Mittwoch, 31. Juli 2019

Drei Paare am Strand

Es ist lustig, wenn die Gewohnheit mal eine mediterrane Einfärbung erfährt. Normalerweise treffen wir drei Paare uns im nasskalten Herbst visavis von der Oper in München. Wir haben gemeinsam einige Jahrzehnte Nachbarschaft auf der Burg in unseren langen Lebensläufen. Diesmal haben wir uns aber hier im stylischen Altamarea am Hauptstrand von Porto Maurizio getroffen

Eva und Fritz regierten quasi von den Zinnen der Burg, bis sie an das Professoren-Ehepaar verkauften, das ihnen ja alle Ehren macht. Hoch auf die Piazza kommen, wollten sie dennoch nicht mehr. Weil ihr - aus heutiger Sicht - unnötiger Abschied immer noch schmerzt. Heute, er über 80, sie in den fortgeschrittenen 70ern bereuen sie, dass sie ihrem Alter zuwenig Zutrauen geschenkt haben.

Luftig lustig im Meer von Schirmen und Liegestühlen.
Aber man sieht es noch: Mare Nostrum.
Thalatta! Thallatta!
Auf die ligurischen Momente müssen sie dennoch nicht verzichten, weil ihre Tochter mit Ehemann im zur Gemeinde zählenden Nachbar-Ort eine Ferien-Bleibe mit Gärtchen gekauft hat. Zu ihrem 60. Hochzeitstag sind sie diesmal allerdings schon per Bus angereist. Dreizehn Stunden mit Umsteigen in Mailand und großzügiger Pause. Hier in den Bergen können sie sich auf das Netzwerk ihrer Freunde verlassen, das sie allenthalben fährt, weil der öffentlich Bus mittlerweile den gesamten Talkessel umrundet und dafür zweieinhalb Stunden nach Imperia hinunter braucht. Als wir sie wieder ganz nach Hause fahren wollten, bestanden sie darauf, vom Hauptort zu Fuß weiter laufen zu wollen. Gur zwanzig Minuten teilweise bergauf in der Hitze des Nachmittags. Ein Verdauungs-Spaziergang?

Paul und Paula verbringen hingegen noch jedes Jahr drei Monate in ihrem tollen Haus im Borgo. Zu Ostern, jetzt im Juli und dann noch im September/Oktober. Paula ist zu klein und zierlich, um sie als Betriebsnudel bezeichnen zu können. Jedenfalls ist sie ein Energie-Bündel, das Rasten und Rosten nicht zulässt.  Wenn sie nicht am Strand sind, wo sie ein Abo mit Kabine, Liegestühlen und Schirm haben, stöbert das Paar auf Antikmärkten, Shoppen in Sanremo oder spielen - so es die Temperaturen noch zulassen - Golf. Paul ist gerade 80 geworden, Paula ist so alt wie Eva. Zwar Urgroßeltern sind sie - was Styling und Outfits angeht - immer noch die perfekten Strand-Menschen. Paul würde gut zu den heutigen "Beach Boys" passen.

Da kommen wir uns mit unserem Jahrzehnt weniger auf den Buckeln schon als echte Langweiler vor.
Aber! Ich habe meine Portion vom Meer und von der Welt gehabt, und die waren meist ruhig und eher menschenleer. - Wenn ich an die Allein-Fahrten mit meinem Fischerboot und die beruflichen "Entdeckungsreisen" auf allen Kontinenten denke. Und mein "Schnauferl" (es ist wieder über 30 Grad) war für Abenteuer ohnehin nicht geschaffen. Sie ruht mehr in sich, und hat - sei es gedankt - als ehemalige Buchhändlerin das Lesen wiederentdeckt.

Aber wir hören gut zu, wenn die beiden anderen Paare über Lebensplanung reden und wie sie die oder jene Situation gemeistert haben. Denn wer weiß, was noch alles auf uns zukommt. Und wir wollen dann natürlich so toll sein wie unsere Freunde.

Schon jetzt freuen wir uns auf ein Wiedersehen im Spätherbst. Die Zeit rennt ja so schnell voran.

Montag, 29. Juli 2019

Akademie der MückInnen

"Isn't It Ironic?" Der Song von Alanis Morissette aus dem Jahr 1995 scheint zur Hymne meiner letzten Jahre als Texter geworden zu sein. Was daran liegt, dass ich oft selbst nicht genau weiß, wie ich mein Geschreibsel meine. Zwar habe ich nie eine Fliege in meinem Chardonnay, geschweige denn im Lotto gewonnen, um an nächsten Tag zu sterben. Aber irgendwie folgt in jüngster Zeit auf Streichel-Einheiten gleich immer eines "in die Fresse", wie Frau Nahles zu sagen pflegte.

Leserinnen und Leser sind verunsichert, ob ich meine Briefe ernst meine oder nicht. Der Schalk im Nacken scheint jedoch mein letzter noch verlässlicher Begleiter zu sein. Deshalb habe ich etwas entwickelt, was man im computerisierten Neu-Deutsch einen "Icon" nennt. So wie mein Hummer kulinarische Themen signalisiert, wird in Zukunft dieser kleine Kerl anzeigen, dass in einem Text von mir wohl nicht alles ernst gemeint ist.

Zum Auftakt steht er für Nachblähungen der Hitze-Welle, die jetzt am Wochenende vermutlich kurz abgeklungen ist. Zuvor aber musste die Piazza mit ihren vielen Pflanzen noch einmal kräftig mit Wasser aus der Fontana versorgt werden. Was ein willkommener Anlass für Mücken-Geschwader war, wieder verstärkt über die Anrainer herzufallen.

Ich werde ja im Vergleich zum "Schnauferl" - wie ich meine Frau bei Temperaturen von über 35 Grad neuerdings gerne nenne - nicht so oft gebissen. Aber wenn ich einmal  an vertrackten Stellen gebissen werde, veranlasst mich das zu der Überlegung, woher die Zanzare ihre detaillierten Kenntnisse von der Anatomie des Menschen nehmen...

Bei den kurzen Lebens-Zyklen kann das ja alleine ein genetische Programmierung nicht sein. Wie wird das an die Folge-Generationen weiter gegeben? Bei einem Opfer wie meiner Frau ist das klar. Sie in ist eine rundum leckere Combat-Zone: kurzärmelig an den Rändern, leicht berockte Knie-Kehlen und einen viel versprechenden Ausschnitt. Da würde ich ja selbst gern zum bluthungrigen Muck.

Aber genau da liegt ja das Problem. Beißen dürfen ja nur die Weibchen, die ihre vegane Kost in Form von Nektar und Pollen ausschließlich für ihre Nachkommenschaft blutrünstig unterbrechen. Das Blut des Wirtes, genauer Hämoglobin und Proteine, sind für die Ausbildung ihrer Eier unabdingbar. Schon allein deshalb  sollten wir uns alle sehr bedeckt halten...

Der Direx meines Gymnasiums, der einen Doktor in Biologie hatte, konnte sich wohl mit seiner gegenteiligen Auffassung zum Begriff "Stechmücke" nicht durchsetzen. Genauso hartnäckig ist das ja mit Stacheln und Dornen. Keiner will das Märchen in Stachelröschen umschreiben, was botanisch korrekt wäre...

Deshalb hier ein wenig weitere Klugscheißerei: Stechen tun Bienen, weil die wie alle stechenden Tiere einen Stachel haben. Mücken jedoch beißen, weil sie im Saugrüssel zwei unwahrscheinlich schnell raspelnde Kiefer-Stangen haben (daher das singende Geräusch der Vorfreude), mit denen sie sogar menschliche Kleidung durchdringen. Der Vorgang des Blut-Abzapfens ist also ein Beiß-Saug-Vorgang mit Injektion von Anti-Gerinnungsmittel und - mitnichten ein Stechen!

Aber das erklärt ja nicht, die Präzision des Beißens an einem Un-Wirt wie mir, bei dem die zukünftigen Stecherinnen für ihre Eier ja einen Haufen medizinisch-chemischer Substanzen in kauf nehmen. Zapfen sie bei mir nun verbrauchtes Venen-Blut ab oder nehmen sie an den eigens übermittelten Plätzen frisch Gereinigtes aus den Adern?

Unten links hinter dem weißen Streifen
der "Audimücks". Ohne Lupe
leider nur schwer zu erkennen:
die StudentInen-LarvInnen
Die Lösung fand ich in den Feucht-Stellen der Fontana, wo ja alljährlich die Sommer-Akademie der MückInnen abgehalten wird. Dank eines großen Fadenzählers aus meiner grafischen Vergangenheit erhielt ich Einblick zu einer Freiluft-Vorlesung für gerade geschlüpfte Larven. Und was glaubt ihr war da an der Tafel zu sehen? Mein schemenhaftes Abbild mit roten Markierungen an den Ellenbogen, den Handrücken und unter dem immer weiter zurück weichenden Haar-Ansatz...

Ich klatsche euch alle ab!

Donnerstag, 25. Juli 2019

Castello ist nicht Jericho

Normalerweise benütze ich meinen Blog ja nicht, um Burggeister madig zu machen, und Klar-Namen benutze ich ja sowieso nicht.

Aber seit die nun Standard gewordene Hitzewelle für schweren, kaum erholsamen Schlaf sorgt, sind auch in Ruhephasen die Nerven gelegentlich angespannt. Genau in diesen Momenten tritt mit Vorliebe die Sanna von der oberen Piazza hier uunten auf. Das heißt, sie tritt eigentlich gar nicht auf, sondern erschreckt einen mit ihrem Posaunen-Organ - egal in welcher Distanz - als stünde sie unmittelbar an der Ruhestatt.

Sie klingelt nicht, sie klopft nicht, sie geht auch nicht in die Häuser, um den gewünschten Kontakt aufzunehmen, sondern plärrt aus einem geschützten Schattenplätzchen heraus die Hausmauern an, hinter denen sie die gewünschten Gesprächspartner vermutet. Gut, dass wir nicht Jericho sind und Sanna alleine agiert, sonst hätten wir einen ganz anderen Verfall.

Aus einem besonderen Grund, den wir bisher nicht herausfinden können, hat sie Fabio - den Müllmann, Fredo - den fürsorglichen Neffen der Seelensammlerin, aber ganz besonders unsere Gesangs-Professoressa als Ziel ihrer ratternden Wort-Salven in Düsenjäger-Lautstärke erwählt.
Was auf der Piazza kein Entkommen bedeutet, da sich die selber ja Stimmgewaltige von Sannas Appellhof-Stakkato vom vierten Stock der Burg-Zinnen nur widerstrebend herunter zwingen lässt.

Ich habe längst aufgehört, mir aus diesem ratternden Gemisch aus ligurischem Dialekt und italienischen Vokabeln einen Reim zu machen. Ich warte nur immer furchtsam auf das heischende "Aäääh???" vor jedem Luftholen zum nächsten Satz, das wie ein Stich im Trommelfell wirkt.

Da mokiert sich der Richtige, werden Leser denken, die mich persönlich kennen. In der Tat habe ich ja auch ein tragendes Organ, das man leicht im gesamten Borgo hören kann. Aber ich liege ja immerhin zwischen sieben und neun Uhr morgens verlässlich und auch wehrlos in meinem Bett.

Und weil ich als Bock nicht den Gärtner geben will, verzichte ich auf all den Klatsch und Tratsch, der sich um die kleine, altblonde Sanna mit dem Mops-Gesicht rankt. Stimmt nur die Hälfte, entwickelt einer wie ich natürlich sofort Verständnis, und das will ich in solch nervtötenden Momenten auf keinen Fall entwickeln...

Mittwoch, 24. Juli 2019

Lo Borgo - ein sozialer Gleichmacher

Hier auf der Burg tauschen sich mitunter Leute ausführlich aus, die vermutlich in der Großstadt keine zwei Worte mit einander wechseln würden.

Aus meiner Jugend und als Heranwachsender im Dorf, das bereits vom Großvater als Rückzugsort der Familie auserkoren war, erlebte ich solches nur noch teilweise. Einerseits, weil das Dorf auf meinem Weg zum Erwachsenen zur größten Marktgemeinde der Bundesrepublik heran wuchs, und andererseits, weil es dann doch eine Art zugezogene Oberschicht gab, die nur auf dem Tennisplatz oder der Skipiste durchbrochen wurde. In der Sauna beim ehemaligen Eishockey-Star schwitzten und ratschten dann zum Beispiel an gewissen Tagen nur Leute nackt im Aufguss, die etwas bewegten oder Honoratioren waren.

Wieso ich dabei war, lag an der familiären Herkunft und wohl noch eher an meinem Beruf. Immerhin war das ländliche Umfeld mit der starken touristischen Komponente noch vielmehr sozial gleichmachend als die Großstadt in deren Speckgürtel wir mit wachsender, eigener Familie zogen.

Hier im Borgo mussten wir uns schnell daran gewöhnen, dass jeder mit jedem und jeder über jeden redet. Dazu musste man natürlich die Sprache besser beherrschen, oder zumindest den Mut aufbringen zu radebrechen. Aber gerade dieses Stammeln baute Brücken.

So bekam meine Frau in den Anfangsjahren auf unserer Bank noch jede Menge geduldige Nachhilfe von der ehemaligen Sammlerin buntester Jogging-Anzüge, während ich mich mit den einheimischen Spezialisten durch das Vokabular des Häuslebauens ackerte. Von Anfang an hatte ich mir vorgenommen, nur mit Leuten von hier zu renovieren. Als ich alle nach dem ersten Abschnitt zu einem typischen ligurischen Gelage einlud, scheute ich mich auch nicht, eine kleine Ansprache in meinem Speisekarten-Italienisch zu halten.

Diese Erfahrung hielt jahrelang vor, und erinnerte mich an das Richtfest meiner Eltern in ihrem Dorf. Da waren die Hälfte der Männer am Bau im Winter Skilehrer. Sie hatten sich deshalb auch nicht gescheut meine Mutter, die sie vom Hang kannten, in eine Falle zu locken, bei der sich ein riesiger Kübel kaltes Wasser vom Dachstuhl herunter über sie ergoss.

Das war wohl hier nicht Sitte. Leider sind die meisten Helfer von damals mittlerweile verstorben. Aber mit denen, die von damals noch am Leben sind oder ihren Witwen, ergibt sich immer wieder längerer "Gesprächs-Stoff". Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Witwe des unwirschen Ex-Bürgermeisters quasi eine geliebte Nachbarin geworden ist. Und ohne die Witwe unseres singenden Universal-Handwerkers  ginge bei Trouble mit Behörden und Versorgern gar nichts mehr.

Selbst mein stoischer Agnostizismus wurde mir so nahe am Himmel bald verziehen. Aber eines ist bei aller Nähe auch sicher: Wir werden als Ausländer einigermaßen akzeptiert und durchbrechen hie und mal da die traditionelle, ligurische Reserviertheit, aber selbst als Residenten gehörten wie niemals dazu...


Je näher man sich kommt, desto schmerzhafter,
wenn einer aus den Reihen beim
Cena in Piazza plötzlich fehlt.
Auch das muss ein Teil des
sozialen Lebens im Borgo sein.
Letztendlich ist ja der Tod
der sozialste Gleichmacher von allen...

Montag, 22. Juli 2019

.com-Union

Obwohl mein vielseitig begabter Sohn auch in der App-Entwickler-Branche unterwegs ist, also permanent irgendetwas mit Kommunikation zu tun hat, beschränkt er sich innerhalb der Familie sporadisch auf Minimalismus. Das hat er von seinem Großvater, der die Sozialen Medien vermutlich gerne erlebt hätte.

Sohnemann in Realitas bald 38
Und dann hat der Filius sich mal gemeldet und jagt mir einen derartigen Schrecken ein:
Seit unserer letzten realen Begegnung sind mehr als drei Monate vergangen. Was war ihm nur widerfahren, wenn er mir so ein Bild von sich schickt:
Kann ein Mensch in so einer kurzen Zeit derart altern?
Der lapidar hinzu gefügte Satz:
"Falls du jemals Zweifel an Deiner Vaterschaft gehabt hättest..." Sollte mich eigentlich stutzig gemacht haben. Aber da hatte die Besorgnis wegen FaceApp noch nicht die weite Cyber-Welt erreicht.

Eine App auf der du Leute auf Fotos algorithmisch täuschend echt altern lassen kannst. - Wer braucht sie schon?


Aber schon wird eben gemutmaßt, dass die Hype bei den Nerds auch ihre  Darkside  haben könnte. Mit dem Gestalten des Alters auf real existierenden Bildern werden eben auch viele persönliche Daten abgefischt, und der Entwickler, Jaroslaw Gontscharow, ist ein bekanntes russisches Mathe-Genie
Der gramgebeugte Erzeuger 70
(siehe auch rechts), aber so
nun im Alter seines Sohnes?...
sowie einer der besten Programmierer der Cyber-Welt.
Ehrlich gesagt, ist mir das wurscht. Denn es geht ja auch umgekehrt, und was haben ich in meinem Alter noch zu verbergen? FaceApp funktioniert nämlich auch retro.

Das Ergebnis allerdings erinnert mich an einen Aufschrei meiner damals noch nicht datenaffinen  Kids, als ich mir im Italien-Urlaub einmal meinen Bart abrasiert hatte:
"Pappi du siehst aus wie ein Nilpferd-Baby!"

Freitag, 19. Juli 2019

Viel Schweiß zum kleinen Preis

Auch mit gewisser Systematik bleibt das Kärrnern
durch den Borgo ein schlecht bezahlter Knochen-Job
Lektionen zur Verhältnismäßigkeit  einzusetzender Mittel bekommen wir Teilzeit-Dörfler aus der Fremde von unserem  Borgo immer dann erteilt, wenn Not am Mann ist:
beispielsweise wenn Sanitäter einen Mitbürger aus seinem verwinkelten Haus in einer engen Gasse holen müssen. Oder die Feuerwehr muss in Einzelkämpfer-Manier einen Brandherd bekämpfen.

Weil solches aber nur selten passiert, denken wir auch nicht weiter darüber nach, was an Einsatz erforderlich ist, wenn die historischen Mauern nicht nur in unseren Häusern bröckeln.

Links und rechts vom tragenden Felskamm haben die Unwetter der vergangenen Jahre und die vergleichsweise harten und langen Winter mächtig Schaden an den Mauern angerichtet, die das Erdreich unter uns in Form von historischen Faschen stützen. Was haben wir die Nachbarn beneidet, die einen Garten vor oder hinter dem Haus haben, und wie sehr haben wir die minuziös geschichteten Trockenmauern bewundert. Aber nachgedacht darüber, wie sie errichtet und wie das Gestein heran geschafft wurde, haben wir nicht.!

Abgesehen davon, dass es in der Gemeinde nur noch wenige gibt, die sie errichten könnten, fehlt es auch an Menschen die bereit wären, diese extrem körperliche Arbeit zu verrichten. Die Leute mit den Mauer-Schäden sind meist reich an Latifundien, aber arm an Bargeld. Im Alter erhalten sie die meist magere Rente der Landwirtschaft-Genossenschaft. Schon da müssen meist die Verwandten, die einen besser bezahlten "Kragen-Job" haben, einspringen.

Wenn also die vermeintlich reichen Ausländer Grund haben, der von so einer Gemeinschaftsmauer gestützt wird, kommt es schnell zum Versuch, denen Kosten und Arbeit anzulasten. Es ist also angebracht, sich bei der rechtlichen Lage schlau zu machen, ehe man über die Mauer gezogen wird.

Freunde von uns mit einem der schönsten Häuser im Dorf und einem herrlichen Terrassen-Garten sind gerade in so einer Situation. Seit Tagen queren wechselnde Tagelöhner unsere Piazza mit Schubkarren voller Sand und Zement, die sie vom oberen Parkplatz holen. Das ist der einzig mögliche Transportweg. Der erste Teil in der Haupt-Gasse geht 150 Meter steil bergab, aber dann kommen die Stufen zu uns hoch und es folgt ja noch das 150 Meter lange Zickzack bis in den tief liegenden Garten. Bei der Hitze ein mörderischer Sklaven-Job, für den selbst ein so gewitzter Baustellen-Beherrscher wie unser Freund einen Vermittler einschalten musste.
Der Erste "Handlanger" war sichtbar langsam und rein körperlich eher nicht für diesen Knochen-Job geeignet. Der Zweite ein junger, durchtrainierter Einheimischer schaffte die dreifache Frequenz, kam aber am nächsten Tag nicht wieder. Nun hält sich den dritten Tag ein Mann aus Tunesien, der offenbar jede erforderliche Bewegung verinnerlicht und den Kraft-Einsatz systematisiert hat. Seine Frequenz lässt sich daher leicht errechnen. Er schafft stoisch im 10-Minuten-Rhythmus 48 Fuhren pro Tag, was einem eine Vorstellung von den Ausmaßen der zu reparierenden und teilweise neu zu errichtenden Mauer verschafft.

Obwohl ich mich im Sport über lange Zeit bis zur Erschöpfung verausgaben konnte, habe ich körperliche Arbeit derart verabscheut, dass ich ihr meist geschickt aus dem Weg ging. Nur im Zivilen Ersatzdienst war mir das nicht gelungen. Als Küchenhilfe eingesetzt musste ich im Krankenhaus täglich acht Zentner Kartoffeln aus dem Keller hochfahren, in den Schäler geben,  die geschälten zu den Nach-Schälerinnen schleppen und dann das Fertig-Gut portioniert und entsprechend sortiert zu den Köchinnen transportieren. Im Vergleich zu dem Kärrner hier, war das aber  lächerlich. Und  wenig später musste ich noch ein komplettes Schwesternheim des Roten Kreuzes mit Möbeln bestücken. Aber diese Schufterei lohnte sich wenigstens in anderer Hinsicht...

Deshalb war meine Diskussion über Mindestlöhne hier mit der ehemaligen Personal-Chefin aus der Schweiz auch für die Katz. Ich war als Arbeitgeber in den Augen meiner, die Finanzen ordnenden Frau, sowieso immer viel zu großzügig. Deshalb hätte ich auch als Mauer-Beauftragender hier aus Mitleid viel zu viel ausgegeben.

Merke! Nicht nur in den ligurischen Bergen gilt der für körperliche Arbeit schlichte Grundsatz:
Viel Schweiß zum kleinen Preis.
Das konterkariert den Spruch, mit dem man mich als Kind immer angespornt hat:
Ohne Fleiß kein Preis!

Hallo Herr Salvini! Wer - glauben Sie - kommt hier hoch, um diese Arbeiten zu verrichten, wo die Landbevölkerung sich ständig ausdünnt und die jungen Leute fehlen? Wo werden im anstehenden Herbst mit wem die Ernten eingebracht? Von versklavten Migranten nämlich! 
Da werden ja die ausgebeuteten Erntehelfer in Deutschland noch geradezu fürstlich entlohnt.

Mittwoch, 17. Juli 2019

Fai da te!

Eigeninitiative in etwas hölzerner Perspektive

Fai da te! Help yourself! Machs doch selbst! Gemeiner Weise könnte man behaupten, die Italiener hätten schon von Geburt an einen Hang zur Selbstbedienung. Aber präziser ist, dass sie sich eigentlich in Notlagen und bei Problemen immer gut zu helfen wissen. Conoscersi, Meister im improvisieren zu sein, das zeichnet sie aus, genau wie ihre Fähigkeit, noch wenn es schon bröckelt,  am offenen Grab ausgelassen tanzen zu können. Keiner meiner italienischen Nachbarn, der außer seinem eigentlichen Beruf nicht auch noch über diverse alternative "Fachkenntnisse" verfügte...

Die Kultur-Beflissenen unter diesen derart mehrfach begabten Burg-Geistern streben für diesen Sommer in Eigeninitiative eine Belebung des musischen Lebens hier oben an. Anfang macht eine Autoren-Lesung samt Buch-Vorstellung in unserer  historischen Mehrzweck- Bibliothek, die "Ugo der Bewahrer" unter seinen Fittichen hat. Von dort startet wenig später auch noch eine kundig geführte "planetarische Wanderung" am Nachthimmel über der Burg. Und dann gibt es einen Tag nach Ferragosto auch noch ein Platz-Konzert mit ligurischer Volksmusik. Wieder in der Bibliothek folgt letztlich der deutsche Beitrag zum "klassischen" Sommer-Ende mit Violine und Piano:
Die Teilnahme der Leute aus dem Hauptort ist dabei schon bei früheren Veranstaltungen wie Theater oder Filmabenden auf der Piazza Castello immer recht zahlreich gewesen. Wäre ja auch ohne Darbietungen eine traumhafte Kulisse...

Immer eine gute Situation, wenn komplizierte Arbeit bei Baustellen ansteht: einer werkelt,
während die anderen die Vorgehensweise diskutieren...
Umso mehr hat es mich überrascht, als vor ein paar Tagen Nachbarn im prallen Sonnenschein probierten,  aus verschieden langen Metall-Rohren ein Gestänge zusammen zu schrauben, das als Podium für die Volksmusik-Gruppe dienen soll. Ich fragte ahnungslos, wieso die Gemeinde nicht das vorhandene Holzpodest zur Verfügung stelle. Immerhin hat das ja vor einigen Jahren den Jazz- und Blues-Abend samt Klavier etc. sicher getragen. Und damals hätte man doch auch den Verteiler-Kasten für den Strom angezapft und nicht irgendwelche Überlegungen wegen der Leitungen anstellen müssen. Auch, dass die Gemeinde ihre Bestuhlung zur Verfügung stellen würde, nahm ich als sicher an. Nichts dergleichen!

Das sei ja eine Privat-Initiative war wohl die Antwort der Gemeinde an die stets suspekten Burgbewohner. Ja. bei unseren fitten Burschen geht es dann eben auch ohne Gemeinde. Fai da te, wird zum lo faciamo noi!

Aber weil ich dann schon mit den Sticheleien und der eigentlich idealen Gelegenheit für den neuen Sindaco bei seinen Bürgern zu punkten, weiter machte, trat ich so einiges los. Leider konnte ich das bislang noch nicht alles nach recherchieren.

Mehr über die Wiederbelebung beispielsweise der Konsortium-Straßen also demnächst.