Sonntag, 5. Juni 2016

Der Nebel

Was ist nur mit Europas Sommer? Wir ringen, um nicht vor lauter Frieren hier auf der Burg die Heizung anzuwerfen. Noch halten wir aus - mit dicken Winterhosen, Pullovern und Decken. Dann fällt auch das Internet immer wieder aus, so dass wir Trost nur per Telefon zugesprochen bekommen.
Ausgerechnet von vielen, die täglich selbst Donnerwetter erleben...

Die nasskalten Wattebäusche werden sachte immer dunkler im Talkessel verdichtet. Das ist Berghütten-Wetter auf 600 Meter Höhe!

Der Horror-Regisseur John Carpenter hat mal einen Film gedreht, der The Fog - Nebel des Grauen heißt. So kommen wir uns nicht nur an den Abenden der längsten Tage des Jahres vor. Vom Wohnzimmer aus können wir das Terrassen-Ende oft nicht sehen und erwarten dann schon, dass die räuberischen Schattengestalten von einem Wolkenschiff aus über die Terrassen-Mauer  unser Haus entern. Das ist Grusel pur!

Leider ist das auch kein Wetter, bei dem man - wie in Irland - im Pub am Torf-Feuer zusammen rückt und Lieder singt. Unsere Piazza - wenn wir sie denn sehen - ist vollkommen verwaist. Das höhnische Lachen der bösen Burggeister wird zwar vom Nebel verschluckt, aber gemütlich geht anders. Dass sich da die Alten auch nicht mehr heraus trauen, ist klar. Dieses Klima kriecht in die Glieder.

Laut lokalem Wetterbericht müssen wir noch mindesten die ganz nächste Woche mit ähnlichem Wetter rechnen. Fliehen bringt nichts. In Frankreich ist es noch schlimmer.

Für den Blogger ist das die Höchststrafe. Wer nicht vor die Tür geht, erlebt eben auch nichts. Soll ich anfangen, zu philosophieren, meine geheimsten Gedanken preisgeben? Das kann nicht wirklich interessieren.

Morgen muss ich runter. Vorräte auffüllen. Vielleicht treffe ich den einen oder anderen, der uns so vertrauten ceylonesischen Regenschirm-Verkäufer? - Wenn sie nicht nach Rekord-Verkäufen in den Monsun ihrer Heimat gedüst sind. Da ist der Regen wenigstens schön warm...

Hey, gute Idee, ich lege mich jetzt in die Badewanne und drehe die Dusche auf. Aber das wäre ja ein ziemlicher Hohn. Wo Colombo gerade von ebenso schweren Überschwemmung heimgesucht wurde wie Simbach am Inn.

Hatten Sie - Herr Geheimrat - wirklich schon die Klimakatastrophe seherisch im Sinn?

                 Der Zauberlehrling


     Hat der alte Hexenmeister,
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
5
Seine Wort und Werke
Merkt ich, und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Thu ich Wunder auch.
          Walle! walle!
10
     Manche Strecke,
     Daß zum Zwecke,
     Wasser fließe,
     Und, mit reichem vollem Schwalle,
     Zu dem Bade sich ergieße.
15
     Und nun komm du alter Besen,
Nimm die schlechten Lumpenhüllen,
[33]
Bist schon lange Knecht gewesen,
Nun erfülle meinen Willen.
Auf zwey Beinen stehe,
20
Oben sey ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf.
          Walle! walle!
     Manche Strecke,
25
     Daß, zum Zwecke,
     Wasser fließe,
     Und, mit reichem vollem Schwalle,
     Zu dem Bade sich ergieße.

     Seht er läuft zum Ufer nieder,
30
Warlich ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweytenmale!
Wie das Becken schwillt!
35
Wie sich jede Schaale
Voll mit Wasser füllt!
[34]
          Stehe! Stehe!
     Denn wir haben
     Deiner Gaben
40
     Vollgemessen! –
     Ach ich merk es, wehe! wehe!
     Hab ich doch das Wort vergessen!

     Ach! das Wort, worauf am Ende
Er das wird was er gewesen.
45
Ach er läuft und bringt behende,
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
50
Stürzen auf mich ein.
          Nein nicht länger
     Kann ichs lassen,
     Will ihn fassen.
     Das ist Tücke!
55
     Ach! nun wird mir immer bänger!
     Welche Mine! welche Blicke!
[35]
     O! du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
60
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen
Der nicht hören will!
Stock! der du gewesen,
Steh doch wieder still!
65
          Willsts am Ende
     Gar nicht lassen;
     Will dich fassen,
     Will dich halten,
     Und das alte Holz behende
70
     Mit dem scharfen Beile spalten.

     Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold! liegst du nieder,
Krachend trifft die glatte Schärfe.
75
Warlich braf getroffen!
[36]
Seht er ist entzwey,
Und nun kann ich hoffen,
Und ich athme frey!
          Wehe! wehe!
80
     Beyde Theile
     Stehn, in Eile,
     Schon als Knechte
     Völlig fertig in die Höhe!
     Helft mir ach ihr hohen Mächte!
85
     Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen,
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen!
Ach! da kommt der Meister!
90
Herr, die Noth ist groß,
Die ich rief die Geister
Werd ich nun nicht los.
          „In die Ecke,
     Besen! Besen!
[37]
95
     Seyds gewesen.
     Denn als Geister
     Ruft euch nur zu seinem Zwecke,
     Erst hervor der alte Meister.“
GOETHE.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Belagerungszustand

Eine gute Burg muss etwas aushalten. Heutzutage hat das andere Dimensionen. Es geht dabei eher um die innere Belagerung. Wie sind bei den anstürmenden Wassermassen in Europa - vor allem daheim in Deutschland - hier noch vergleichsweise gut davon gekommen. Starkregen und Gewitter, aber wir leben ja auf einem Bergkamm. Unsere daran gewöhnten Gassen verwandeln sich für eine Weile in Bäche, aber nur wenig dringt dabei in die Häuser.

Uns geht es egoistisch in erster Linie um die eigene Vorbereitung auf derlei "Belagerungstage".  Als wir die ersten Horrorbilder aus Deutschland sahen, rechneten wir fest damit, dass wir vom Rand des Tiefs erwischt würden. Aber noch nicht einmal die Gewitter haben es direkt zu uns geschafft.

Allerdings das Internet war ausgefallen. Kurz vor dem giorno del ponte mit dem heutigen Nationalfeiertag, und dann bei Dauerregen. Die Hoffnung war nicht groß, das jemand noch hochkommen würde, um das für unser Dorf zu richten...

Du kannst soviel Vorräte einkaufen wie du willst, aber als Net-Süchtiger bedeutet so etwas verschärfte Bedingungen. Klar man kann Bücher lesen, wieder mal mit seiner Frau reden oder ein neues Bild anfangen. Habe alles probiert, aber in meinem Hinterkopf pickte ein imaginärer Specht auf mein Kleinhirn:
Was ist, wenn du deinen Blog nicht bedienst? Dann rufen sie wieder alle an und sind besorgt, dass dir wieder etwas fehlt. Das wäre zu peinlich. Denn abgesehen vom wolkenverhangenen Himmel geht es mir saugut, und es macht Spaß, aus den schwindenden Vorräten spannende Menü-Abfolgen zu erfinden.

Aber o Wunder, diesmal war nicht nur die Service-Hotline 187 unmittelbar zu erreichen, sondern die Signorina versprach auch, einen Dringlichkeitsvermerk zu posten. Und dann noch ein TIM-Wunder:
Der Mann kam tatsächlich in einem kurzen Wolkenloch und richtet unseren Zugang zur Außenwelt.

Jetzt waren wir seit vergangenem Samstag nicht mehr im Tal. Die Wettervorhersagen sind nicht rosig.
Morgen sind wir hier oben noch zum Essen eingeladen, aber Samstag spätestens müssen wir auf den Markt und in die Supermärkte, um - hoffentlich - nicht wieder für eine Woche einkaufen zu müssen.

Dass meine Frau nun auch happy ist, dass das Internet wieder funktioniert vergaß ich zu erwähnen. Sie ist jetzt mit dem Tablet im Haus unterwegs und erhält über den ''Family-Chat" stündlich neues Triviales -  und Enkel-Bilder.

Montag, 30. Mai 2016

Sempre cosi

Für diese italienische Aussage gäbe es wohl hundert Übersetzungen. - Vor allem aber wenn ein musikalisches Ohr die diversen Untertöne einordnen kann.
Auf der Burg könnte sempre cosi gerne als "alles beim Alten" übersetzt werden. Der Borgo ändert sich nicht mehr so schnell, wie draußen in der Welt das Leben tobt. Aber davon darf sich niemand täuschen lassen.

Denn sempre cosi kann auch Resignation und Traurigkeit bedeuten. So, wie wenn bayrische Milchbauern je nachdem, ob sie aus dem Allgäu oder Oberbayern kommen angesichts der Milchkrise "dahoam sterba d'Leit" oder "passt scho!" sagen.

Das Alter hinterlässt Spuren bei jeder Nation, die auf dem Borgo Zuflucht gesucht hat. Ein Freund und Nachbar - ohne den unser Haus niemals so schön geworden wäre - ist überraschend am Herzinfarkt gestorben. Ein Jung-Unternehmer vom oberen Dorf, den wir an heißen Tagen um seinen Pool beneidet haben, verkauft in der Pleite. Der kleine drahtige Francesco, der mich vor ein paar Jahren noch zur Seite geschoben hatte, als es galt, eine sperrige Granit-Platte in die Küche zu wuchten, kann das Haus nicht mehr verlassen. Seinen Diabetes hat der Mitachziger auf die zu "leichte Schulter" genommen und die Knie versagen ihren Dienst. Ohne Knie ist man jedoch beim Treppauf-Treppab hier oben aufgeschmissen. Das hat auch der altersmilde gewordene, einst böse Burggeist Don Marino zu spüren bekommen. Die raffgierige Verwandtschaft kann es Gerüchen nach gar nicht erwarten, ihn zu beerdigen. Versorgt ihn aber so lange noch hingebungsvoll, denn er gilt  als einer der reichsten Männer der Gemeinde.

Nur noch Haut und Knochen ist er ein noch lebendes Beispiel, dass wir beim Sterben nichts mitnehmen können. Don Marino verfügt vor allem über viele Faschen Oliven-Haine. Die sollen trotz des Befalls durch die Oliven-Fliegen im vergangenen Winter das beste Öl des letzten Jahrzehnts geliefert haben. Wir können es gar nicht erwarten, bis der Neffe der "Seelen-Sammlerin" uns einen Kanister vom Neuen liefert.

Don Marino hat auch mehrere Häuser hier im Borgo. Es wird also noch mehr Schilder mit "vendesi" geben, wie ohnehin schon. Die heranwachsenden Kinder der ausländischen "Retter-Generation" haben im Hier und Jetzt - wenn sie denn überhaupt noch großzügig Urlaub machen können - andere Präferenzen, als sich mit Ferien-Immobilien zu belasten.

Die Italienische Post nimmt das schon vorweg. Sie hat auf der Burg nicht nur den Briefkasten außer Betrieb gestellt, sondern auch die Außenstelle im "capo luogo". Gerade die Alten, die ja keinen Computer-Zugang haben, müssen also ins Tal, wenn sie Briefe aufgeben oder Überweisungen vornehmen wollen.

Unsere unbezahlbare Postina jedenfalls fragt immer, ob sie etwas mitnehmen soll. Aber wie lang hören wir noch ihre glockenhelle Stimme? Denn beim "Posta! Posta!" hören wir sie ganz schön schnaufen. Ihr feuerroter Pumuckel-Schopf täuscht nicht darüber hinweg, dass sie mit uns anderthalb Jahrzehnte älter geworden ist...

Eines ist aber klar, das sempre cosi kann eben auch Immerwährendes zum Ausdruck bringen. Wie immer hat uns unser Haus mit seiner Einmaligkeit willkommen geheißen. Wir genießen den herrlichen Kontrast zum Stadtleben - auch wenn das Alter allgegenwärtig ist. So bald unser Enkel trittsicher ist und die gleichzeitig geborenen Kinder der Menschen,die wir haben heranwachsen sehen, ihn begleiten, kommt wieder Leben in die Gassen. Es wird nicht come sempre sein, aber das Leben geht eben so oder so weiter...

Freitag, 27. Mai 2016

Schiffe versenken

Das schlechte Gewissen wird uns nachgetragen. Weil quasi immer noch Vorsaison ist und die Liegegebühren im alten Hafen von Oneglia noch günstig sind, liegen die Mega-Jachten mit ihren Hecks  zahlreich an der Zona Divertimento. Ein krasserer Kontrast ist kaum vorstellbar:

In der Sonne sitzen in gefüllten Restaurants Einheimische und  Touristen und lassen es sich schmecken. Dazwischen schleichen mit vorgestreckten Käppis zunehmend dunkelhäutige Bettler.
Sie haben für den Moment wohl die charmanteren Schirm-Verkäufer aus Sri Lanka verdrängt. Welche parasitäre Organisation da wohl wieder im Hintergrund wirkt?...

Schon auf dem Markt waren sie mir verstärkt aufgefallen. Einer drängte sich mir an einem Stand regelrecht auf. Als mir ein Geldstück herunterfällt und ich es umständlich aufheben muss, hält er mir seine Kappe erneut recht drastisch unter die Nase. Als wolle er sagen: Du kaufst hier üppig ein und wirfst dein Geld fort, während ich hier hungern muss. Natürlich lasse ich die zwei Euro in seine Kappe fallen.

Wenigstens hat er später im Restaurant von unserer Lieblings-Wirtin Carlotta den Anstand, uns auszulassen und sogar nett zu grüßen.

Aber offenbar hat er  den Kollegen gesteckt, dass bei uns etwas zu holen ist, denn es gelingt uns kaum, die Gabel zum Mund zu führen, ohne dass wir von der Seite angeraunt werden.Meine Frau hat tatsächlich für jeden ein Geldstück.

Wie machen die Italiener das mit dem Ignorieren?
Schräg neben uns sitzen zwei ältere Paare und nutzen ein Angebot, das Carlotta schon immer auf ihren Einweg-Sets angeboten hat: Da sind Kästchen und Spielanleitung für das Spiel "Schiffe versenken" drauf gedruckt. Und über Kreuz spielen die Paare - jeweils abgedeckt durch hochgestellte Servietten - in einer Intensität, die keiner der Bettler zu stören wagt.

Schiffe versenken am Hafen - im Banne riesiger Jachten. Das hat ja schon etwas Revolutionäres.

Wenig später erübrigen sich jegliche Gedanken dieser Art. Wir begegnen dem jungen Afrikaner in der Fußgänger-Zone wieder, wie er derart herzhaft in ein Sandwich beißt, wie es nur jemand vermag, dem Hunger ein steter Begleiter ist.

Mit vom Mittagessen gefüllten Bäuchen ist das kaum nachzuvollziehen. Aber als langjährige Wähler und Steuerzahler - nun auch in und für Europa - haben wir das Recht, unser schlechtes Gewissen an die abzuschieben, denen wir das Chaos zu verdanken haben.

Montag, 23. Mai 2016

Der Navigator

Mit "Shogun" hat James Clavell wohl einen der kultigsten Abenteuer-Romane des ausgehenden 20. Jahrhunderts verfasst. Auf einmal war japanische Kriegs-Kultur in aller Gedanken. Der englische Held, ein Seefahrer und Navigator, den seine japanischen Freunde und Feinde "Anjin-san" nannten, war Seefahrer aber vor allem Navigator, was in der Zeit unentdeckter Seerouten Macht und möglichen Reichtum versprach...

Als ich noch jünger war, dachte ich von mir selbst gerne als Navigator, weil ich mich selbst und andere aus manch prekärer Situation befreien konnte. Allein dadurch, dass ich Landkarten in meinen Kopf gespeichert hatte.

Das muss ich vorweg sagen, bevor ich das Drama unserer gestrigen Anreise schildere. Seit die ehemals "Zweitbeste aller Ehefrauen" sich anschickt, die Nummer Eins aller nervigen Beifaherinnen zu werden, überlasse ich ihr das Steuer und übernehme die Rolle des Navigators (ohne Navi natürlich, weil das gibt es in ihrer anderthalb Jahrzehnte alten Schrottkiste nicht!!!). Da sie obendrein zur Bequemlichkeit neigt, verzichtet sie mithin auf alle eigenen Wahrnehmungen. Heißt - wenn ich nichts sage - ignoriert sie Wegweiser, längst bekannte Abzweigungen und jegliche Eigenverantwortung für die Annäherung an ein Ziel. Hinzu kommt, dass sie mit zunehmenden Alter darauf besteht, die Tagesreise durch eine Nacht in einem romantischen Hotel zu unterbrechen.

Wer sucht den Stopover? Natürlich der Navigator! In alter Arroganz prägt er sich das Anreise-Diagramm ein. Auf das GPS und die Mail mit den Koordinaten im Smartphone kann er dann leicht verzichten. Muss er auch, weil der Akku fast leer ist. Also folgt er seinem Talent, wissend, dass östlich von Lugano gleich die  italienische Grenze kommt. Er folgt sogar dem empfohlenen Schleichweg in seinem Kopf. - Bis zur Sperrung der Ufer-Promenade in Lugano Paradiso. Ein Marathon findet statt, und wir fragen den Mann, der für die Sicherung der Sperrung da steht:
"Wie kommen wir denn jetzt nach nach Valsolda?"
"Auf diesem Weg doch gar nicht, das liegt am Südende des Sees."
Ich will es nicht glauben, aber die Frau am Steuer meint:"Der wird es ja wohl besser wissen als du."
Mein Handy spielt zwischen all den WLANs der Hotels verrückt. Das GPS frisst die letzte Spannung. Wir fahren also Richtung Süden. Wenig später treffen wir eine junge Frau am Straßenrand, die einheimisch aussieht. Der Navigator spricht sie in seinem besten Speisekarten-Italienisch an. Sie antwortet erst in Schwizerdütsch und wechselt dann ins Hochdeutsche. Ja, der Ort läge tatsächlich am südlichen Ende - ganz in der Nähe bei Chiasso. Schon im Italienischen.

Es folgt eine zauberhafte Fahrt rund um jede einzelne Einbuchtung des südlichen Lago Lugano. Wir kommen Chiasso immer näher, aber von einem Valsolada ist nichts zu sehen. An Bord kann der Navigator nur auf Karten-Material in viel  zu großem Maßstab zurück greifen. Da treffen wir auf zwei "Polizotti" einer Straßen-Streife, die auf zu schnelle Motorrad-Fahrer wartet. Uns wollen sie ohne näheres Interesse durchwinken, aber wir beharren auf ihre Rolle als Freund und Helfer. Der eine Kollege befragt den Polizei-Navi der andere schreibt uns fein säuberlich die nächsten Orte auf, durch die wir müssen, um unser Ziel zu erreichen:
"Sie sind am falschen See. Sie müssen rüber zum Comer See!"
Der Navigator ist fix und fertig. Wir landen im wunderschönen Bergland oberhalb vom Comer See, das wir noch nicht kannten. Wir landen auch in einem Ort der mit Val beginnt, aber der auch durch Zauberhand kein Hotel am See vorzeigen könnte.
Kurz vor der Scheidung wiederholt die Frau am Steuer ihre Forderung, der Navigator solle einfach das Hotel anrufen und nach dem Weg fragen. - Was einigermaßen schwierig ist, wenn kein Ort wirklich dingfest gemacht werden kann. Am Ortsrand von Como also rufe ich das Hotel an.
"Was machen Sie denn am Comer See?" fragt die Signora vom Empfang. Wir sind doch gleich bei Lugano am Nordufer des Sees."
Wir also auf der Autobahn zurück, und nun ergreift der Navigator wieder die Initiative, indem er das Anreise-Diagramm in seinem Kopf abruft. 25 Minuten nach dem Anruf fahren wir auf meiner ursprünglichen Route - der Marathon auf der Uferpromenade von Lugano ist längst vorbei - in die Garage unseres gebuchten Hotels in Valsolda. Es ist noch niedlicher als erwartet, das Abendessen auf der Terrasse am See hat Gourmet-Qualitäten. Der Wein ist wesentlich preiswerter als auf dern Schweizer Seite. Deshalb trinken wir vor lauter Romantik zuviel von ihm.

Und da sagt meine große Liebe das, was sie immer zur Nummer Eins gemacht hat:"Was für ein traumhafter Abend, was für eine wunderschöne Fahrt. Wie wären vielleicht niemals um den ganzen See gefahren. Das hat die zwei Stunden Umweg doch gelohnt - oder?"

Dennoch der Stachel saß tief im  Fleisch des Navigators. Heut morgen wollte er wissen, wieso das Anreise-Diagramm nicht durch Lugano direkt führte.

Die Antwort: Die Zick-Zack-Wegweisung zur Autobahn kostete uns durch Lugano exakt eine halbe Stunde, und zehn Minuten später waren wir erst an der empfohlenen Autobahn-Ausfahrt...

Dienstag, 5. April 2016

Oh, wie schön ist Panama!!!

Dem einzigen, den ich die weltweite Aufmerksamkeit um die "Panama-Papers" gönne, ist das Universal-Genie mit dem Marken-Namen "Janosch". Seine 1978 erschaffene Tiger-Ente ist das Anhängsel der beiden Freunde Bär und Tiger. Wobei mir Tiger als Pilzsammler besonders sympathisch war, weil das vor Tschernobil auch eine Leidenschaft von mir war.

Es war aber damals schon gut, dass Panama für die beiden Gefährten nur ein Traumland war, so konnte sich eines der besten Kinderbücher seine heitere Unschuld erhalten.

Zur gleichen Zeit zog nämlich in Wirklichkeit Manuel Noriega in dem Land am Kanal sein ziseliertes Spinnennetz aus Gewaltherrschaft und Drogen-Umschlagplatz für die Kartelle Kolumbiens immer dreister auf. Letztendlich blieb der "Schutzmacht USA" mit ihrer militärisch gesicherten Kanal-Zone nichts anderes übrig als die Invasion.

Wer glaubt, die äußerst lesenswerte Agenten-Satire "Der Schneider von Panama" aus der Feder John le Carrés sei maßlos übertrieben, der wird allein schon durch die vorauseilenden Gerüchte  um die "Panama-Papers" eines Besseren belehrt.

Die Ursprünge für diese kriminelle Entwicklung zur echten "Bananen-Republik" sind auf den Bau des Kanals zurückzuführen. Er lockte Abenteurer aus der ganzen Welt an, von denen in den Fieber-Sümpfen nicht wenige ihr Leben ließen (Großartige arte-Doku auf YouTube!). Es war auch eine Art tragischer Goldrausch, der ausgelöst wurde - mit den Begleiterscheinungen Korruption, Ausbeutung und Menschen-Handel. Aber besonders einnahmeträchtig war das Waschen von Unsummen aus dubiosen Geldquellen. Selbst die Portfolios diverser Dienste erlagen der Verlockung, um immer neue Mittel für den Kampf gegen die Drogen und den Kommunismus selbst zu generieren. Weshalb Panama-City tatsächlich ein bunter Tummelplatz für Spione und Agenten war.

So mutet es wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte an, dass jetzt die Entourage von Zar Vladimir Putin dort ihre "Briefkästen" reichlich befüllt haben soll.

Merkwürdig ist nur, dass wir "kleinen Menschen" uns über all das gar nicht mehr richtig aufregen können, weil wir ja seit Jahren mit Steuerbetrug in großem Stil konfrontiert werden. Wir dürfen uns nur über eine Justiz wundern  die solche Straftäter immer vergleichsweise günstig davon kommen lässt, während ein Müllmann, der ein fort geworfenes Kinder-Bett gut gebrauchen konnte, gleich hart verknackt wurde. Aber jetzt wissen wir auch, dass die meisten aus den Papers ja staatstragende Funktionen haben, Die kann keiner so leicht wegsperren.

Oh, wie schön ist Panama! Das lenkt mal wieder spannend von den humanitären Problemen dieser Welt ab.

Was könnte mit den hinterzogenen Steuer-Milliarden alles Gutes getan werden, wenn man sie denn vor lauter Briefkästen fände...

P.S. Die AZ München hatte heute die gleiche Assoziation, aber da war mein Post schon fertig...

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Ragnarök

Das Schicksal der germanischen Götter am Ende der Welt, wurde in unserem Unterricht noch mit dem christlichen Welt-Untergang gleich gesetzt und da hieß Ragnarök eben Götterdämmerung. In der Jetzt-Zeit wird der Begriff auch von tätowierten Glatzen-Trägern genutzt, die gerne mit Keulen auf andere einschlagen und gänzlich andere Ziele haben.

In der "Edda" müssen die nordischen Gottheiten gegen eine Vielzahl von Ungeheuern angehen und verlieren dabei ihr Leben, um eine bessere Welt zu ermöglichen. Wem das bekannt vorkommt, wird auch in der Bibel fündig.

Als Agnostiker entdecke ich im Missbrauch der Mythologie natürlich ein Verhaltensmuster. Diejenigen, die dafür sorgen, dass es uns gruselt, haben aber meist nichts besseres im Sinn, als die urmenschliche Hoffnung auf ein Paradies zu entfachen, um möglichst viele zu Opfern Bereite zu rekrutieren. Das tun sie, um eigene, irdische Ziele leichter zu erreichen.

"Wenn die Reichen genug Geld haben, interessiert sie nur noch die Macht. Das ist das Grundübel der Weltgesellschaft", sagte die Zweitbeste gestern beim Frühstück und verglich dann das Einkommen unserer Kanzlerin mit denen der Führer diverser Schurken-Konzerne. Wir haben Frau Merkel beide nicht gewählt, kamen aber im Verlaufe des Weiterdenkens zu dem Ergebnis, dass dies wohl die fleißigste Person ist, die jemals dieses Amt inne hatte.

Und jetzt - mitten in den anderen Krisen, die sie zu meistern hofft - stellt sich heraus, dass der Wohlstand, um den uns die ganze Welt beneidet und der die Flüchtlingsflut ausgelöst hat, durch Zockerei und illegale Tricks gestützt wird.

Ausgerechnet die Dampframme unserer Wirtschaft, die Auto-Industrie mit ihren mächtigen Konzern-Bossen hat in einem Ausmaß betrogen, der die Betrügereien von Siemens, der Deutschen Bank und anderer Spitzen-Unternehmen noch weit in den Schatten stellt.

Wir Deutschen sind ja im Ausland stets bereit (davon nehme ich mich leider auch nicht aus), unsere eigenen Maßstäbe ohne Verhältnismäßigkeit an andere an zu legen. Unsere politisch denkenden, italienischen Nachbarn verstehen die Welt nicht mehr, dass ausgerechnet die Saubermann-Nation zu solchen Mitteln greifen muss, um noch mehr shareholder value zu erzielen und noch fetter an die Mauschel-Manager aus zu schütten.

Ein Bank-Insider hat mir kürzlich zu geraunt, dass die Deutschen Gläubiger-Banken in der Griechenland-Krise mit Steuer-Geld zum Null-Tarif in dem Auf und Ab der Börsen mehr abgezockt haben, als die bitterarmen Hellenen ihnen schulden.

Wir mögen ja in den Augen der Flüchtlinge und Asyl Suchenden Geld-Götter sein, aber sie werden mit uns Schrumpf-Germanen im Ragnarök untergehen, wenn die Administration unserer eisernen Kanzlerin nicht bald eine Art Fegefeuer zur Schadensbegrenzung startet. Allein, dass der Maut-Dödel Dobrindt daran beteiligt sein sollte, löst bei mir Horror-Schauer aus.


Liebe Leserinnen und Leser!
Dies war der letzte Brief von der Burg - für dieses Jahr. Vom Zauberberg mach ich mich auf den Weg ins Zocker-Paradies. Wie Ihr vielleicht bemerkt habt, habe ich genug Schaum vor dem Mund, um ab dem 12. Oktober wieder ganze Geröll-Halden aus dem Glashaus zu pfeffern. Bleibt mir gewogen und schreibt mir ruhig mal, wenn Ihr anderer oder gar gleicher Meinung seid.

Euer Burgbriefe-Blogger