Montag, 17. Juni 2019

Denunciare

Ein Blick in die Historie der Gemeinde, in der wir hier zu Gast sind, zeigt, dass immer wieder gleiche Familien-Namen als Bürgermeister auftauchen. Heuer hat es bei den Kommunalwahlen ein Ergebnis für den neuen Sindaco gegeben, auf das auch Franz-Josef Strauß seinerzeit stolz gewesen wäre:

Mit 342 gegen 25 gültige Stimmen wurde der Nachfolger von unserer Schönheitskönigin, die zwei Amtszeiten absolviert hat, wieder aus einer Familie mit großem Namen gewählt. Der gleiche Name, den schon der Vor-Vorgänger der eitlen Rechtsanwältin trug. Der Giovanni, der heute regiert, war schon 1990 bis 2004 für drei Amtszeiten Bürgermeister...

Das Feindbild der ansonsten recht wirkungslosen Politik der wenig diversen Administrationen ist allerdings das Alte geblieben. Und dazu braucht es keinen Matteo Salvini, der sein braunes Gift neuerdings in Richtung Deutschland verspritzt. Denn es sind die bösen Ausländer, vornehmlich die Deutschen Hausbesitzer im Wehrdorf, die die Gemeinde daran hindern zu erblühen.

Der neue Bürgermeister will gleich verschärft einer anonymen Anzeige nachgehen, die die ausländischen Hausbesitzer bezichtigt, schwarz an Feriengäste zu vermieten; also dafür keine Steuern abzudrücken.
Wie es ist, wenn man wegen Denunziationen
in Italien vor Gericht landet, erfährt gerade
ein italienischer Freund von mir.
Egal, ob Schuld oder Unschuld - es zieht sich hin!

Denunciare hat im Italienischen nicht annähernd die Schärfe wie es das Denunzieren in Deutschland hat. Es kann auch nur eine einfache Anzeige bezeichnen - ohne bösartigen Hintergrund. Hier oben auf der Burg bekommt das aber gerne mittelalterliche Züge:
La Denuncia passt zu unserem mittelalterlichen Dorfbild

Der Deutsche X hat seine Terrasse zum Wohle aller und zum Banne der Gefahr des Einsturzes alter Trockenmauern umgestalten lassen. Schon kommt eine "anonyme" Anzeige, weil der verantwortliche Baumeister die Gestaltung nicht angemeldet hat: Geldstrafe plus Nachreichung des Progettos in Form einer offiziell abgestempelten Blaupause. An der verdient der bestallte Geometra der Gemeinde.
Im Zweifel eine Win-win-win-win-Situation...

Es geht aber auch anders herum: Eine alt eingesessene einheimische Hausbesitzerin an der oberen Piazza hat ihre zwei Balkone eigenmächtig zu einem umgestaltet. Das hat einem Deutschen nicht gefallen, den diese Dame zuvor wegen eines illegalen Tür-Vordachs angezeigt hatte.

 Und dann die Streitereien, wer für die Reparatur welcher maroden Stützmauer zu zahlen hat. Die Bürgermeisterin der vergangenen Legislatur-Perioden war ja Rechtsanwältin, die ihren Job ja beibehalten durfte und nicht schlecht an solchen Streitigkeiten verdient hat. Im übrigen erklomm sie die steilen Treppen nur wenn sie mit der malerischen Schönheit der Burg, ihren Plätzen und Gassen offizielle Besucher beeindrucken wollte.

Der neue Sindaco ist Ingenieur im Hauptberuf. Mal sehen, was dem zur  Gewinn bringenden Selbstbeschäftigung so alles einfällt. Der Angriff auf die ausländischen Hausbesitzer jedenfalls könnte sich als Querschläger aufs eigenen Wahlvolk erweisen. Hätte er in seinen bisherigen Amtszeiten mal die Häuser der Ausländer angeschaut, dann hätte er festgestellt, dass diese derart individuell gestaltet und eingerichtet sind, dass man in die außer Familie bestimmt niemanden zum Wohnen lässt. Aber zur verbalen Erfüllung des Wahlprogramms taugen sie auch nicht recht. Denn die Ausländer drücken ja zumindest ihre IMU ab, während es schwer fällt trotz teils unerhörtem Reichtum, hier oben freiwillige, einheimische Steuerzahler zu benennen...

Seit zwei Jahrzehnten schließe ich die Augen vor diesen Nickligkeiten. Sie sind es nicht wert, sich die einzigartige Atmosphäre hier verderben zu lassen. Was hinter unseren Rücken über uns an Gerüchten verbreitet oder gelästert wird, ist auch egal, so lange alle dann wieder beim von uns zusammen getrommelten "Cena in Piazza" friedlich vor unserer Tür zusammen sitzen.

Die Fahndung nach vermeintlich vorenthaltenen Steuern der Ausländer wird in erster Linie, die einheimischen Vermieter ins Visier der Guardia di Finanza rücken.
Bin mal gespannt, wie lange es dauert, bis dem Bürgermeister von diesem Post gesteckt wird?
Denuncia nescesse est!
Unser Cena in Piazza bringt stets Freund und Feind sowie alle ansässigen Nationen zusammen

Donnerstag, 13. Juni 2019

Hingabe

Natürlich werde ich mir heute - in dem Jahr, in dem ja die Errungenschaften der Emanzipation gefeiert werden - unter meiner weiblichen Leserschaft heftige Proteste einhandeln. Denn ich behaupte aus lebenslangen Beobachtungen heraus, dass Frauen grundsätzlich das Gen für Hegen und Pflegen in sich tragen.

Auf der Piazza unter dem Fenster von meinem Arbeitszimmer erhalte ich da mindestens zweimal wöchentlich ein demonstratives Beispiel, das mich in dieser eindeutigen Macho-Ansicht bestärkt.

Wir haben es gut getroffen mit dem gegenüber wohnenden Musik-Professoren-Paar. Sie lieben die Piazza genauso wie wir und sind in unserer Abwesenheit Garant, das alles so schön weiter wächst und blüht, wie wir das gemeinsam gestaltet haben. Beide sind exakt in unserem Alter, und dass wir Kunstgeschmack und politische Einstellung teilen, macht die Nachbarschaft umso leichter.

Wenn Piero sich mit seiner Karl-Valentin-Figur und seinen schlechten Augen (die hoffentlich nach der Operation am Samstag besser werden) zu den Pflanzen beugt, könnte er Modell für den Biedermeier-Maler Carl Spitzweg gestanden haben. Das ist ein wahrhaft ruhiger kontemplativer Anblick.

Seine wirbelnde Marcella ist vom Temperament her das krasse Gegenteil. Sie bezieht alles  und jeden in ihr fürsorgliches Herz ein. Sie ähnelt sehr meiner Frau - nur ist sie tatsächlich noch kleiner. Eine zierliche Miniatur aus feinstem Porzellan, an der das Alter von ihr geschickt ausgeblendet wird. Das haben die Italienerinnen einfach drauf. Haare bis zum Po, Schuhe mit hohen Absätzen - selbst auf der Piazza.

"Hingabe" Aquarell mit Paint-Programm
Seit ich weiß, was sie aus diesem zierlichen Körper beim Singen für einen Stimmumfang generiert, traue ich ihr als Fan nahezu alles zu. Ganz zu allerletzt ist die eremitierte Gesangslehrerin  aber ein "Frauchen". Ich weiß und höre, dass sie gerne mit Klang-Schalen oder entsprechender Musik meditiert, aber auf der Piazza werde ich nicht aus ihr schlau. Mindestens zweimal pro Woche höre ich in meinem leichten Schlaf  früh morgens ein permanentes: Sch! sch! sch! Schrapp!!!

Dann weiß ich, Marcella ist wieder voller Hingabe am Fegen der geradezu klinisch sauberen Piazza. Sie ist so vertieft, dass sie nicht hört, dass ich hinter ihr das Fenster öffne. Aber ansprechen tue ich sie nicht, weil ich ja nicht weiß, ob das Fegen eine Vertiefung der Gedanken im Zen ist. So werde ich notgedrungen zum stillen Voyeur ihres transzendentalen Outfits: Abgeschnittene Jeans, die ihre Pobacken hochschnallen, die durch Absätze verlängerten Barbie-Beine und die stets nach vorne gebeugte Haltung obwohl Besen und Kehrschaufel beide ausreichend lange Stiele haben, um sie aufrecht zu benutzen...

Als Piero die Szene betrat, zog ich mich diskret zurück, aber ich hörte sie reden. Als ich nach einer Weile wieder auf die Piazza hinunter schaute, hatte sie etwas längere Hotpants an und fegte exakt den gleichen Abschnitt, den sie zuvor schon lupenrein behandelt hatte...

Damit ich dieser männlichen Perspektive etwas entgegen setze:
Gestern begannen auf dem Kai des alten Hafens die Aufbauarbeiten für die "Fiera San Giovanni". Ein Dreifach-Zelt ganz am Anfang stellt gefühlte tausend technischer Kleinteile aus. Kein Mann ging da einfach so vorbei. Jeder blieb stehen und studierte das Angebot versonnen.

Ich fragte meine Frau, ob sie jemals den Wunsch verspürt hätte, einen Bulldozer zu steuern oder einen Kran zu führen.
Sie sagte nur:
Geh in den Schatten!

Mittwoch, 12. Juni 2019

Die Liebe im Wandel

Neulich kamen wir im Kreise jüngerer Paare auf die Dauer unserer Beziehung und Ehe zu sprechen. Wie immer reagierten meine Frau und ich mit gequälten Witzen zu den gemeinsamen über fünf Jahrzehnten, die hinter uns liegen. Es ist uns vielleicht peinlich, wo doch heute die Ehe auf Zeit propagiert wird.

Die Paare  - zum Teil seit kurzem verheiratet oder einfach nur miteinander lebend - machten sich keine Illusionen darüber, dass das lebenslange ein Bündnis von gestern sei, und selbst gemeinsame Kinder durch diverse, errungene Mechanismen damit schon klar kämen. In der Tat waren meine an ihrer Schule noch so ziemlich die einzigen, deren Eltern nicht geschieden waren.

Gut, auch wir sind die Ehe nicht im Glauben "bis dass der Tod uns scheide" eingegangen. So, wie wir uns vom ersten Moment unserer Beziehung zum Teil auch in der Öffentlichkeit gefetzt haben, konnte ja keiner von Dauerhaftigkeit ausgehen. Aber unterschwellig war wohl immer der Willen zum Erhalten der Verbindung da: Beim Ringen gegen die lange Kinderlosigkeit, beim Eingehen von beruflichen und später geschäftlichen Risiken, bei der von vielen Klippen erschwerten Erziehung unserer Heranwachsenden.

Am Ende jedes Ringens war da ein Konsens, der uns dann noch enger zusammen schmiedete, gar glücklicher machte.

Das Alter bringt es jetzt mit sich, dass man häufiger zurück denkt. Hätten wir da und dort an einer Gabelung einen anderen, vielleicht besseren Weg einschlagen können?

Wer weiß das schon im Nachhinein? Aber was wir  aus der langen  Ehe gelernt haben, sind folgende Fakten:

Den Partner für so eine lange Reise zu finden, ist mehr als ein Sechser im Lotto.
Die Liebe der ersten Jahre erfährt unabdingbar einen Wandel und muss sich dann neu definieren.
Die neuen Ebenen der Liebe erreicht man nur durch harte Arbeit an der Beziehung.
Ob das vielleicht ein Rezept war?
Das Ja-Wort gaben wir uns erst nach acht Jahren,
die Kinder kamen noch vier Jahre später...
Erst im ruhigen Wasser vor der Mündung des Lebensflusses ins Meer der Vergänglichkeit können wir endlich mit dem Rudern aufhören, den Kopf heben und den Partner voller Innigkeit anschauen. - Selbst wenn dann gleich wieder darüber gestritten wird, wer das Steuern übernimmt.

Die Zweitbeste, die Fürsorglichste und die Sparsamste - wie ich meine Frau in diesen Blogs gerne bezeichne, liest die nie. Deshalb kann ich mir diese Reminiszenz auch leisten, ohne von ihr  als zu sentimental bezeichnet zu werden...

Ich habe das hier ja auch nur geschrieben, weil wir beide vor vier Tagen das Datum unserer ersten Küsse  erstmals nach 52 Jahren  übersehen und zu erwähnen vergessen haben..

Montag, 10. Juni 2019

Die Scheißhaufen-Verschwörung

Normal bin ich einer, der Verschwörungstheorien - gleichgültig von welcher Seite - immer müde belächelt hat. Aber irgendetwas muss passiert sein, dass Politik weltweit gleichzeitig nicht nur an den Grundfesten von bestehenden Demokratien rüttelt, sondern Rechtsstaatlichkeit mit Bulldozer-Rhetorik einfach überrennt.

Dass Trump nicht nur der Spiritus Rektor und Initiator dieser Manipulationen ist, dessen Handeln innenpolitisch offenbar unantastbar ist, bringt mich zu der Überlegung, dass das epigonische Handeln anderer Polit-Schurken doch geheimdienstlich vorbereitet wurde.

Ist es wirklich möglich, von kaum messbaren oder gar manipulierten Mini-Mehrheiten den Willen der Völker derart abzuleiten, dass daraus Verstöße gegen geltendes Recht und Gefahren für längst erworbene Freiheit werden?

Trump lügt, betrügt und unterdrückt seine Missetaten derart nachhaltig, dass er daraus seine Unantastbarkeit ableitet, die ihm freie Hand für angeblich staatstragende Erpressungen gibt. Hauptsache, die Mehrheit des Stimm-Viehs daheim jubelt begeistert. Er greift dabei nun auch unverhohlen in die Krisen-Politik  anderer Staaten ein. Mit nur dem einen Ziel: Europa zu destabilisieren.

Auf einer Linie: Die Staaten der Scheißhaus-Verschwörung
Der potenzielle Aspirant Boris Johnson als Nachfolger von Theresa May, der nichts unversucht gelassen hat, die Position seiner Partei-Kollegin aus eigener Machtgier zu schwächen, wird darob nicht nur von Trump gelobt und unterstützt. Er folgt auch dessen Rat,, seine Vertragspartner zu erpressen, indem er Zahlungen verweigert, für die das Land seiner zukünftigen Regentschaft einst Leistungen erhalten hat. Dass er dabei mit Zahlen jongliert hat ,die nachgewiesener Maßen falsch waren, (wie Trump bei "seiner" Mexiko-Krise)  wird ihm nun von einem hörigen höheren Richter nicht weiter angelastet. Bahn frei für den britischen Brexit-Trumpismus!

Wenn Erpressung und Unwahrheit aber das politischen Weltklima beherrschen, wer wird dann noch Putin weiter die völkerrechtswidrige Annexion von Teilen der Ukraine vorwerfen können? Und wer hält Erdogan dabei im Schach, wenn er die Kurden mit russischen Raketen vernichten will?

Und was könnte man dem Iran noch vorwerfen, was die USA und Saudi Arabien nicht schon längst angezettelt und sanktioniert hätten?

Wenn all die Schurken gleichzeitig auf die Kacke hauen, wird über kurz oder lang auch Europa im Unflat untergehen.

Na denn - gute Nacht! Vielleicht lassen sich ja zu Pfingsten die Feuerzungen des Heiligen Geistes noch einmal zur Renaissance der Eintracht entfachen...
Quelle:Pinterest

Freitag, 7. Juni 2019

Stoßgebet an den Polit-Clown

Clown mit der Maske oder Bote aus Dantes Inferno?
Ciao Beppe! Kannst du wirklich noch ruhig schlafen?
Mit Witz und Wort-Gewalt hast du die alte Politik verhöhnt.
Jetzt wirst du dafür wohl noch das ganze Land bestrafen...
Wie war, was du jetzt gewährst, vor kurzem noch verpönt.
Die Cinque Stelle wolltest du als politisches Prädikat,
Doch jeglicher Populismus war noch nie für's Volk.
Jetzt öffnet er die Tore wieder zum politischen Diktat.
Im Halse stecken bleibt mir da dein schlimmer Ulk!



Avanti Beppe! Steh endlich auf gegen die Folgen deiner Worte!

Für den Wechsel eines falschen Kurses ist es doch nie zu spät.
Mach Schluss mit dieser Koalition aus der faschistischen Retorte,
Die nur Streit, Missgunst und Zwietracht in deinem Volke sät.
Von weit links zu starten, um ultra rechts im Schrecken zu enden:
Der Duce hat es doch schon einmal blutig vorgemacht.
Vielleicht hören sie noch auf dich, um das Unheil abzuwenden.
Denk an Bella Italia und nicht ans Regieren in finsterer Nacht!



Forza Beppe! Wolltest du wirklich diese Art von Macht?

Verwerflich, wenn sich das Ego ins eigene Wort verliebt!
Aber im Rausch der Sinne hast du wohl nicht bedacht,
Dass Geschichte dem Populisten nie und nimmer vergibt.
Deshalb besinn dich auf dein sprachliches Talent
Und die Fähigkeiten als Italiens  "numero uno Arlecchino",
Damit der Stiefel nicht von Nord nach Süd  verbrennt.
Gut für Europa wär' ein Happy-End wie einst in eurem Kino...

Dienstag, 4. Juni 2019

Sajit kocht

Wenn ich mich in meinen Schwiegersohn hinein versetze, wird mir erst wieder bewusst, was nicht nur wir- seine Familie -, sondern seine neue Welt insgesamt ihm alles abverlangen.

Mit meinem Sarkasmus war ich vielleicht kein idealer Starthelfer, aber er deckte zumindest seinen Humor und seinen Behauptungswillen auf. Als er zum ersten Mal mit meiner Tochter, die sein  Kind erwartete, auf die Burg kam, wussten wir eigentlich nichts über ihn. Außer, dass er aus Nepal stammt und sein Studium der Elektrotechnik an einer bayrischen Universität abgebrochen hatte, um Koch zu werden.
Als er im Dunklen ihr Gepäck über die Piazza schleppte, rief ich von der Seite:
"Bist du der Sherpa, den wir für hier oben bestellt haben?"
Und er antwortete: "Ja, Master! Soll ich noch etwas hochschleppen?"
Ich konnte nicht anders, als ihn sofort in die Arme zu schließen: ein bildschöner, junger Mann, ein fragiler Modell-Athlet. Wenn es für Schwiegersöhne so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gäbe, dann war sie das.

Inzwischen sind über vier Jahre vergangen, unser Enkel ist im Kindergarten, und unsere Tochter arbeitet wieder. Sajit kocht.

Innerhalb kürzester Zeit hat er sich in München mit seinen Crossover-Kreationen einen Namen gemacht, aber er scheint noch immer nicht an seinem Ziel angelangt zu sein.

Langjährige Leser meiner Blogs haben sich vielleicht gewundert, wieso ich kaum noch Rezepte von mir poste. Das hat einen einfachen Grund. Sajit greift manche meiner Ideen auf und macht sie im Handumdrehen durch feine Veränderungen nicht nur besser - er hebt sie quasi in den Gourmet-Himmel. Was soll ich da noch sagen - außer, dass zu viele Köche einfach den Brei verderben...

Am vergangenen Wochenende wollten Nachbarn unbedingt eine Fleisch-Orgie vom Grill. Sajit war für das vergangene Halbjahr der Meat-Master im angesagtesten Steak-House von München. Nun weiß er auch alles über Fleisch. Er liest es regelrecht und wendet Tricks an, von denen ich bislang nichts wusste. Unsere Quelle hier in Ligurien ist zwar nicht schlecht, aber an die Produkte seiner Lieferanten kommt dieser Metzger-Betrieb nicht heran. Obwohl wir vorbestellt hatten, um es maturieren zu lassen...

Deshalb blieben mir vor allem zwei kleine Dinge in ihrer Einfachheit in Erinnerung:

Ein Carpaccio aus Cuore-di-Bue-Tomaten beträufelt mit einem Pesto, bei dem die Blätter nach dem Fermentieren noch sichtbar waren. Dann hatte er das mit Burrata (das ist der abschöpfbare Schaum, der bei der Herstellung von Mozzarella ensteht) betupft und mit frisch gerösteten Pinien-Kernen bestreut. Mit unserem unverschnittenen Öl vom Nachbarn eine perfekte Komposition!

Sein Bohnen-Salat zum Fleisch war auch so eine Simplizität:
Die breiten Bohnen in kleine Karos geschnitten und mit weißer Zwiebel etwas länger bis zur Knackigkeit blanchiert. Dann das ganze zu weich gerösteten Speck-Würfeln in die Pfanne gegeben. Kurz mit Zitronen-Saft in unserem Extra Vergine geschwenkt. Lauwarm (tiepido) serviert mit frischem Peperoncino geschärft. Bombe! - Selbst kalt noch einen Tag später ein von mir schnell verputzter Genuss.

Mancher mag jetzt denken: Da ist der Kerl bei denen im Urlaub und steht wieder ständig am Herd.
Antwort: Er ist einfach nicht abzuhalten.
Wenn es einen Beleg für die Leidenschaft beim Tun bräuchte, dann wäre das Sajit.
Sobald er ein Angebot sieht, das seine Koch-Phantasien anregt, dann schlägt er zu. So kam er für uns viereinhalb Personen einmal gleichzeitig mit einem halben Zicklein und einem 3-Kilo-Branzino zurück. Der Laden-Preis des mediterranen Kult-Fisches, der so groß nicht aus der Zucht kommt, betrug selbst im Vergleich zum EK beim Münchner Fisch-Importeur seines Vertrauens gerade mal 30 Prozent.

Das Zicklein-Curry war nur eine der Speisen, die vorrangig sein gelegentliches Gaumen-Heimweh besänftigen sollte. Sajit muss mehrmals am Tag essen. Er ist ein außergewöhnlicher "Verbrenner" und dabei doch so schlank. Beneidenswert!
 Der Branzino ergab penibel zerlegt und kalt gestellt sechs nahezu von Gräten befreite, große Steaks. Die briet er am Tag darauf derart gekonnt auf der Haut, gerade so, als sei der Fisch erst eben in die Pfanne gehüpft. Eine Qualität der Fisch-Zubereitung wie wir sie in 20 Jahren hier selbst unten am Meer noch nie aufgetischt  bekommen haben

Da ist es doch kein Wunder, dass ich den Kampf um den Herd, um ihn zu entlasten, längst aufgegeben habe.

Leider vergisst er aber, dass die Küche  unserer mittelalterliche Bruchbude an kalten Tagen schlecht zu entlüften ist. Vorgestern ist die kleine Familie abgereist und heil in München angekommen.

Der Geruch des Zicklein-Currys wird uns noch ein paar Tage auf allen Stockwerken an sie erinnern...


Montag, 3. Juni 2019

Zeitvertreib

Kapitän seiner eigenen Zeit zu
sein, bleibt ein Kurs
auf Lebenszeit
Irgenwie ist der Alters bedingte Ausgang eines normalen Lebens unverständlich geregelt: Während die letzten Jahre in vermeintlich höherer Geschwindigkeit dahin rauschen, haben wir Alten alle Zeit der Welt, die wir ja eigentlich super nützen könnten. Stattdessen sitzen wir auf den hart gewordenen Bänken der "Endstation Sehnsucht" und warten auf den "Zug nach Nirgendwo".

"Das Ende naht" ruft der Beamte vom Bahnsteig, und die Wartenden sind froh, wenn er wieder mal nur einen langen Güterzug auf dem Weg nach "jenseits von Eden" meint.

Ja, wir könnten noch soviel machen, wenn der schmerzende Körper und die nachlassende Konzentrationsfähigkeit mitmachten..

"Such dir einen Zeitvertreib!" Rät meine an Ratschlägen reiche Tochter. Für einen Moment will ich mich allein schon gegen das Wort auflehnen.

"Zeitvertreib?" Wie kann man etwas vertreiben, was nicht eigens definiert, Wirkung auf unser Gehirn hat. Setzen wir Lichtgeschwindigkeit, gegen die Wahrnehmung einer Eintagsfliege. Nehmen wir diese saudumme Sommerzeit, die auf den fragwürdigen Zeit-Begriff noch eines drauf setzt! Einstein bezeichnete die Zeit als Erfindung des Menschen, der wir uns gegen eigene Empfindungen unterwerfen.

Wenn ich an den Feigenbaum auf unserer Terrasse in 14 Metern Höhe denke,
erreichen demnach  auch Schnecken stets ihr Ziel
Zumindest mir geht es so. Noch nie hatte ich mit einer Zeit-Umstellung so zu kämpfen wie mit der Sommerzeit in diesem Jahr. Denn auf den Winter folgte ja gar kein Sommer. Schon gar nicht seit ende März! Also lebten die meisten von uns, die nichts mehr Essentielles zu tun haben, gegen ihre tief graue Wahrnehmung.

Der Körper eines von lebenserhaltenden Arzneien Abhängigen entwickelt im Einklang mit denen eine innere Uhr. die aber wird von Staats wegen damit brutal verstellt.

Macht doch nichts! Der Alte braucht sich doch gar nicht umzustellen. Der muss sich doch auch nicht an die Zeiten halten.

Ist schon richtig. Wenn andere wegen des Jobs eine Stunde früher aus den Federn müssen, könnte man selbst leicht liegen bleiben. Aber das tägliche Leben bleibt ja auch nicht liegen. Also schluckt man seine Medikamente und spritzt seine Präparate, den lieben langen Tag nach einem neuen Rhythmus.

Und dann schlägt der alte Fahrensmann "Körper" zurück. In schmerzhaften Einzelkämpfen ringt er die Zeit-Renegaten in seinem Inneren nach und nach nieder. Als wisse er, hier auf der Burg  hat Zeit keine Macht. Und siehe da, die innere Uhr stellt sich von selbst um, als gäbe es gar keine Sommerzeit. Daran ändern auch die Kirchturm-Glocken nichts, die eine andere Zeit einläuten.

Wenn es Zeit zur Verabreichung von Medizinen  ist, sendet mein Inneres ohne Blick auf die Uhr die Botschaften. Ich bin nun von selbst wieder im alten Rhythmus der Winterzeit. Ist ja fürs Alter auch passender.

Also zurück zum Ratschlag meiner Tochter:
Zeitvertreib bedeutet laut Duden:

Unterhaltung, 
Ablenkung, 
Abwechslung, 
Zerstreuung, 
Kurzweil, 
erholsame Beschäftigung, 
Vergnügen, 
Amüsement, 
Belustigung, 
Lustbarkeit, 
Spaß, ...