etwas vorgeschwebt, was die Einheimischen einen Rustico nannten - ein verlassenes Gemäuer auf einem ordentlichen Stück Land in Meernähe, auf dessen Grundriss man neu bauen durfte. Aber dafür reichte das Geld nicht, das seine Frau Traute und er zur Seite gelegt hatten, seit sie nach zwei Fehlgeburten wussten, dass sie kinderlos bleiben würden. Das waren rund 6000 Mark - ein halber Jahresverdienst. Aber was kostet schon ein Traum? Der Immobilien-Makler hatte ihm im schlechten Deutsch beschieden, dass er sich für diese Summe schon selbst auf die Suche begeben müsste,  ihm andererseits aber nachsichtig lächelnd den Tipp gegeben, sich in den weitgehend verlassenen Wehrdörfern des Hinterlandes umzusehen.
  Weil er ja im Urlaub war, hatte er sich sofort auf die Wanderung begeben. Am ausgetrockneten Flussbett des Impero entlang war er im gleißenden Licht in Richtung Berge marschiert. Kurz hinter der Römerbrücke von Pontedassio blickte er zu den Dörfern hinauf, die wie Perlen an den Zacken einer Krone hintereinander abgestuft und aufgereiht lagen, als seien sie von irdischen Wesen uneinnehmbar. Leuchtende Kleinodien im changierenden Grün von Oliven- und Eichenhainen, die auf Terrassen in den Himmel zu klettern schienen. Bernhard atmete so tief ein, als wolle er diesen Augenblick nicht nur optisch festhalten. Der heiße Duft von wild wachsendem Rosmarin, von Salbei, Lavendel und Ginster drang in Nase und Lunge. Samt der vorauseilenden Erkenntnis, dass er es gefunden hatte.
Da oben, im höchsten Ort würde er es bauen und es würde kein Luftschloss sein, wie es der Ortsname verheißen mochte: Castellinaria.
  Etwas über eine Stunde später in voller Mittagshitze war er an der steilen Ostflanke des um diese Zeit wie komplett ausgestorben wirkenden Ortes angekommen und blickte durch die leeren Fensterhöhlen und die Breschen im alten Gemäuer auf die Weinberge des tiefer gelegenen Nachbarortes, der in den azurblauen Dunst des Luftlinie nur fünf Kilometer entfernten Mittelmeeres ragte.
  Hätte das Schicksal es anders mit ihm gemeint gehabt, Bernhard wäre nicht nur ein Meister seines Faches und später ein umsichtiger Bauleiter geworden. In diesem Moment wurde er nämlich von einer übermächtigen Vision gepackt, wie dies alles aussehen könnte, wenn es denn seines und er auch sein eigener Baumeister wäre.
  "Si vende", sagte da eine Stimme hinter ihm.
  "Si! - Quanto?", antwortete Bernhard ohne sich umzudrehen mit einem von gut einem Dutzend italienischer Vokabeln, die er daheim von seinen Gastarbeiter-Kumpeln aufgeschnappt hatte.
  Doch so einfach war es zunächst nicht, um dann doch wieder viel unkomplizierter zu sein als in Deutschland. Weil Bernhard kletternd umrissen hatte, was er haben wollte, hatte er es auf einmal nicht allein mit dem ersten Mann zu tun, der ihn angesprochen hatte, sondern mit dreien. Und weil er für seine Frau Traute noch ein Stück Garten wollte, kam noch eine Witwe hinzu - und Fulvio, dessen Sandsteinquader es ihm angetan hatten.
  Bernhard hatte die ruhige Schönheit dieser Steine mit seinem geschulten Blick sofort erkannt, obwohl sie wie Kraut und Rüben auf dem Nachbargrundstück verstreut lagen und zum Teil schon dicht von Brombeerranken überwuchert wurden. Auf seinen unfreiwilligen Wanderungen hatte er genug Gelegenheit gehabt, die meisterliche Schicht-Technik ligurischer Trockenmauern zu studieren. Sie stützten die Terrassen  der historischen Olivenhaine zum Teil seit vielen Jahrhunderten unverrückbar. Hier und da waren sogar noch die Treppen aus massiven Trittsteinen zu sehen, auf denen die Bauern  die bisweilen zehn Meter hohen Mauern erklommen; lange, schmale Quader, die hintereinander versetzt zur Hälfte in der Mauer verklemmt waren und auch von gelegentlichen Erdbeben nicht herausgeschüttelt wurden.
  Man musste einen Blick für die Formen und Dimensionen der Steine haben, um sich eine Vorstellung von den Möglichkeiten der Gestaltung machen zu können. In den ersten Momenten seiner Visionen hatte Bernhard diese erkannt und daran eine praktische Überlegung geknüpft: Irgend ein Steinmetz hatte sich vor Jahrhunderten die Mühe gemacht, diese Sandstein-Quader zu brechen und zu behauen und ein Maurer hatte sie sich so geordnet, dass daraus ohne Mörtel oder sonstiges Füllmaterial ein solides Mauerwerk geschichtet werden konnte. Es ging also lediglich darum, für die Grundmauern ein mittelalterliches Puzzle mit modernen Materialien zusammen zu fügen, und Bernhard wusste, dass die unverfälschte Struktur grandios aussehen würde. Dass die Puzzle-Teile nicht selten bis zu einem halben Zentner schwer sein würden, focht ihn nicht an. Wozu hatte er denn den guten alten Beppo?
  Fulvio staunte nicht schlecht, als sich Bernhard bei ihm bis zum Winter verabschiedete und ihm seinen Sarg großen "Zauberkasten", der per Bahnfracht nachgekommen war, zur Aufbewahrung anvertraute. Mit einer Mischung aus Hochachtung,  Staunen und ein wenig Missgunst betrachtete er die neuen Grundmauern, die der Deutsche in Rekordzeit aus seinen "wertlosen" Steinen zusammengefügt hatte. Mit großen Stahlwinkeln, Wasserwaagen und Richtschnüren aus der Kiste hatte er aus den Vorgaben längst verblichener ligurischer Steinmetze ein Mauerwerk unerhörter Ästhetik geschaffen. Selbst das fast noch zur Gänze erhaltene Castello aus dem elften Jahrhundert im Zentrum des Dorfes wies nur an der Hauptfront eine derart erhabene Struktur auf:
  Je fünf ähnliche und doch nicht gleiche, sehr glatte Quader stützen rechts und links vom Eingang einen fast zwei Meter breiten und fünfzig Zentimeter hohen, leicht gewölbten Portalstein. Die zwei Fensterstöcke zur Gasse links und rechts vom Eingang waren Miniaturen dieser Konstruktion. Wenn die Mittagssonne der Länge nach in die Gasse schien, begannen diese Einfassungen honiggelb aus dem ockerfarbenen Netz des übrigen, rauer behauenen Mauerwerkes zu leuchten. Niemand konnte sich dieser archaischen Schönheit verschließen, und in dem Maße, in dem Bernhard den alten Steinen zu neuem Glanz verholfen hatte, schien auch die Fontana am Platz vor dem Castello plötzlich das Wasser eines erquickenden Jungbrunnens zu spenden. Jedenfalls wehte entfacht vom Tun des Deutschen ein neuer Wind durch die fast schon ausgestorbenen Gassen. Das waren weder Scirocco noch Maestrale, kein Libeccio und auch kein Tramontana - dieser Wind hieß Hoffnung und Zukunft für ein verlassenes Dorf.  Der tedesco pazzo hatte sich verblüffend schnell den nachbarschaftlichen Respekt als vicino Bernardo verschafft. Später  -gut vierzig Jahre lang - würden sie ihn alle nur noch Don Bernardo nennen.







Luftschloss

Vorwort

Jetzt, da die Burg schon wieder von Langzeitbewohnern auf immer verlassen wurde, denke ich - dem fortschreitenden, eigenen Alter gewahr -, dass es an der Zeit ist, mal über die Vergangenheit und die Zukunft hier zu spekulieren. Das ist natürlich Autoren-Fiktion, denn vieles weiß ich ja nur aus Erzählungen verschiedenster Quellen, die sich aufgrund diverser Querelen auch untereinander gerne widersprechen. Vor allem bei der Frage: Wer hat's erfunden?

Nachbarschaftliche Verhältnisse sind in den seltensten Fällen objektiv, und persönliche Animositäten trüben vielleicht das Bild... Ich habe diese Klippe umschifft, indem ich einfach einen neuen Borgo mit dem Namen Castellinaria erfunden und auftretende Charaktere wild durcheinander gewirbelt und so verfälscht habe, dass selbst Eingeweihte sie nur mit großer Ungewissheit identifizieren könnten. Aber dennoch - Ähnlichkeiten mit Verstorbenen oder lebenden Personen sowie tatsächlich existierenden Dörfern wären  rein zufällig.

Damit es nicht langweilig wird, kommen die Kapitel in loser Folge und werden natürlich durch aktuelle Burgbriefe unterbrochen.

Meine Widmung gilt vor allem den Ruinen-Baumeistern Berthold und Ronald sowie insbesondere Traudl, Edith und Franz, die nach all den Jahren hier in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Montag, 28. Mai 2012

Flüchtige Nachbarn

Es ist doch komisch, dass wir uns oft nur um unsere unmittelbaren Nachbarn kümmern, wenn etwas passiert. Es ist jetzt zwei Jahre her, da ist einer von ihnen mit Volldampf an sein Eingangsportal gekracht und lag dann scheintot auf der Piazza. Der andere, dem im Dämmerlicht ein Jahr später ähnliches passierte, blieb bei Bewusstsein, war aber für einen Augenblick gelähmt. Beiden wollte ich natürlich erste Hilfe leisten, aber dazu musste ich natürlich erstmal mehr von ihnen wissen. Da gibt es ja zum Glück das Internet, und natürlich hatten sie viele, viele Einträge im Wikipedia:

Sie neigen zum Rasen und sind gerne mit Tempo 200 unterwegs.
Sie können selbst als Erwachsene nicht auf eigenen Füßen stehen.
Sie fallen gerne mal in künstliche Ohnmacht, um abzuwarten, was mit ihnen geschieht.
Wer ihnen hilft, bleibt in Erinnerung.

Also, den ersten habe ich die vier Treppen zu unserer Terrazza hochgeschleppt und ihm während seiner Akinese mit dem Daumen sanft über die Stirn gestreichelt, damit er meine guten Absichten erkennt. Er hat sich dann - als er wieder zu sich kam - an meinem Arm hochgezogen und an meine Schulter geklammert, bis er wieder völlig klar war. Dann hat er sich aber direkt über die Brüstung gestürzt.
Der zweite hat es gar nicht erst mit Akinese versucht, weil die Dunkelheit schon nahte. Er robbte auf dem Bauch von mir fort, bis er an der Treppe zur Piazza war. Dann stürzte auch er sich hinab.

Der schlaue Leser hat es natürlich schon längst erraten. Es handelt sich um unsere gefiedereten Nachbarn - die Mauersegler. Sie sind eine der erstaunlichsten Spezies in dieser an Erstaunlichkeiten so reichen Gattung. Bei den 40 Gramm schweren Flitzern, von denen bei einigen schon ein Lebensalter bis zu 20 Jahren nachgewiesen wurde, werden von Jahr zu Jahr neue außergewöhnliche Fähigkeiten festgestellt. Erst mit modernsten Forschungsmethoden kommt die Ornithologie dem Mauersegler auf die Schliche, weil er fast sein ganzes Leben in der Luft verbringt und nur zum Brüten und zur Brutpflege kurz bodenhaftig wird. Er ist ein Zugvogel, der den Winter in Afrika verbringt und sich ab spätem März in gewaltigen Schwärmen nach Europa aufmacht, wo er sich gegen Mai dann aufteilt und schwarmweise zu seinen angestammten Nistplätzen zurückkehrt...

Über der Burg ging es in den vergangenen Jahren bei ihren Nahrungsflügen zu, wie im Luftraum über Frankfurt. Allabendlich von Mai bis August waren die Flugmanöver und das Zischen ihrer Sturzflüge unsere Abendunterhaltung. Heuer aber  sind es bedeutend weniger. Ist es der Klimawandel, der manche immer häufiger zu Standvögeln macht? Oder die zunehmenden Unwetter, die sie möglicherweise in ihrem einzigartigen Flugschlaf überrraschen? Jedenfalls von den bis zu acht Brutpaaren rund um unsere Piazza sind in diesem Jahr nur drei zurückgekehrt. Darunter aber die Erretteten oder aber zumindest ihre Nachkommenschaft...

Dafür sind die Käuzchen zurück, und seit neuestem besiedeln auch Tauben und Nachtigallen wieder den Borgo. Im Gewölle von der Größe, wie es nur eine große Eule  oder gar ein Uhu auswürgen kann, glaubte die zweitbeste Ehefrau in einer Gasse auch die Federn eines Mauerseglers ausgemacht zu haben. Das könnte natürlich auch ein Grund sein. Aber wahrscheinlicher ist, dass bei Renovierungen immer mehr Mauerritzen durch Verputzen verschwinden. An unserer Piazza allerdings nicht. - Und trotzdem sind nur noch drei  der angestammten Brutplätze besetzt...

Dienstag, 22. Mai 2012

Pronto! Prontoooo???

Klimawandel? Es ist saukalt auf der Burg, und beinahe drei Tage prasselte der gleiche Dauerregen herab, der auch die Erdbeben-Opfer 300 Kilometer nordöstlich zu allem Übel  noch heimsuchte...
Was macht man bei so einem Wetter, in dem man sich hier oben nebelumwoben vorkommt wie auf einer Hütte im Hochgebirge? Man greift sich ein Buch? Dreht die Musik im völlig ausgestorbenen Borgo auf volle Lautstärke? Entspannt?

Pustekuchen! Kaum ist das Wetter schlecht, schlägt die Stunde der Callcenter und der Telefon-Marketing-Agenturen. Nicht, dass die einem etwas verkaufen wollen. Nein, das haben die schon kapiert, dass das nach EU-Verordnung mittlerweile (auch in Italien) verboten ist und empfindlich bestraft wird. Es wird unter dem Vorwand der Serviceverbesserung Bestand nicht etwa nur gepflegt, sondern bis auf den blanken Nerven-Fels abgegrast.

An solchen Tagen sind wir immer ganz deprimiert, weil wir uns nach zwölf Jahren eingestehen müssen, wie schlecht wir die Landessprache immer noch verstehen. Dabei wird auch der Untereschied offenbar, anzurufen oder angerufen zu werden. Wenn ich mit Freunden, Handwerkern oder Dienstleistern telefoniere, lege ich mir mögliche Verständigungsklippen vorher im Google-Übersetzer frei und schlage oft dessen rauhe Übersetzungsbretter von einer zur anderen. Das klappt großartig. Selbst wenn ich manchmal runterstürze, geht die Konversation weiter, weil die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am anderen Ende der Leitung ja wissen, dass ich weit vom fließenden Italienisch entfernt bin.

Den Profitelefonierern ist das egal. Sie müssen möglichst schnell ihre Listen abarbeiten, um provisionsschwangeren Vollzug zu dokumentieren. Klar, man kann sagen, man sei nicht interessiert, oder könne gerade nicht reden. Aber da unterschätzt der dumme Deutsche einfach die levantinische Hartnäckigkeit. Die sind wie Strandverkäufer. Ein Nein lassen sie nicht gelten, und meist haben sie für den Bestandskunden ja auch einen Köder, bei dem selbst der schlaueste Fisch beim dritten Mal zuschnappt und an der langen Leitung zappelt.

Am gestrigen Regentag waren also die konzertierten Energie-Versorger dran: Wieso wir denn immer noch den Uralt-Tarif hätten, wo es doch jetzt die vorteilhaften Tag-Nacht-Staffelungen gäbe? ENEL (Elektrizität) und ENI (Gas) heißen nicht nur am Telefon zum Verwechseln ähnlich, sondern arbeiten auch mit den gleichen Fang-Methoden. Wer in den Wintermonaten zum Heizen in seinen über 90 Zentimeter dicken Mauern für mehr als 500 Euro pro Monat Gas verbraucht, wir natürlich hellhörig. Und wenn die Kilowattleistung so beschränkt ist, dass sich der Strom  beim gleichzeitigen Betätigen von Computer, Waschmaschine und Espresso-Automaten beim Licht-Einschalten einfach abschaltet, der wünscht sich in so einem Moment der absoluten Dunkelheit auch eine sicherere Versorgung. Dazu kommt, dass die schlaueren Burgbewohner den Versorgern zunehmend durch Verwendung von Fotovoltaik, Sonnenkollektoren und Pellet-Öfen das Monopol abgraben. Sie müssen sich nach Jahren des automatischen Abkassierens einfach etwas einfallen lassen...

Aber Zeit ist eben Geld. Deshalb prasseln die Offerten mit gefühlten zweihundert Silben pro Sekunde gegen das Trommelfell und lösen zunächst den totalen Brain-Blackout aus. Solche Pausen mögen die gar nicht.
"Pronto! Prontoooo???"
Dann rappelt man sich mühsam das italienische Kleinhirn zusammen und erklärt, dass eben nicht so schnell gesprochen  werden darf. Das klappt aber dann bei den erneuten Versuchen jeweils nur etwa zehn Sekunden. Dann ist die alte Sprachgeschwindigkeit wieder erreicht. Aber da hat auch der dumme Deutsche längst begriffen, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung den vorgefertigten Text abliest, und zwar zum vermutlich tausendsten Mal. Wenn ich eingehängt hatte, vergingen vielleicht ein paar Minuten, dann war wieder der Gnadenlose dran. Der Versuch, das Ganze auf eine persönlichere Ebene zu bewegen, führte zumindset zu einem Teilerfolg. Er war der Domenico und nannte mich jetzt mit kameradschaftlichem Du Claus. Dem Ziel brachte uns das aber nicht näher.

In so einem Moment hilft nur noch unsere süße Allzweckwaffe Petronella. Sie macht solche Verhandlungen nicht ungern, denn als sie noch nicht verlobt war, hatte sie bei einem unserer Streits mit der Telecom Italia einen kalabresischen Sachbearbeiter am Ohr, der sehr charmant war und nach dem geschäftlichen Scharmützel unbedingt ihre private Telefonnummer wollte. Diesmal stellte sich heraus, dass Domenico aus Neapel stammte (vielleicht habe ich ihn deshalb nicht so gut verstanden?...), und da Petronella das Licht der Welt am Hafen von Pozzuoli erblickte, gab es auf der kostenfreien  numero verde erst einmal familiär dialektisches Genuschel ehe die beiden zur Sache kamen:

Es ging letztlich darum, dass aus Gründen des Datenschutzes zum postalischen Übersenden der neuen Tarifverträge die Bestandsdaten überprüft und bestätigt werden mussten. Das geschehe, indem wie beim Notar die einzelnen Paragraphen vorgelesen und vom Kunden bestätigt werden müssten. Wer in Deutschland schon mal einem Notar beim Vorlesen eines Vertrages gelauscht hat, weiß, dass es bei dem rekordverdächtigen Gebrabbel keine Chance auf Verständnis gibt. Also ließ ich den Elektro-Sermon über mich ergehen und antwortete auf die Frage:"Confirma?" - (In der Hoffnung nicht tausend napolitanischen Schwestern und Cousinen von Domenico die Ehe zu versprechen) brav mit: "Confirmo".

Uff, geschafft!

Denkste! Kaum war Petronella ihrem Filius das Mittagessen kochen gegangen, kam ein erneuter Anruf. Diesmal eine weibliche Stimme: Sara. Domenico habe die Kundennummer verdreht und bei der Abhörung des codice fiscale kein confirmo erhalten... Also die gesamte fünfminütige Prozedur noch einmal.

In der Nacht sprach die zweitbeste Ehefrau von allen wiedermal im Schlaf und fragte mich, ob ich ihr nicht doch mal untreu gewesen war. Da ich selbst nicht ganz wach war und sie auch genuschelt hatte, sagte ich nur:"Confirmo".

Ach, das war aber ein fader Schluss-Gag. Ich habe einen besseren:
Die Italiener kennen tausende von Witzen, in denen sie sich über die deutsche Bürokratie lustig machen...


Donnerstag, 17. Mai 2012

Ach Europa!

Auf der Burg einfach so zu tun, als gäbe es den Rest der Welt nicht, ist doch recht verlockend; gerade in der Mai-Ruhe bevor die Pfingstferien das alte Gemäuer wieder beleben. Aber Satelliten-Schüsseln auf den Dächern und XXXL-Glasfaser-Internet-Kabel verbinden uns eben doch mit der Unrast in krisenerschütterten Tagen. Da fällt es schwer, vom blühenden Ginster auf dem nach ihm benannten Pass zu schreiben oder von den Laub-und Blüten-Tunneln zu schwärmen, die sich über den kurvenreichen Sträßchen hier schließen.

Heute wäre ja Gelegenheit für einen Brückentag. Das war immer ein Anlass für Kinder und Enkel ihre Großeltern und Urgroßeltern hier oben zu besuchen. Vermutlich ist es derBenzinpreis, der aktuell an der 1,90-Euro-Marke kratzt, der sie abhält. Aber die hundertjährigen Zwillinge sind zum Beispiel ins Altersheim gegangen, und Francesco, der 75jährige, der sich noch im vergangenen Jahr nicht davon abhalten ließ, mir beim Schleppen zu helfen, geht nicht eimal mehr mit seinem Hündchen aus. Andere haben den Winter nicht überlebt. Frühjahrstypisch hören wir die Sterbe-Glocke von San Giovanni häfiger als sonst. Oder sind wir nur sensibler geworden? Zudem bläst bei klarster Sicht ein kalter Maestrale...

In Thomas Manns Zauberberg überfällt ja Mynheer van Peeperkorn mitten im kurhäuslichenWohlergehen diese schreckliche Vision vom bevorstehenden Welt-Unheil.

Ich möchte mir nicht später den Vorwurf machen, etwas übersehen oder verdrängt zu haben, deshalb werde ich in diesem Blog ausnahmsweise noch einmal politisch - obwohl ich das sonst auf das "Glashaus" beschränke:

In der Griechischen Mythologie passiert aus heutiger Sicht kurioser Weise folgendes: Zeus verwandelt sich in einen Stier oder Bullen, um die begehrte Europa zwecks anschließenden Vernaschens zu entführen. In den bildlichen Darstellungen reitet die Holde stets verzückt auf dem ausufernden Monster. Der eigentliche Akt bleibt sodomistischen Phantasien überlassen...

In unserer entmystfizierten Jetztzeit schaut das Wahlvolk hilflos dabei zu, wie diese schöne Idee Europa seit Jahren weiter ungehindert von dem Börsen-Bullen vergewaltigt wird, und ausgerechnet den Griechen wird der tragische Part als Totengräber angediehen. Das kann doch kein Zufall sein.

Das Tragische am Menschen ist, dass er nicht lange genug lebt, um ein geschichtliches Langzeit-Gedächtnis zu entwickeln. Dabei kann man heute ins Internet schauen, um innerhalb einer halben Stunde festzustellen, dass von der Eurokrise betroffene Staaten (von Nationen möchte ich gar nicht reden, denn die haben sich ja mitunter gar nicht zusammengefunden) vor gar nicht langer Zeit durch Blutbäder gegangen sind, um Tyranneien  abzuschütteln. Was passiert denn in Griechenland, wenn man es der eitlen Selbstgefälligkeit ihrer Sozialisten  durch Ausschluss aus der europäischen Gemeinschaft überlässt? So eine griechische Unregierbarkeit hat schon einmal jahrelang für eine mehr als kafkaeske Militär-Diktatur gesorgt. Und heute hat Griechenland dank der Waffenlieferungen, mit der es sich unter anderem auch verschuldet hat, eine der modernsten Streitmächte. - Gleich neben der ebenfalls hochgerüsteten Türkei, die wirtschaftsstark in die Union drängt...

Das italienische Nordsüd-Gefälle hat auch schon mal für radikale Potenziale gesorgt. Und erinnert sich vielleicht noch einer, wie lange Spanien gebraucht hat, um sich von Franco und den Bürgerkriegsfolgen zu erholen?

Das kann doch alles heute nicht mehr passieren, werden die meisten sagen. Doch, es kann von einem Tag auf den anderen passieren, wenn die "Idee Europa" nicht mit allen Mitteln geschützt wird.

Sonntag, 13. Mai 2012

Im Hier und Jetzt

Nun ist auch der letzte der Ruinen-Baumeister von uns gegangen. Vor ein paar Tagen war er trotz seiner schweren Erkrankungen noch hier, um persönlich den Zugang zu einer Baustelle über seinen herrlichen Garten zu regeln. Jeder, der ihn gesehen hatte, berichtete von seiner Hinfälligkeit und knüpfte daran Ahnungen von einer letzten Begegnung. Jetzt kam die Nachricht vom Tod  des 80jährigen in seiner deutschen Heimat.

Heimat? Dieser Begriff war gerade bei ihm ja kaum noch zuzuordnen. Mehr als drei Jahrzehnte hat er den Borgo hier mit oft mirakulöser Kraft dem Verfall entrissen. Und mehr als die anderen Ruinen-Baumeistert hat er sich mit seinem Schaffen in das Leben der ganzen Gemeinde eingebracht. Er schaffte sich regelrecht rein, was Landsleuten, die vielleicht anders beseelt waren, auch schon mal auf die Nerven ging. Schließlich wollten sie ja dem manifestierten Deutschen Wesen hier auf der Burg entgehen und auch nicht unaufgefordert Ratschläge annehmen...

Aber auf eines war Verlass:Er war eben da, wenn er gebraucht wurde. Bei Signora Electra war das Ofenrohr verstopft, bei Magda die Dachrinne leck, die kleine Kapelle am Ortsrand drohte einzustürzen, es musste eine Gemeindefahrt organisiert oder nach einem Sturm Dachziegel in schwindelnder Höhe ersetzt werden  Bei Prozessionen ging er vorne mit, und er war dabei, wenn die Reise zur spanischen Partnergemeinde ging.

Noch vor ein paar Jahren hatte er seine bärenstarken Enkel zur Ferienarbeit eingespannt, um an seinen Garten grenzende Gebäude herzurichten. Die Art wie diese jungen Männer beim Dorffest von ihrem Opa sprachen, hat mich schwer beeindruckt und auch ein wenig neidisch gemacht. Es wuchs die Erkenntnis, dass Größe nicht unbedingt mit Berühmtheit zu tun haben muss. Im Hier und Jetzt seine Kraft für Passionen einzusetzten, anstatt dem Tode entgegen zu gammeln, kann viel mehr Ruhm bedeuten. Selbst wenn man am Ende von "seinem Sach" nichts mitnehmen kann.

Dann hat ihn die Kraft langsam verlassen, aber die Passion wirkte weiter. Auf meinen Wanderungen durch die Campagna kam ich oft an seinem Weinberg und seinen Obstgärten vorbei, die ein gutes Stück vom Ort entfernt lagen. Was Pflege, Beschnitt und Ertrag anging, waren das landwirtschaftliche Muster-Anlagen, und als er sich von ihnen trennen musste, weil die Hände nicht mehr mitmachten, war das wohl der Anfang vom Ende.

Die oft verschlossenen Ligurer haben ihn - trotz seiner mannigfältigen Bemühungen vielleicht nicht in ihre Herzen gelassen, aber er war für sie auf jeden Fall ein uomo di rispetto. Was dadurch zum Ausdruck kam, dass sie vor die italienische Version seines deutschen Vornamens, wenn sie von ihm sprachen, das Don setzten:
Don Rolando.

Morgen hält unser junger, tamilischer Pfarrer zu seinem Gedenken in der großen Kirche eine Art Requiem für ihn ab. Ich werde wohl nicht hingehen, sondern mir stattdessen lieber vorstellen, wie er im Himmel angekommen, seinen Platz im dortigen Baubüro - wie einst auf Erden - gegenüber von  Don Bertoldo einnimmt. Der war ihm ja im vergangenen Jahr vorangegangen. Und dann werden sie wohl Petrus ersteinmal so richtig bescheid stoßen, was er dort oben wolkenbautechnisch so alles verbockt hat

Freitag, 11. Mai 2012

Mario Monti oder Maremonti

Da sind wir wieder! Einen Monat später als angekündigt. Auch Blogger werden mal blockiert: vom Tagesgeschehen und den Signalen der Zeit, die der Körper in unserem Alter vermehrt aussendet.

Abbiamo crisi. sagen unsere hundertjährigen Nachbarn. Alles wartet auf die nächsten Horrornachrichten. Ist es da nicht ein köstlicher Zufall, dass Italiens gewählter, oberster Sparmeister fast genauso heißt wie unsere ligurische Lebensformel:
Mario Monti versaut den Ex-Berlusconi-Wählern hier auf der Burg das Dolce vita alla maremonti, indem er tatsächlich von ihnen verlangt, endlich mal ordentlich Steuren zu zahlen... Und in den so zahlreich gewordenen Yachthäfen unten an der Riviera dei Fiori geht die schiere Angst um, dass die Guardia di Finanza auf die dort verankerten Millionen(Milliarden)-Werte die Bolla klebt. Mit den Ferraris und Lamborghinis hat sie ja schon angefangen.

Der Lebensgefährte und seit neuestem auch  fidanzato unserer allerersten einheimichen Freundin, ohne die hier gar nichts gegangen wäre - der zukünftige Mann von Petronella also - ist Steuerberater, und als ich ihm eine Titelzeile aus der Süddeutschen Zeitung vorlas, die mutmaßte, dass Italien das reichste Land der EU sein könnte, wenn nicht alljährlich bis zu 6 Billionen Steuern hinterzogen würden, da lachte er nur schallend über diese Untertreibung. Im Land, in dem die Zitronen blühen, hat die Staatsmacht nämlich auch künftig "mit Zitronen gehandelt", so lange sie noch an dem System festhält, die Steuerschuld des Individuums  als Bringschuld zu betrachten...

Setzt der ausländische Laie beispielsweise die absurd hohen  Immobilien-Preise hier ins Verhältnis zu den mageren Einkommen, die gerade in Ligurien gezahlt werden, kann doch die Rechnung irgendwie  nicht aufgehen. - Es sei denn, Italiens von den Banken subventionierte und bislang noch nicht geplatzte Immobilien-Blase ist noch gewaltiger als die von Spanien oder Griechenland. Es wird in "Beton-Geld" investiert, als gäbe es tatsächlich für den Euro kein Morgen.

In diesem Zusammenhang holen sich hier auf der Burg die Italiener zunächst einmal Schmuckstück um Schmuckstück zum Schnäppchenpreis das zurück, was ihnen die reichen Deutschen vor drei, vier Jahrzehnten für einen Grappa und ein paar Milliönchen Lire abgeluchst hatten. Die drohende Altersarmut nördlich der Alpen zwingt viele in die Jahre gekommenen einstigen Burgretter aus Deutschland zur Kapitalisierung ihrer südlichen Lebensträume.

Es ist teuer geworden hier in den Tälern der Olive. Aber dennoch oder gerade deshalb wird in diesen italienischen Momenten ein volkscharakterlicher Unterschied deutlich. Es herrscht der ewige italienische Optimismus. Schon immer haben unsere europäischen Lieblingsnachbarn ja den Tanz am offenen Grab in Vollendung betrieben, und deshalb wird mir und den Verbliebenen von nördlich der Alpen auch nicht bange.

Gustavo, der Freund unserer einstigen Jogging-Anzug-Sammlerin, kam gestern mit zehn Litern seines eigenen Öls vorbei - unverschnitten und köstlich wie keines der angesagten Luxuserzeugnisse. Die beiden sind nicht nur wieder zusammen, sondern schmieden - trotz ihres ja nun auch  fortgeschrittenen Alters - spannende Pläne. Im Juni eröffnen sie unten im Capo Luogo  gegenüber dem Palazzo Communale  ein Tages-Cafe mit kleiner Speisekarte. Genau das, was die weniger werdenden deutschen Burgbewohner immer so vermisst haben.