Freitag, 6. Juni 2014

Geben oder nicht geben?

Die katholisch erzogene "Zweitbeste" lebt im unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, während ich durch Erlebnisse weltweit aber auch das Studium der Abgründe im eigenen Charakter der gnerellen Überzeugung bin, dass jedem Menschen grundsätzlich alles zuzutrauen ist.
Dass diese Divergenz ein Dauerbrenner für unsere Diskussionen über Mildtätigkeit ist, liegt vor allem auf den Restaurant-Meilen dieser Blumen-Küste auf der Hand. Dort haben wir dreierlei "Wegelagerer", die einem den Appetit schon mal durch ihre Hartnäckigkeit verderben können. Sie operieren in Wellen, und seit ich die fabelhaften Romane des in Triest lebenden deutschen Krimi-Autoren Veit Heinichen gelesen habe, vermute ich hinter diesem Schwarmverhalten maffiöse Strukturen. Erst kommen die Verkäufer von Schirmen, oder Batterie betriebenem, bunten Krimskrams. Deren neuster Renner ist die Hand-Nähmaschine. Dann kommen die Musiker, von denen nur jeder zweite in etwa die Fähigkeit hat, ihn dieser Kategorie zu zu ordnen. Die meisten sind so schlecht, dass man von ihren  Kakophonien Ohren-Krebs bekommen könnte. Einmal war ich derart genervt, als mir das Geld-Tellerchen hingehalten wurde, dass ich zum Schein hinein griff und mich dann übertrieben böse beschwerte, dass da nicht genug als Wiedergutmachung drin sei, Der Typ hat darüber so entwaffnend nett gelacht, dass die Zweitbeste ihm direkt ein Zwei-Euro-Stück in die andere Hand drückte.
Die dritte Welle nervt aber nun endlich auch mal meine Frau. Das sind die, die sich das Gesicht mit Theater-Schminke weißen, in Laken kleiden und wie Geister zwischen den Tischen hindurch schleichen. Sie halten sich offenbar für belohnenswerte Kunstwerke. Da sind mir ja diejenigen, die nur stumm Schilder in der einen Hand und die Mütze für die Münzen in der anderen Hand halten, noch lieber. Als ausgewiesener Experte für Druck- und Handschriften ist mir aber aufgefallen, dass diese Schilder in ordentlichen Großbuchstaben und gleichem Zeilenfall in Sanremo, Imperia oder Bordighera identisch aussehen. Irgendwo im Geheimen sitzt also wohl einer, der unermüdlich diesen Satz auf schönen weißen Karton stets gleicher Qualität schreibt:


AIUTATEMI,

 HO FAME !

"Und was wäre, wenn die nun wirklich Hunger hätten", beginnt die "Zweitbeste" die Diskussion. "Wir sitzen hier und lassen uns das Mittagessen schmecken, während die durch unsere paar Münzen vielleicht einen Tag überleben können."
Meine Frau, die so liebenswerte Gewohnheiten hat, wie in jeder offenen Kirche eine Kerze für die Familie zu entzünden, analysiert die wenigen Male, in denen ich freimütig etwas gebe, grundsätzlich als Maßnahmen gegen mein schlechtes Gewissen. Für mich sei doch das Geben sowieso meist nur an die Erwartung geknüpft, dafür etwas zurück zu bekommen...
Was soll ich sagen? Irgendwie hat sie ja recht, aber selbst dabei habe ich Zeit meines Lebens allzu oft kein "Payback" gehabt...

Und dann muss eine höhere Macht meinen Gewissenskampf doch beobachtet und mir ein Gleichnis geschickt haben. 
Wir hatten diese Woche Besuch von einer lebenslangen Freundin. Für beide Damen die ideale Gelegenheit, auf dem Markt die Stände mit den Anziehsachen zu durchforsten. Eine Beschäftigung, die mich bei der dort herrschenden Enge und Fülle nach zwei Minuten in den Wahnsinn treibt. 

Also floh ich und setzte mich in das Cafe in der Ecke vor dem Dom zum Leute-Gucken. Auf der Treppe vor dem Dom saß ein ganz in Schwarz gehüllter Mann mit hängendem Kopf, dem offenbar die Beine fehlten. Jeder Zweite, der die erhabene Kirche betrat, warf etwas in seinen Pappbecher, weil er stumm ein Schild mit besagter Aufschrift dort angelehnt hatte, wo eigentlich Beine sein sollten.
Dann läutete es zwölf, und die Fußgänger-Zone starb schlagartig aus, weil alles dem mangiare pranzo a mamma zustrebte. Kaum waren die meisten Leute verschwunden, kam Leben in den armen Mann. Er stand geschmeidig auf und der schwarze Umhang - ein gar nicht mal billiger Australian Duster - wurde in eine Umhängetasche verstaut, die unter einer der Steinbänke versteckt war. Der Mann war jung und sportlich, hatte gerade, schlanke Beine, die in sehr guten Jeans steckten und an den Füßen trug er saubere Sneaker, die nur wenige Kilometer auf ihren Sohlen hatten...

Ich dachte, er schaute in meine Richtung, weil er sich  ertappt fühlte. Aber er grinste an mir vorbei, weil aus der Seitengasse hinter mit das Gespenst mit noch einem Charakter aus der "dritten Welle" erschien. Sie klopften sich gegenseitig freundschaftlich auf die Schultern und marschierten munter plaudernd und gar nicht hinfällig zum Hafen hinunter. Jetzt begann ja ihre Mittagsschicht in der zona di divertimento...

Natürlich kamen sie auch wieder zu uns, als ich die  Damen im Restaurant auf dem Kai wieder traf. Die beiden hatten jede Menge Münzen von ihren Beutezügen auf Schals und Blusen übrig, aber sie verteilten sie diesmal großzügig  nur an die Musiker. Bis ganz zum Schluss einer der älteren Bettler kam. Da waren nur noch fünfzig Cent in kleiner Stückelung übrig. Der Bettler rümpfte die Nase und hielt seine Mütze noch einmal hin.
"Basta", sagte die "Zweitbeste" zu ihm und zu uns: "Dem gebe ich das nächste Mal nichts mehr!"

Wie war das doch gleich mit den Erwartungen beim Geben?

Mittwoch, 4. Juni 2014

Die Rache des Bluters

Es ist ja nicht alles pure Harmonie auf der Burg. Es gibt auch die eine oder andere Plage, mit der sich die Bewohner alljährlich arrangieren müssen: Nach dem feuchten Frühjahr mit Dauerregen und abgestürzten Straßen, mehren sich mit den ersten etwas wärmeren Tagen Anzeichen dafür, dass das eine gute Saison für Mücken (Zanzare) und die von uns fälschlicher Weise auch als Oliven-Fliegen  bezeichnete Sandfliegen Pappataci (Phlebotimus papatasi) werden könnte.

Im Haus schützen wir uns vor ihnen damit, dass wir an allen für die Dauerlüftung an heißen Tagen strategisch wichtigen Fenstern mobile Fliegengitter (Zanzariere) angebracht haben. Die Mücken, die dann doch noch aus Unachtsamkeit herein kommen, hauen wir mit Handtüchern von Wänden und Decken der hell erleuchteten Zimmer - natürlich bevor sie zugebissenen haben. Wir wollen ja schließlich nicht jedes Jahr neu streichen...

Schwieriger wird der Häuserkampf allerdings gegen die Pappataci, die so hauchdünn und durchsichtig daher kommen, dass sie erst zu erkennen sind, wenn sie bereits zubeißen. Kleine, gemeine Dreiecke, die den Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem einst als Vorbild für seine Schwarm-Computer gedient haben könnten. 

Bekommt der Mensch zuviel Bisse auf einmal ab, kann es gut sein, dass er am sogenannten "Toscana-Fieber" erkrankt, das aber im Vergleich zum von Mücken übertragenen Dengue Fieber ohne bleibende Schäden verläuft. Je nach Allergie hinterlassen die Bisse aber scheußlich juckende Riesen-Pusteln. Da ist es gut, wenn Fenistil im Hause ist. Das hilft wenigstens einigermaßen.

Richtig versauen können einem beide Spezies aber die lauen Nächte auf der Piazza oder auf der Terrasse. Das Kampfmittel Autan hat sich zwar geruchsmäßig und als Spray geschmeidig verbessert, es ist aber dennoch nicht jedermanns Sache, sich mit Chemikalien  einzunebeln..

Die systematisch vorgehende "zweitbeste Ehefrau von allen" (kurz: die Zweitbeste) probiert auf diesem Gebiet ja immer mal etwas neues aus. Nach Elektro-Spiralen, heiß verdampfenden Giftplättchen und Akustik-Fallen, die angeblich das Fluggeräusch paarungsbereiter Mücken simulieren, ist sie im vergangenen Jahr auf eine Blumentopf große Stinke-Kerze  gekommen. Sie verbreitet Rauchschwaden und den Geruch brennender Ölquellen, hilft aber hundertprozentig, wenn man sich in ihrem (hihi) Dunstkreis aufhält. Aber wer möchte unter unserem herrlichen Sternenhimmel nächtens schon an die Irak-Kriege erinnert werden?

Nach meinem Infarkt muss ich auf Anraten der Ärzte sowohl den Blutverdünner ASS100 als auch ein Macumar-Präparat schlucken. Das erinnert mich an einen Kollegen und Reisebegleiter, der trotz einiger Bypässe, Herzschrittmacher und Herzklappen vom Abenteuer nicht lassen konnte. Am Lagerfeuer in der Wildnis ließ er sich angeblich gerne mal beißen (nicht Stechen, denn Mücken benutzen ja zwei Kiefer-Säge-Raspeln im Rüssel um durch die Haut von Warmblütern zu kommen), damit er vorzuführen konnte, wie die durstigen Mücken durch die Blut-Verdünnung zerplatzten.

Ich halte das für ein Gerücht, bin aber zum Selbstversuch bereit. Wenn das tatsächlich stimmt, werde ich mit meinem Smartphone ein Video drehen, das ich unter dem Titel "Die Rache des Bluters" auf YouTube posten werde.

Für die jüngeren Leser, die nicht unter als Bluter bekannten Britischen Königen oder bei der Zaren-Familie Romanow aufgewachsen sind: Hämophilie ist eine degenerative Erbkrankheit, von der in erster Linie Männer befallen werden. Ein genetischer Defekt führt dabei zu einem zu niedrigen Gerinnungsfaktor und nur schwer oder überhaupt nicht heilenden Wunden oder früher mitunter tödlichen Einblutungen..

Montag, 2. Juni 2014

Nationale Feiertage

Wenn der Staat einen Tag zum Feiern frei gibt, also einen nationalen Feiertag ausruft, wird von den Bürgern selten der Grund für diesen Tag selbst gefeiert, sondern die freuen sich einfach darüber, in der Regel nicht arbeiten zu müssen...

In Italien wird heute eigentlich die Ausrufung der Republik und die Abschaffung der Monarchie per Dekret vom 2. Juni 1946 gefeiert, aber in Wirklichkeit herrscht schon seit Freitag ein Riesenrummel, denn der Feiertag verschafft ja auch ein langes Wochenende. 

Wer den Massenveranstaltungen in den Städten am Meer entgehen will, legt einen Wandertag ein. Die Bedingungen sind ideal, weil es ja für die Jahreszeit bei normalen hiesigen Wetterverhältnissen immer noch zu kühl ist. Seit den Morgenstunden hören wir Gruppen auf der Piazza, die sich an unserem Brunnen auf dem Weg zur großen Madonna auf dem Berg über uns einen kühlenden Trunk gönnen. Es ist schön, die Menschen in festlicher Stimmung zu sehen - egal aus welchem Grund. 

Bei den vielen Ausländern hier oben, denken ja manche gleich in einem Anfall von Geschichtsklitterung, es würde  - vom Datum her zwar unscharf  - heute auch die Befreiung von den deutschen Kriegstreibern gefeiert. Dabei wird gerne vergessen, dass Mussolinis Ideen ein wichtiger Leitfaden für Hitlers Irrsinn waren.

Als überzeugter Europäer habe ich aber heute auch einen Grund zu feiern, weil ich glaube, dass Italiens junger Hoffnungsträger Matteo Renzi für eine Korrektur bei der Betrachtung der deutschen Rolle in Europa gesorgt hat. Mit seinen 41 Prozent Zustimmung bei der Europawahl führt er das einzige Land, in dem Rechtspopulisten nicht mit ihren Ergebnissen für erschreckende Signale gesorgt haben. Selbst die Alten, die der verurteilte Belusconi zur Strafe (für wen?) betreut, haben in ihrem Heim mit großer Mehrheit gegen den Cavaliere gestimmt. Zwar muckt der Grusel-Grillo mit seinem 21 Prozent noch auf, doch traue ich mich, die Prognose zu wagen, dass er bald nur noch eine Fußnote am Ende der Finanzkrise sein wird. Es sei denn er macht es Mussolini nach und wechselt wie jener einst von ganz links nach ultra rechts und zieht dabei jene mit, die für ein geeintes Europa nicht die Ärmel hochkrempeln wollen. Faschistisch ist seine Sprache ja bisweilen jetzt schon.

Mit 41 Prozent Wahlergebnis  im Rücken wagt Renzi wohl auch, sein Titanen-Werk mit Statements auszurichten, die seinem Vorgänger und Parteifreund Letta noch das Amt gekostet haben: Er würdigte gestern die deutsche Bundeskanzlerin als Vorbild und ihre Politik im Sinne Europas als nachahmenswert. Ihren regiden Sparkurs kann er allerdings nicht einschlagen. Die öffentliche Hand muss in Italien möglichst bald als Großinvestor auftreten, um die Defizite in der sozialen Versorgung zu mindern. Das geht nur, indem er die quasi militanten Nicht-Steuerzahler durch klare Vorschriften zum Zahlen zwingt.

Eine deutsche Nachbarin erzählte mir neulich von mehreren Besuchen auf der Gemeinde. Sie hatte davon gelesen, dass die neu angepasste Gemeindesteuer in diesen Tagen fällig sei, und wollte sie nach deutschem Vorbild auch direkt begleichen. Nach einigem Hin und her stellte sich heraus, dass der Berechnungsschlüssel noch nicht eindeutig vorläge, es bliebe also bei der alten Summe.

Gut, dass wir einen hiesigen Steuerberater haben, dem wird hoffentlich schon  irgendwann  der Durchblick vermittelt...

Donnerstag, 29. Mai 2014

Das Sterben der Kleinen

Klar, die "Zweitbeste" und ich genießen auch ein-, zweimal pro Woche das allumfassende Angebot der Super-Supermärkte hier: keine Parkplatz-Suche, interessante Rabatt- und Payback-Angebote und die systematisierte Logistik.

Aber wir wollen immer auch die Kleinen leben lassen und verteilen deshalb unsere spezialisierte Nachfrage auf eine Reihe von kleinen Läden. Obwohl zum Beispiel deutlich teurer, kaufen wir Gemüse, Käse und Wurstwaren mittwochs und samstags bei Marktständen deren Betreiber mit uns gemeinsam alt geworden sind. Das gilt auch für Brot und frische Pasta. oder spezielle Sorten von Focaccia, für die wir unsere bewährten Quellen haben. Die Treue wird belohnt durch kleine Plaudereien und gegenseitige Anteilnahme am jeweiligen Leben der Anderen...

Allerdings, bei einer Geschäftsaufgabe - egal aus welchen Gründen -  ist es dann so, als erleide man den Tod eines Vertrauten. Über Nacht war auf einmal das Metzger-Paar  unseres Vertrauens in unserem Alter aus ihrem winzigen Geschäft gegenüber vom Dom verschwunden. Dessen Angebot war nie umfangreich, aber besser abgehangenes Angus, unzerhackte Perlhühner und biogefütterte Kaninchen sowie die speziellen Bratwürste haben wir in all den Jahren nirgends gefunden. Wir wussten quasi lückenlos über unsere Leben bescheid, denn es war auch immer Zeit für ausführlichen, persönlichen Plausch über andere Klienten hinweg. Nur, dass sie dann die Mieten in der Fußgängerzone zur Aufgaben zwingen würden, hatten sie uns verschwiegen. Wie waren geschockt, als wir während des letzten Wahlkampfes darin vorübergehend  die lokale Kommando-Zentrale der PCI vorfanden.

Mit den Versorgern für meine ja eher dilettantische Malerei war es genauso: Erst starb am gebrochenen Herzen gepaart mit Knochenkrebs meine Rahmen-Macherin. Sie hat meine Bilder immer derart geschickt gefasst, dass einer unserer kunstsinnigen Besucher auf der Burg spontan seine Begeisterung zum Ausdruck brachte, indem er sagte, was für tolle Rahmen ich hier hängen hätte... Der Kunstprofessor, der ausgefallene Formate von Leinwänden und Farben vorhielt, die man sonst nirgendwo fand, musste einem Musikalien-Laden weichen. Der dritte Kunst-Laden in der  Nähe der Piazza Dante machte Platz für den gefühlt zweihundertsten Store für Mobil-Telefone.

Ich decke meinen ja immer geringer werdenden Bedarf nun in einem Heimwerker-Markt. - Zu deutlich geringeren Preisen zwar, aber eben industriell standardisiert bis zur Verpackung der Ölfarben. Am meisten fehlt jedoch das aufmunternde Profi-Feedback für meine Amateur-Pinselei.

Und dann gestern auf gut Glück dann doch mal wieder ein versöhnliches Erlebnis beim Erhalt unserer Quellen: Nach der Total-Sanierung der Kemenate infolge des Schimmel-Befalls im vergangenen Winter schlug ich der "Zweitbesten" vor, doch mal zu schauen, ob es das Kurzwaren-Lädchen in der alten Einkaufsmeile von Sanremo noch gäbe wo wir die Erstausstattung an Gardinen einst erworben hatten: Edel altmodische Vorhänge aus reinem Leinen mit handgefertigter Lochstickerei.

Völlig bescheuert, so eine Fahrt zu machen, für eine Ausstattung, die es vielleicht auch in unserem riesigen Convenienca-Laden in fünf Kilometer Entfernung weitaus billiger gegeben hätte? Nicht für uns, weil wir nicht nur durch die resistente Existenz dieses Ladens belohnt wurden, sondern dort auch noch diese speziellen "Tende" in den gewünschten Formaten fanden.

In Sanremo gibt es ja seit einigen Jahren parallel zur alten auch eine - wie ich finde - sehr sterile, neue Shopping-Mile, die sich als erweiterte Fußgängerzone von der Piazza Cristoforo Colombo bis hin zum Spiel-Casino durch die  gesamte Altstadt zieht. Wie üblich ein Luxusmarken-Laden und ein Bistro neben dem anderen. Wie konnte sich unsere Kurzwaren-Lady samt ihrer zwei Mitarbeiterinnen da bei den Quadratmeter-Preisen für die Mieten halten?

Und weil wir schon einmal auf diesem Trip mit den kleinen Spezial-Läden waren, sind wir auf dem Rückweg in Oneglia gleich auch noch in den alten Eisenwaren-Laden am Ende der Fußgänger-Zone gegangen. Ist nix für Klaustrophobiker: Ein langer, enger Schlauch mit Schublädchen bis zur Decke auf der einen Seite und Musterbrettern für Beschläge auf der anderen. Die "Zweitbeste" hatte ja ganz spezielle Vorstellungen von ihren neuen Gardinen-Stangen zu den neuen Vorhängen... Aber was soll ich sagen, nach genau zehn Minuten intensivster und genauer Beratung sind wir detailliert mit dem Gewünschten aus dem Laden gegangen - samt genau vollzogenem Zuschnitt der Messing-Stangen. Und weil es so viele Teile waren, gab es auch sogar noch ein Sconto von 10 Prozent!

Beiden Läden ist nur zu wünschen, dass sie uns überleben...

Freitag, 23. Mai 2014

Die Sklaven vom Hafen

Die Europa-Wahlen haben begonnen. Morgen wissen wir mehr, aber werden wir dadurch gescheiter? Ehrlich, ich bewundere alle, die sich da in meinem Alter zur Wahl stellen und glauben, sie könnten noch etwas bewegen. So lange die Welt von Emotionen und nicht von nüchternen Überlegungen gesteuert wird, neigt die Geschichte dazu,  sich zu wiederholen.

Wie konnten wir erwarten, dass sich die Vereinigten Staaten von Europa mit weniger Geburtswehen zusammenfügen lassen als die USA? Die - um zur stärksten Demokratie der Welt zu werden - durch Gemetzel und damit verbundene Blutbäder mussten, die unterschiedlich denkende, eigene Staatsbürger gegenseitig an sich verübten. Von Generation zu Generation weiter gereichte Wunden übrigens, die wenn man genau hinsieht, auch nach anderthalb Jahrhunderten nicht gänzlich verheilt sind...

Nur wenn wir Glück haben, werden die "USE" schneller und weniger blutig vereint als ihr Vorbild in Übersee, denn die Geburtswehen ähneln sich. Während überall auf der Welt Despoten für eine Renaissance der Diktatur sorgen, macht sich eine Minderheit auf,  für die demokratische Zukunft eines Staaten-Konglomerats zu stimmen, das im Wahlkampf gegen mehr Vorurteile zu kämpfen hatte, als sich dessen Segnungen bewusst zu werden. Vermutlich wird es in Europa eine Wahlbeteiligung geben, die unter der der größten Demokratie der Welt liegen wird. Indien hat ja gerade erfolgreich Demokratie ausgeübt und mit dem Stimmzettel einen Politik-Wechsel ohne Blutvergießen herbei geführt.

Was Liberty enlightening the World und Ellis Island damals bei der Einfahrt nach New York für die Auswanderer Europas waren, sind Lampedusa, Malta sowie die Gestade Griechenlands und Andalusiens für die heute Hoffnung Suchenden Afrikas. Deren Integration ist nicht weniger schmerzhaft, obwohl wir nach zwei verheerenden Weltkriegen humanistisch eigentlich weiter sein sollten.

Der französische Historiker Alexis de Toqueville hatte bei seiner Auftrags-Forschungsreise durch die USA um 1820 neben anderen Gefahren für die Demokratie vor allem die Allgewalt des Staates als Einschränkung der freien bürgerlichen Entfaltung entdeckt. Aber zwei andere Fakten musste er aufgrund der damaligen Betrachtungsweise übersehen: Die Sklaverei und die dort erst  100 Jahre später vollzogene Gleichberechtigung der Frau. (Die übrigens in der gestern 65 Jahre alt gewordenen Verfassung der Bundesrepublik nach Kampf mit harten Bandagen erst 1949 verbindlich und im BGB nur nach und nach  bis hinein in unsere Tage vollzogen wurde...) Das also, was wir heute als "schon immer da gewesene" Selbstverständlichkeit betrachten, hat auch seine Zeit gebraucht.

Für Europa wird es eben  keine schnellen Lösungen und danach nur Segnungen geben. Erinnert sich einer noch an die Boatpeople nach dem Vietnam-Krieg? Die Vietnamesen, die damals wie selbstverständlich aufgenommen wurden, sind längst derart integriert, dass sie in ihren neuen Heimatländern Minister oder Olympia-Sieger werden konnten Wieso tun wir uns dann als Europäer mit den Schwarz-Afrikanern und arabischen Moslems so schwer? Die Nachrichten-Welt ist eine andere geworden. Sie ist tagesaktuell, und deshalb nehmen wir das, was wir aus Afrika und Arabien sehen, als Bedrohung für uns auf. So wie die Emigranten durch Fernsehen den Eindruck gewonnen haben, dass in Europa nur Milch und Honig fließen.

Wie sollen die denn ahnen, dass wenn sie es überhaupt lebend schaffen, ein tristes Lagerleben fristen oder in eine Untergrund-Sklaverei geraten, die hier in Italien so evident ist und deshalb eine immer größere Wut der Bürger entfacht.  38.000 Afrikaner  waren es hier in Italien allein  schon in diesem Jahr. Am Hafen in Imperia kann keiner mehr in Ruhe seinen Espresso trinken, ohne nicht alle zwei Minuten von einem Schirm-Verkäufer, Spielzeug-Dealer oder direkt Bettelnden mit zunehmender Aggressivität angegangen zu werden Das macht auch mich wütend und ich reagiere immer öfter genau so angreiferisch. Aber letztlich weiß ich, dass das die Falschen trifft. Denn die, die ich angreife, arbeiten längst ausgeliefert als Sklaven für Auftraggeber, die Arbeitsvergabe zu Hungerlöhnen als lukratives Geschäftsfeld mit enormer Gewinnspanne für sich entdeckt haben.

Kürzlich sprach mich am Hafen ein Nigerianer in überraschend gutem Deutsch an, das er gelernt hatte, bevor er von der Bundesrepublik mit samt seiner Frau und zwei Kindern abgeschoben worden war. Wie er es dann wieder nach Italien geschafft hat, verriet er nicht. Allerdings schwärmte er davon, dass er in Deutschland, das mit 126.000 Asylanträgen die europäische Rangliste anführt, eine ordentliche Wohnung und genug zu Essen für seine Familie gehabt hätte.

Für die wohl nicht mehr zu stoppende  Zuwanderung und die dann zwingend erforderliche Integration gibt es nur eine gemeinsame europäische Lösung, die von allen zu möglichst paritätischen Anteilen gleichermaßen geschultert werden muss. Deshalb sollte unbedingt europäische Demokratie ausgeübt und eindeutig gewählt werden, selbst wenn unsereiner weiß, dass er eine tatsächliche Verbesserung der Verhältnisse nicht mehr erleben wird...

Donnerstag, 22. Mai 2014

Fehlender Frühling

Kaum zu glauben. In einer Woche soll meteorologischer Sommeranfang sein. Ist schon gut, dass wir das aus dem Internet erfahren denn an den Verhältnissen draußen gibt es überhaupt keine Anhaltspunkte mehr, welche Jahreszeit gerade angesagt ist. Während ich dies hier schreibe, um späte Frühlingsgefühle zu wecken, pfeift ein Tramontana mit gut sieben Beaufort durch die Gassen der Burg. Auf den Gipfeln der Bergkette, die wir von uns aus sehen, hat es wieder frisch geschneit. Immer deutlicher wird, dass dieser von  Gott so gesegnete Landstrich im Klimawandel angekommen ist. 

Gestern vor unserem Markt-Gang hat die Schwägerin aus München angerufen. Sie berichtete von annähernd 30 Grad schon am Vormittag, während wir ernsthaft überlegen mussten, wie wir uns anziehen. Zwiebelprinzip ist angesagt. Immer eine warme Windjacke dabei - das hat es in all den Jahren zu diesem Datum noch nie gegeben. Denn kaum ist die bereits sengende Sonne weg, wird es einem selbst im Libecco kalt, weil den die immer noch sehr niedrigen Wasser-Temperaturen bei seinem langen Weg über das Mittelmeer eher runter kühlen als aufwärmen...

Genauso schwer wie wir konnte sich wohl auch die Natur einstellen. Signora Electra, die uns gerne mit allerlei Frischem aus dem Garten ihres Neffen versorgt, kam mit einem Haufen knallroter und praller Kirschen über die Piazza. Was war das für eine Enttäuschung, als ich sie dann probierte! Absolut geschmacksneutral! Vielleicht zaubert die "Zweitbeste" ja mit viel braunem Zucker und langem Einkochen noch eine halbwegs akzeptable Konfitüre draus.

Es ist unter dem Motto "fehlender Frühling", selbst wenn es in einem kaum gelesenen Blog wie diesem geschieht, endlich an der Zeit einer Person ein literarisches Denkmal zu setzen, die es bislang immer verstand, das Blut ihrer männlichen Kunden in Wallung zu bringen: Unserer "Markt-Schlampe"

Dass meine Frau und ich sie nicht böse, sondern anerkennend  so nennen, hat mit ein wenig Eifersucht ihrerseits und meinen unkeuschen Gedanken anderseits zu tun. Seit wir hier sind, kaufen wir Obst und Gemüse meist nur bei ihr. Sie ist keine 160 cm hoch, bildhübsch, schwarzlockig, kohleäugig und lässt ihrem Temperament  mit immer ungezügelter Koketterie freien Lauf. Ihr Mann - allenfalls zwei Zentimeter höher und deutlich älter - lässt sie mit der finsteren Miene eines Wald-Schrats gewähren, denn er weiß, dass sie die Seele vom Geschäft ist. Selbst wenn du schon längst mehr eingekauft hast, als du wolltest, bringt sie noch irgend eines ihrer Produkte an den Mann. Wenn notwendig auch mit vollem Körper-Einsatz. Einst bei Gluthitze - nur mit einem Träger-Hemdchen unter ihrer kaum verhüllenden Markt-Schürze - reichte sie mir sacht zwischen Zeigefinger und Daumen mit einem vieldeutigen Augenzwinkern eine Himbeere: Vuoi provare i mei lamponi?
- Habe ich die halt auch noch gekauft!

Aber gestern war dann doch alles anders. Nicht etwa weil die lange Zeit unserer Geschäftsbeziehungen bei ihr Spuren hinterlassen hätte, sondern weil der fehlende Frühling sich auch auf ihr Angebot ausgewirkt hat. Die kleinen Frühjahrs-Artischocken, die man mit Stupf und Stil nur von ihren Stacheln befreit in Olivenöl und Knoblauch brät? 
"Non c'è! Die schmecken nach nichts, deshalb haben wir sie nicht im Angebot." 

Ihre Kirschen schmeckten auch nicht intensiver als die von Signora Electra.  Die sauteuren Erdbeeren gingen einigermaßen, aber die kamen auch aus dem Gewächshaus. Da, wo sonst Früh-Gemüse das Angebot beherrschte, lag nun überwiegend  Importiertes. Kein Wunder, dass der fehlende Frühling da auch ein paar Schatten auf dem sonnigen Gemüt unserer Markt-Kokotte hinterlassen hatte...

Sonntag, 18. Mai 2014

The Survival of the Fittest

Dieser, die Darwin'sche Idee von der Evolution zusammenfassende Leitsatz von Herbert Spencer, macht deutlich, dass nicht die physisch stärkeren Vertreter einer Spezies deren Überleben bestimmen, sondern jene, die sich am besten den jeweiligen Lebensbedingungen  anpassen können. Misfits sind eben nicht "gesellschaftsfähig" - das verriet uns ja auch schon der zauberhafte Film mit Marilyn Monroe aus dem Jahre 1961.

Meine Überlegungen in diese Richtung gelten dem einzigen Paar Mauersegler, das es dann doch noch geschafft hat, in der gegenüber liegenden Mauer der Burg eine kleine Lücke für einen Nistplatz zu finden; sehr hoch oben, schräg unter den Fenstern. Der Landeanflug verlangt keine großartigen Manöver; eine Wohnung in verkehrsgünstiger Lage zwar, aber auch ohne jegliche sozialen Kontakte. Sind die jetzt clever oder werden sie dadurch später zu Misfits?

Als hemmungsloser Sozial-Romantiker beschäftigt mich das schon, und leider geben die umfangreichen Ergebnisse der Forschungsstelle in Konstanz zu solchen trivialen Details keine Auskunft.

Wie lernen sich solche Mauersegler-Pärchen kennen? Zwitschern sie sich bei über hundert Kilometer Fluggeschwindigkeit Liebesbotschaften zu? Schlafen sie gar im Vogelzug nach Süden im Windschatten der anderen zumindest schon nebeneinander? Und dann die Hochzeitsnacht: Reiben sie erst in der als Nest auserkorenen Mauer-Spalte zärtlich ihre "Kloaken" aneinander oder geschieht das wie bei thailändischen Erotik-Akrobaten öffentlich an einer Wand hängend?

Im Moment verrichten sie jedoch Tages-Routine: Sie sitzt wohl auf den Eiern, während er permanent zu ihr  mit Volldampf reinklatscht, um sie mit Leckereien aus der Insekten-Welt  zu versorgten. Heute regnet es dermaßen stark, dass erst einmal sämtliche Versorgungsflüge gestrichen wurden. 20 der Riesen-Tropfen auf einmal aufs Gefieder würden den maximal 40 Gramm schweren Flugakrobaten wohl trotz gut gefettetem Gefieder zum Absturz bringen... Ich werde weiter beobachten und berichten.

Der Stark-Regen mit seinem einschläfernden Geräusch verhinderte heute aber wohl auch unser allmorgendliches Weck-Konzert. Nach Jahren ohne Vogel-Gesang im Borgo wird jetzt ab dem Morgengrauen um die Wette tiriliert, als gäbe es "kein Morgen"; deutlich lauter und vielstimmiger als in allen voran gegangenen Jahren. Zur Blau-Merle, die stets hier war, kommen jetzt vermehrt auch andere Amseln, Berg-Ammern, Finken und Wendehälse. Von letzteren hatte ich allerdings gedacht, es hätte sie nur während der deutschen Wiedervereinigung gegeben.

Johanna, eine mit einem Italiener verheiratete Deutsche aus dem Nachbardorf, hat uns diesbezüglich die Ohren geöffnet, als sie vor ein paar Tagen mutmaßte, dass 90 Prozent des Geballers rund um ihren Ort trotz internationaler Proteste und Pochen auf Europäisches Recht immer noch auf das Jagen und Verspeisen von Singvögeln zurück zu führen sei. Nun ist die Straße, die unsere Dörfer verbindet, fort gespült worden. Was jedoch den Singvögeln natürlich gar nichts ausmacht, wenn sie hierher wollen. In unserem Borgo habe ich jedenfalls noch niemanden mit Jagd-Waffen herumlaufen sehen. Was vielleicht auch diese Singvögel mit bekommen haben und daher  "flugs" umgezogen sind...

The Survival of the Fittest eben!