Donnerstag, 7. September 2017

Ohne Schweiß ein Preis

Pünktlich zum meteologischen Herbst-Anfang hat sicb unser Lieblingswetter eingestellt: Schön geformte Wolken-Schiffe gleiten über den tiefblauen Himmel. Getrieben von sanften Brisen, die auch uns kühlen, sodass wir auch tagsüber unsere in den letzten Wochen viel zu heiße Dachterrasse wieder nutzen können.
Hinzu wie ein Sonderpreis kommen die kühleren Nächte, die wir wieder für erholsamen Schlaf unter der Bettdecke verbringen können.

Wie viele Sprichwörter von daheim wird da auch unser "ohne Schweiß kein Preis" hier konterkariert. Nicht 24 Stunden aus allen Poren zu schwitzen, fühlt sich wie eine Belohnung an. Das finden auch die Bastler und Bauarbeiter. Ab Samstag sind wir weitgehend allein mit unseren italienischen Nachbarn, die nun alle Arbeiten, die während grande calda liegen geblieben sind, mit Freude wieder aufnehmen.

Auch der Blogger wird versuchen, ein wenig mehr Mobilität zu entwickeln, um über die Dörfer zu ziehen und dann am Meer zu sitzen...

Daher bitte ich meine geschätzte Leserschaft um Verständnis dafür, wenn dieser für 2017 der letzte Brief von der Burg ist. In 14 Tagen, wenn die Bundestagswahl vorbei ist, melde ich mich dann wieder aus dem Glashaus.


Bleibt mir gewogen.


Samstag, 2. September 2017

Preisfrage

Wo ist das Leben preisgünstiger?
Wir werden oft mit dieser Frage komfrontiert, weil die Freunde glauben, dass wir das durch den Halbjahres-Rhythmus mit dem wir zwischen München und der Burg wechseln, eigentlich wissen müssten.

Verbrächten wir den Winteer hier auf der Burg, ließe sich die Frage sofort beantworten, weil die Energie-Preise durch gewisse Monopole hier oben so absurd hoch sind, dass sie Lebenshaltungskosten insgesamt verfälschen. Vor allem das Gas für die Heizung ist so teuer, dass die meisten Nachbarn auf Pelletöfen oder Solar-Energie umgestellt haben. Auch die Elektrizität, um die seit der Freigabe eine für den Verbraucher unübersichtliche Schlacht auf dem Verbrauchermarkt entbrannt ist, rangiert auf Europa-Rekordniveau.
Falls wir mit der Familie einmal Weihnachten hier feiern, kostet uns das die Summe, die wir in München im ganzen Jahr zahlen.

Wir fragen uns, wie die noch arbeitenden Nachbarn das Leben überhaupt meistern können, denn wer hier in Ligurien einen Job hat, bei dem er mit Krankenkasse und Sozialversicherung die 1000-Euromarke erreicht, gilt als gut Verdienender.

Das Geheimnis liegt am hohen Eigenheim-Besitzstand im Familien-Verbund und der Selbstversorgung über die eigenen Faschen. Tränken wir nicht soviel und gingen nicht so oft teuer essen, kämen wir spielend mit 150 Euro pro Woche aus.

Generell sind Lebensmittel hier nicht nur besser, sondern auch deutlich preiswerter. Mit Ausnahme von richtig gutem Rindfleisch. Aber auch diese Lücke wurde jetzt durch den Großmetzger im Tal und seinen angeschlossenen Laden gefüllt.

Die Supermärkte setzen so oft auf Promotione, dass Per Steinbrück erstaunt wäre, wieviele wirklich gute Weine wir für unter fünf Euro abgreifen. Meine Whisky-, Vodka- und Gin-Sorten sind hier bis zu 20 Prozent günstiger.

Die  größte Fehleinschätzung gibt es beim Restaurant-Essen. Man muss mit den Preisen beim Lieblings-Italiener daheim vergleichen! Wir unterscheiden unsere Lieblings-Restaurants hier in 70-, 90- und 100-Euro-Kategorien für zwei Pesonen. Die letzteren suchen wir auf, weil sie etwas auf der Speisekarte haben, was es sonst nirgends gibt. In kaum einem  der Restaurants steht aber ein Wein auf der Karte, der über 20 Euro zu Buche schlüge. Schon allein das macht den Unterschied zu gehobenen Restaurants in München aus. Denn da  beginnt die Weinkarte meist erst über dieser Marke...

Wir Deutschen glauben, dass die Italiener immer mit Antipasti, Primi, Secondi und Desert essen. Das tun sie höchstens bei Geschäfts-Essen oder bei besonderen Anlässen. Ansonsten nimmt man an vierzehngängigen Gelagen Getränke inklusive im Hinterland teil. Da gibt er für zehn Leute 300 Euro aus. Das würde am Meer gerade für Ehefrau und Kinderchen reichen.
In der Arbeits-Woche gehen die meisten in eine Bar ihres Vertrauens, in der es klassische Tellergerichte für unter zehn Euro gibt.
Wer sich dort - wie in meiner Lieblingsbar an der Piazza Dante - ein mit 5 Euro zugegebenermaßen teures Birra media gönnt, bekommt soviel Leckerli dazu, dass er bei kleinem Hunger durchaus satt werden kann.

Die Vertrauensfrage ergibt sich auch bei allem handwerklichen Bedarf, der nicht durch kundige Nachbarn gedeckt werden kann. Reguläre Dienstleistungen sind sehr viel günstiger als bei uns, weil das Berechnen der Anfahrt hier in den Bergen unbekannt ist, und sich bei guter Leistung eine Art Dauer-Beziehung wie  von selbst ergibt. Etwa bei unserem Elektriker und TV-Fachmann Rudolfo, der seit anderthalb Jahrzehnten sofort kommt, wenn wir ihn anrufen.

Einen Strich unter die Gleichung dieser Preisfrage zu machen, fällt also ansonsten ziemlich schwer, aber ich denke, es liefe unstatistisch auf Gleichstand hinaus.
Aber wer muss überhaupt ins Restaurant,
wenn er Gourmet-Nachbarn hat,
die sich bei Einladungen geradezu übertreffen?...
Aktuell vor zwei Tagen bei unserer
hoch geschätzten Schweizer Freundin

Dienstag, 29. August 2017

Das Gewicht der Seele

Die Seele des Menschen - wenn es sie überhaupt gibt, was wiegt sie?

Selbst ernst zu nehmende Wissenschaftler haben sich intesiv mit physikalischen Methoden dieser Frage angenommen. Die riesen Unterschiede, die sich dabei ergaben, lassen den Verdacht aufkommen, dass um die Seele nur noch mehr Mythos aufgebaut werden soll: Die Seelen-Gewichte schwanken laut diversen Quellen also zwischen 18 und 350 Gramm. Manche Forscher gehen von einem Einheitsgewicht aus - egal ob es sich um ein Baby oder einen Zweizentner-Mann handelt. Gemessen wird im Moment des Todes. Aber wann ist der genau?

Die bange Frage beschäftigt mich Ungläubigen, weil die von mir so genannte "Seelensammlerin" gestern in ihrem Haus gegenüber der Gasse schwer gestürzt ist und wir sie fast nicht heraus bekommen haben. Ich schreibe wir, weil als die Postina laut um Hilfe schrie, sofort alle Nachbarn herbei eilten, aber nichts tun konnten, weil so gut wie alle Burghäuser mit ihren massiven Türen und doppelten Verriegelungen quasi uneinnehmbar sind.

Die Gestürzte war ansprechbar, aber ihre Stimme war schmerzverzerrt und brüchig, so dass ich die Telefonnummer vom Neffen einfach nicht verstehen konnte. Ludo, der jüngste unter den Nachbarn rief sofort Ambulanz und Feuerwehr an. Letztere weil man davon ausgehen musste, dass die Tür nur mit Gewalt zu öffnen sei.

Aber Ambulanz und der Neffe mit den Schlüsseln trafen fast gleichzeitig ein. Der Rest war dann Bergdorf-Rettungsroutine.

Heute wissen wir, dass sich die "Seelensammlerin" ausgerechnet den Arm mit der Prothese gebrochen und ansonsten "nur"  Hämatome davon getragen hat. Das ganze Dorf ist besorgt um die heuer 80jährige: Wird sie wie bisher mehrmals in der Woche die steile Treppe zur Kirche hinunter gehen können? Wird sie sich wie immer energisch für Il Signore einsetzen und all ihre Herzensgüte aufwenden, um verlorene Schäfchen in seine Obhut zurück zu treiben?

Wie sich herausstellt, wird sie irgendwie von allen herzlich geliebt. Auch von mir, der ich ihr Tun oft ein wenig schmunzelnd begleite. Angesicht der Überlegungen am Anfang dieses Posts wünsche ich ihr bei allen Seelen, die sie sammelt, dass diese tatsächlich nur 18 Gramm wiegen mögen.

Werde schnell wieder ganz gesund du himmlisch guter Burggeist!
San Giovanni ist der Lieblingsheilige der "Seelensammlerin". Wenn - wie hier bei der alljährlichen großen Prozession in Imperia - bei uns im Borgo die kleinere Ausgabe um die Häuser muss, scheut sie auch nicht, den Dorf-Agnostiker zum Tragen einzuspannen. .

Samstag, 26. August 2017

L'Ombra - Schatten

Wenn über Mittag die Piazza voll im Schatten liegt, ist das bei den immer noch vorherrschenden Temperaturen zwar äußerst angenehm. Aber der Stand der Sonne zeigt uns auch an, dass der Sommer nun bald vorüber ist. Wir haben gerade noch vier Wochen auf der Burg, dann geht es zurück ins Glashaus. In den langsam aufkommenden Trennungs-Schmerz mischt sich erleichternd die Vorfreude auf das Wiedersehen mit unserem Enkel.

So wie dieses Jahr trotz der vier lähmenden Hitzemonate vorüber gerast ist, so hat seine Entwicklung in jener Zeit an Fahrt aufgenommen. Zumindest das haben wir mit den Filmchen via telegram mitbekommen. In dieser Beziehung hat die moderne Kommunikation eben auch Sonnenseiten. Was mich zurück zum eigentlichen Thema bringt...

Wo Licht ist,  gibt es auch Schatten. Dies dürfte von Anbeginn die physikalische Ur-Erkenntnis aller Lebewesen auf Erden gewesen sein.

In der letzten Woche spielten drei Geschwister aus England auf der Piazza. Das Mädchen so alt wie unser Enkel, aber sprachlich wegen der ein paar Jahre älteren Buben, schon weiter, kicherte haltlos, weil ihre Brüder immer wieder über ihren Schatten sprangen; ihr das aber nicht gelang, weil die Jungs sich immer dann drehten, wenn sie drüber tapsen wollte.

Bei mir löste das eine Kettenraktion über Redewendungen zum Thema Schatten aus:
Selbst im übetragenen Sinne gelingt es den wenigsten über den eigenen Schatten zu springen, aber wir sind zumindest nahe dran, wenn wir aus dem Schatten eines anderen heraus treten, der uns durch seine Länge und Breite (Kohl/Merkel) fast eingeschüchtert hätte.

Wenn man eines anderen Schattenmann war und dabei von Dunkelmännern beschattet wurde, hätte das leicht im Schattenreich enden können...

Ich hingegen bin einigermaßen froh, dass mir "restare al'ombra" keinen allzu großen Schatten verpasst hat.

Selbst die Sonnenuhr gegenüber
meiner Schreibstube hat
einen Schatten, der sie bald
nötigt, die Winterzeit
unten anzuzeigen 

Donnerstag, 24. August 2017

Indirizzo spagliato

So sehr wir uns über die Komplimente der Passanten für unser Haus oder die Piazza freuen. Die zentrale Lage im Borgo hat auch ihre unbequemen Aspekte. Wenn zum Beispiel unsere rotschöpfige Postina, mit der jeder hier im Dorf per Du ist, frei hat, macht sich ihr Ersatz selten die Mühe, nach den Teilzeit-Adressen zu suchen. Dann werden die ausländischen Namen erst unverständlich ausgesprochen, dann wird einem die Postsendung zum Lesen in die Hand gedrückt. Schwerer Fehler!

In dem Moment, da wir versuchen, den Weg zum Empfänger zu beschreiben, werden wir auch schon höflich gebeten, so freundlich zu sein, dem Ersatzmann diesen abzunehmen. Con piacere und gentilmente ist bei der Hitze nicht so toll, vor allem bei über 30 Grad hinauf zum oberen Dorfrand...

Beim frechen und tatsächlich faulen Personal der diversen internationalen Paket-Dienste, die einen am Parkplatz abfangen wollen, gehen wir schon lange nicht mehr in die Falle. Da geben wir vor, nur hospite zu sein oder stammeln indirizzo spaglato - falsche Adresse...

Aber aus eigener Erinnerung früherer, angemieteter Ferienhäuser wissen wir um die Gemütslage, nach ermüdender Anreise, das Gebuchte nicht oder verschlossen vorzufinden. Da sind wir gerne Auskunftei. Vor allen Dingen, wenn es darum geht, den meist mit uns befreundeten, professionellen Vermietern eines auszuwischen.

Wenn nun, da sich die vorausbuchenden Stammkunden verabschiedet haben, das mühsame Tagesgeschäft beginnt, glänzen Joaquino und Daniello gerne durch Abwesenheit bei deren Ankunft und gehen auch nicht an die in den Unterlagen angegebenen Handy-Nummern. Die Alleingelassenen stranden dann meist vor unserer Haustür, und wir helfen dann aufopferungsvoll - in dem ich die wirklich geheimen Privatnummern der beiden weitergebe...

Oft versucht dann einer, mich noch einzuspannen, um seinen Strand-Nachmittag zu retten. Aber da ist er dann wirklich an der falschen Adresse.

Idirizzo spagliato!
Steil und mühevoll sind die
Wege für alle, die
etwas zu liefern haben

Dienstag, 22. August 2017

Ginger ist zurück

Wir hatten mal eine Nacht, da schlief sie sanft in meinen Armen. Aber seit ihr Frauchen die Sonnenblumen-Bar im Capo luogo führt, sah ich sie nur noch selten. Alte Liebe rostet schon, wenn die Beziehung Hunde-Mensch mit Katze auch noch von einem zotteligen existenzialiatisch veranlagten Kater tangiert wird...
Ich stelle mir vor, dass Ginger unsere "Männergespräche" gelegentlich belauscht hat und sich dachte: Was soll ich bei den Vollpfosten?

Ich glaube, was Katzenfreunde so in diese Tiere hinein interpretieren, unterscheidet sie von Hundehaltern. Der Hund ist direkter, treuer und - wenn er gut erzogen ist - ein gehorsamer Begleiter. Wer sich auf Katzen einläßt, stellt sich deren Rätselhaftigkeit, fördert ihr schwer zu manipulierendes Wesen und ist auf immer dankbar für jedes Schnurren und Schmusen als Zeichen wahrer Liebe. Dabei geht es doch Hund und Katze nur um Versorgungsansprüche. Jeder, der in unserem Haus wohnt, würde das also gleichermaßen erleben, weil diese Tür an der Piazza ja meist offen steht.

Die schüchterne Spaniel-Dame Sahra von der Witwe des Bürgermeisters , die einst so scheu war, dass sie nur ihr Frauchen berühren durfte, rast ohne Leine sofort um die Ecke in unsere Küche, staubt bei meiner Frau eine Scheibe Schinken ab und holt sich bei mir eine ausgiebige Öhrchenknuddelei. Selbst die nur ein paar Wochen im Borgo herum jagende Griotte (Sauerkirsche) unserer französischen Nachbarin rast erstmal die Treppen zur Piazza hoch, um uns schwanzwedelnd zu begrüßen. Einmal als ich oben am offenen Fenster meiner Schreibstube stand, wäre ich vor Schreck bald rausgefallen. In rasendem Tempo aber lautlos war Griotte die Steile Treppe hinauf gestürmt und leckte von hinten meine Waden...

Die Katzen dürfen wegen der Allergie meiner Frau nicht ins Haus. Dennoch haben das Ginger und Lazaro seit kleinauf versucht. Ginger, die Schleichkatze, musste regelrecht hinaus getrieben werden, während Lazaro die Eingangsstufe als Grenze anerkannte. Er sitzt jetzt meist in der Tür wie ein englisches Dekorationsstück. Er frisst meiner Frau aus der Hand, springt aber jedesmal davon, wenn ich durch will.

Nur wenn sein Herrchen Vittorio bei uns sitzt, umstreicht er schnurrend meine Beine und kuschelt seinen schönen Kopf in meine Streichelhand.

Ginger lässt von all dem, was wir früher an Zärtlichkeiten ausgetauscht haben, gar nichts mehr zu. Im Sicherheitsabstand setzt sie sich wie eine Diva in statuarischer Schönheit unnahbar in Positur, will aber eindeutig beachtet werden.

In der Mittagshitze vertraut sie mitten auf dem Platz liegend jedoch wie früher einmal, dass ich über ihren Schlaf wache.

Verstehe einer die Katzen...

Samstag, 19. August 2017

Potrebbe essere

"Nix G'wiß woas ma net", sagt der Bayer, wenn er einem fragwürdige Geschichten auftischt. Der italienische Privat-Gelehrte bemüht da den sehr viel eleganter klingenden Konjunktiv wie auf dem braunen Schild am Dorf-Eingang. Es verfehlt seine gewollte Wirkung nicht, wenn Touristen wissen wollen, ob es tatsächlich stimmt, dass der Entdecker hier geboren wurde.

Si, si certo! Werden die dann unter Hinweis auf die Via Colombo und die Casa Colmbo bestärkt. Habe ich auch schon ein paarmal gemacht und dabei auch die Legende von dem heimischen Geschichtsforscher wiederholt:

Demnach wurde Kolumbus um die Ecke von unserem Haus als Kind von Cousin und Cousine geboren, was im hiesigen Kirchen-Register einiger Bereinigung bedurfte. Das Dorf gehörte damals tatsächlich zum Herrschaftsbereich Genuas, was den weltweiten Streitigkeiten um die Herkunft von Kolumbus noch eins drauf setzt.

Aber was steht eigentlich wirklich auf dem Schild?
Frei übersetzt: "Dies ist der Ort, wo die Familie von Christoforo Colombo herstammen könnte"...
Potrebbe essere - könnte sein. Mehr braucht es nicht für ein braunes Schild, das Sehenswürdigkeiten ankündigt.
Aber die wenigsten Besucher wären enttäuscht, weil unser Borgo allein schon durch seine Schönheit besticht.