Donnerstag, 17. Juli 2014

Don Marino

Heute ist es wirklich sehr heiß. Die Gedanken strömen nicht, sondern tropfen zähflüssig in die Hände und von dort in meine Tastatur. Wenn die Temperaturen es zuließen, ärgerte ich mich zu allererst darüber (Schönen Gruß an die Gesellschaft zur Rettung des Konjunktivs!!!), dass es in München noch heißer sein wird  als hier zwischen den alten Mauern. 34 Grad sollen es in Bayern werden, und natürlich mache ich mir schon wieder Gedanken, ob meine beiden Kids bei ihrem Open-Air-Auftritt mit der Band am Samstag bei den angekündigten schweren Gewittern auch sicher sind...

Hier ziehen sich schon wieder die vom Tramontana getriebenen Wolken zusammen, aber ein Gewitter wird es wohl nicht geben. Woher wir das wissen? Weil unser böser Burggeist gestern ein zappelndes Huhn über die Piazza getragen und es an der Fontana gründlich abgeduscht hat. Die "Zweitbeste" ist sich sicher: Hätte sie nicht zufällig auf ihrem Stuhl im Schatten gesessen, Don Marino hätte das Federvieh schon an Ort und Stelle geschlachtet. Don Marino, der Sparsame, setzte aber nie und nimmer eine Suppe  oder einen besonderen Braten an, wenn das Wetter nicht stabil bliebe (Zwei weitere Konjunktiv-Sammelpunkte!)...

Don Marino ist der, der von den einst vier "hundertjährigen Geschwistern" noch übrig geblieben ist. Ich müsste sie eigentlich längst umbenannt haben, weil ja weder die Zwillinge noch die zeternde Eugenia (alle weit über 90) die Hundert geschafft haben. Aber Don Marino ist möglicher Weise böse genug, um uns noch alle zu überleben. - Was ihn natürlich besonders geeignet erscheinen lässt, weiterhin eine tragende Rolle auf meinem Blog zu spielen.

Mitunter kommt mir der Verdacht, es könne sich bei ihm sogar um einem illegitimen Spross, des Grafen-Geschlechtes handeln, das hier einst den Borgo  beherrschte. So sehr ist er darauf versessen, die vielen fremden Eindringlinge zu piesacken. Wer sein Auto oberhalb des Dorfes zu lange nach dem Ausladen stehen lässt, oder auf seinen dort markierten Grundstücksanteilen steht, kann  damit rechnen, dass sein Türschloss verklebt ist, oder eine teure Alu-Felge eine Beule abbekommen hat. Nachzuweisen war ihm natürlich nie etwas.

Jedenfalls sind wir schon erstaunt, dass er auf einmal wieder lebende Hühner hat. Denn seine Hühner hielt er hinder der Pforte uns gegenüber, die heute streng von einer meiner aufmerksamen Yukka-Palmen bewacht wird. Als seine drei Schwestern  begannen, hinfällig  zu werden, waren die Hühner verschwunden. Stattdessen wurde diese Cantina zu einer Art Kleiderkammer, die für die immer abgerissen herum laufenden und herunter gekommen wirkenden Geschwister jede Menge tadelloser, da eingeschweißter, und nicht allzu alter Kleider parat hielt. Als Eugenia als Letzte ins Heim kam, suchte der fürsorgliche Brunder für sie jedenfalls geeignete Kleidung aus just diesem Fundus.

Nachdem die Drei aber dann den kurzen Weg von hier zu Il Signore angetreten hatten, war auch bei Don Marino plötzlich eine modische Wandlung eingetreten. Auf einmal marschierte er in tadellos gebügelten Gabardine-Hosen samt Blazer und weißem Hemd über die Piazza. Und sein verknotetes Taschentuch hatte er gegen eine farblich abgestimmte Golf-Mütze eingetauscht. Die "Zweitbeste" war sich sicher, dass der 94jährige im Ortsteil La Villa eine Freundin hat. Fragen konnten wir ihn natürlich nicht, weil wir - trotz des wieder gefundenen Schlüssels zu seiner "Remissa" - in seinen Augen immer noch diebische Teufelsbrut sind. Aber immerhin grüßt er uns wieder  - unter allerdings sichtbarer, körperlicher Qual.

Er, der ja - vom Hörensagen - nach dem Ableben seiner Geschwister alleiniger Herr über erheblichen Landbesitz ist, scheint nun auch in all seinen Häusern gleichzeitig zu wohnen. Vom Haus seiner Schwestern trägt er brav den Müll raus, obwohl er eigentlich an der oberen Piazza eines der schönsten Häuser des Borgos bewohnt. Dass die Kleidung wieder nachlässig wie einst ist, schreiben wir dem Umstand zu, dass er in seinem roboterhaft programmierten Dasein wieder den "Vor-Ernte-Modus" hoch gefahren hat. Obwohl nur noch aus Haut und Knochen bestehend sehen wir ihn täglich in seinem Geländewagen zu seinen weit verstreuten fascie düsen, um darin zu arbeiten...

Dienstag, 15. Juli 2014

Body&Soul

Es kann der stillste Nachbar nicht in  Frieden denken, wenn es der "Seelenfängerin" nicht gefällt. Gerade saß ich in meiner Ecke auf der Stufe des noch in Rom weilenden Nachbarn und dachte nach. Da kam Signora Electra die halbe Treppe von der Gasse hoch, so dass ich nur ihren Kopf mit der Prinz-Eisenherz-Frisur auf Ebene der Piazza sah. Das gab unserem Dialog etwas Geisterbahnhaftes:

"Cosa stai facendo?" Was machst Du?
" Einfach nur nachdenken!" Basta semplicemente pensare.
"Denk nicht soviel! Glaube lieber!" Non pensare tanto! Fede piuttosto!

Für einen Moment überlegte ich, ob ich versuchen sollte, ihr mit meinem Speisekarten-Italienisch meine komplizierten Überlegungen zu beschreiben. Dann sagte ich nur:
"Non è possibile salvare mia anima Signora!" Meine Seele ist nicht mehr zu retten...

Ich hatte gerade mein E-Book mit einer Original-Version von Henry David Thoreaus "Walden" zur Seite gelegt. In einem selbst überhöhenden Anfall von beruflicher Eifersucht stellte sich mir, der sich gleiche Gedanken nicht zu Papier bringen traut, die Frage: Wie konnte dieser Urvater aller "Alternativen" vor genau 160 Jahren derart richtige Erkenntnisse nachhaltig für die Ewigkeit zu Papier bringen? In einer einleuchtenden Sprache, die offenbar aktuell auf keiner Petersberger Klima-Konferenz in ihrer Klarheit verstanden werden konnte...

Wie sollte ich dann diese Fülle an Geistesblitzen der eher eindimensional denkenden "Seelenfängerin" darreichen? - Noch dazu in ihrer Sprache? Und wie bin ich überhaupt zu der Kettenreaktion an Überlegungen gekommen?

Dazu muss ich  vorweg (wieso überhaupt?)  betonen, dass ich nicht wie Thomas Mann im Alter von meinen unterdrückten homoerotische Anwandlungen überwältigt werde. Es war eben nur gerade eine simple Erkenntnis der Ästhetik:

Nach all den Sixpack "getuneten" und von Hairstylisten "geshapeten" Fußballstars bei der soeben zu Ende gegangenen Fußball-Weltmeisterschaft, fiel heute meine Blick auf die Jungs, die mich seit einem Monat mit ihrer Zementmischmaschine, ihren lauten Unterhaltungen und ihren Gesängen ab den frühen Morgenstunden nerven. Unsere Body&Soul-Doctores aus der freud'schen Heimatstadt lassen sich nämlich eine offenbar Fußballfeld große Terrasse zum Tal hin anlegen...

Da ich die Arbeiter bislang nur mehr oder weniger akustisch wahrgenommen hatte, fiel mir bei ihrem Anblick - diagonal über die Piazza in der Gesamtperspektive der nachhaltigen Vergänglichkeit unserer Burg - ein Zitat von Thoreaus Eingangskapitel aus "Walden" ein:

"Jede Generation lacht sich tot über die modischen Verfehlungen ihrer Eltern, um im gleichen Moment nichts unversucht zu lassen, nach den modischen Errungenschaften zu streben, über die sich dann wieder ihre Kinder amüsieren können... "(Wirklich sehr frei übersetzt!!!).

Drei junge Männer schleppen hier seit Tagen riesige Schiefer-Platten über die steilen Treppen nach unten. Dazu kommen noch schwerere Eimer mit Zement aus der Mischmaschine. Sie singen mit guten Stimmen, und wenn sie zur Fontana kommen, um das Wasser per übergestülpten Schlauch für den Zement abzuzapfen, grüßen sie gut gelaunt und höflich.

Nach all den mit "personal Trainern" gezüchteten Bodies der Ronaldos, Kutchers, Beckhams und Timberlakes ruht mein Blick voller Wohlgefallen auf diesen Burschen, die sich durch ihrer Körper Arbeit ein im Rousseau'schen Sinne perfektes Ebenmaß erarbeitet haben.

Samstag, 12. Juli 2014

Ein sonniges Gemüt

Eines muss man der "Zweitbesten" lassen. Was sie sich in den Kopf gesetzt hat, das zieht sie erbarmungslos durch. Weil die ersten unserer Nachbarn schon bald wieder in Richtung Heimat unterwegs sind und andere - gerade frisch angekommen - noch zu erschöpft waren, um sich nachhaltig zu wehren, hatte sie strikt das erste Cena In Piazza für den vergangenen, ungewohnten Donnerstag angesetzt, zu dem natürlich unsere noch arbeitenden italienischen Nachbarn nicht so zahlreich erscheinen konnten, wie beim letzten "Abendessen auf der Piazza" im vergangenen Herbst. Trotz ständiger Unwetter mit Temperatur-Stürzen hat die "Zweitbeste" natürlich wieder eine "notte magica" erwischt. Wir waren immerhin schon vierzehn bei Tisch, und das Gelage aus mitgebrachten Speisen und Weinen dauerte wieder einmal von sechs bis Mitternacht. Nach so langer Zeit gab es viel Neues zu erzählen - auch wenn das bei mangelndem Wortschatz mit Händen und Füßen dargebracht wurde. Julia aus dem von uns abgeschnittenen Nachbarort war erstmals dabei und half mit ihrem italienischen Mann Ernesto manche Sprachbarriere zu überqueren

Unsere Nachbarin, Signora Ina, bekam sogar als Dank für ihren aus eigenen Pflaumen gebackenen Gitter-Kuchen einen erfolgreichen Schnellkurs in unserem deutschen Behelfs-Italienisch. Anhand von einfachen Beispielen erläuterten wir ihr das für die Fälle, in denen uns gerade mal eine italienische Vokabel nicht einfällt. - Am Ende des Abends bat sie - schon leicht beschickert - perfekt um Messero, Gebelo samt Tellero. Alter schützt eben doch vor Torheit nicht.

Als neuen Gast an der Tafel durften wir auch den deutschen Burggeist Martin begrüßen, den wir als Dauer-Residenten schon als alten Kumpanen ansehen. Da waren wir dann aber doch überrascht, dass andere, die schon mehr als 30 Jahre auf die Burg kommen,  ihn noch gar nicht kannten,. Und das, obwohl ihm seit über zwanzig Jahren eine Wohnung auf der Rückseite von der Burg gehört.

Der mittlerweile 77jährige aus dem Schwabenland ist aber auch schwer zu erwischen, denn er ist hyperaktiv wie ein Vorschüler. Nicht nur, dass er immer noch mit einem PSstarken Motorroller aus der Nähe von Stuttgart bei Wind und Wetter über Landstraßen und Alpenpässe zum Borgo düst - auch hier absolviert er dann das volle Programm eines jungen Aktivisten. Nach dem Aufstehen spielt er täglich mit einem Trainer in Porto Maurizio Tennis, dann geht er schwimmen, dann macht er ein Schläfchen, bevor er sich wieder auf den Roller schwingt, um irgendwo in den Bergen zu essen. Seine Aufenthalte auf der Burg dauern aber selten länger als 14 Tage. Dann wird er unruhig und besucht auf der Heimfahrt noch geschwind andere über Europa verteilte Freunde. Wenn er nicht so ein leidenschaftlicher Formel-!-Gucker wäre, bekämen wir ihn vermutlich auch nur selten zu Gesicht. Den "Großen Preis von Österreich" und Silverstone hat er in diesem Jahr sachkundig bei mir geguckt.

Um ehrlich zu sein, macht er mich mit seiner Agilität ganz schön neidisch, aber ich kenne mittlerweile das Geheimnis hinter seinem sonnigen Gemüt: Der Martin lebt ausschließlich im Sommer. Er ist mit einer Brasilianerin verheiratet und lebt mit ihr halbjährlich in beiden Welten. Wenn sich in unseren Breiten das Laub färbt. sitzt er bereits wieder mit ihr im Flieger und düst dem brasilianischen Frühjahr entgegen - bis er im kommenden Sommer wieder mal für eine Stippvisite bei uns eintrudelt; ein Zugvogel der besonderen Art...

Donnerstag, 10. Juli 2014

Öl oder Butter

"When in Rome do as the Romans do!" - Von diesem Prinzip rücken die "Zweitbeste" und ich in der Fremde nur selten ab. Das heißt, wir passen uns allgemeinen Verhaltensregeln des jeweiligen Gastgeberlandes an und vergessen unsere teutonischen; - nicht etwa aus Anbiederei, sondern aus Respekt.

Bei der Nahrungsmittel-Aufnahme allerdings manchen wir eine drastische Ausnahme. Wo immer es geht, wollen wir auf unsere Deutsche Markenbutter nicht verzichten. Auf Kurztrips haben wir sie schon mal in Kühltaschen dabei, aber auf lange Sicht  - wie hier auf der Burg - kommt es schon mal zum Point of No Return in der Vorratshaltung. 

Obwohl wir hier unseren Butter-Verbrauch - auch aus gesundheitlichen Gründen - drastisch eingeschränkt haben, gehen wir da keine Kompromisse ein. Selbst die Südtiroler Butter aus Sterzing/Vipiteno, die es in die Regale hier geschafft hat, befriedigt unsere Ansprüche da nicht,. Aber weil Europa eben doch zusammenwächst, führt unser Bio-Laden am Hafen in Oneglia "Berchtesgadener Almbutter". Dass er uns für sein exklusives Angebot pro Päckchen 3,50 Euro abknöpft, akzeptieren wir deshalb auch zähneknirschend.

Zur Ehren-Rettung des vielfältigen italienischen Butter-Angebotes muss ich aber sagen, dass es hier ganz ausgezeichnete Varianten gibt - sie schmecken uns nur nicht beim Frühstück oder generell auf Brot.

Zum Kochen unter gleichzeitiger Verwendung von Öl und Butter gibt es hier aber wiederum Produkte, die dann sogar ein wenig besser geeignet sind als unsere Markenbutter. Herausragend ist - um nur ein Beispiel zu nennen - die aus Sahne hergestellte schlohweiße Butter aus der Po-Ebene, die aus meiner Sicht zum Beispiel - wie schon beschrieben - an Bottarga-Spaghetti nicht fehlen darf. Auch für die nur auf der Haut gebratenen Fisch-Filets (hier wird ja Fisch in erster Linie auf dem Kochstein, dem pilastro oder al ligure in der Ofen-Reine gegart)  ist sie hervorragend geeignet. 

Auf das einseitig mit Butter kross gebratene Filet kommt aber dann natürlich beim Servieren auf die Fleisch-Seite ein kräftiger Schuss Extra Vergine als Referenz an die Zweit-Heimat...

Das bringt mich zum eigentlichen Anlass meines heutigen Briefes:

Zutiefst verunsichert durch diverse Berichte in jüngster Zeit haben die "Zweitbeste" und ich  heute eine Extrra-Vergine-Blindverkostung  durchgeführt. Gustavo hat uns nämlich wieder von seinem selbst gepressten Öl aus eigenem Anbau vorbei gebracht, dessen Liter-Preis sich seit Jahren nicht verändert.

Sein Öl trat gegen das Premium-Produkt an, das wir - wie bereits berichtet - gegen die Bonus-Punkte des Supermercato eingetauscht hatten. Zwei Liter vom Letzteren kosten soviel wie fünf vom Ersteren.

Test-Träger waren frisch gewaschene Zeige-Finger links sowie rechts, die in einen zuvor neutralisierten Mund gesteckt wurden.
Jetzt kommt es: 
Das Premium-Öl war dick und smaragdgrün und schmeckte viel intensiver als das von Gustavo, das leicht lindgrün und  auch dünnflüssiger war. Meine Frau bevorzugte sofort das von Gustavo  wegen seines "ehrlichen" Geschmacks. Ich fand das Premium-Öl besser, weil ich gerne mal einfach nur Öl und Salz auf ein ofenfrisches Brot träufele. Aber der "Supermarkt-Bonus" war schon allein zur Farbgebung deutlich sichtbar mit mosto d'oro verschnitten - und auf einen besonderen,  vorrangigen Geschmack hin designed.

Letztlich sind wir froh, dass wir beide haben. Wir werden auch die nächsten Bonuspunkte wieder so eintauschen, aber nicht nur aus preislichen Gründen Gustavos leicht fruchtigem, ehrlichen Öl  den Vorzug geben. 

Da sind wir allemal kompromissbereiter als bei der Butter-Frage...

Dienstag, 8. Juli 2014

Zurück ins Mittelalter

Bei dem meist sonnigen Gemüt der "Zweitbesten" kommt es selten vor, dass sie von mir derart beschimpft wird. Gestern war es mal wieder soweit. Den ganzen Tag war sie unruhig, genervt und hat obendrein noch ein paar wichtige Dinge, die sie erledigen wollte, vergessen.

Dabei hat sie sich nur instinktiv so verhalten, weil sie uns warnen wollte. Sie ist ja keine. Sie verhält sich doch nur wie eine Gewitterziege, weil sie damit im besten Sinne der bäuerlichen Wetter-Vorhersage ein bevorstehendes Unwetter ankündigt. Allerdings muss ich mich dagegen verwahren, dass auch der bäuerliche Regel-Reim auf sie zu träfe ("Stinkt die Ziege gegen den Wind, kommt das Gewitter ganz geschwind").

Ich war ja auch nicht in bester Stimmung gestern! Es war so drückend und schwül, aber als der leichte Wind vom Meer, die berühmt berüchtigte brezza libeccata als untrügliches Zeichen einsetzte, hatte diese mich auf der Terrasse schon sanft entschlafen lassen. Am späten Nachmittag und am frühen Abend gab es keine weiteren Warnhinweise - außer eben der äußerst schlechten Laune - der Zickigkeit  meiner Frau.

Wäre ich ihr besser nicht aus dem Wege gegangen. Dann hätte ich auch das nahende Unheil gespürt. So hatte ich die Kopfhörer auf und bemerkte es erst, als mit dem ersten Monster-Blitz nicht nur mein Computer verstarb, sondern mit ihm unserer gesamte Stromversorgung auf der Burg. Wir zählten zehn, zwölf Blitze innerhalb einer Minute und mussten noch dankbar für diese Licht-Quellen sein, denn ansonsten herrschte tiefste Finsternis - wie im Rektum des Leibhaftigen (eine durchaus mittelalterliche Vorstellung!?).

Gleichzeitig ging ein Regenguss hernieder, der uns wieder einmal fluchen ließ, dass wir aus reiner Nostalgie die Fenster im obersten Stock, der von unserem Wohnzimmer eingenommen wird, nicht auch mit neuen Fenstern ausgestattet haben. Bis wir Feuerzeuge (wir rauchen ja beide nicht mehr) oder Streichhölzer zum entzünden diverser Kerzen-Leuchter gefunden hatten, wurde die Flut schon derart durch die knorrigen Holzrahmen gepresst, dass sämtliche Vorhänge und Teppiche pitschnass waren. Die Schlagläden noch zu schließen, war bei dem Sturm unmöglich. Wie auf einem sinkenden Schiff versuchten wir die Lecks mit großen Badetüchern zu stopfen, aber dann resignierten wir vor den Himmelsmächten und genossen irgendwie aber diesen Rücksturz ins Mittelalter: Ohne Licht in diesem ohrenbetäubenden Lärm zwischen dem flammenden, alten Gemäuer. So schnell kann es also gehen, wenn der Klima-Wandel uns beutelt.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und an der Funzel auf der Piazza erkannten wir dann auch, dass die Stromversorgung wieder hergestellt war. Also runter wie Quasimodo - auf glitschigen Stufen mit dem Kerzen-Leuchter in der Hand den Kipphebel im Sicherungssicherheitskasten umgelegt. Und siehe, die Jetztzeit hatte uns wieder.

Die Computer-Anlage hat es auch überlebt, und so konnte ich heute Herkunft und Wandel des Begriffes Gewitterziege nachlesen:

Der germanischen Mythologie zufolge, wurden Gewitter ausgelöst, weil sich Donner-Gott Thor in einem Wagen von zwei Ziegenböcken über das Firmament ziehen ließ. Dieser Glaube wurde vermutlich durch die generell sensible Wahrnehmung der Ziegen angeregt, die sich bei vielen Naturvölkern in Ritualen nieder schlägt. Wer bei den Beduinen im Ziegen-Kuskus beispielsweise die Augen der Ziege zugeschoben bekommt, sollte sich durch deren Verzehr nicht nur geehrt fühlen, sondern erhält in der Überzeugung seiner Gastgeber dadurch auch eine besondere Weitsicht.

Ich habe sie unter Vorgabe anderer Glaubensmotive am Ein El Agdar einst verschmäht. Deshalb habe ich eben auch nicht erkannt, weshalb meine Frau so "rumgezickt" hat...

Sonntag, 6. Juli 2014

Aus eins mach drei

Lesern, die sich absurder Weise an Details meines Geschreibsels erinnern, wird es gefallen, dass ich heute mal über einen Akt von erfolgreich geplanter Nachhaltigkeit berichte:

An dessen Anfang stand im vergangen Jahr die ultimative Forderung der "Zweitbesten" eine Yukka-Palme zu fällen und zu entsorgen. Zugegeben - das in die Jahre gekommene, etwa drei Meter hohe Reff mit Rückgrat- Verkrümmung und den ausgefransten Blättern war keine Zierde mehr für unsere Piazza und schon gar nicht für die Fertilität seiner Gattung. Aber ich fand - weniger aus Mitleid mit dem rachitischen Gewächs, sondern als Akt revolutionären Widerspruchs, dass eine, die die Schönheit der Piazza derart autoritär bestimmen will, auch mal einen Denkzettel verdiente...

Zwar kam ich dem Befehl meiner Frau nach, das Teil zu fällen, aber ich entsorgte es nicht. Vielmehr schnitt ich zwei Filets aus dem Stamm und ließ auch das Wurzelwerk in dem längst gesprengten Ur-Topf. Dazu muss ich meiner Leserschaft aber gestehen, dass ich ursprünglich aus dem aktiven Widerstand gegen die angestrebte Weltherrschaft der Yukka-Gewächse stamme, weil mir meine Mitarbeiterinnen früher in mein Büro schier unverwüstliche Exemplare stellten. Wussten die doch, dass ich mit Kaffee-Resten, Zigaretten-Stummeln und CocaCola nichts unversucht ließ, deren Sprießen zu unterbinden.

Nun ist eine das letze Überbleibsel aus meiner einst blühenden Firma und steht nach zwischenzeitlicher Auslagerung in die Wohnung meines Sohnes (der sie ähnlich rüde behandelte wie ich) nun wild wuchernd in unserer Münchner Wohnung und ist dabei aus dem Glashaus ein Palmen-Haus zu machen... Der kluge Leser ahnt, das Ding hat mich also längst zur "fünften Kolonne" seiner Gattung gemacht. Ich bin jetzt einer von denen geworden, die ihrem globalen Überwuchern Vorschub leisten.

Tatsächlich bin ich heimlich her gegangen  und habe den Yukka-Stumpf samt Topf in einer schattigen, zugigen Ecke versteckt und die zwei übrigen Teile des Stammes - ebenso getarnt - einfach in mit Schotter beschwerte Töpfe gesteckt. Zumindest - dachte ich - wäre ich damit als "Rekrutant" meinen geheimen Verpflichtungen gerecht geworden. 

Wie erwähnt, war der Winter hier oben äußerst hart, stürmisch und nass. Man möchte meinen, dass dies kein Klima für Palmen-Gewächse ist. Aber wenn es einen Beleg dafür gibt, dass wir dereinst vom grünen Terror auf die Palme gebracht werden, dann ist es unsere Piazza. An ihren strategisch wichtigen Zugängen erheben sich - aus dem Schutt auferstanden - drei prächtige Fächer; stolzer und grüner als ihre mickrige Mutter und offenbar auch noch widerstandsfähiger.

 Aber was das Schlimmste ist, dass sie offenbar nun auch die "Zweitbeste" umgedreht haben. Denn sie gießt sie euphorisch.

Was klagt die Menschheit über die NSA-Aktivitäten. Sie hätte meine unterbinden sollen. Jetzt ist es zu spät, dem Yukka-Terror noch Einhalt zu gebieten...

Mittwoch, 2. Juli 2014

Geisterhäuser

Seit gestern hat Italien die EU-Ratspräsidentschaft. Was natürlich zum Schwadronieren über die wirtschaftliche Befindlichkeit der Stiefel-Bewohner einlädt; sowohl von außen als auch von innen. Manche erwarten von Matteo Renzi Wunder-Dinge, andere bezeichnen ihn sogar schon als Berlusconi in Westentaschen-Format. Wie immer geht es dabei eher um Emotionen als um Fakten. Wobei die Fakten-Lage Italiens ja wirklich haarsträubend ist, aber das berechtigt andere "Muster-Europäer" nun wirklich nicht, das mit Klischees und Vorurteilen zu kommentieren.

Egozentrisch denkende Volkscharaktere wie den spanischen, den griechischen und eben auch den italienischen von den Segnungen eines geeinten Europas zu überzeugen, bedarf  keiner erhobenen Zeigefinger, sondern vielleicht eher einer Ermutigung, sich auf traditionelle Stärken zu besinnen und dies dann auch hoffnungsfroh zu loben. Genau das tut Renzi, sonst bekäme er nämlich seine Reformen nicht gebacken.

Italien verfügt im Volk - wie kein anderes in Europa - über stille Reserven, die dem Staat vorenthalten werden. Da ist zum einen die nach wie vor grassierende Schludrigkeit beim Erheben und Entrichten verschiedenster Steuern. Zum anderen die Schwarzarbeit unter dem Deckmäntelchen der Nachbarschaftshilfe, die ja hier quasi einen historischen Ursprung hat. Da ist es dann klar, dass die, denen Steuern und Sozialabgaben mit dem Lohn oder Gehalt abgezogen werden, sich immer mehr als Außenseiter einer in erheblichem Wohlstand lebenden Gesellschaft fühlen. Dass das deutsche Steuersystem auch erhebliche Lücken hat, wissen wir ja spätestens seit den jüngsten Promi-Schwarzgeld-Affären. Dennoch stünde Italien mit diesem weit vor allen anderen europäischen Nationen und müsste nicht einen Staatshaushalt hinnehmen, der derart drastisch höher ist als sein Brutto-Sozial-Produkt.

Der Pro-Kopf-Besitz an privatem Wohnungs- und Haus-Eigentum ist wesentlich höher als bei uns, und er hat auch nichts mit einer möglicher Weise bald platzenden Spekulationsblase zu tun, das durch zu hoch finanzierte, neue Immobilien entstehen könnte. Nach den Schleuder-Veräußerungen der 60er und 70er Jahre haben die meisten Italiener längst erkannt, dass Bestandsimmobilien wertbeständiger sind als jedes andere Investment. 

Jeder übrig gebliebene (schwarz verdiente?) Euro scheint derzeit zumindest hier auf der Burg in den Ausbau, die Modernisierung und die Werterhöhung geerbter, seit jeher bestehender und immer noch geisterhafter Gemäuer investiert zu werden, obwohl die Miet-Nachfrage bei Ferienwohnungen heuer äußerst mau läuft. Aber man macht das eben nicht, weil  wie vor zwei Jahrzehnten auf  eine neue Welle wohlhabender Romantiker von nördlich der Alpen als Käufer gesetzt wird. Jetzt soll der Besitz im eigenen Land bleiben. - Die letzten Käufer hier oben, waren allesamt Italiener.

Ich versuche es mal mit einem Beispiel: 
Vor ein paar Jahren verstarb in der Nachbar-Gasse keine dreißig Meter von uns entfernt ein altes Paar das wir ebenso wenig wahrgenommen hatten, wie die Eingangstür zu ihrem Haus, an der wir zigmal vorbei gegangen waren. So unscheinbar war ihr Leben.

Als die Erben, aus einer norditalienischen Großstadt kamen, um ihren Besitz, von dem sie ebenfalls nichts wussten, zu inspizieren, wurden die Zweitbeste und ich eingeladen, mit zu gucken. Es war ein überraschendes wenn nicht gar gespenstisches Erlebnis: Eine Film-Kulisse des Novo cento erwartete uns. In einem Zimmer neben der Eingangstür saßen auf einer Couch zwei Kinder - Junge und Mädchen - als lebensgroße Puppen; angestaubt wie der Rest des  sich hinter dem Flur  riesig erweiternden Hauses. Nach dem fünften, komplett eingerichteten Zimmer und der zweiten Küche und dem zweiten Bad habe ich dann aufgehört staunend mit zu zählen Erst auf der zwanzig Meter breiten Terrasse mit komplettem, unverstelltem Meerblick kam ich wieder zu mir und meinte halblaut, dass sich das Anwesen wohl in kürzester Zeit zum Höchstpreis verkaufen ließe...

Die jungen Leute hatten jedoch keine Euro-Zeichen in ihren Pupillen, sondern meinten nur lapidar, dass sie niemals verkaufen würden. Später erfuhr ich, dass besonders zu diesem Haus, das so unscheinbar wirkte, auch noch - wie bei den hundertjährigen Geschwistern und anderen Alteingesessenen hier oben - umfangreicher Land-Besitz gehöre. Seit ihrem Besuch wurde tatsächlich nicht verkauft, aber an dem Haus auch nichts mehr gemacht.Die Erben ließen sich aber auch im Bewusstsein ihrer stillen Reserven hier nicht mehr blicken.

Solche Geisterhäuser gibt es in unserem Borgo mittlerweile einige. Auch zwei auf der Ostseite unserer Piazza, in denen einst Magazine gewesen sein sollen. Die Ringe zum Anbinden der gewaltigen Transport-Ochsen sind ja heute noch zu sehen. 

Kürzlich kam erstmals die Besitzerin des einen und bat die Zweitbeste, doch mit hinein zu gehen - weil sie sich wohl allein nicht traute. Einer unserer verstorbenen Ruinen-Baumeister hatte uns einst berichtet, dass es in beiden mal einen übergreifenden, öligen Brand gegeben hätte, der es unmöglich mache, die Sandsteinmauern innen zu verputzen oder gar zu streichen. Es müssten unter erheblicher Einbuße von Quadratmetern neue Wände davor gesetzt werden... Die Dame aus Imperia hofft dennoch, zu verkaufen und schielt dabei auf die remissa unserer Nachbarin Edna, die seit zwei Jahren den direkt an unser Haus grenzenden, ehemaligen Speicher als Appartement ausbauen lässt: Immer mal wieder von unterschiedlichen Arbeitern aus Nordafrika, die mitten im Bauabschnitt wieder verschwinden...

Es sind aber tatsächlich die Omas dieses Landes, die bereits erkannt haben, dass es ihren Enkeln erstmals schlechter geht als deren Eltern. Die greifen nun - wie eine betagte Volkswirtin es gestern ausdrückte - auf diese stillen Reserven zurück, damit die Enkel-Generation einst zumindest mietfrei wohnen könne. Bei Quadratmeter-Preisen bis zu 8000 Euro im überlaufenen Imperia zum Beispiel ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Euro-Generation erkennt, dass es schicker ist, in geräumigen Gratis-Gemäuern aus der Vergangenheit zu leben, als sich überteuert in die dem Meer nahen, neuen Mini-Appartements zu quetschen.