Es macht keinen Sinn, in diesem Zusammenhang auf die 100 Gramm Hirnmasse, die wir Männer im Durchschnitt mehr haben als Frauen, zu verweisen. Wären die Frauen nicht erst seit Hundert Jahren in der Lage gewesen, das Joch der Männer abzuschütteln, dann hätten sie den kleinen Unterschied auch da längst überwunden.
In meiner Firma habe ich immer auf die Balance zwischen den Geschlechtern geachtet und dabei festgestellt, dass die Damen stets den zuverlässigeren Part gespielt haben. Deshalb kann ich nicht begreifen, wieso sie überwiegend im Gelände und auf den Land-Karten so orientierungslos sind. Es hat also nichts mit Machismo zu tun, wenn ich ein Erlebnis von Gestern wiedergebe:
Wir waren gestern im La Torre, einem der schönst gelegenen Restaurants von Porto Maurizio zum Mittagessen. Direkt am Zufluss des Prino der diesem westlichsten Ortsteil seinen Namen gab, und in Sichtweite eines sehr gut erhaltenen Sarazenen-Turms. Früher führte das ein bärbeißiger Franzose mit seiner Familie. Jetzt schwingt eine blonde, füllige Ligurierin das Zepter mit deutlichem Qualitäts-Zuwachs und dennoch zu Preisen, die das sonnende und badende Publikum an den Stränden ringsum auch mittags zu zahlen bereit ist...
Man möchte doch meinen, dass Damen, die in Ligurien den ganzen Tag am Strand liegen, über den Stand der Sonne genauestens bescheid wissen. Sie drehen sich ja automatisch wie die Sonnenuhr auf ihren jeweiligen Unterlagen mit.
Als der Maestrale gerade einschlief, und bevor der Libeccio ihn ablöste, zogen in der Windstille Nebel und Wolken auf. Die Sonne war gerade verschwunden, da kamen drei Strand-Grazien und setzten sich an einen der Tische ohne Sonnenschirm. Die freundlich Bedienung riet, doch lieber einen Tisch mit Schirm zu nehmen, die Sonne käme ja gleich wieder.
Wo steht den dann die Sonne? Die vier rätselten. Die eine vermutete sie im Westen, die Bedienung im Norden, am nächsten kam noch die Jüngste, die mit fahriger Bewegung irgendwie nach Südost zeigte.
Ich sagte zu meiner Frau:
"Wenn man schon keinen Orientierungssinn hat, dann gibt es doch Landmarken, die man zu Hilfe nehmen kann. Die Sarazenen waren schlaue Strategen. Sie bauten ihre Türme in Sichtweite voneinander, so dass sie sich mit Feuer- und Rauchsignalen verständigen konnten. Sie waren zudem gewahr, dass sie stets einen Panorama-Blick übers Meer brauchten. Mindesten 180 Grad - wenn nicht gar mehr; auf vorgelagerten Landzungen. Die ligurische Küste verläuft trotz ihrer vielen Buchten doch klar von Ost nach West, weshalb sie in levante und ponente unterteilt wird. Also da, wo die Sonne aufgeht und dort, wo sie untergeht. Also wo steht sie jetzt kurz nach Mittag?"
Meine Frau zeigte irgendwo zum nördlichen Wolkenhimmel...
Was soll's? Sie hat ja mich!
Sonntag, 10. Juli 2016
Donnerstag, 7. Juli 2016
Vom Glück der Tiere
Es sind die letzten stillen Tage auf der Burg. Erste Ferienhäuser sind weiter unten schon bezogen. Auf der Piazza herrscht ein lautloser Frieden, in dem man nur das Rauschen des Blutes im Ohr vernimmt.
Gestern war noch reger Flug-Betrieb und Mords-Gezeter, weil das Schwalben-Pärchen, das erstmals seit Jahren wieder ein Nest im Torbogen an die Decke geklebt hat, mich für einen großen Kater hielt. Während der ersten Flugstunden ihrer vier Kleinen, wurde ich hektisch attackiert. Mitunter kamen sie bis auf zehn Zentimeter an meinen Kopf heran. Dann merkten sie wohl, dass ich ihnen nichts Böses wollte. Heute ist die Familie verschwunden. Soviel zum Sprichwort eine Schwalbe macht noch keinen Sommer...
Lazaro, der Piazza-Kater, schleicht müde um die Ecke und schaut mich an. Zeit für eines unserer stummen Gespräche:
"So viele Vögel in diesem Jahr, und du beachtest sie kaum mehr."
"Was willst du? Ich bin alt, Vittorio stopft mich mit allerlei Leckerbissen voll. Ich habe endlich mein Winterfell abgerubbelt und möchte eigentlich den ganzen Tag schlafen."
"Warum tust du es dann nicht?"
"Weil ich ja eigentlich Wache halten muss, so lange Vittorio nicht hier ist."
"Aber ich bin doch da."
"Ja. Deshalb bin ich ja hier. Wenn du im Schatten auf der Piazza sitzt, kann ich mich mal so richtig durchstrecken, Putzen und dann auf der Bank unter der Hortensie ein Schläfchen machen."
"Bist du ein glücklicher Kater. Hast du ein Glück, so ein Herrchen zu haben."
"Was ist Glück? Meinst du meinen vollen Bauch, das Herumstromern, das Schlafen in deiner Nähe, und dass ich nachts im Haus von Vittorio vor den jungen Flegeln geschützt bin? Das ist mein Leben. Da brauche ich kein Glück, oder was immer ihr Menschen darunter versteht."
Spricht's, hüpft auf die Bank, streckt sich ausgiebig und schläft Sekunden später den Schlaf der gerechten Kater.
In mir steigen jede Menge Fragen hoch:
Was, wenn Tiere gar kein Glück empfinden können?
Wenn deren Reaktionen wie Schnurren, mit dem Schwanz wedeln, Hände und Gesicht abschlecken nur Projektionen unseres Verlangens nach Glück sind? Unsere Handlungen und Bestrebungen, sie zu schützen und artgerecht zu halten, vor allem der Beruhigung unseres schlechten Gewissens dienen, weil wir sie domestiziert haben oder ihres Gesanges wegen in Käfigen halten?
Als wir vor mehr als anderthalb Jahrzehnten auf die Burg kamen, gab es hier kaum Vögel, weil sie wegen der Aussicht auf einen mageren und kurzen Grill-Happen von den Alten aus dem Himmel geballert wurden. Die diesjährigen Vogel-Generationen haben davon keine Ahnung mehr. Sie flattern und segeln lustvoll durch die Lüfte und müssen nur noch das neue Falken-Pärchen fürchten. Sie wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben!
Gestern war noch reger Flug-Betrieb und Mords-Gezeter, weil das Schwalben-Pärchen, das erstmals seit Jahren wieder ein Nest im Torbogen an die Decke geklebt hat, mich für einen großen Kater hielt. Während der ersten Flugstunden ihrer vier Kleinen, wurde ich hektisch attackiert. Mitunter kamen sie bis auf zehn Zentimeter an meinen Kopf heran. Dann merkten sie wohl, dass ich ihnen nichts Böses wollte. Heute ist die Familie verschwunden. Soviel zum Sprichwort eine Schwalbe macht noch keinen Sommer...
Lazaro, der Piazza-Kater, schleicht müde um die Ecke und schaut mich an. Zeit für eines unserer stummen Gespräche:
"So viele Vögel in diesem Jahr, und du beachtest sie kaum mehr."
"Was willst du? Ich bin alt, Vittorio stopft mich mit allerlei Leckerbissen voll. Ich habe endlich mein Winterfell abgerubbelt und möchte eigentlich den ganzen Tag schlafen."
"Warum tust du es dann nicht?"
"Weil ich ja eigentlich Wache halten muss, so lange Vittorio nicht hier ist."
"Aber ich bin doch da."
"Ja. Deshalb bin ich ja hier. Wenn du im Schatten auf der Piazza sitzt, kann ich mich mal so richtig durchstrecken, Putzen und dann auf der Bank unter der Hortensie ein Schläfchen machen."
"Bist du ein glücklicher Kater. Hast du ein Glück, so ein Herrchen zu haben."
"Was ist Glück? Meinst du meinen vollen Bauch, das Herumstromern, das Schlafen in deiner Nähe, und dass ich nachts im Haus von Vittorio vor den jungen Flegeln geschützt bin? Das ist mein Leben. Da brauche ich kein Glück, oder was immer ihr Menschen darunter versteht."
Spricht's, hüpft auf die Bank, streckt sich ausgiebig und schläft Sekunden später den Schlaf der gerechten Kater.
In mir steigen jede Menge Fragen hoch:
Was, wenn Tiere gar kein Glück empfinden können?
Wenn deren Reaktionen wie Schnurren, mit dem Schwanz wedeln, Hände und Gesicht abschlecken nur Projektionen unseres Verlangens nach Glück sind? Unsere Handlungen und Bestrebungen, sie zu schützen und artgerecht zu halten, vor allem der Beruhigung unseres schlechten Gewissens dienen, weil wir sie domestiziert haben oder ihres Gesanges wegen in Käfigen halten?
Als wir vor mehr als anderthalb Jahrzehnten auf die Burg kamen, gab es hier kaum Vögel, weil sie wegen der Aussicht auf einen mageren und kurzen Grill-Happen von den Alten aus dem Himmel geballert wurden. Die diesjährigen Vogel-Generationen haben davon keine Ahnung mehr. Sie flattern und segeln lustvoll durch die Lüfte und müssen nur noch das neue Falken-Pärchen fürchten. Sie wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben!
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| Je glücklicher das Rind, desto leckerer das Steak. Was für eine Glück - für uns Menschen! |
Montag, 4. Juli 2016
Die Kraft der zwei Herzen
Über Fußball wollte ich eigentlich nie mehr schreiben. Ende der 1970er habe ich damit aufgehört. Als Experte war ich bei den Kollegen dennoch gefragt, weil ich damals unter anderen Fußball-Büchern Co-Autor der "Fußball-Weltgeschichte" war. Im Stadion war ich allerdings nur während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974.
Wieso ich jetzt das Bedürfnis habe, noch einmal über Fußball zu schreiben, hängt mit der Rasen-Schlacht vom vergangenen Samstag zusammen, die ja an Emotionalität nicht zu überbieten war.
Italien gegen Deutschland, und erstmals, seit ich hier auf der Burg lebe, gingen die Deutschen als Sieger vom Platz.
Am Vormittag des Spiels war es Hauptthema auf dem Markt, in unsrem Lieblings-Restaurant am Meer, wo eine große Gruppe Deutscher unseren Stammplatz belegt und quasi ein Wettbüro ums Essen eröffnet hatte. Aber das Dauer-Gequatsche diverser Lokal-Sender über das vorweg genommene Endspiel ließ alles hinter sich. Fußball ist viel wichtiger als die aktuelle Weltlage?
Ich weiß nicht, wie oft ich zum etwaigen Ausgang des Spiels gefragt worden bin, aber ich hatte eine tolle Antwort parat. Come sempre! Italien wird jemanden haben, der im entscheidenden Moment die Fehler der Abwehr in der Deutschen Elf nutzt.
Ob ich denn gar nicht für die Deutschen sei? Das war dann schon zu viel für mein mangelhaftes Italienisch. Wie sollte ich erklären, dass es in der Zeit, als ich Jung-Reporter war, eine unausgesprochene Regel gab, dass auf der Presse-Tribüne weder Partei ergriffen noch applaudiert wurde. Heute, da selbst TV-Reporter ihren Emotionen parteiisch freien Lauf lassen, ist das nur noch schwer zu verstehen.
Ich kapierte ja selbst nicht, wieso dann während des Spiels mein Puls nicht raste, und auch beim Elfmeter-Drama keine Enge in meiner Brust entstand.
Zwei Tage danach weiß ich es. Ich wäre auch mit einem Italienischen Sieg einverstanden gewesen, denn aus meiner Sicht habe ich eine bessere Squadra Azzurra gesehen, als bei den gewonnenen Weltmeister-Titeln. Dass Gigi Buffon den letzten Elfer durch rutschen ließ, ändert nichts an seiner legendären Laufbahn. Es ändert auch nichts, dass der DFB-Elf trotz ihrer Überlegenheit, wieder einmal gegen Italien die mentale Leichtigkeit gefehlt hat, die sie beim WM-Spiel gegen Brasilien mit dem 7:1 demonstriert hatte. Die sogenannten älteren Herren der Squadra waren so fit wie die jüngeren Deutschen. Mitunter schienen jene dann allerdings vor deren geballter Erfahrung wie paralysiert.
Bis zum Endspiel stünde so noch ein harter Weg bevor, weil Frankreich diese Kreativität nun offenbar hervor gezaubert hat. Fraglich ist allerdings, ob ich dieses Halbfinal-Spiel genauso cool sehen kann. Denn da fehlt mir dann ja die Kraft der zwei Herzen, die nun mal für Deutschland und Italien gleichermaßen schlagen...
Wieso ich jetzt das Bedürfnis habe, noch einmal über Fußball zu schreiben, hängt mit der Rasen-Schlacht vom vergangenen Samstag zusammen, die ja an Emotionalität nicht zu überbieten war.
Italien gegen Deutschland, und erstmals, seit ich hier auf der Burg lebe, gingen die Deutschen als Sieger vom Platz.
Am Vormittag des Spiels war es Hauptthema auf dem Markt, in unsrem Lieblings-Restaurant am Meer, wo eine große Gruppe Deutscher unseren Stammplatz belegt und quasi ein Wettbüro ums Essen eröffnet hatte. Aber das Dauer-Gequatsche diverser Lokal-Sender über das vorweg genommene Endspiel ließ alles hinter sich. Fußball ist viel wichtiger als die aktuelle Weltlage?
Ich weiß nicht, wie oft ich zum etwaigen Ausgang des Spiels gefragt worden bin, aber ich hatte eine tolle Antwort parat. Come sempre! Italien wird jemanden haben, der im entscheidenden Moment die Fehler der Abwehr in der Deutschen Elf nutzt.
Ob ich denn gar nicht für die Deutschen sei? Das war dann schon zu viel für mein mangelhaftes Italienisch. Wie sollte ich erklären, dass es in der Zeit, als ich Jung-Reporter war, eine unausgesprochene Regel gab, dass auf der Presse-Tribüne weder Partei ergriffen noch applaudiert wurde. Heute, da selbst TV-Reporter ihren Emotionen parteiisch freien Lauf lassen, ist das nur noch schwer zu verstehen.
Ich kapierte ja selbst nicht, wieso dann während des Spiels mein Puls nicht raste, und auch beim Elfmeter-Drama keine Enge in meiner Brust entstand.
Zwei Tage danach weiß ich es. Ich wäre auch mit einem Italienischen Sieg einverstanden gewesen, denn aus meiner Sicht habe ich eine bessere Squadra Azzurra gesehen, als bei den gewonnenen Weltmeister-Titeln. Dass Gigi Buffon den letzten Elfer durch rutschen ließ, ändert nichts an seiner legendären Laufbahn. Es ändert auch nichts, dass der DFB-Elf trotz ihrer Überlegenheit, wieder einmal gegen Italien die mentale Leichtigkeit gefehlt hat, die sie beim WM-Spiel gegen Brasilien mit dem 7:1 demonstriert hatte. Die sogenannten älteren Herren der Squadra waren so fit wie die jüngeren Deutschen. Mitunter schienen jene dann allerdings vor deren geballter Erfahrung wie paralysiert.
Bis zum Endspiel stünde so noch ein harter Weg bevor, weil Frankreich diese Kreativität nun offenbar hervor gezaubert hat. Fraglich ist allerdings, ob ich dieses Halbfinal-Spiel genauso cool sehen kann. Denn da fehlt mir dann ja die Kraft der zwei Herzen, die nun mal für Deutschland und Italien gleichermaßen schlagen...
Freitag, 1. Juli 2016
Zucchini-Blüten im Bierteig
Mein heutiger Snack-Tipp ist vermutlich eine Zumutung, weil Zucchini-Blüten nördlich der Alpen allenfalls an schon gereiften Früchten angeboten werden. Was bedeutet, dass sie zu klein sind sowie schon die Spannkraft verloren haben und nur noch einen Bruchteil des Geschmacks bieten. Wenn ich jetzt auch noch empfehle, die langen männlichen Blüten zu nehmen, wird es mit deren Beschaffung noch schwieriger. Da muss einer schon einen italienischen Gemüse-Händler in der Nähe haben, der zudem Restaurants beliefert.
Aber wer gerade in Italien unterwegs ist und eine Möglichkeit zum Kochen hat, sollte an den großartigen Sträußen nicht vorbei gehen, denn schneller geht es nicht, seine Gäste zum Wein mit einer Delikatesse zu verwöhnen.
Auf unserem Markt in Oneglia habe ich drei Sträuße für 5 Euro bekommen. Einen Strauß haben wir im Gemüsefach drei Tage aufgehoben, weil als Hauptgericht ein Strauß pro Person schon über dem Sättigungs-Limit läge, aber man kann dann eben einfach nicht aufhören. Die männlichen Blüten waren übrigens auch nach dem Kühlschrank-Aufenthalt noch straff und aufrecht - wie man es von ihnen erwartet.
Bei den typischen, ligurischen Restaurant-Gelagen mit bis zu 14 Gängen werden die Blüten gerne am Ende der Vorspeisen gereicht und zwar gefüllt mit Kartoffel-Mangold-Muss oder einer Kräuter-Polenta. Die werden in der Raine gebacken und liegen dann viel zu lange. Sie erfüllen einen gemeinen Zweck. Sollen sie doch mit ihrer "Pampfigkeit" die Forderung nach Nachschlägen bei den "teureren" Haupt-Gerichten dämpfen...
Meine gute Freundin Camilla aus dem Valpolicella taucht die Blüten erst in Eiweiß dann in Mandingo-Gries und frittiert sie in Sonnenblumen-Öl. Die kann man dann toll knuspern, aber den typischen, und wie ich finde einzigartigen, Geschmack büßen sie dabei nahezu ein.
Mir geht Frische und Wärme dabei über alles. Deshalb mache ich sie nicht einzeln, sondern lasse es zu, dass sich mit den Blüten eine Art Pfannkuchen bildet. So schön wie auf dem Bild sehen meine also nicht aus. Aber diese Methode hat den Vorteil, dass man alle auf einmal wenden kann. Dass erhält die Blüten saftig und geschmackvoll und sie können trotzdem auf dem Servierteller mit einer Gabel leicht getrennt werden. die Stängel sind dabei übrigens der Gar-Indikator. Wenn die in der Pfanne dunkler werden, wird es Zeit. Sie schmecken - obwohl roh leicht stachelig - gebraten wie grüner, gegrillter Spargel...
Aber wer gerade in Italien unterwegs ist und eine Möglichkeit zum Kochen hat, sollte an den großartigen Sträußen nicht vorbei gehen, denn schneller geht es nicht, seine Gäste zum Wein mit einer Delikatesse zu verwöhnen.
Auf unserem Markt in Oneglia habe ich drei Sträuße für 5 Euro bekommen. Einen Strauß haben wir im Gemüsefach drei Tage aufgehoben, weil als Hauptgericht ein Strauß pro Person schon über dem Sättigungs-Limit läge, aber man kann dann eben einfach nicht aufhören. Die männlichen Blüten waren übrigens auch nach dem Kühlschrank-Aufenthalt noch straff und aufrecht - wie man es von ihnen erwartet.
Bei den typischen, ligurischen Restaurant-Gelagen mit bis zu 14 Gängen werden die Blüten gerne am Ende der Vorspeisen gereicht und zwar gefüllt mit Kartoffel-Mangold-Muss oder einer Kräuter-Polenta. Die werden in der Raine gebacken und liegen dann viel zu lange. Sie erfüllen einen gemeinen Zweck. Sollen sie doch mit ihrer "Pampfigkeit" die Forderung nach Nachschlägen bei den "teureren" Haupt-Gerichten dämpfen...
Meine gute Freundin Camilla aus dem Valpolicella taucht die Blüten erst in Eiweiß dann in Mandingo-Gries und frittiert sie in Sonnenblumen-Öl. Die kann man dann toll knuspern, aber den typischen, und wie ich finde einzigartigen, Geschmack büßen sie dabei nahezu ein.
Zutaten:
Es hat lange gedauert, bis ich mich selbst mal an das Zubereiten gewagt habe. Die ersten Ergebnisse haben mich nicht überzeugt. Da hätte ich die Blüten auch Roh als Salat essen können - was ein Kalorien sparender Tipp wäre. Dann erinnerte ich mich daran, wie in Bayern Holler-Blüten im Bierteig gemacht werden:
Ich mache den Bierteig gewürzt und frei Schnauze. Zuerst hacke ich Petersilie, Basilikum, Koriander und Knoblauch ganz fein, dann gebe ich zu den Kräutern je einen Teelöffel feines Salz und braunen Zucker sowie Pfeffer nach Gusto. Ein Schäufelchen Mehl und ein Ei dazu und das Ganze dann mit Bier und dem Schneebesen verquirlen, bis der Teig in dicken Tropfen abfließt. Die Schüssel kommt noch einmal in den Kühlschrank zum Durchziehen - was auch die Vorbereitung unkompliziert macht.
Könnten meine Nachbarinnen das Folgende Lesen, steinigten sie mich auf der Piazza. Ich gebe nämlich mein bestes Oliven-Öl in die Wok-Pfanne.
Bevor ich die Blüten, die auf keinen Fall gewaschen werden dürfen (die Hitze macht sie dann ja keimfrei), quirle ich den Teig einmal mehr durch und gebe - falls er zu aufgequollen ist - noch einen Schluck Bier hinzu. Dann nehme ich die Teile an den Stängeln und tauche sie kopfüber in den Teig, wende sie ein paarmal und gebe sie dann ins siedende Öl.
Mir geht Frische und Wärme dabei über alles. Deshalb mache ich sie nicht einzeln, sondern lasse es zu, dass sich mit den Blüten eine Art Pfannkuchen bildet. So schön wie auf dem Bild sehen meine also nicht aus. Aber diese Methode hat den Vorteil, dass man alle auf einmal wenden kann. Dass erhält die Blüten saftig und geschmackvoll und sie können trotzdem auf dem Servierteller mit einer Gabel leicht getrennt werden. die Stängel sind dabei übrigens der Gar-Indikator. Wenn die in der Pfanne dunkler werden, wird es Zeit. Sie schmecken - obwohl roh leicht stachelig - gebraten wie grüner, gegrillter Spargel...
Ein Snack, bei dem ratzeputz alles verwendet wird. Den restlichen Teig in die noch heiße Pfanne gießen, und schon hat man im Handumdrehen noch einen feinen Kräuter-Crepe.
Buon Appetito!
Montag, 27. Juni 2016
Der Gecko in der Maske
Die Fähigkeit, mit Verlust und Trauer umzugehen, zeitigt merkwürdige Situationen. Im Kindesalter, da es schwer ist, ein ewiges Verschwinden zu akzeptieren, genauso wie im Alter, wenn das eigene Ende naht. Als mein Vater starb, nahm das mein Sohn, der ein besonders Verhältnis zu seinem Opa hatte, ohne besondere Regung auf. Ein paar Jahre später stürmte er Tränen überströmt in die Küche und war gar nicht mehr zu beruhigen. Wir dachten, es sei etwas schreckliches passiert, aber wenige Augenblicke später war uns klar, dass er erst zu jenem Zeitpunkt begriffen hatte, dass er seinen Großvater auf immer verloren hatte.
Ich habe bis heute immer noch ein schlechtes Gewissen, dass ich vom Tod meiner Eltern weniger betroffen war als vom Tode meines Hundes. Inzwischen ist mein Verhältnis zum Tod und zum Sterben noch drastischer geworden. Ich gehe auf keine Beerdigung mehr und habe auch verfügt, dass kein Aufhebens in Form von Grab und Sarg um meinen Tod gemacht wird. Wieso dieses triste Thema?
Als wir am Samstag beim Feiern einer neuen Dorf-Bewohnerin aus der Schweiz waren, kam die Bürgermeisters-Witwe gebeugter als je und verspätet. Ihr war nicht nach Feiern zumute. Soeben war ein Ur-Einwohner der Gemeinde verstorben.
Dede war ein freundlicher älterer Herr an die 90 gewesen, der immer vor dem aufgelassenen Alimentari saß und Vorbeifahrende grüßte. Meine Freundin und Nachbarin Petronella brach bei der Nachricht in Tränen aus. War Dede doch einer der Wenigen gewesen, der vor zehn Jahren in ihrer schwersten Zeit im Dorf zu ihr gehalten hatte. Wir waren nicht so betroffen, aber gerührt, weil wir ja von seiner Güte erfahren hatten.
Zum Zeitpunkt der Nachricht hatten wir auch einen anderen dramatischen Todesfall zu verkraften, und das erklärt vielleicht meine eingangs formulierte Überlegung:
Eine der Erinnerungen aus unserem facettenreichen Leben hängt an der Mauer unserer Dachterrasse:
Eine Replik-Maske aus den Rufolo-Gärten an der Amalfitana. Sie ist Symbol für unsere Italien-Liebe, und seit wir auf der Burg sind Wohnung für viele Gecko-Generationen, die sich sogar einen zusätzlichen Zugang erknabbert haben, den nur "Insider" kennen.Seit drei Jahren beobachteten wir das Wachstum unseres Gecko-Königs wie stolze Eltern. Er war heuer auch früher draußen als seine Kollegen, die in den Trockenmauern noch der Kälte trotzten. Vielleicht hatte ihn das arglos gemacht. Mein Frau und ich hatten seit Tagen schon einen Falken ausgemacht, der ungewöhnlich nahe über dem Borgo kreiste und vermutlich seinen Horst hier hat. Ein bildschönes Pracht-Exemplar, bei dem sofort Bilder von Falknerei in der Phantasie hochkommen.
![]() |
| Der Goldene Gecko Oil on Canvas 2010 |
Natur - so wunderschön und doch so grausam. Das selbst Erlebte lässt uns meist mehr trauern als der täglich Todes-Horror in den Nachrichten. - Aber so sind wir Menschen...
Sonntag, 26. Juni 2016
Flieg oder stirb
Anders als die jungen Mauersegler, die, um ihre meist hoch gelegenen Nester verlassen zu können, gleich fliegen müssen, ist der Amsel-Nachwuchs beim Nestflüchten größter Gefahr ausgesetzt. Die Mauersegler-Eltern können davon ausgehen, dass - wenn ihre Deszendenten den ersten Flug überlebt haben - sie von weiteren Pflichten befreit sind.
Amsel-Kinder sind im Idealfall so fett gefüttert, dass kein Platz mehr im Nest ist. Tatsächlich sind sie in dieser Phase, in der sie größer als ihre Eltern sind, immer noch noch nicht auf das wahre Leben vorbereitet. Sie dödeln mit aufgerissenen Schnäbeln ziemlich orientierungslos hüpfend im Burghof herum und erwarten, immer noch gefüttert zu werden. Die Eltern sind jedoch vom Fürsorge- in den Aufsichts-Modus übergegangen. Das heißt sie checkern sich von den Dachrinnen und Simsen die Kehlchen wund, um ihren Nachwuchs am Boden anzuspornen und vor Gefahren zu warnen.
Einem erprobten Vogeljagd-Veteranen wie unserem Piazza-Kater Lazaro spielt dieses Stadium eigentlich in die Krallen. Deshalb war ich vorgestern in der Mittagshitze von seinem Verhalten wirklich überrascht. Da verharrte er mit seinem immer noch nicht vollständig abgeworfenen Winterpelz in der prallen Sonne und beobachtete angestrengt. Als ich mich auf die vom Wind klimatisierte Treppe unseres Nachbarn setzte, verlor er augenscheinlich das Interesse und legte sich im Höflichkeits-Abstand zu meinen Füßen.
Das heftige Scheppern am Blech des aufgelassenen Hauses nebenan, ließ aber nicht nach. Und so machte sich Lazaro gemächlich auf den Weg, hüpfte die Stufe hoch und verschwand hinter einem Blumentopf. Das Scheppern hörte nicht auf, aber der Kater kam wieder hervor und schaute mich an, als wollte er mir andeuten, ich solle mich doch mal kümmern.
Als ich widerwillig zum Schutzblech ging, entdeckte ich die Lärmquelle sofort. Von den Dächern erhob sich ein wütender Protest. Eine junge Amsel flog immer wieder mit weit aufgerissenem Schnabel gegen das Blech. Vermutlich dachte sie, sie könne zum Nest zurück, das wohl irgendwo im Haus versteckt war.
Sie war ein draller Leckerbissen. Deshalb wunderte ich mich, dass Lazaro sie in Ruhe gelassen hatte. Als ich versuchte, sie mit meinen Händen in Sicherheit zu bringen, hüpfte sie dem Kater direkt vor die Nase, aber der reagierte wieder mit unüblicher Ignoranz. Er folgte noch nicht einmal, als ich das Vögelchen in den dunklen Bogengang gegenüber unter eine Hortensie scheuchte.
Akustisch verstärkt durch das Gewölbe erhob sich bald wieder ein Gezeter, obwohl Lazaro bei mir ausharrte. Da jetzt auch die beiden Blau-Merlen auf dem Kamin gegenüber einstimmten, sah ich noch einmal nach dem Vögelchen, dass sich nun jedoch verdoppelt hatte.
In früheren Jahren hätte ein Dorfbewohner die zwei geschnappt und auf den Grill-Spieß für ein Mittagessen gesteckt. War irgendwo vielleicht noch eine Katze? Die Amsel-Eltern und ihre Verbündeten meckerten aber auf mich ein, als ich ihren Nachwuchs in die geschichtsträchtige Columbus-Gasse scheuchte.
Und siehe da: In ihrem abschüssigen Verlauf hüpften die beiden mit ausgebreiteten Flügelchen in den Aufwind und flogen. Zumindest landeten sie im sicheren ersten Stock eines Hauses.
Zurück auf der Piazza bedauerte ich den Lazaro in einer kleinen Ansprache, in der ich ihm zu verstehen gab, dass ja bei mir auch nicht mehr alles so leicht funktioniert wie in jungen Jahren.
Beleidigt wandte er mir den Rücken zu und belehrte mich am Morgen darauf eines Besseren. Offenbar war ihm die mögliche Beute einfach zu leicht gewesen, oder ihm war tatsächlich zu heiß.
Denn nun sprang und hechtete er dem Amsel-Nachwuchs hinterher, der immer noch wie betrunken flog.
Ob er erfolgreich war? Ich will es gar nicht wissen...
Amsel-Kinder sind im Idealfall so fett gefüttert, dass kein Platz mehr im Nest ist. Tatsächlich sind sie in dieser Phase, in der sie größer als ihre Eltern sind, immer noch noch nicht auf das wahre Leben vorbereitet. Sie dödeln mit aufgerissenen Schnäbeln ziemlich orientierungslos hüpfend im Burghof herum und erwarten, immer noch gefüttert zu werden. Die Eltern sind jedoch vom Fürsorge- in den Aufsichts-Modus übergegangen. Das heißt sie checkern sich von den Dachrinnen und Simsen die Kehlchen wund, um ihren Nachwuchs am Boden anzuspornen und vor Gefahren zu warnen.Einem erprobten Vogeljagd-Veteranen wie unserem Piazza-Kater Lazaro spielt dieses Stadium eigentlich in die Krallen. Deshalb war ich vorgestern in der Mittagshitze von seinem Verhalten wirklich überrascht. Da verharrte er mit seinem immer noch nicht vollständig abgeworfenen Winterpelz in der prallen Sonne und beobachtete angestrengt. Als ich mich auf die vom Wind klimatisierte Treppe unseres Nachbarn setzte, verlor er augenscheinlich das Interesse und legte sich im Höflichkeits-Abstand zu meinen Füßen.
Das heftige Scheppern am Blech des aufgelassenen Hauses nebenan, ließ aber nicht nach. Und so machte sich Lazaro gemächlich auf den Weg, hüpfte die Stufe hoch und verschwand hinter einem Blumentopf. Das Scheppern hörte nicht auf, aber der Kater kam wieder hervor und schaute mich an, als wollte er mir andeuten, ich solle mich doch mal kümmern.
Als ich widerwillig zum Schutzblech ging, entdeckte ich die Lärmquelle sofort. Von den Dächern erhob sich ein wütender Protest. Eine junge Amsel flog immer wieder mit weit aufgerissenem Schnabel gegen das Blech. Vermutlich dachte sie, sie könne zum Nest zurück, das wohl irgendwo im Haus versteckt war.
Sie war ein draller Leckerbissen. Deshalb wunderte ich mich, dass Lazaro sie in Ruhe gelassen hatte. Als ich versuchte, sie mit meinen Händen in Sicherheit zu bringen, hüpfte sie dem Kater direkt vor die Nase, aber der reagierte wieder mit unüblicher Ignoranz. Er folgte noch nicht einmal, als ich das Vögelchen in den dunklen Bogengang gegenüber unter eine Hortensie scheuchte.
Akustisch verstärkt durch das Gewölbe erhob sich bald wieder ein Gezeter, obwohl Lazaro bei mir ausharrte. Da jetzt auch die beiden Blau-Merlen auf dem Kamin gegenüber einstimmten, sah ich noch einmal nach dem Vögelchen, dass sich nun jedoch verdoppelt hatte.
In früheren Jahren hätte ein Dorfbewohner die zwei geschnappt und auf den Grill-Spieß für ein Mittagessen gesteckt. War irgendwo vielleicht noch eine Katze? Die Amsel-Eltern und ihre Verbündeten meckerten aber auf mich ein, als ich ihren Nachwuchs in die geschichtsträchtige Columbus-Gasse scheuchte.
Und siehe da: In ihrem abschüssigen Verlauf hüpften die beiden mit ausgebreiteten Flügelchen in den Aufwind und flogen. Zumindest landeten sie im sicheren ersten Stock eines Hauses.
Zurück auf der Piazza bedauerte ich den Lazaro in einer kleinen Ansprache, in der ich ihm zu verstehen gab, dass ja bei mir auch nicht mehr alles so leicht funktioniert wie in jungen Jahren.
Beleidigt wandte er mir den Rücken zu und belehrte mich am Morgen darauf eines Besseren. Offenbar war ihm die mögliche Beute einfach zu leicht gewesen, oder ihm war tatsächlich zu heiß.
Denn nun sprang und hechtete er dem Amsel-Nachwuchs hinterher, der immer noch wie betrunken flog.
Ob er erfolgreich war? Ich will es gar nicht wissen...
Donnerstag, 23. Juni 2016
Alltags-Realität
In Reichweite von Espresso und Wein aus der Bar daneben sitzen vor der unteren Ampel in Pontedassio bei schönem Wetter immer zwei ältere Herren auf einer Bank - und rühren sich nicht.
Meist starren sie geradeaus. Würden sie ihre bunte Sportkleidung nicht gelegentlich wechseln, wir könnten sie für eine Lebend-Installation nach dem Vorbild von Duane Hanson halten.
Nicht jeder hat den bereits 1996 verstorbenen US-Künstler auf dem Schirm, obwohl fast jeder schon in Magazinen und Zeitungen eines seiner originellen Werke gesehen hat. Hanson gilt als einer der Wegbereiter der Pop-Art. Seine aus Kunststoff lebensgroß hergestellten, farbigen Skulpturen sind so täuschend echt, dass Museums-Besucher schon mal ein Gespräch mit ihnen anfangen. Das nennt die Kunstwelt Hyper-Realismus.
Nun stellen wir jedesmal, wenn wir vor der Ampel warten müssen, Überlegungen an, wer dafür sorgt, die beiden Pontedassier so ruhig zu stellen. Ist es der Barbesitzer, der einen Werbevertrag mit den Beiden hat? Auf der Basis von Drinks gegen Sitzen. Oder ist es gar der ehrgeizige Kunstverein der Valle D'Olio, der Hanson noch eins drauf setzen will?
Die Frau am Steuer hat schon gemutmaßt, dass sie eingebaute Kameras trügen, um damit jedes durch den Ort fahrende Auto zu registrieren. Da haben wir dann sogar ein schlechtes Gewissen, weil wir nie die aufwendige Umgehungsstraße mit dem langen Tunnel benutzen.
Seit gestern Nachmittag vier Uhr, wissen wir jetzt: Die zwei sind auch nur Menschen.
Ein stark geschminktes Mädchen mit Piercings in mega
kurzen, abgeschnittenen Jeans und üppig ausstellendem Top - zudem Bauch frei - stöckelte laut telefonierend an den Herren vorbei.
Und unisono drehten die beiden ihren Kopf und folgten dem wohlgeformten Wackel-Hintern mit jenem Hauch der Erinnerung, der eben den Blicken älterer Herren zu eigen ist:
Herr! Du hast mir das Können genommen, so nimm mir doch auch das Wollen!
Meist starren sie geradeaus. Würden sie ihre bunte Sportkleidung nicht gelegentlich wechseln, wir könnten sie für eine Lebend-Installation nach dem Vorbild von Duane Hanson halten.
Nicht jeder hat den bereits 1996 verstorbenen US-Künstler auf dem Schirm, obwohl fast jeder schon in Magazinen und Zeitungen eines seiner originellen Werke gesehen hat. Hanson gilt als einer der Wegbereiter der Pop-Art. Seine aus Kunststoff lebensgroß hergestellten, farbigen Skulpturen sind so täuschend echt, dass Museums-Besucher schon mal ein Gespräch mit ihnen anfangen. Das nennt die Kunstwelt Hyper-Realismus.
Nun stellen wir jedesmal, wenn wir vor der Ampel warten müssen, Überlegungen an, wer dafür sorgt, die beiden Pontedassier so ruhig zu stellen. Ist es der Barbesitzer, der einen Werbevertrag mit den Beiden hat? Auf der Basis von Drinks gegen Sitzen. Oder ist es gar der ehrgeizige Kunstverein der Valle D'Olio, der Hanson noch eins drauf setzen will?
Die Frau am Steuer hat schon gemutmaßt, dass sie eingebaute Kameras trügen, um damit jedes durch den Ort fahrende Auto zu registrieren. Da haben wir dann sogar ein schlechtes Gewissen, weil wir nie die aufwendige Umgehungsstraße mit dem langen Tunnel benutzen.
Seit gestern Nachmittag vier Uhr, wissen wir jetzt: Die zwei sind auch nur Menschen.
Ein stark geschminktes Mädchen mit Piercings in mega
kurzen, abgeschnittenen Jeans und üppig ausstellendem Top - zudem Bauch frei - stöckelte laut telefonierend an den Herren vorbei.
Und unisono drehten die beiden ihren Kopf und folgten dem wohlgeformten Wackel-Hintern mit jenem Hauch der Erinnerung, der eben den Blicken älterer Herren zu eigen ist:
Herr! Du hast mir das Können genommen, so nimm mir doch auch das Wollen!
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