Mittwoch, 3. Juli 2019

"Sozial-Plan"

Das Bild, das sich Menschen von einem machen, setzt sich aus verschiedensten Facetten zusammen. Seit jeher - also von der Schulzeit an, galt ich  in meinem Umfeld nicht nur als Pausen-Clown und Stimmungsmacher, jeder drängte mich auch wegen der angeborenen Rhetorik dazu, Verantwortungen zu übernehmen. Tatsächlich aber bin ich ein eher schüchterner Mensch, der von sich selbst glaubt,  vielen zu wenig Empathie entgegen zu bringen. Alles Gegenteilige ist eigentlich ein Überspielen von Schwächen und Sensibilität.
In München habe ich die Kurskorrektur nach meinem beruflichen Aus längst vollzogen. Gesellschaftliche Anlässe habe ich so oft abgesagt, dass ich zu "Social Events" nur noch in Ausnahme-Fällen eingeladen werde und als Muffel gelte. Ein Image, das mir gefällt, weil ich so nicht auf Leute eingehen muss, mit denen ich mir nichts mehr zu sagen habe...

Hier auf der Burg ist das ganz anders. Die Rolle, präsent zu sein, wird uns quasi von der Lage unseres Hauses angeordnet. Die Piazza, an der es liegt, schließt die wie Zinken einer Gabel durch den Borgo spießenden Gassen in der Mitte und gen Osten hin ab. Jeder, der von dort herauf kommt, muss diese Piazza queren. Und die, die von oben kommend, in diese hinein wollen, gehen auch an uns vorbei. - Wenn wir - wie in diesen Hitze-Tagen mehr unten sitzen, als auf der Terrasse oben köcheln wollen.

Aus vielen Einzelgesprächen, ergibt sich
ein Gesamtbild vom aktuellen Leben im Borgo. Die
Bank vor unserem Haus ist gewissermaßen
  "Rete Castello".  Das Burg-Radio
Egal ob also einheimisch oder aus dem Ausland her gezogen, mit jedem bandeln sich Gespräche an, aus denen dann in zwei Jahrzehnten Dauer freundschaftliche oder gar intensivere Beziehungen geworden sind. Und komisch, hier habe ich keinerlei Probleme mit den sozialen Kontakten. Zum Einen liegt das daran, dass wir meist die ersten beiden Monate eine totale Stille erleben, in der die hiesigen Kontakte uns quasi daran hindern, zu verkümmern oder Eigenbrötler zu werden.
Einziges Problem sind die Abgänge wegen Todes, mit denen ich leider immer noch nicht gut umgehen kann, obwohl ich ja selbst längst im Wartezimmer des Schnitters Platz genommen habe.

Jetzt ist die erste Halbzeit des Jahres wieder einmal recht rasch vergangen. Es gibt keine Nachspielzeit und auch keine Halbzeitpause, denn ab Juli wird der Borgo nun von der alljährlich wiederkommenden Teilzeit-Belegschaft übernommen, die man sonst eben nur durch Telefonate in der Heimat auf dem Laufenden gehalten hat. Wie in den Vorjahren prägen die fabelhaften, heutigen Reha-Maßnahmen nach heftigen Erkrankungen oder nicht mehr aufzuschiebenden Eingriffen die ersten Tage des Wiedersehens. 
Aber wir sind ja der "Zauberberg" und da überwiegt ja bald die Feier-Laune derart, dass keiner mehr zurück denkt, sondern im Hier und Jetzt ankommt. Der Event-Kalender wird so dicht gefüllt, dass es eines gewissen "Sozial-Plans" bedarf, allen und allem gerecht zu werden. 
Höhepunkt wird an Ferragosto auf unserer Piazza ein von einem Burg-Geist arrangiertes Konzert ligurischer Volksmusik werden.
Möglichkeiten zur Erweiterung des "Sozial-Plans":
der wenig begehrte und nicht bezahlte Job
des Guardano Notturno oder...
...heilsbringend die dankbarere
Aufgabe als "Gura del Borgo", die Marcella
leicht allabendlich von den Zinnen
ausüben kann, wenn...
 ...unten ihre Jünger.lauschen
Fotos: Doris Kreh und Mirella







Sonntag, 30. Juni 2019

Vielem fehlt der Frühling

Die Menschen haben den Winter vor der Motorisierung und anderen technologischen Errungenschaften nie besonders geliebt. Es sei denn, sie hätten sich ewiges Eis und Schnee als Lebensraum gewählt. Für die Inuit, Tschuktschen, Samojeden und Jakuten war unsere Einteilung in Jahreszeiten nicht gegeben. Sie leben entweder in Dunkelheit oder dann Monate in denen die Sonne nie untergeht.

Obwohl das Jahr, nach dem wir heute leben, eindeutig im kalendarischen wie im meteorologischen Winter beginnt, ist in der Welt des Westens seit langer Zeit der Frühling (aus dem Mittelhochdeutschen vrüelinc  abgeschliffen) die erste Jahreszeit. Das italienische Primavera unterstreicht das. Ebenso das französische Printemps, das quasi für "Primetime" steht 

An der Hinterwand unseres Hirns ist die Zirbeldrüse verankert, die uns in der Dunkelheit einigermaßen mit dem Stimmungs-Hormon Melatonin als Rhythmusgeber versorgt. Wenn die Tage wieder länger werden, die Sonne häufiger scheint und die Temperatur kontinuierlich steigt, versetzt sie uns in eine gewisse Euphorie. Die Annahme, dass dann auch mehr Kinder gezeugt würden, ist aber falsch, da steht statistisch weiter der Herbst an erster Stelle.
Mit freundlicher Genehmigung der Interpreten des "dritten Auges" für
Einsicht, Nachsicht, Umsicht und Rücksicht

Was macht aber ein durch "Sommerzeit" und Ausbleiben des typischen Frühlings, also dessen Fehlen mit uns?
In den zwei Jahrzehnten hier auf der Burg haben wir gelernt, mit den Bauern und der Wichtigkeit der Jahreszeiten für sie zu leben. Als die Hitzewelle hier noch im Juni kam und Mitte September bereits abklang, hat sich keiner gesorgt. Aber seit es die ausufernden Winter wieder gibt, bleibt dem Frühling (wie auch bei uns) keine Zeit mehr zur Entfaltung.

Mir geht der dritte Nicht-Frühling in Folge auch aufs Gemüt. Diese Jahreszeit war stets mein Katalysator zum Durchstarten.  Direkt nach dem ewigen Auf und Ab eines Aprilwetters mit Heizkosten bis weit in den Mai, herrscht hier seit gut drei Wochen diese Hitzewelle, in der es auch  zu keinerlei Gewitter kommt. Noch ist das Ausbleiben des Regens kein Drama, aber es wird eines, wenn es nicht bald wieder regnet.

Verzweifeltes Warten auf unseren
kalorienarmen Nachmittags-Snack:
Von wegen Frigitelle auf die Schnelle...
Kirschen aus den Gärten der Nachbarn gab es seit der zweiten Mai-Woche. die ersten waren klein und knubbelig, die letzten waren prall und groß, aber allen mangelte es an dem sonst so intensiven Geschmack. 
"Die Schweizer Garde", unsere Zentral-Versorgerin mit Gemüse und Feldfrüchten musste fast vier Wochen länger warten, bis sich die ersten  Ernte-Erfolge einstellten. Es ist verrückt, aber als Laie habe ich den Eindruck, dass sich manche Pflanzen mit hohem Chlorophyl-Anteil schon auf den Turbo-Frühling eingestellt haben; vor allem die Lauchzwiebeln und Blattsalate.
Der Violette aus Albenga -
wie auch der Schwarze
von dort - so köstlich
und preiswert wie selten
Die unterirdisch wachsenden Kartoffeln und die hiesigen Spargelsorten sind von fabelhafter Qualität, und die Gurken schmecken so, dass man die Condomverschweißten aus Holland glatt in die Tonne hauen könnte..

Aber was wird mit den Spät-Entwicklern wie Oliven und Wein. Der Wein auf unserer Terrasse war immer ein Indiz, wie der Jahrgang nach der Lese unter unserem Borgo werden könnte. Nun kümmert er der Zeit hinterher. Fredo der Frantoio moniert, dass seine Oliven noch zu klein für die Jahreszeit sind.

Vorgestern - also Ende Juni !!! - haben wir zum ersten Mal Erdbeeren gehabt, die schmeckten, was der Anlass für diesen Post ist.

Ich weiß nicht, ob das der Klimawandel ist, aber ich hoffe, die Pflanzen sind künftig in der Lage ihre biologisch Uhr entsprechend umzustellen - sonst Gnade uns das viel verehrte höhere Wesen!...
Wann stehen sie - auf natürlichem Weg geerntet - mir mal wieder vereint so stramm Modell?
Claus Deutelmoser: Vor dem Kochen - Oil on Canvas
Hier noch ein kleiner Hinweis, darauf, dass es wohl auch schon früher mal keinen Frühling gegeben haben könnte: Das Gedicht eines ligurischen Bauern vor 217 Jahren nach einem Hitzschlag verfasst, und von mir in einem ähnlichen Zustand sehr, sehr schlecht übersetzt.

Wenn's Frühling finster wird


Sind die Hügel zu früh gelb vom Ginster
Bleibt der Frühling nach Ostern finster.
Petrus macht's und finster grinst er!
Aber fehlt das Frühjahr hint' und vorn,
Sprießt kein Halm und schon gar kein Korn!
Da bangt das ganze Ligurland!
Papardacci tanzen außer Rand und Band.
Und das Wasser wird bald knapper als knapp,
Denn so sehr brennt nun die Sonn' herab.

Das Wort zum sonntäglichen Monats-Ende. Au weia ist das heiß hier!

Donnerstag, 27. Juni 2019

Dann gehen wir halt ans Eingemachte!!!

Jetzt ist es schon so heiß, dass wir kaum noch vor die Tür gehen können. Seit Tagen leben wir von dem, was unsere Vorräte hergeben. Unvorstellbar die Verhältnisse auf der "Seawatch 3", die nun trotz des Bannes in die italienischen Hoheitsgewässer vor Lampedusa gefahren ist...

Ist Italien, eine der Wiegen des Humanismus, wirklich so vor den Hunde gekommen, dass es sein Mütchen an den Ärmsten der Armen kühlen muss? Der alte Francesco Petrarca, der  im 14. Jahrhundert von Florenz aus das "humane Denken" auf den Weg ins gesamte Europa gebracht hatte, rotiert vermutlich wieder einmal wegen seiner Nachfahren wie eine Zentrifuge in seiner Grabstätte nahe Padua.

Klar, im zentralen Mittelmeer ragt halt der Italienische Stiefel am weitesten hinüber nach Afrika. und mit seinen Inseln gibt es natürlich sensible "Steppingstones" für Migration. Ein Land wie Italien muss sich einen starken Humanismus oder einfacher humanitäre Hilfestellungen in einer sich so rasant und ungerecht entwickelnden Welt einfach leisten können!

Aber mal ehrlich: Seit Jahren geben alle italienischen Politiker mehr Geld aus, als ihnen nach den EU-Regeln zu stünde. Es wird ja mittlerweile allgemein sehr an den willkürlich festgelegten EU-Verschuldungs-Grenzen gezweifelt Aber als Antwort im Neo-Nazi.Style Menschlichkeit zu verweigern, das geht  absolut nach hinten Los. Vor allem wenn Big Spender wie die Niederlande und auch Deutschland derart von einem außer Rand und Band geratenen Matteo Salvini angegriffen werden. Nur um für den kommenden Wahlkampf zu vertuschen, dass hinter der Pöbelei kein politisches Konzept, sondern bloßer Machthunger steckt. Wenn das wirklich so ist. Dann rate ich, nichts wie raus mit euch Italienern aus der EU!

Ich lebe hier mit den Menschen in einer Region und einer Stadt in der es augenscheinlich mit der sichtbar zunehmenden Überfremdung weniger Probleme gibt. Okay, sie wählen immer noch mit einer Träne für Berlusconi. Aber Cinque Stelle oder Lega zu wählen, käme den Leuten hier oben nicht in den Sinn. Wie man noch vor einigen Jahren von Zeitzeugen gehört hat, hätten sie auch die Zeit des Faschismus autark abgekapselt überlebt.

Aus Jahrhunderten an verborgene Vorratshaltung gewöhnt, bestand ein Teil der Strategie im Konservieren der reichlichen Ernten für den Privat-Bedarf. Mettere in conserva oder ispessirsi cuocendo sind Tugenden, die bei den Landfrauen auf der Burg noch heute hoch gehalten werden. Allerdings nie allein für den Eigenbedarf. Dazu sind ihre Seelen zu sehr im Christentum und mit der Barmherzigkeit verankert. Halllooo? Salvini!?

Meine Mutter war ja nach dem Krieg quasi "Marketenderin" für die britische Besatzungsmacht in Hamburg. Da kam sie zwar leichter an wichtige Waren ran, aber die wurden für noch wichtigeres eingetauscht. Denn auch für die deutschen Frauen war da das "Einwecken" noch eine fürs tägliche Überleben wichtige Tugend.
Seit ich einigermaßen lange laufen konnte, war ich dabei, wenn wir fünf mit Körben Beuteln und Eimern bewaffnet in die Heide, in die Harburger Berge oder ins Alte Land zogen, um Beute für die Einmach-Gläser zu machen. Am liebsten war mit das Pilze Sammeln und des Beeren Pflücken. Als kleiner Junge kommt einem ja so ziemlich alles riesig vor, aber die gefüllten Regale mit den Einmach-Gläsern im Keller kamen mir unendlich lang vor, und sie hielten auch stets bis zur nächsten Saison.

In unserem Münchner Haus mit den zwei Gärten hatten wir Weinstöcke und eine wie wild tragende Quitte, von deren Früchten meine Frau bislang unübertroffene Gelees von enormer Lebensdauer herstellte. Das letzte Glas von der Ernte 2007 habe ich vor kurzem hier auf der Burg verschnabuliert; köstlich wie im Jahr seiner Abfüllung.

Nur eine kleine Auswahl, der nachbarschaftlichen Vorratsgestaltung, von der wir
alljährlich profitieren
Trotz diverser Maulereien: Sie helfen sich hier auf der Burg und geben von dem, was sie zu reichlich haben, auch gerne ab. Mich verblüfft immer wieder, dass die Damen trotz ihres zum Teil beträchtlichen Alters und trotz der Hitze ihre Gärten und Faschen pflegen und bei Bedarf mit Hilfe aus dem Tal auch abernten. Die Wertschätzung der für sie Gott gegebenen Gaben, ließe ein Verrotten wegen Faulheit gar nicht erst gedanklich zu.
Crostate für das
"Cena in Piazza" ofenfrisch
aus selbst gepflückten Pflaumen

So werden wir in einer Weise versorgt, für die wir uns nie und nimmer richtig revanchieren könnten.
Allen voran unsere Nachbarin, die Bürgermeisters-Witwe. Wenn sie nach ihren einzigartigen lokalen Rezepten bäckt, tut sie das wie einst für ihre Sippe. Weil die aber im Tal lebt, bekommen wir immer großzügig etwas ab. Ihre Arancia-Amaro-Konfitüre (Bittere Orangen) erhalten wir wie ihre Mousseline aus Prugna (fast flüssiges Pflaumen-Püree) in Liter-Gläsern, die Ergebnisse des eigenhändigen Beeren Sammelns fallen hingegen verständlich homöopathisch aus. Sie sammelt vom Wegesrand auf dem Weg ins Tal auch das Johannes-Kraut für ihren alljährlichen Bedarf am universell anwendbaren Heilmittel Rot-Öl.
Heilung am Wegesrand:
Johanneskraut
Aus dem wird  im Olivenöl
durch Sonnen-Einstrahlung das Rot-Öl,
von dem die Damen hier schwärmen










Im Verein mit Eiern und Feldfrüchten aus der Lieferung unserer "Schweizer Garde" wären wir selbst bei einem  Ganzjahres-Aufenthalt ernährungstechnisch ziemlich autark.

Gescheitert bin ich allerdings damit, meinen Nachbarn  begrifflich zu erklären, was es bedeute, wenn Europa mit seiner Italien-Politik auf Deutsch gesagt "ans Eingemachte" gehen müsse...

Mittwoch, 26. Juni 2019

Über das isolierte Denken

Angesichts des derzeitigen Zustands unserer Welt schrecke ich in jüngster Zeit aus dem Schlaf hoch und frage mich, was denn eigentlich ich zu seiner Verbesserung beigetragen hätte. Ein paar Minuten später, wenn ich dann gänzlich wach bin, schelte ich mich für meine Arroganz, überhaupt davon zu träumen, die Welt zu verbessern.

Welt-Verbesserer: Dieser Begriff ist eigentlich in unserer Generation mit einem hochmütigen Beigeschmack belegt. Selbst wenn wir die Friday-For-Future-Kids insgeheim bestaunen, glauben wir aus unserer geschichtlichen Erfahrung nicht ans dauerhafte Reüssieren. Irgendwo und überall wird immer wieder irgendwelcher Märtyrern gedacht, deren Namen den  nachkommenden Generation längst nichts mehr sagen.

Wer sich interessiert, der wird feststellen, dass es überwiegend  junge Menschen waren, die sich für eine Idee hingaben. Leute meines Alters opfern sich nicht mehr, dabei würde sie die noch verbleibende, meist kurze Lebenserwartung ja geradezu als Opfer prädestinieren. Stattdessen erklimmen verhaltensgestörte Altersgenossen in der Vor-Demenz irgendwelche Machtpositionen von denen aus sie den Weltfrieden wieder und wieder in Gefahr bringen. Sie machen das vermutlich, um sich zu spüren, weil ihnen ansonsten der Spürsinn abhanden gekommen ist.

Was ist das für eine Lebensphase, in der man lieber kontempliert, als auf die Barrikaden zu gehen?
Es ist eine Lebensphase der Angst, eine Endzeit, die einem durch ihre kurze Perspektive schon lähmen kann. In meinem persönlichen Umfeld sind alle Gleichaltrigen hyperaktiv, und sind selbst nach schwersten Operationen nicht klein zu kriegen. Das wirkt auf mich und meine Wehwehchen geradezu einschüchternd, und ich fühle mich abgehängt, weil ich mein Phlegma niemandem vernünftig erläutern kann.

Nicht immer ist der Weg das Ziel und schon gar
nicht der Anfang vom Ende
Claus Deutelmoser: "Einsame Straße"
Aquarell auf Bütte
Wenn ich jetzt sage, ich nütze meine verbleibende Zeit lieber zum intensivieren Nachdenken, als mich Schmerzen und Stress auszusetzen, dann unterstellte ich damit gleichzeitig den Aktiven, sie dächten nicht nach. Das will ich nicht.
Dass das Alleinsein mit den Gedanken durchaus auch ohne Ziel zielführend sein kann, ist eben nur persönlich und schwer zu vermitteln.

Man muss dazu aber nicht gleich sterben. Eines der schönsten Bücher zu diesem Thema ist das Buch das Falco Terzani mit seinem Vater Terziano in Interview-Form erarbeitet hat: "Das Ende ist mein Anfang". - Brillant und authentisch verfilmt mit dem unvergleichlichen Bruno Ganz.

Bei der Vermittlung
von Glauben, machen sie sich
gerne die Hände schmutzig
- die Jesuiten
Claus Deutelmoser:
"Sempre Mani Politi" Acryl auf Karton
Ich wünschte, ich könnte heute noch so meditieren, wie ich es als junger Mann gelernt hatte. Nachdem mich mein Englisch- und Deutsch-Lehrer, ein Jesuiten-Pater, der dem Begriff des Soldaten Gottes sehr nahe kam, aus dem Glauben katapultiert hatte, machte ich von Berufs wegen über Asiatische Kampf-Kunst und meine speziellen Reisen in den Fernen Osten Erfahrungen mit Zen und Yoga. Es funktionierte  - glaube ich - nur weil ich noch so jung war und bis dahin wenig Prägendes erlebt hatte.

Die Voraussetzung für Meditation ist ja, dass man sein Hirn mehr oder weniger von allen Gedanken befreit, um die Leere mit Erleuchtung zu füllen. Ich machte wirklich tolle Erfahrungen in diesen Momenten, die ich ja leider auch mit niemandem teilen konnte. Aber Erleuchtung habe ich leider nicht erlangt. Eher das Gegenteil.

Heute weiß ich über dieses "isolierte Denken", dass es einen auf verführerische Wege leitet, die nicht unbedingt etwas mit Erinnerungen zu tun haben müssen. die aber von einer großen Fülle von unterschiedlichen Erfahrungen während des Denkens torpediert werden. Das kann zum Fluch werden.
Wem die Stunde schlägt, dem bleibt keine Zeit mehr zum Nachdenken
Foto: Claus Deutelmoser

Montag, 24. Juni 2019

Die toten Träger von San Giovanni

Bei der Prozession
um die Basilika
San Giovanni in Oneglia
herrscht natürlich kein
Mangel an Trägern
Heute an San Giovanni kommen immer Erinnerungen hoch. Der Heilige Johannes ist hier in der Provinz eine ganz große Nummer - so wie Kolumbus in unserem Borgo:

Hätte einer gedacht, dass ich die mich ständig wegen meiner Ungläubigkeit tadelnde Signora Elsa mal vermissen würde? Aber an San Giovanni fehlt sie an allen Ecken, Winkeln und Enden der Gassen.
Niemand sammelt mehr die Seelen für die spärlichen Gottesdienste in den meist verwaisten fünf Kirchen unseres Burgdorfes ein. Niemand organisiert den Pfarrer für den alljährlichen Haus-Segen.
Aber schlimmer noch: Niemand trommelt mehr die Träger zusammen, die unsere eigene Skulptur von Giovanni wenigstens zu einer Mini-Prozessions-Runde an die frische Luft bringen...

Signora Elsa wird vom staatlichen Gesundheits-System seit über einem Jahr für eine Schweinesumme gefangen gehalten, obwohl sie sich bei ihrem Vermögen fürs gleiche Geld leicht eine private Pflegekraft im eigenen Haus leisten könnte. Wie zum Beispiel unser unverwüstlicher Museums-Kurator Ugo, der sich hier oben von stets ausgewählt hübschen jungen Frauen mit 94 immer noch zur Arbeit führen lässt.

Und dann noch eine Herausforderung an Elsas standhaften Glauben. Nun teilt sie sich im Altersheim ausgerechnet mit ihrer ungeliebten Schwester aus dem Hauptort ein Zimmer.

Der Sohn der zweiten und fürsorglicher Neffe der ersteren, muss jetzt zwei Häuser regelrecht versorgen. Der Fredo ist unser Frantoio, der Ölmüller. Ein Attraktiver Mittvierziger mit einem melodiösen, weithin zu erkennenden Bariton.  Er hat wohl wegen seiner Fürsorglichkeit Junggeselle bleiben müssen.

Schwund ist! Signora Elsa fände gar keine Träger mehr. Die alten Recken sind alle tot. Und junge finden sich in diesen gottlosen Calvini-Zeiten auch nicht mehr. Hier oben wohnt zur Zeit keine Familie mit Kindern, und es fehlen junge Leute. Vielleicht ein Indiz für den neuerlichen Tod dieses kleinen Gemeinwesens, weil sich ausländische Neu-Käufer trotz attraktiver, leer stehender Häuser derzeit wegen des ungewissen politischen Klimas zurück halten. Wer will sich schon unter General-Verdacht begeben und sich gezielten Gerüchten aussetzen?

Was ich jetzt schreibe, ist nicht ganz ernst gemeint.
Aber fragte mich die Gemeinde um den Rat eines alten PR-Profis. Ich würde aus der Burg im Handumdrehen einen Wallfahrtsort machen. Ist doch egal, ob Kolumbus tatsächlich hier geboren wurde. Die Leute wollen glauben!

Wenn unser Brunnen als Kolumbus-Quelle wieder die heilende Wasser-Qualität hergibt, wegen der die Leute noch vor ein paar Jahren - vor der Wasserbewirtschaftung - mit Kanistern hier hoch gepilgert sind. wenn die - dank Ugos Spenden - so prachtvoll renovierte Santa Anna an der oberen Piazza als Tauf-Kapelle des Weltumseglers zu besichtigen ist und wenn es Kolumbus-Devotionalien aus heimischer - nicht chinesischer - Produktion zu kaufen gibt, dann werden die Kreuzfahrt-Schiffe vor Imperia in Flottenstärke vor Anker gehen. Zu lösen wären dann allerdings Parkplatz-Probleme und Speisung der 500. Vielleicht durch einen Kolumbus-Shuttle und eine Cantina Cristoforo Colombo. die typische ligurische Speisefolgen anböte und dazu Wein von den heimischen Winzern, die nicht mehr pleite gehen müssten...
Natürlich müsste die
Via Cristoforo Colombo
noch ein wenig
authentisch aufgehübscht
werden

Ich selbst würde dann als einen Beitrag meinen dritten Taufnamen Johannes in Giovanni wandeln lassen und auf der Piazza in Zusammenarbeit mit dem Musik-Professoren-Paar das Singspiel "Columbus Nella Vasca Del Bagno" inszenieren... Lese-Beispiel?

Kolumbus im Badezuber
Plitsch, platsch Badefass
Kolumbus macht die Stube nass
Ist ein großer Wasser-Held
Bereist mit ihm die ganze Welt

Meiner ersten Schulfibel entlehnt

Verteilerkästen und Haus-Schilder
sind schon mal ein kultiger Anfang








Freitag, 21. Juni 2019

Das genaue Gegen-Bauhaus

Die Überlegung zu diesem Post treibt mich schon die ganze Zeit hier um. Gerade weil heuer ja der 100. Geburtstag der Gründung des Bauhauses in Weimar begangen wird, wäre es an der Zeit. Ich möchte heute den Baumeistern, die in unserem Burg-Haus hier über die Jahrhunderte ihre schöpferischen Spuren hinterlassen haben, ein paar Zeilen widmen.

Zunächst fällt mir natürlich das Kinder-Lied vom alten Haus von Rocky Docky ein. Wie seines hat unseres auch viel erlebt und es ist kein Wunder, dass es wackelt und auch bebt... Aber die Baumeister von einst haben wegen der Erdbeben hier eben gleich die berühmten, mit Eisen-Seilen verbundenen Anker an seinen Ecken eingesetzt. Die haben das Haus bis heute zusammen gehalten, aber diverse Verformungen konnten sie nicht verhindern.

Das einzige, was ein wenig Bauhaus
wäre, ist die von Baumeister Berthold
2005 erschaffene Treppe mit
Begrenzungsmauer
So wurde aus Casanna, - auch unter den Namen Casa della Francesa  bekannt - das genaue Gegen-Bauhaus. Selbst beim besten Willen ist hier kaum ein rechter Winkel zu finden, und Fenster wurden in seinen Fronten nach Gutdünken verteilt. Ein Blick in den Maler-Winkel im Keller, den ich an unerträglich heißen Tagen aufsuche, offenbart einen der Gründe für die Überlebensdauer:

Fels, auf dem gebaut
werden konnte:
mein Maler-Winkel
im nackten  Gestein
Da muss ich immer gleich an Simon Petrus aus Galiläa und die Bibel denken: "Auf diesen Fels möchte ich mein Haus bauen.." Tatsächlich ruht fast das gesamte Fundament auf einem Fels-Kamm. Durch einen Spalt könnte gar die Nachbarin belauscht werden, die versetzt jenseits des Felsen ihr Schlafzimmer hat. On y soit qui mal y pense! Die einst wilde Sammlerin buntester Jogging-Anzüge hat ja ihren Männer-Konsum durchaus eingeschränkt.

die Piazza-Front
wölbt sich nach außen,
Die Gassen-Front
neigt isch bedächtig,
Mit jedem Erdstoß haben sich die derart gestützten Außenmauern zwischen den Ankern verformt und wurden dann wieder durch ergänzendes Mauerwerk gestützt. So ist der ursprüngliche Wohnbereich über drei Etagen eher mandelförmig und nur die jeweils angebauten Zimmer  und die Dach-Terrasse weisen tatsächlich einigermaßen rechte Winkel auf. Die einstigen Trockenmauern wurden hie und da gestützt und verputzt, was eben auch die meterdicken Mauern erzeugte; toll im Sommer, ein Vermögen an Heizung verschluckend im Winter.

So alt und krumm es ist, wird es dennoch abgöttisch von der ganzen Familie geliebt und bleibt hoffentlich eine Weile noch Unterschlupf für unsere Sippe.
Und an der
gesamten
Ostfront gibt es nur
ein Giebel-Fenster

Mittwoch, 19. Juni 2019

Wenn Vögel im Dialekt singen

Einen Vogel haben, ist nicht schwer, Ornithologe sein dagegen sehr! Dabei muss einer heute ja nicht einmal einer sein und auch nicht mühselig getarnt im Unterholz mit seinem Spektiv auf Vogel-Bestimmung ansitzen.

Das Internet bietet Plattformen ohne Ende - zum Teil in beeindruckend detaillierter Qualität. Und dennoch hörte meine Frau vor ein paar Tagen mein entnervtes Stöhnen:
"Bin ich froh, dass ich kein Ornithologe bin!"

Geschlagene drei Stunden hatte ich zuvor deutsche und italienische Webseiten durchstöbert, um ein Piepmatz-Paar zu bestimmen, dass uns schon bald nach unserer Ankunft jedesmal anmeckerte, wenn wir unsere Haustür aufmachten oder gar die Piazza betraten. Von rechts und links erhob sich das Pöbeln, um offenbar vom frisch belegten  Nest abzulenken. Dabei veränderten sie jeweils blitzschnell ihren Standort wie der Jedermann-Rufer bei den Salzburger Festspielen. Das heißt, sie waren immer in Bewegung und dadurch auch nicht richtig zu erkennen. Das Bild, das ich mir von ihnen machen konnte, resultierte aus Bruchstücken von Farbe und Körper-Positionen. Einmal kurz im Sonnenlicht gab es den entscheidenden Hinweis. Als ich aber auf der folgenden Webseite - übrigens die beste und umfangreichste - fündig wurde, hatte die Stimme dort mit dem Gesang unseres Duos wenig zu tun.


Also doch eine Fehlbestimmung?
Auf einer ähnlichen, italienischen Webseite hörte sich der genauso dargestellte Hausrotschwanz nur entfernt so an, wie er wohl in Deutschland klingt. Der Codirosso Spazzacamino klang aber in Teilen seiner Partitur genau so wie unsere beiden "Burgsänger", die gerade schon wieder brüten. 

Weil die Brutdauer nur 14 und die Befütterung bis zum flügge Werden nur bis zu 17 Tage in Anspruch nimmt, ist der Hausrotschwanz bei all den aussterbenden Arten ein Erfolgsmodell. Seine enorme Verbreitung im Mittelmeer-Raum verdankt er auch der Tatsache, dass er ein Kurzstreckenzieher (Wikipedia) ist, der bei entsprechenden Bedingungen auch zum Standvogel wird.

Das hat mich zu folgender Überlegung gebracht: Was, wenn die Kerlchen hier in Ligurien zuviel Trallalero aus den Häusern, über denen sie wohnen, gehört haben? Der traditionelle Acapella-Wechselgesang der Genoveser mit den prägenden Kopfstimmen weist durchaus Elemente auf, die sich im Lied unseres einheimischen Hausrotschwanzes erkennen lassen:


Sing zum Abschied leise Hooorstl!!!*****
Wieso gehen wir Menschen überhaupt davon aus, dass Vögel nicht in einem regionalen, heimischen Dialekt zwitschern?

Jetzt, da ich sie bestimmt habe, werde ich in München auch mal meine Lauscher öffnen, um herauszufinden, ob der bayerische Hausrotschwanz nicht einen eigenen Dialekt sänge, der von "Vogelstimmen.de" abwiche...Nicht auszudenken, wenn sich da Elemente von Seehofers Vogelfänger-Gesäusel wiederentdecken ließen!