Mittwoch, 20. August 2014

Sarah!!!

Nicht wenige Leserinnen suchen meinen Blog nur auf, um sich in ihrer Ansicht bestätigt zu sehen, dass es sich bei mir um einen unverbesserlichen Frauenverächter und Macho handele. Das belege ja schon allein die Tatsache, dass ich mich "permannent" über meine Frau lustig mache. 

Und überhaupt: Diese Zurücksetzung, seine eigene Ehefrau lediglich als "Zweitbeste" zu bezeichnen, wo doch die Frau, mit der man eine Ehe eingehe, per se lebenslänglich nur die Allerbeste zu sein habe...

Und dass ich mich hier bei der Weiblichkeit - gleichgültig ob Berg oder Tal - exklusiv auf meine Wirkung als Babo Natale verlasse, sei ja wohl die allerletzte Tarnung. Keiner glaube doch noch an den Weihnachtsmann, einem zeit- und geschlechtslosen Oldie, der sich in einem verbogenen Raum-Zeit-Kontinuum von rotnasigen (natürlich weiblichen) Rentieren - auch wenn sie sich Rudolf nennen - übers Firmament ziehen lasse. 

Ihr lieben Blog-Suffragetten da draußen im Worldwide Web! Macht mir meine "Zweitbeste" nicht madig. Abgesehen davon, dass die keinen einzigen meiner Blogs liest, hat sie auch die beängstigend beeindruckende Fähigkeit des sofortigen Vergessens. Sie könnte - wäre sie empfindlich - von mir also gar nicht beleidigt werden oder es gar sein.

Ich möchte mich nicht groß rechtfertigen, aber vielleicht überzeugt die Tatsache, dass ich zwei der wählerischsten weiblichen Herzen des Borgos auf Dauer ganz von selbst und ohne besondere Verführungskünste für mich gewonnen habe:
Von Ginger habe ich ja schon geschrieben, aber dass die verhuschte Sarah nach verdrucksten Jahren unter herrischer Fuchtel, kaum dass sie das Haus verlässt, zu mir kommt, um sich entgangene Zärtlichkeiten ausgleichen zu lassen, sollte doch meine schärfsten Kritikerinnen verstummen lassen.

Sie lebt ja eigentlich mit Ina zusammen, aber das reicht ihr offensichtlich nicht. Da kann noch so streng "Sarah!!!" durch die Gassen gerufen werden. Sie gibt sich mir hin und vergisst alles, wenn ich ihre Ohren liebkose. Gerade Spaniel-Damen sind da ja - Zucht bedingt - sehr empfindlich.

Sonntag, 17. August 2014

Ein so weit kurzer Weg

Gestern humpelte der ewig junge und fitte Severino, unser ehemaliger Rosenzüchter aus Sanremo, an Krücken über die Piazza, um nach seinen Ferien-Appartements zu gucken. Auch nach den beiden kürzlich eingesetzten, künstlichen Kniegelenken, glaubt keiner, dass er bereits einiges über 70 ist. Aber er brachte die Urangst aller Burggeister zur Sprache: Was wird hier auf der Burg aus dir, wenn du nicht mehr richtig laufen kannst?Seit wir auf die Burg gezogen sind, beschäftigt uns diese Frage natürlich auch zunehmend. Zwar sind es nur etwa dreihundert Schritte vom Parkplatz zur Piazza hinauf, aber je nach Tagesform werden die von Jahr zu Jahr beschwerlicher, wenn sie sich auch noch nicht "vermehren" oder bereits zu längeren Pausen nötigen...Immerhin bin ich im Frühjahr mit einem gewaltigen Muskelriss verspätete angereist und habe seither schmerzhaft Stufen, Unebenheiten und veränderte Steigungen bemerkt, die ich früher gar nicht wahr genommen hatte.Die hier oben Geborenen können wir dabei für uns nicht als Maßstab nehmen. Sie haben sich eine ökonomische Gangart angewöhnt, die ich bei vielen Menschen in den Bergen beobachten konnte. An der Ausgezehrtheit der Männer allein kann es auch nicht liegen, denn die meisten Witwen lassen es sich wie Ina oder Marina recht gut schmecken und legen ganz schön Gewicht auf ihre Garten-Arbeit.

Ich habe den Verdacht, dass sie alle über das Bergauf und  Bergab gar nicht groß nachdenken. Sie haben keine Ahnung wie viele Schritte es rauf oder runter sind, weil ihnen ihr Leben hier oben diese diversen Gänge schon immer abverlangt hat. Solche Fahrstuhl-Weichlinge wie ich einer geworden bin, können sie nur müde belächeln.
Die "Zweitbeste" und ich gehen zweimal pro Woche unsere Frisch-Vorräte einkaufen. Mit diversen Fläschchen sind das dann rund 20
Kilo für mich und etwa die Hälfte für meine Frau, die nach oben geschleppt werden müssen. - Nicht immer trösten wir uns damit, dass uns das auf Dauer einen Rest Fitness bewahrt. Manchmal kommen wir ganz schön ins Schnaufen und nähern uns dem Zustand, in dem wir unser Jahrzehnte langes Wohlleben verfluchen könnten. Aber dann nehmen wir einen hoch geschleppten Schluck auf der Piazza oder auf der Terrasse, und sehen uns vorerst noch jedesmal nachhaltig belohnt.
Noch haben wir ja die Option, dass wir nicht in einem Stück nach oben stieren, sondern am Treppenabsatz oder vor der Steigung eine Verschnaufpause einlegen - wenn keiner guckt...
Kurioser Weise haben wir neulich festgestellt, dass das Runtergehen meist länger dauert. Wir gehen ja immer an Markttagen, an denen die Burggeister generell lebhafter sind. Das führt dazu, dass wir bereits am Ausgang von der Piazza von der Seelenfängerin  in ein Verhör über die beabsichtigten Einkäufe verstrickt werden. Wir haben uns angewöhnt, ihr Absichten über den Erwerb von Obst und Gemüse zu verschweigen, weil sie sonst sofort losgeht, um ihre Erträge mit uns zu teilen.
Auf halbem Wege lauert unser Burgnarr Camillo, weil er auf eine Mitfahrgelegenheit spekuliert. Leider schwört er - wie in den Burgbriefen bereits berichtet - auf eine Zahnhygiene mit spitzen Chill-Schoten, Knoblauch und Grappa, was ihm auf der Rangliste der Beifahrer keinen Vorzugsplatz einräumt. Selbst wenn wir heil an ihm vorbei sind, ist bestimmt Giovanna mit ihrem Falco unterwegs oder sitzt vor ihrem Haus am Einstieg zur Treppe. Ja, und dann kann am Parkplatz ja keiner einfach so kommentarlos in sein Auto steigen, wenn andere auch dabei sind, ins Tal zu fahren. Eine halbe Stunde hat letztlich der Weg zu unserem Auto gedauert. Wir haben deshalb die letzten Köstlichkeiten im Angelo di Pane von Oneglia verpasst. Spätestens ab 11 Uhr ist der kleine Laden immer komplett leer geräumt. Da hilft dann auch mein von den Damen hinter dem Tresen stets heiter bejubelter Sonderstatus als Babo Natale nichts. Bis Weihnachten ist ja meist noch lang hin

Mittwoch, 13. August 2014

Vollkommen vergurkt

Es stimmt traurig, wenn die Allmacht und Ohnmacht im ausgeliefert Sein bei Propaganda und Gegenpropaganda nicht nur den Putins und Erdogans dieser Welt in den Kram passt, sondern auch auf unserer friedlichen Burg ausgeübt wird:

Unser Nachbar, der Hotelier aus Rom, dem die Schlamperei bei der Versorgung mit Trinkwasser einen erheblichen Schaden als Vermieter von Ferienwohnungen beschert hatte, war Initiator einer mehrsprachigen Petition, die  - von den Burggeistern unterschrieben - die Gemeinde-Verwaltung veranlassen sollte, aufzudecken, wer für den Schlamassel verantwortlich war. Nicht aus Rachsucht, sondern um künftiges Ausbleiben  des Trinkwassers von mehr als 48 Stunden  in der August-Hitze nachhaltig zu verhindern. Ihm kann auch nicht vorgeworfen werden, er sei ein zugereister Meckerfritze, denn er ist hier auf der Burg geboren, und seine Mutter war im Talort eine geschätzte Gymnasial-Lehrerin.

Um es vorweg zu sagen: Nur ein geringer Teil aller Betroffenen hat unterschrieben, weil es der im Notfall noch so unendlich langsam reagierenden Gurken-Truppe blitzschnell gelungen war, die Verantwortung für ihr Versagen auf andere abzuwälzen. Denjenigen, die zuvor am lautesten gejammert hatten, leuchtete auf einmal ein, dass nur der Pool-Besitzer an der oberen Piazza mit seinem riesigen Wasserverbrauch schuld gewesen sein könne. Merkwürdig, dass dieser Vorwurf erst erhoben wurde, nachdem die Familie am Sonntag bereits abgereist war und sich dagegen  nicht mehr wehren konnte. Wie soll man beispielsweise der leichtgläubigen Seelensammlerin Electra, die sich weigerte zu unterschreiben, auch das Wirken einer umwälzenden Aufbereitungsanlage verklickern. Mehr als die Hälfte der betagten Burggeister, die ja auch Verwandtschaft mit Jobs in der Gemeinde haben, glaubt nun nämlich, dass das permanente Rauschen des Pools auch stetiger Trinkwasser-Verbrauch sei...

Eine Analyse zur Verbesserung wurde dadurch also vollkommen vergurkt, Was mich - auweia was für eine gewürgte Überleitung - zum angenehmeren Teil des Vergurkens bringt.

Noch nie - seit wir hier leben - hat es einen Juli oder August gegeben, in dem derart reichlich Wasser vom Himmel kam und die Nächte infolgedessen kühlen und angenehmen Schlaf bescherten. Alles blüht und steht in saftigem Grün. Die Gärten rund um die Burg sind geprägt von üppigster Gemüseproduktion.

Anscheinend ist ein Quantum des Wassers vor allem in die Freiland-Gurken geflossen. Nur, Gurken sind nicht so populär in Ligurien, und in solchen Massen schon gar nicht. Fast jeden Tag bekommen wir daher zwei bis drei von den grünen Riesen von unseren Nachbarn überreicht, die ja schon Probleme haben, ihrer zahlreichen monströsen Auberginen und Zucchini Herr zu werden.

Deutsche lieben doch Gurken! Und das tun wir auch, denn wer im Allgemeinen auf diese holländischen Treibhaus-Dinger angewiesen ist, hat ja längst verlernt, wie Gurke schmeckt. Aber jeden Tag Gurken-Salat ohne den hier unpopulären Dill? Da ist Kreativität gefragt.

Die Gurke gilt als schwer verdaulich und arm an Nährstoffen.  Vor allem, wenn sie aus optischen Gründen auch noch geschält wird. Dafür hat sie nur wenig Kalorien.  Das Universalmittel gegen vergurkte Langeweile heißt Konfektíonieren.

Hier und heute also zwei Ideen für Gurke als Vor- und Hauptspeise und - wie versprochen - eine weitere Drink-Variante für heiße Tage.

Mus oder Mousse

Zutaten:
Zwei große Freiland-Gurken, zwei mittelgroße mehlig kochende Kartoffel (ca. 250g), zwei weiße Zwiebeln, einen gehäuften Esslöffel getrocknete Dillspitzen (frischen Dill nur zum Abschmecken), zwei große Zehen frischen Knoblauchs, 20 Gramm klein gehackter, frischer Ingwer, einen gestrichenen Esslöffel grobes Salz, 40 Gramm Butter, 1 Liter Gemüsebrühe zum Angießen, reichlich Pfeffer aus der Mühle.

Zubereitung (erste Schritte auch für die Mousse):

Die geschälten  Gurken der Länge nach halbieren und mit einem spitzen Esslöffel komplett von den Kernen säubern. Dann in schmale Halbmonde in einen Topf schnippeln. Kartoffeln in feinen Würfeln hinzu sowie gehackte Zwiebeln, Ingwer und den Knoblauch. Auf niedriger Flamme mit der Butter gründlich unter Rühren anschmoren. Dann die Dillspitzen und Pfeffer sowie Salz hinzu geben bis der Schmor glasig wird. Nach und nach unter Rühren Brühe unterrühren und abschmecken, dass das nicht zu salzig wird. Immer wieder einkochen lassen und am Schluss einen Schuss süßen Essig zum Abrunden. Köcheln lassen, bis alles eine breiige Konsistenz hat.
Bis auf lauwarm abkühlen. Dann mit einem Löffel (oder einer "Flotten Lotte") durch ein feines Sieb passieren.

Das Mus schmeckt bereits lauwarm super, aber es gewinnt, wenn es eine Nacht lang -  natürlich abgedeckt - kühl gestellt wird. Ohne weiteres Zutun kann es am nächsten Tag - mit Krabben oder gebeiztem Lachs belegt - als überraschende, gekühlte Vorspeise serviert werden.

Oder ihr macht aus dem Mus, indem man es mit einem Achtelliter Sahne schaumig unter Hinzugabe von frischem Dill, Estragon und Petersilie aufkochen lässt eine Gourmet-Süppchen mit pochierten Wachtel-Eiern.
Damit das Mus zur Mousse wird, braucht es mehr Steifigkeit. Zu erreichen entweder durch vorsichtige Hinzugabe von ein wenig Brei hälftig aus Pastinaken oder Kartoffeln oder indem es mit der aufkochenden Sahne weiter reduziert und dann mit dem Schneebesen aufgeschlagen wird. Ein ideales Bett für erwärmten, geräucherten Aal als Hauptspeise. Ganz genial aber extreme Geschmackssache: mit unter gehobenem, grob gehackten Matjes als leichtes Sommer-Essen.


Buon Appetito!


Und als Aperitif- um im Thema zu bleiben:

Datscha Daiquiri


Zubereitung:

Gurken so in Halbmonde schnippeln wie oben. Dazu eine klein gehackte Spreewald-Gurke, das Grüne vom Fenchel, Salz, weißer Pfeffer und Eis sowie einen Schluck vom Gurkenwasser. Das Ganze kurz durch den Mixer jagen, ins Cocktailglas schütten und mit Wodka aufgießen. Früher haben sich damit die KGB-Agenten in Deutschland gegenseitig zur Strecke gebracht. Ein totsicherer Ankommer: riecht nicht, schmeckt geil, macht nicht dick, aber schnell blau...

Nastrovje  на сдорове

Sonntag, 10. August 2014

Senza Aqua!!!

Laut UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sei jetzt mit dem Erreichen dieses Millennium-Ziels 89 Prozent der Weltbevölkerung der Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht worden. Die 11 Prozent Rest haben da allerdings nichts von. Wer Durst und eingeschränkte Hygiene persönlich erlebt, kennt solchen Schrecken. Die Qualen der Jesiden, die sich hoch ins Grenzgebirge zwischen dem Irak und Syrien vor den Irren des IS-Kalifats geflüchtet haben, könnten ein Klagelied davon singen, wenn wir sie denn hörten...

Wer hören will, muss fühlen! Ein alter Spruch und doch so wahr. Seit Freitag Vormittag gehören die Burggeister und ihre Gäste zu den 783 Millionen Erdenbürger, die keinen Zugang  mehr zu ihrem ansonsten sensationellen Quellwasser haben. Allerdings leiden wir auf einem recht hohen Niveau, und deshalb möchte mir diese Satire nicht so recht aus den Tipp-Fingern fließen.

In Ferragosto-Vorfreude haben die Wasserwerker der Gemeinde einfach mal vergessen, zu überprüfen, ob hier oben die Reservoire für die sich in dieser Zeit verdoppelnde Burg-Bevölkerung auch im ordentlich gefüllten Zustand befinden... Oh Schreck! Da waren sie plötzlich leer. Langjährige Bewohner sind das ja aus der Vergangenheit gewohnt gewesen. Aber wie verklickert ein Vermieter das, der sein Appartement Romantikern für bis zu 500 Euro pro Woche  auslobt? Da ist schnell Schluss mit mittelalterlichen Gefühlen, wenn Dusche und Klo nicht funktionieren...

Also kommt es zum Aufstand der Burgherren. Großes Palaver auf der Piazza, in dem die Schuldige schnell gefunden ist: Die frisch wieder gewählte Bürgermeisterin. Die Syndaca macht ihrem Ruf, von bestechender Schönheit, aber auch von arrogantem Interesse zu sein, sogleich auch alle Ehre. Die Revolution in ihrem Hoheitsbereich dauert noch keine zwanzig Minuten, da erscheint sie bereits im schulterfreien "Kleinen Schwarzen", das herrlich ihre dunklen Locken und schneeweiße Rundungen zur Geltung bringt. Begleitet wird sie von einem Maresciallo in frisch gestärkter und gebügelter Sommer-Uniform, der rhythmisch zu den salbungsvollen Worten der "Spitzen-Politikerin" nickt. Dann sind beide auch schon wieder verschwunden und überlassen die Lösung des Problems den schlecht bezahlten Gemeinde-Mitarbeitern, die - wie sich heraus stellt - keine Ahnung haben, wieso die mittlerweile wieder gefüllten Reservoire ihren Inhalt nur tröpfchenweise und dann gar nicht mehr an die Bevölkerung hier oben abgeben (derweil laufen unten im capo luogo die Vorbereitungen für die zwei großen Sommerfeste an diesem Wochenende, und auch die Kirche führt ihre servizii unverdrossen fort - schließlich steht ja la notte di San Lorenzo bevor).

Der ausgedörrte Blogger
 im letzten Hemd mit Hose
an der ausgetrockneten Fontana
 - die Waschmaschine geht natürlich
 auch nicht!
Wie sehr der Wassermangel auch dem Gehirn
 zusetzt,veranschaulichte mir die
"Zweitbeste". Meinte sie doch allen
Ernstes:"Für das Foto kannst du
aber das süße Zeugs nicht
nehmen. Das ist doch der Spumante
zum Kochen....
"Reiß mir nicht die Bällchen aus!", beschwert sich der Technik-Veteran Pierino in meiner abgemilderten Übersetzung, als er am Abend von einigen aufgebrachten Burggeistern getadelt wird, wieso er bei eben diesem Dorffest ungerührt beim Wein säße. Als einzige Sofortmaßnahme stellte die Freiwillige Feuerwehr einen Tankwagen unten an den Borge, den die vigilii del fuoco am liebsten gleich wieder weg gefahren hätten, weil sie befürchten mussten, die Bevölkerung tränke seinen Inhalt.

Stand der Dinge: Mehr als 48 Stunden sind wir ohne Wasser. Ich habe meinen "Mitleidenden" vorgeschlagen, dass wir das Darben in eine Solidaritätsveranstaltung für alle die im Gaza, in der Ukraine oder im Irak auch kein Wasser haben, umwidmen. Aber davon wollten die meisten nichts wissen. Sie wollen lieber zu San Lorenzo In Horto hinunter pilgern wo es heute Speis und Trank gratis auf Kosten der Gemeinde gäbe. Panem et circenses also. Bei 30 Grad kann man sich gut vorstellen, in welcher Dunstwolke das ganze stattfinden wird, und wie sich die Gläubigen dann wundern, wenn sie nach der schweißtreibenden Landpartie feststellen müssen, dass immer noch kein Wasser für eine erlösende Dusche da ist. Glaube versetzt vielleicht Berge, aber er lässt offenbar die Wasser nicht fließen.

Wie gesagt, wir jammern und dürsten auf hohem Niveau. Im Gegensatz zu allen Flüchtlingen dieser Erde bräuchten wir doch nur ins Auto zu steigen um ans Meer hinunter zu fahren. Aber die "Zweitbeste" und ich sitzen das aus, waschen uns und spülen unsere Toilette mit San Benedetto Naturale bis die happy hour heran bricht (die wir bei diesen Temperaturen vermutlich vorverlegen). Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben
Wein und Bier reichen noch für mindestens zwei Tage...

Freitag, 8. August 2014

Ernte-Zeit

Donna Ina ist ein Phänomen. Sie lässt mich einmal mehr darüber nachdenken, wie nicht nur in den vom Krieg erschütterten Regionen des Orients Frauen unterdrückt werden.  Auch im angeblich so emanzipierten und aufgeklärten Alltag des modernen Europas werden Frauen in ihrer Agilität und der Entfaltung eigener Fähigkeiten gebremst. Je mehr Witwen und allein stehende Frauen in meinem "sozialen Umfeld" selbstbewusst die Oberhand gewinnen, desto mehr befürchte ich, dass vielleicht auch ich der "Zweitbesten" in dieser Beziehung nicht der "allerbeste Ehemann von allen" bin, weil ich nach meiner beruflichen Hektik ihrer Lust, etwas zu unternehmen, nur zögerlich folge. Frauen sind offenbar besser geeignet auf der Zielgeraden  eine noch reichere Ernte ihres Lebens einzufahren.

Unsere Nachbarin Ina belegt meine These. Bis ihr Mann vor zwei Jahren kläglich an Krebs starb, war von ihr kaum etwas zu bemerken. Ihre Spaniel-Dame Klara war ein verhuschtes Wesen, das sofort davon rannte, wenn es nur angesehen wurde. Heute holt sich Klara, die wohl die Mangeljahre ausgleichen will nicht nur von selbst Streicheleinheiten ab, sondern nimmt auch mal ein Leckerli an, bevor sie mit ihrem mittlerweile 74.jährigen Frauchen durch den Borgo tobt.

Ina spricht Speis und Trank zu, als gäbe es kein Morgen, und beim nachbarschaftlichen cena in piazza überhäuft sie alle, die sie sich früher wohl nicht anzuschauen getraut hat, mit selbst gebackenen Kuchen und Spezialitäten ihrer casareccia Kochkunst. Sie nimmt in jeglicher Beziehung anteil am Leben hier oben, obwohl sie unten in der Stadt eigentlich ihren Hauptwohnsitz und ihre Restfamilie hat. Mühelos schlüpft sie von der elegante Städterin in ihre Rolle als Landfrau.
Ganze Tage verbringt sie in ihrem horto und abends geht sie in die Dorf-Bar, um mit den anderen Witwen bei Signora Girasole Karten zu spielen. Sie hat eindeutig ein "grünes Händchen", und wir kommen dadurch in den Genuss bester und frischester Garten-Produkte. Zur Ernte-Zeit hängt beinahe täglich eine Tüte mit Salat, Kohl, Bohnen, Zucchini, Gurken oder Früchten an unserer Haustür. Natürlich versucht die "Zweitbeste" mit kleinen Gegen-Geschenken die banca di favore, die Gefälligkeitsbank, in ausgeglichener Bilanz zu halten, aber das wäre gar nicht nötig. Im urchristlichen Sinne wird hier geteilt, was überreichlich vorhanden ist - sofern die Wildschweine nicht einfallen. In Tränen war die ihr neues Glück permanent ausstrahlende Ina neulich, weil die immer unverschämter werdenden Borstenviecher aus der Schutz-Zone in einer Nacht ihre gesamte Trauben-Ernte weg genascht hatten.

Beim letzten gemeinsamen Abendmahl auf der Piazza saß sie neben mir und meinte, was die "Zweitbeste" und ich doch für ein nettes Paar seien, und in einem Nebensatz, dass sie manchmal tatsächlich ihren marito vermisse. Ja, so sind wir Ehemänner. Wir wirken über den Tod hinaus - auch wenn wir vielleicht nicht die "Allerbesten" waren...

Sonntag, 3. August 2014

Gelindes, grünes Gift

Um es gleich vorweg zu sagen: Mit Kult-Köchen verhält es sich wie mit Bundestrainern. Auf einen kommen Tausende, die es besser wissen und sofort besser könnten. Also ließe mir Tim Raue, der geniale Küchenmeister aus Berlin - wenn er es denn läse  - höchsten ein ignorantes Pobacken-Runzeln zukommen. Aber das sollte die Fans meiner mit einem Hummer geschmückten Burgbriefe nicht daran hindern, mir einmal mehr zu vertrauen.

Tim Raue also hat im SZ-Magazin dieser Woche seinen Gewürz-Sud für Schweine-Rippchen offenbart. Was mich in sofern erschreckt hat, weil er nahezu eine Gewürz-Kombination beschreibt, die wichtiger Bestandteil für eine Grill-Sauce ist, die im Familienkreis Papa's-Own genannt wird und zum Grillen geladene Freunde seit mehr als zwanzig Jahren an den Rande der Ekstase treibt. Verraten habe ich sie bislang nie, aber ehe die fatalen Fehler von Herrn Raue die Runde machen, bin ich geradezu genötigt, solchen Unterlassungen Einhalt zu gebieten. Ich darf das, weil ich weiß, dass Raue seine Anregungen in erster Linie seinen Reisen nach Japan und China verdankt, aber ansonsten an meine um Jahrzehnte längere und weltweite Topfguckerei nicht heran reicht.

Zunächst: Raue benutzt seine perfekt abgestimmte Sauce, um die Rippchen darin zu köcheln. Aus dem angefetteten Sud macht er dann ein Vorweg-Süppchen. Dann grillt er die durchgekochten Rippchen noch einmal. Ja weiß denn der Küchenmeister nicht, dass Rippchen und Bauchfleisch vom Schwein am ehesten an perfekt gegrilltes Menschenfleisch heranreichen, wenn sie ohne Vorbehandlung auf den Grill kommen? Dieser Witz (bevor sich ein Leser vor Ekel übergibt) ist natürlich nur zu verstehen, wenn ich auch die Anekdote zu meinem Spruch "Super! Schmeckt fast wie Menschenfleisch!" zum Besten gebe:

Vor mehr als dreißig Jahren war ich vom Häuptling eines Aita-Stammes, schwarzer vom Tourismus vertriebener Ureinwohner, auf einer kleinen Insel des Philippinischen Archipels zum Dinner auf dem Boden seiner Hütte geladen. Ich verstand ihn nicht, und er verstand mich nicht, aber einer seiner Söhne sprach das geläufige Pidgin-English.

Auf Bananenblättern wurden Scheiben und Knöchelchen eines zoologisch kaum zu identifizierenden aber unendlich delikaten Fleisches gereicht. Es war im Bucanneer-Style auf Treibholz  und grünem Bananenlaub zur Hitzedämmung quasi gleichzeitig gegrillt, gedämpft und geräuchert worden - so ähnlich wie das die Hawaiianer in ihren Schmorgruben beim Luao oder Kailua-Pig machen. Es war saftig und rosé wie ein Steak, absolut frei von Fett und bezog aber seinen intensiven Geschmack aus einer Flüssigkeit, in die die Teile vor dem Knabbern getunkt wurden.
"What a glorious meat! Where is it from?"
"It's from our neigbours. We killed the pigs yesterday!", gab der Häuptlingssohn brav zur Antwort und verstand nicht, wieso ich schallend auflachte. 

Betretenes Schweigen. Mein Reisebegleiter musste die Doppeldeutigkeit erst erklären. Tatsächlich aber hatte ich nie zuvor Bauchfleisch und Rippchen dieser halbwilden und natürlich aufgezogenen Hängebauchschweine gegessen. Deshalb also  seither mein Spruch, der nichts mit Kannibalismus zu tun hat.

Costatine di maiale alla griglia con salsa "Papa's Own"

Zutaten:

20 Costatine. Die italienischen Metzger trennen die Rippenbögen einzeln, was das Grillen auf den Punkt erleichtert

Je 1 Süßwein-Glas normale und süße Sojasauce

4 Esslöffel Sesam-Öl aus geröstetem Sesam

Saft einer halben Limone

4 mittelgroße Peperoncini mit Kernen

1 Esslöffel braunen Melasse-Zuckers

1 Esslöffel Tomatenmark

Je 1 Teelöffel Cucuma  und Currypulver (wahlweise auch 2 Teelöffel Tandoori-Gewürz anstatt)

2 große und frische Knoblauchzehen

20 g grob gehackten Ingwer

1 Esslöffel fein gehackte, grüne Koriander-Blätter *


Zubereitung:  

Die Costatine so wie sie sind ,zum "Löffelchenliegen" auf den Grill und fürsorglich permanent wenden

Alle anderen Zutaten mit Ausnahme des Korianders nach dem Grad ihrer Trockenheit beziehungsweise Feuchtigkeit hintereinander unter vorsichtiger Zugabe von grobem Meersalz (auch Fleur de Sel) in einem Mörser zerreiben (mit einem hölzernen Kochlöffel in einer Tasse ist immer noch besser als im Mixer) bis eine dickflüssige Sauce entsteht. Erst dann nach Gusto den grünen Koriander* hinzu geben, der der Beize erst den Pfiff gibt.

Wenn die Costatine fettfrei und knusperig sind, einfach nur in Papa's Own tauchen oder darüber träufeln und das Fleisch sofort auf Rucola servieren.

* Grüner Koriander ist nicht jedermanns Sache. Das Gewürz muss man sich zunächst mit einem Hauch erarbeiten. Ich kannte - als ich als Kind nach Bayern kam - nur den harten Koriander auf bestimmten Bauernbroten, die ich zunächst deshalb nicht mochte. Da waren mein Schlüssel-Erlebnis beim Skifahren in Südtirol die Vinschgauer Bladln, in denen auch noch Kümmel verbacken wurde, den ich davor auch noch nicht mochte. In der Kombination mit Almbutter sind die echten "Bladln" mittlerweile mein Brotzeit-Highlight. 

Als ich  in der Nähe von Delhi von einem Hinduistischen Antiquitäten-Händler in sein Privathaus zu einem vegetarischen Dinner eingeladen wurde, kannte ich die "Petersilie des Orients" noch nicht und lud mir auf die Pappadums, die höllisch scharfen indischen Knusper-Pfannkuchen, genauso viel vom grünen Gift wie mein Gastgeber. Dieser seifige, ein wenig penetrante Geschmack war der absolute Horror, aber ich konnte ja nicht ausspucken. Also kaute ich mit extra langen Zähnen und schluckte brav. Das hatte den Effekt, dass meine Mundhöhle auf der Heimfahrt immer noch vom grünen Koriander erfüllt war, aber jetzt entfaltete er gedämpft sein Suchtpotenzial, dass leider daheim in Deutschland lange Jahre nicht zu befriedigen war. Auch hier in Italien züchtet unser Kräuter-Händler auf der Burg in seinem horto nur den Koriander für   die harten Samenkapseln. Bei jedem arabischen oder nordafrikanischen Gemüse-Laden in München gibt es den grünen jedoch das ganze Jahr hindurch. Die Chinesen verkaufen ihn sogar mit Wurzel, die sie gerne in der Suppe mitkochen lassen.

Freitag, 1. August 2014

Trivial gegen den Horror

Die Grenz-Debilität meiner Frau und meiner Wenigkeit offenbart sich immer häufiger dadurch, dass wir uns im von Wiederholungen geprägten Fernsehprogramm dieses Sommers vornehmlich Film-Schmonzetten heraus picken, die ein Happy-End haben. Wenn ein netter Hund vorkommt oder wie gestern Abend  ein süßes Baby, dann verdrücken wir Enkel-Losen schon mal ein Tränchen. Auch im Borgo hat die Zahl knuddeliger Hunde und spielender kleiner Kinder - Ferien bedingt - zugenommen, was seinen Heile-Welt-Charakter noch verstärkt.

Aber dann kommen ja nach den Schmonzetten immer Tagesschau oder Heute  und holen uns ganz schnell in die Realität zurück. Fast tausend Tote im Gaza-Streifen, unzählige von beider Propaganda Vernebelte in der Ukraine,  unkontrollierbare Opfer-Zahlen im Irak und Syrien aber auch aus Libyen hört der Nachrichten-Mensch nichts Genaues...

"Da sitzen wir und schauen uns diesen seichten Scheiß an, während die Welt aus dem Leim geht", stellte da die "Zweitbeste" in ihrer mitunter drastischen Sprache fest. Unser Nachbarin Paula hatte vor ein paar Tagen etwas Ähnliches gesagt, als wir bei einem Grill-Abend friedlich auf der Piazza saßen und es uns gut gehen ließen:
"Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen, dass wir es so schön hier haben, während anderswo solche schrecklichen Dinge geschehen."

Der Blogger muss gestehen, dass ihm seit Wochen ähnliche Gedanken beim Schreiben seiner leichten, literarisch angehauchten Kost bremsen. Aber wenn ich nun gar nicht verstehen kann, wie junge Deutsche mit russischen Wurzeln vom Web angestachelt, ihr Leben in einem Konflikt riskieren, den sie aus Mangel an historischem Wissen gar nicht begreifen können? Aber wenn ich zum wiederholten Mal drastisches Unvermögen der "Weltgemeinschaft" beim Verhindern und Beilegen dieser wahnwitzigen Konflikte erlebe? Wenn ich dünne Nachrichten-Lagen journalistisch aufgebauscht erlebe, weil die "Wahre" ja zum Wohle der Einschaltquote an den Konsumenten muss? Was soll ich da denn dagegen halten, als ein paar Texte aus einem Dörfchen, das ja auch nicht immer in Frieden lebt?

Ich schlafe sehr schlecht in diesen Tagen, in denen der erste große Weltenbrand nur hundert Jahe her ist. Ich sehe dank meiner privaten historischen Studien und Erinnerungen wie sich die Geschichte nicht nur beispielsweise in der Türkei, diesem  so herrlichen Land, wiederholt: Ein Bild vom  Berliner Olympia-Stadion, der Keimzelle des Nazi-Wahns,bleibt mir im Kopf. Nur, dass es aktuell nicht mit Haken-Kreuzen beflaggt, sondern mit dem roten Halbmond-Banner zu Ehren der als sicher geltenden Präsidenten-Wahl Erdogans als "Wahl-Lokal" geschmückt ist. Erdogan, der noch als ein neuer "Führer" von sich Reden machen wird. Da bin ich mir sicher. Wieso waren eigentlich mehr pro palästinensische Demonstranten auf deutschen Straßen unterwegs als solche, die für die Juden eintreten, die unser Volk durch Mord und Vertreibung erst zu Israelis gemacht hat?

Bei mir hat sich ein Symptom zu einem Leitgedanken gefestigt, der leider immer wieder für das Scheitern von Demokratien sorgen wird - so humanistisch der Einzelne gestimmt sein mag:

Die Ohnmacht des Individuums manifestiert sich immer aufs Neue dadurch, dass es sich lieber vor eigenem Denken und Handeln nach einer Schein-Bequemlichkeit durch starke Führung sehnt.