Samstag, 7. Juli 2012

Il Mulo

Castellinaria Kapitel 13



   Spitznamen können schrecklich sein. Manchmal sind sie auch noch schrecklich zutreffend. Um den Mann, den sie Mulo, Muli oder das Maultier nannten, rankten sich viele Legenden. Die ehrabschneiderischste  war die, die sich an der Zoologie anlehnte: Mulos Vater sei eben der "geile kleine Esel" gewesen, der die schönste und größte Pferde-Stute im Dorf geschwängert habe. Die ehrfürchtigste wurde über seinen Weg in den Westen verbreitet:
   Als die Guardia Costiera den mit albanischen Flüchtlingen überladenen Fischerkahn in einer stürmischen Winternacht vor Brindisi aufgebracht hatte, habe sich das Maultier in einem unbeobachteten Moment mit einem hufeisenförmigen Rettungsring über Bord gestohlen. Der Ring sei noch nicht einmal groß genug gewesen, um über Mulos Nacken zu passen, damit sein Kopf nicht unter Wasser geriet. Er habe nur seinen Hinterkopf drauflegen können, hätte seine überlangen Arme zur Toter-Mann-Lage ausgebreitet und sei auf diese Weise die ganze Nacht im kalten Wasser herumgetrieben, bis ihn eine gnädige Welle an Land gespült habe. Das sei bei Bari gewesen. Neun Monate hätte er sich tagelöhnernd von Ort zu Ort immer dort verdingt, wo seine gewaltigen Körperkräfte von Nöten gewesen seien. Eines Tages sei er dann gar nicht überraschend bei einem legal als Maurer an der Ponente lebenden Vetter aufgetaucht, hätte ihm das unterwegs verdiente Geld wortlos in die Hand gedrückt, und es sei genug gewesen, um die kleine Baufirma bei Albenga zu gründen, die sie nun seit einigen Jahren gemeinsam betrieben.
  Die furchterregendste Version der Maultier-Legende war jedoch die: Mulo sei ein kosovarischer Killer, und seine Existenz als Bauarbeiter nur eine Tarnung für seinen Blutjob. Den Spitznamen Mulo hätte er von seinen Auftraggebern bekommen. Wegen der sturen, unbeirrbaren und ausdauernden Weise, mit der er seine Hits zu arrangieren pflegte.
  Zwar gab Mulo den Gerüchten keine weitere Nahrung, aber Legenden haben eben ihr Eigenleben, und das wurde durch den Umstand noch angeregt, dass sich der Albaner auf den Baustellen mit selten mehr als einem Dutzend Worten pro Tag aus einem ligurisch-albanischen Vokabular artikulierte.
  Als der Autor Johannes Goerz den legendären Mann zum ersten Mal sah, stand dieser gerade ungesichert in 13 Meter Höhe auf der Terrassenmauer in einem Teil des mittelalterlichen Hauses, das sich der Deutsche zu seiner Ruhestandsresidenz umbauen ließ. Das Maultier wuchtete Hand über Hand eine Palette Bodenfliesen aus der Gasse hoch, obwohl es in Armlänge von ihm einen Flaschenzug gab, der ihm die Arbeit hätte erleichtern sollen. Als Goerz zu ihm auf die Terrasse kam, sah er das Malheur. Das angeblich strecksichere Bau-Seil, das er in den Zug eingelegt hatte, hing überstreckt zwischen den Blöcken und ringelte sich wie Schillerlocken die Wand hoch. Der Schrat musste es mit einer Tonne oder mehr belastet haben... In dem Moment, in dem er die Palette über die Mauerkrone schwang, als handele sich um ein Geschenkpaket, blinzelte Mulo Johannes aus einem Auge seines schräg gestellten Kopfes zu und gab einen grinsenden Grunzlaut von sich. Die Ideal-Besetzung für einen Quasimodo, schoss es Johannes Goerz durch den Kopf, aber er sollte sich gründlich irren.
  Wenige Wochen vor dieser denkwürdigen Begegnung war der Autor, der bis dahin selbst gern die Muskeln hatte spielen lassen, von irreparablen  Herzrhythmusstörungen heimgesucht worden und knapp an seinem ersten Schlaganfall vorbei geschrammt. Unter starken Medikamenten versuchte er, sich in die Nähe seiner alten Form zu bringen, aber für die richtig harten Sachen brachte sich eben von nun an ohne viel Worte das Maultier ein. Mitunter kam er allein von einer anderen Baustelle, um zu helfen oder etwas fertig zu machen, und dann ergab es  sich, dass die beiden so unterschiedlichen Männer bei einem Bier in der Abendsonne saßen oder schweigend gemeinsam eine Pasta-Mahlzeit spachtelten, die Johannes ihnen zubereitet hatte. Da der Blick des Urwesens immer freundlicher und offener wurde, fasste Johannes eines Abends den Mut, eine Art Konversation zu beginnen: In seinem einfachen Italienisch machte er seinem Gegenüber klar, dass für Deutsche der Spitzname Maultier oder Muli eher eine Beleidigung darstelle. Er wollte ihn bei seinem richtigen Namen nennen. Nein, Johannes hatte nie den Eindruck, es mit einem Debilen zu tun zu haben, aber er war doch einigermaßen überrascht, als sich in das Gesicht seines Gegenübers beim Zuhören ein aufgewecktes Lächeln schlich. Er heiße Sali Besnik, und es sei ihm eine Ehre, meinte der Mann, den sie Mulo nannten. Das war der erste ganze Satz ihrer Kameradschaft, die sich dennoch zunächst einmal nur stillschweigend weiter entwickelte.
  Eines Tages musste der körperliche Arbeit nicht sonderlich Gewohnte bei einer Säule mit anpacken, die über eine enge Treppe hinauf sollte. Und obwohl Sali als Untermann den Löwenanteil des Gewichtes auf sich nahm, geriet Johannes durch das Tragen vor der Brust und die erzwungene Pressatmung offenbar in eine Art Sauerstoff-Defizit. Genau das, wovor ihn die Ärzte nachdrücklich gewarnt hatten. Es gelang ihm gerade noch, die Säule abzusetzen, ehe er in eine kurze Ohnmacht fiel. Als er aufwachte, spürte er den Kopf des Albaners auf seiner Brust. Er horchte in Ihn hinein und schaute dann mit einem eindeutig geschulten Blick in die benommenen Augen von Johannes.
  "Du bist ein Arzt! Sali?"
  "Das Problem sind nicht die Arhythmien, mit denen könntest du hundert Jahre werden. Das Problem ist dein hektisches Atmen. Das bringt dir den Sekunden-Tod, wenn du dir nicht eine Atemkontrolle  antrainierst."
  Goerz war zwar noch  konfus, aber nicht so sehr, dass er nicht gemerkt hätte, dass der Mann - mit einem guturalen Akzent zwar - Deutsch gesprochen hatte.
 "Wer bist du?"
 "Ich war mal Dr. Sali Besnik. Jetzt bin ich il Mulo. Ich weiß, du bist ein Geschichten-Erzähler, aber die Geschichte, die ich dir erzählen könnte, würde keiner glauben. Also lassen wir es besser."
  Für eine Weile sahen sich die beiden nach diesem Outing nicht mehr.  Aber auch der ehemalige Reporter  erzählte aus einer Eingebung heraus - quasi im Hinblick auf einen nicht vereinbarten Quellenschutz -  niemandem von dem Erlebten. Er hatte aber im Internet gestöbert. Mit diversen Suchbegriffen hatte er versucht, einen Zeit- und Ereignisraster zu konstruieren, denn schon bald war ihm klar geworden, dass es zwar diverse Sali Besniks gab, aber keinen, der annähernd deckungsgleich mit dem Signalement des Mulis war. Auch indem er die Legenden, die sich um Mulo rankten, in Suchbegriffe zerlegte, landete er keinen Treffer. Der Mann war zwar deutlich jünger als er selbst, aber er war alt genug, dass er noch unter der finstersten kommunistischen Regierung Europas studiert haben musste. Das Deutsch hatte er vermutlich bei Gastsemestern oder als Assistenzarzt in der ehemaligen DDR gelernt.
  Dann hatte auf einmal alle Spekulation ein Ende, weil Mulo eines Abends vor der Tür stand. Eine Flasche Grappa und eine Tüte frische Focaccia unterm Arm:
  "Irgendjemand muss ich es ja mal erzählen. Sie sind schon hinter mir her, um mich umzubringen. Meine Leute sind ja alle tot,  aber mein Vetter mit seiner Familie hängt noch mit drin. Aber du wirst wissen, wie du mit dem Wissen umgehst. - Du könntest meine Geschichte eines Tags vielleicht verwenden. Ich würde nicht umsonst gestorben sein und ein paar bekämen dann vielleicht  mal selber Angst. Ich war ein..."
  An jeder Legende haftet ein Teil der Wahrheit. Diese Erkenntnis gewann Johannes in jener Nacht. Der Vater vom Muli war zwar klein gewesen, aber längst kein Esel. Er war Bibliothekar und trotz aller Repressalien hatte er als orthodoxer Christ gelebt. Seine Furchtlosigkeit hatte ihn zum Ankerplatz einer intellektuellen Opposition gemacht,  und da viele Kinder aus Familien der Nomenklatura Tiranas sich darin gefallen hatten, Ilja Ehrenburgs "Tauwetter" oder Boris Pasternaks "Dr. Schiwago" zu diskutieren, waren diese Kreise relativ unbehelligt geblieben. Gefährlich war es erst geworden, als eine üppige hoch aufgeschossene, honigblonde Kosovarin regelmäßig zu den Treffen gekommen war. Wie viele körperlich kleine Männer war der Bibliothekar urinstinktiv den ausladend einladenden Reizen der Studentin erlegen und er träumte fortan geradezu besessen davon, sein Denkerhaupt auf immer zwischen diesen gewaltigen Brüsten zur Ruhe zu betten. Doch die Rubensschönheit, die ihn nicht nur um Haupteslänge überragt hatte, sondern auch Muslima war, wurde von eigenen Tugendwächtern, nämlich ihren vier äußerst aggressiven und gnadenlosen Brüdern observiert... Furchtlosigkeit - vor allem, wenn man körperlich nichts zuzusetzen hat - zehrt aus. Der Muli sollte nie erfahren, wie es sein Vater angestellt hatte, alle Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, um seine Mutter nicht nur zu heiraten, sondern ihn auch noch zu zeugen. Denn der Beginn seiner Wahrnehmungsfähigkeit war mit dem Verfall jenes kleinen, Brille tragenden Männchens zusammen gefallen, den er wohl mit den ersten Worten Papa genannt hatte, der aber noch vor seinem dritten Geburtstag seinem Leberkrebs erlag.
  Es war nach dem Tod seines Vaters nicht zu der tragischen Kindheit gekommen, die gemeinhin zu erwarten gewesen wäre. Ljuba, seine Mutter, hatte seinen Vater so geliebt, dass sie nie wieder heiraten sollte. Aber sie hatte die Männer  gut genug studiert, um mit dem Fetisch ihres Körpers auf die meist kleinwüchsigen Machtneurotiker ihres Landes Einfluss zu nehmen. Als in Deutschland die Mauer fiel, war sie gerade die Lebensgefährtin des albanischen Botschafters in „Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik". Ihr Sohn stand in Jena kurz vor dem Facharzt für Kardiologie.
  Wie schnell das damals gegangen war: Die Genossen waren im wieder vereinten Deutschland über Nacht zu unbequemen Gästen geworden. Gerade noch politisch hofiert, war ihnen unmissverständlich nahe gelegt worden, in ihre trotz freier Wahlen noch zwei weitere Jahre im Kaderkommunismus verharrende Republik zurück zu kehren.
  Il Mulo hatte das getan, was er bei Veränderungen am liebsten tat. Er stellte sich stur und konzentrierte sich auf seine Berufung als Arzt. Ljuba war ebenfalls beim bewährten Rezept geblieben und leistete erneut vollen Körpereinsatz. Gleichzeitig mit der ersten demokratischen Regierung Albaniens hatte sie es wieder einmal an die Spitze geschafft. Man nannte sie nur noch die "Prinzessin der Pyramiden". Damit waren nicht die von Ägypten gemeint, sondern jene Kapitalanlage-Modelle, die den gerade mal aufkeimenden Wohlstand in der albanischen Bevölkerung durch unsaubere Machenschaften auf nimmer Wiedersehen abschöpften. Am zweiten Tag des so genannten "Lotterie-Aufstands" drangen aufgebrachte Menschen im Morgengrauen in die Strandvilla eines der verantwortlichen Bankiers und erschlugen ihn in seinem Bett. Ljuba, die neben ihm lag, wurde auf die Straße gezerrt und schließlich auf obszöne Weise vor den Augen aller geschändet. Sie erlag ihren inneren Verletzungen ausgerechnet in dem Krankenhaus, in dem ihr Sohn als Stationsarzt Bereitschaftsdienst hatte.
 
  Der nicht mehr einzudämmende Wortschwall, mit dem Il Mulo Johannes sein Leben geschildert hatte, endete mit Tränen, die dieses Urtier von einem Mann geradezu grotesk erscheinen ließen.
  "Ich habe so große Schuld auf mich geladen. Statt Leben zu retten und zu bewahren, habe ich Leben ausgelöscht. Ich dachte, die harte körperliche Arbeit könnte mich läutern. Mein Gewissen abstumpfen. Aber ich wollte so gerne wieder einmal Deutsch reden, und dann kam dein Schwächeanfall. Plötzlich war er wieder da, der Arzt - verstehst du? Und damit das Grauen.“ 
  Es vergingen nach dem ergänzenden Bekenntnis, erneut viele Tage, in denen Johannes wieder nichts vom Maultier hörte. Und dann kam es - von den meisten kaum beachtet - in den RAIregionale-Nachrichten.
  Ein Fischer hatte mit seinen Stellnetzen vor dem Capo Berta einen Mann aus dem Meer gezogen. Der Mann sah so entspannt und zufrieden aus, dass die Behörden an einen betrunkenen Bade-Unfall geglaubt hatten. Die Obduktion bestätigte zwar, dass der Mann ertrunken war, aber eben an flüssigem Marmorkleber. Es war der Mann, den sie  il Mulo genannt hatten...
  

Freitag, 6. Juli 2012

Das Spiel der Spekulanten

Castellinaria Kapitel 12



  War der Lenz durch sein Unwesen doch so etwas wie ein Katalysator für Castellinaria gewesen – oder eher eine Art Reaktionsbeschleuniger?
Indem er sich nicht ganz freiwillig von dem Burgberg zurückzog, öffnete er den Wegelagerern, die an den Geldflüssen des neuen Europas lauerten, jedenfalls ein weiteres Feld. Eine zweite, diesmal viel breitere Invasionswelle von Spekulanten rollte nun auf die höher gelegenen Bergdörfer Liguriens zu. Sie erfasste vor allen auch das durch die neue Schnellstraße im Tal dem Meer näher gerückte Castellinaria
  Das Jahrzehnt der Habgier hatte zur Jahrtausendwende und bis zum Anschlag auf die Twintowers des World Trade Centers einen sich selbst erhöhenden Menschenschlag von Gewinnlern, Spekulanten und Raffern in die schönsten Regionen des alten Europas geschwemmt. Sie nutzten vor allem die Gier der Neureichen, die ihr langes kommunistisches Darben hinter dem Eisernen Vorhang mit einer Art Hochgeschwindigkeitskapitalismus wett zu machen hofften. Über Nacht waren die in der Lage, jeden Preis für aufgestaute mediterrane Träume zu bezahlen.
  Das westliche Ligurien, das nach den beiden Weltkriegen irgendwie im Windschatten diverser Wirtschaftswunder weitgehend unbeschadet ausgeharrt hatte, geriet nun auf einmal auf die Landkarte spekulativer Begehrlichkeiten. Die Toskana war zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend abgegrast. Die Cote D’Azur -  vor allem zwischen Nizza und Menton – durchbrach bereits die ökologisch vertretbare Bebauungsdichte, also schwappte das Geld nun ins Hinterland von Bordighera und Sanremo und begann den küstennahen Blumen- und Gemüsegürtel in Richtung Imperia zu verdrängen.
  Der große Rahmen der Veränderung war beispielhaft am alten Hafen  von Imperias Ortsteil Oneglia fest zu machen:
  Im Jahr 2000 vermittelte er noch den morbiden Charme des Industrie-Zeitalters. Wie Urzeittiere standen die auf Schienen beweglichen Riesenkräne an den Kais und die Gleise des Güterverkehrs führten noch direkt zu ihnen hin. Gebraucht aber wurden beide kaum noch. Große Frachter legten schon längst nicht mehr an. Den kleinen Kümos, die Oliven-Schrot zum Verschneiden des ligurischen Öls aus  Nordafrika herüber brachten, reichten die zwei restlichen Kräne…
  2007 lagen bereits die ersten Millionen-Jachten Bug voraus am Pier. Angedockt  an ultra modernen Versorgungseinheiten und mit unmittelbarem Blick auf die renovierte und in vielen neuen Farben erstrahlende historische Häuserfront, in der die einfacheren Appartements nun ab 300 000 Euro aufwärts kosteten. Eine wunderschöne „zona  divertimento“ war aus dem alten Hafen geworden und veränderte das vergnügliche Leben in dieser Stadt, die bis dahin eher das hässliche Entlein im Reigen der ligurischen Küstenorte war.
  Der kleinere Rahmen der Veränderung wurde 600 Meter höher rund ums Kastell von Castellinaria gezogen: Allerdings vollzog sich der Wandel der Zeit dort mit mehr Zeit beim Wandeln. Denn je länger es dauerte, desto mehr Gewinn versprach bei den rasant steigenden Preisen unten das umsichtige  Engagement oben. Auch die restlich verbliebenen Ruinen des Ortes erfuhren daher nun nach und nach ihre Wiederauferstehung als kapriziöse Wohnobjekte. Wobei gar nicht mehr zählte, ob die Gemäuer einst jemals als Wohnraum für Menschen gedacht gewesen waren. Ehemalige Tierställe, Speicherräume für die Olivennetze und die leeren Glasflakons avancierten über Nacht zu romantisch rustikalen Ferienwohnungen. Ja sogar der örtliche Ölmüller, der Frantoio, gab sein verwinkeltes, mittelalterliches Bogengewölbe auf, um einem aufstrebenden Künstler stilvoll und preislich absolut überzogen Wohnung und Atelier zu bieten.
  Gegen die neuen Bauherren hatte vergleichsweise sogar der Lenz noch einen gewissen Ethos bei der Renovierung gehabt. Die Devise der neuen Spekulaten war es, schnell zahlungsbereiten Sonnen-Sehnsüchtigen eine Art potemkinsches Dorf vorzugaukeln. Wie sehr sich die Geschichte im zaristisch russischen Sinne wiederholte, sollte das vorläufige Ende dieser Geschichte noch zeigen.
  Eines Tages war nach Jahren der Abwesenheit „la Dottoressa“, die Dröse also, wieder mit einem schicken Mann an der Hand zur Piazza hinauf gestöckelt. Sie hieß  jetzt allerdings nicht mehr Dröse, sondern Gogel. Aber der Spitzname „la dottoressa“ blieb ihr noch eine Zeit lang, obwohl sie nie eine Uni von innen und „akademische Grade“ allenfalls auf diversen Liebeslagern beim Ausüben seltener Körperstellungen erworben hatte. Das alte Prinzip „was du dir erheiratest, musst du dir nicht erarbeiten“ hatte sie jedenfalls erneut mit zusätzlichem, krisenfestem Wohlstand versorgt. Zu dem trug nämlich ihr neuer, fast ein Jahrzehnt jüngerer Prinzgemahl mit der Kaltschnäuzigkeit einer just beendeten internationalen Banker-Karriere bei.
  Patrik Gogel sah die Piazza und das hufeisenförmige Ensemble rund um die Fontana, und sein Midas-Blick verwandelte es vor seinem geistigen Auge in pures Gold: die Rudimente vom Castell mit dem gegenüber liegenden Haus der „Francesa“, die Metzgerei aus dem vorvorigen Jahrhundert samt Zerwirkgewölbe und die dazwischen gequetschte Kapelle. Innerhalb von Sekunden hatte er die Summe im Kopf, die er noch herausschlagen würde, selbst wenn er seiner Königin quasi als Abfallprodukt auch wieder eine neue, hochherrschaftliche Residenz – diesmal aber am Meer - kaufen würde.
 
  Die ehemalige „dottoressa sesso“ jedenfalls war nun voller Inbrunst und Leidenschaft Bankiersgattin Gogel. In Erkenntnis eigener fortschreitender Reife hatte sie sich, um den Altersunterschied auszugleichen, in diesen Jahren einen gewagten Farb-Code verschrieben. Eine Vorliebe für den Farbton Purple sollte visuell das anregen oder erregen, was die unsichtbaren und immer noch reichlich verschütteten Botenstoffe nun nicht mehr so hergaben. Obwohl sie dazu auch noch signalisierte, vollen Körper-Einsatz leisten zu wollen, blieb allen außer Patrik Gogel nicht verborgen, dass das ganze immer mehr zu einer Parodie auf Laszivität geriet.
  Halt, das stimmt nicht ganz. Johannes Goerz, der sie ja nicht von früher kannte und - gleich alt – die Tragik nachlassender sexueller Attraktivität am eigenen Leib nachvollziehen konnte, fuhr vom ersten Blick voll auf sie ab. Er nannte sie unpassend  My Purple Heart, schenkte ihr CDs von Deep Purple und ein Video von „Jimmy plays Monterey“ auf dem Hendrix die lange Version von Purple Haze zum Besten gab. Die purplefarbene Gel-Frisur, die langen, künstlichen Finger- und Fußkrallen sowie dazu passend Lippenstift und hauchzarte Jeans aus Satin oder Saffian im gleichen Farbton lösten bei dem Schreiberling auch noch ganz andere vorpubertäre Reaktionen aus.
  Gogel, der Goerz aus gemeinsamer beruflicher Vergangenheit kannte, boten diese jedenfalls die Initialzündung  für ein Bomben-Geschäft. Er nutzte das Überreizen seiner welkenden Venusfalle, indem er sie noch einmal zu voller Blüte anstachelte. Obendrein hatte Frau Gogel aber nicht nur ein Händchen, oberflächliche Verschönerungen an der eigenen Person vor zu nehmen. Was sie mit wenigen Tricks aus dem Haus der „Francesa“ bis zum Ablauf der Spekulationsfrist gemacht hatte, war innenarchitektonische Bauernfängerei vom feinsten. Goerz, der die Trennung von seiner Familie gerade hinter sich hatte und dessen offene Wunden eines über Nacht von Geschäfts- und Vertragspartnern brutal herbei geführten Buyouts nicht verheilen wollten, war zudem ein willfähriges Opfer.
  Er war einen Sommer lang von Port Bou an der spanisch-französischen Grenze nach Porto Venere am Ende der Cinque Terre entlang  des Mittelmeers gereist, um sich in selbstmitleidiger Larmoyanz einen Platz zu suchen, an dem er sterben wollte. Als ihn Gogel am Handy erreichte, war er schon dabei, unverrichteter Dinge in eine Heimat ohne Heim zurückkehren:
  „Suchen Sie immer noch ein Haus im Süden?“
  „Ja. Allerdings wollte ich gerade aufgeben.“
  „Wo sind Sie denn im Moment?“
  „In Porto Venere am Hafen. Preise haben die hier!“
  „Was wollten Sie denn anlegen?“
  „Na ja, maximal 300 000 Mark. -  Renovierung und Umbauten inklusive!“
  „Bei unserem Haus könnten Sie ohne weiteres sofort einziehen.“
  „Wieso wollen Sie denn verkaufen?“
  „Meine Frau will unbedingt einen Garten. Ein älterer Herr verkauft sein Haus hier am Ortsrand - eine Gasse weiter. Wir wären Nachbarn. Schauen Sie sich’s an! In weniger als drei Stunden könnten wir hier auf unserer Terrasse bei einem eiskalten Vermentino den Sonnenuntergang genießen. Mit dem Preis werden wir uns dabei sicher einig.“
  „Wo sind Sie denn?“
  „In Castellinaria oberhalb von Imperia. Mitten in einem Kastell umgeben von endlosen Olivenhainen. Es wird Ihnen die Sprache verschlagen.“
  „Castellinaria? Heißt das nicht sinngemäß Luftschloss? – Wenn das mal kein böses Omen ist…“, lachte Goerz  mit überzogener Heiterkeit.
 
  Gogels Kalkül ging auf. Die spektakuläre Aussicht von seiner Terrasse über vier Täler und ein Dutzend noch  tiefer gelegene Bergnester knockte Johannes Goerz an. Der Anblick von Frau Gogel jedoch schickte ihn  sinnbildlich auf die Bretter. Diese kaschierende Verplankung der Terrasse hatte die Purple Lady eigenhändig frisch schwarzbraun lackiert, um davon abzulenken, wie marode der Freisitz in Wirklichkeit war. Das Schwarzbraun kontrastierte obendrein genial ihre Purple-Aura.
 
  Anfang September saßen sie schon zu Dritt beim Notar, wo 150 000 Mark – der verbriefte und später ermittelte,  tatsächliche Wert – in Form von registrierten Bankschecks über den Schreibtisch gingen. Als der Notar kurz mal auf Toilette ging, ließ Gogel weitere 140 Tausender in seinem Aktenkoffer  verschwinden. Goerz  hatte sie ihm, in der Auffassung ein gutes Geschäft gemacht zu haben, nach tolerierter, alter italienischer Steuer-Sitte  bar - und für  Gogel natürlich schwarz - mitgebracht.
  Am  11. September flogen die Flugzeuge ins World Trade Center. Am 12. November kam ein Kälte-Einbruch und es begann zu regnen; vier Tage wie aus Eimern. Die angeblich neue Gasheizung gab ihren Geist auf. Wasser brach über die Terrasse und das Treppenhaus ins Esszimmer und riss die halbe Decke samt der Verschleierung aus billigem Samt mit sich. Ein Wasservolumen von einem Dutzend randvoller Badewannen musste aus dem Stockwerk geschöpft werden. Von den ungezählten Litern, die in die neunzig Zentimeter dicken Trockenmauern eingedrungen waren ganz zu schweigen. Aber dabei konnte Johannes Goerz auch entdecken, dass die dekorativ gebogenen und ziselierten, schmiedeisernen Vorhangstangen unter den Saal hohen Decken in Wirklichkeit an den Enden gold lackierte, schwarz angemalte Armiereisen waren.
  Zu Weihnachten gab es passend auch noch ein sakrales Erlebnis. Als der Autor im Rundgewölbe seines Arbeitszimmers ein Regal aufhängen wollte, brach eine Teller große, vielschichtige Scholle Putz aus der Wand. Dahinter trat deutlich ein altes Fresko mit christlichen Motiven ans Tageslicht. Goerz war kein Experte, wie alt und wichtig es sein mochte. Aber italienische Denkmalschützer, die seine mittelalterliche Bruchbude nach geltendem Recht auf seine Kosten okkupieren konnten, bis die Provenienz gesichert war, wollte er sicher nicht konsultieren. Der Hand eines heiligen Mannes folgten unter seinen wütenden Hammerschlägen ein Stück Heiligenschein, der Turm einer brennenden Kirche, sowie ein Fluss mit Kähnen drauf. Und von  der Gewölbedecke fielen einige Engel aus einem überputzten, blauen Himmel oder ließen brüchig Federn. War das in den Anfangsjahren des Gemäuers vielleicht die Hauskapelle gewesen? Ein vermutlich unwiederbringlicher Schatz ging da Schlag auf Schlag verloren. Selbst den erklärten Agnostiker  Johannes Goerz überkam bei seinem Tun und aller Wut auf die Gogels massiv das schlechte Gewissen.
  Und dann galt ab 1. Januar 2002 der Euro…


Mittwoch, 4. Juli 2012

Memento mori

Castellinaria Kapitel 11




Die im Borgo verbliebenen Alten wurden in der Regel sehr alt. Die Geschwister Basalto - fünf an der Zahl, von denen nur die jüngste Schwester verheiratet war - brachten es zusammen auf annähernd 500 Jahre. Eine sprang dement mit weit über 90 aus dem Fenster, aber bei den restlichen Vieren bekam man schon  ein wenig das Gefühl von Unsterblichkeit. Sie waren nicht nur völlig klar im Kopf, sondern schufteten sich auch noch täglich in den Oliven oder im Gemüsegarten am steilen oberen Dorfrand ab. Hatten sie trotz ihrer Gläubigkeit daher den Frieden in Dankbarkeit für ein erfülltes Leben mit Gott gemacht? 
  Nein. Was sie zusammen und am Leben hielt, war ihre latente Boshaftigkeit. In sofern war dafür gesorgt, dass das Deutsche Wesen in ihrer Gerüchte- und Hexenküche ein ums andere Mal weich gekocht wurde. Hatten sie selbst mal einen Schlüssel verlegt, waren es natürlich tedesci oder albanesi, die sie versteckt hatten. Mit Staatsschauspieler-Talent wurde dann in dräuender Gestik gen Himmel gezeigt und auf den Signor verwiesen, der alles sähe. Oder die Hand zum cornito geformt zeigte gleich mit einer Verfluchung zur Hölle. Mauro, 90, der einzige Bruder und ein zähes Gerippe, packte bei Falschparkern schon mal in der Dunkelheit einen Stichel aus und zerkratzte rundum den Lack jener Fahrzeuge, die den kleinen Grenzstein mit der Aufschrift proprieta privata übersehen hatten. Bei minder schweren Verstößen  verklebte er lediglich die Türschlösser mit Sofortkleber.
Wer als Ausländer und residente im Konsortium war, gab bei den Sitzungen schnell auf. Nicht weil es wegen der im Ligurischen laut ausgetragenen Streitereien der Burggeister untereinander wenig zu verstehen gab, sondern weil das menschliche Verständnis der Einheimischen dort oben in all den Jahrhunderten so drastisch gelitten hatte. Ein früherer Bürgermeister mit beträchtlichem Besitz im Luftschloss verließ einmal so eine Sitzung mit dem Schwur, den Borgo nie wieder zu betreten. Er hielt sich dran.
   Auch die Gebrüder Besnik waren nur schwer zu verstehen. Das lag einerseits daran, dass Sali und Milan so gut wie nicht redeten. Wenn sie aber mit anderen redeten, dann geschah das in dem mit zischelnden S- und gaumigen Umlauten fast wie Albanisch klingenden urligurischen Dialekt. In dem hieß das Feuer zum Beispiel nicht fuoco sondern fögü. Es gehört zu den ungeklärten Mirakeln der europäischen Wohlstandsvölkerwanderung, wieso die über die Adria geflohenen albanischen Boat-People sich schon früh im ligurischen Appenin ansiedelten und mit unfassbarer Geschwindigkeit dessen Dialekt, aber auch leidlich das Italienische assimilierten. Lag es daran, dass die Ligurer unter den italienischen Landsmannschaften die gleiche Außenseiter-Rolle spielten wie die Albaner auf dem Balkan?
   Der deutsche Autor Johannes Goerz, der in Castellinaria das Haus der „Francesa“ gegenüber vom Schloss nach der Jahrtausend-Wende gekauft hatte und die beiden Albaner vorübergehend beschäftigte, sollte noch weit Wundersameres über die zwei mit ihrer kleinen Baufirma herausfinden. Um zu verstehen, was in Castellinaria 1996 ablief, muss jedoch auf dessen erst später erworbenen  Erkenntnisse vorgegriffen werden:
  Die Annahme, dass die Besniks Brüder waren, rührte lediglich vom Firmennamen her: Besnik Fratelli Imprese Edile nannte sich die. Dass sie völlig unterschiedlich aussahen, wurde dadurch nie in Frage gestellt. Milan war feingliedrig, klein und so dunkel, dass er auch als Palestinenser durchgegangen wäre. Sali, dem sie auf den Baustellen den Beinamen „Il Mulo“ – das Maultier – nachriefen, hätte gut und gerne mit wenig Maske Rübezahl oder Quasimodo darstellen können. Er gab den zotteligen roten Riesen in gebückt schlurfender Haltung unter Entfaltung gigantischer Körperkräfte derart überzeugend, dass ihm ein anderes Signalement überhaupt nicht zuzutrauen gewesen wäre.
  Tatsächlich aber waren die beiden so „ungleichen Brüder“ Cousins. Der jüngere Milan war mit Sali in der Obhut dessen daheim zur traurigen Legende gewordenen Mutter aufgezogen worden, bis er alt genug sein sollte, um als letzter Überlebender seiner Sippe die Blutrache gegen eine andere Familie fortzuführen. Sali wurde, um die „Schuld“ seiner Mutter abzutragen, von albanischen Exil-Politikern erpresst, die die Spur vom Alt-Kommunismus schnurstracks in die modern organisierte, grenzenlose Verbrechenswelt der EU gewechselt hatten. So wie sich Sali am Bau auf die groben und Milan ergänzend auf die feinen Arbeiten konzentrierte, so waren sie auch bei ihrer gut getarnten Nebenbeschäftigung spezialisiert – nur umgekehrt. Milan war als „Auftragsmörder“ für die groben, nassen Hits zuständig, während Sali nicht einmal selbst Hand anlegte, denn er arrangierte gezielte Todesfälle aus Alltagssituationen mit versteckten Risiken. Je nachdem, ob und welche Botschaft die Auftraggeber  mit ihren Morden übermitteln wollten, wählten sie einen der Besniks. Und zwar so oft, dass das Baugeschäft doch wohl mehr oder weniger Hobby oder Tarnung war.
  Bernhard Kleiner und Peter Häubel waren wie alle  ahnungslos, als sie sich für die anerkannte Zuverlässigkeit der Beiden bei ihrem gemeinsamen Bauvorhaben entschieden. Und der alte Lenz frohlockte, weil er sich irgendwie vorstellte, er könne die albernen Albaner – wenn die deutschen Poliere erst einmal wieder daheim im Einsatz waren – besser  zu seinem Vorteil herumscheuchen als die individualistischen Italiener.
  Da nie ruchbar wurde, was in jenem Herbst tatsächlich passiert war, bauen die Hintergründe auf einer Hypothese auf, was später tatsächlich den nachhaltigen Wandel im „Prinzip Lenz“ bewirkt haben könnte:
  Dessen Prinzip beruhte ja in der Vergangenheit darauf, dass die Marionetten, deren Fäden er in der Hand hielt, willig in die Richtung zappelten, die er vorgab. Sein Prinzip sah nicht vor, dass die Puppen ein Eigenleben führten, die Fäden selbst verhedderten und am Ende gar noch abschnitten. Der verschlagene, aber eigentlich im Sinne der körperlichen Auseinandersetzung stets gewaltfrei operierende Lenz war noch nicht einmal ansatzweise in seinem bisherigen Leben auf die Idee gekommen,  jemand könnte ihm Paroli bieten und seine schon rücksichtslose Vorgehensweise dann auch noch mit unverhohlener Gewaltbereitschaft überbieten…
  Sali und Milan hatten ungefähr vier Wochen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf beiden Baustellen geschuftet, um die ständigen Sonderwünsche zu erfüllen, mit denen der Lenz das Projekt Kleiner/Häubel  bis zur Schlechtwetter-Periode im November ins Hintertreffen bringen und somit torpedieren wollte.
  „Il Mulo“ machte seinem Spitznamen alle Ehre. Selbst nach viermaligem Umsetzen zweier nicht tragender, rund drei  Zentner schwerer Ziersäulen und dreimaligem Umgestalten des dazu gehörigen Treppenaufgangs mit massiven historischen Trittsteinen fuhr er noch immer nicht aus der Haut. Den immer dreisteren Anweisungen Meesters kam er äußerlich derart stoisch und stur nach, dass der Deutsche dann bei der massiven Reaktion der beiden aus allen Wolken fiel.
  Der Unfall, der dem Lenz eines Abends widerfuhr, erzeugte – kausal für Dritte kaum in Zusammenhang zu bringen -  einen deutlichen Klimawandel in Castellinaria. Der Schreiberling erzählte Bernhard Kleiner erst nach dem gewaltsamen Tod Salis  2004 den Ablauf  dieser Begebenheit. Die perfide Wirkungsweise des „Arrangierens“ wird an diesem nicht tödlichen Beispiel exemplarisch veranschaulicht. Er wunderte sich nur, dass Kleiner sich überhaupt nicht empörte, sondern sardonisch lächelte. Aber Goerz kannte ja den Lenz  weder  persönlich noch wusste er, dass jener der nicht gerade geliebte Schwager seines neuen Freundes war.

  Gerade waren die Besniks also in diesem Spätherbst 1996 nach der Arbeit in der Abenddämmerung mit ihrem alten Kipplaster auf die lange abschüssige Gerade der Konsortiumsstraße zum Capoluogo hinunter eingebogen, als sich auch der Lenz mit seinem schicken Mercedes-Geländewagen talwärts begeben wollte. Milan, der am Steuer saß, winkte und bedeutete Meester, dass er ihm noch einmal etwas zu sagen habe. Er bremste, stellte bei laufendem Motor die Handbremse fest und stieg mit einer Blaupause aus dem Führerhaus. Da das Licht zu deren Studium nicht mehr ausreichte, forderte er den Alten auf, nach vorne ins Scheinwerferlicht des Lasters zu treten. Während er nahezu  unverständlich irgendein Problem schilderte, war Sali  auf der anderen Seite mit einer Flasche eines speziellen Kriechöls in den Schatten geschlüpft und besprühte die vier Bremsen des Benz mit einer auf Erfahrung beruhenden Menge.
  Als Milan seine Blaupause wieder zusammen gefaltet hatte, war der abgelenkte Lenz, der von allem nicht das Geringste verstanden und mitbekommen hatte,  bereits leicht gestresst. Der Laster setzte sich zügig in Bewegung und war schon fast an der ersten Spitzkehre, als der Alte mit mehr PS als seiner Reaktionsfähigkeit gut tat, den schnell schrumpfenden Abstand fast schon zu gefahren hatte. Er sah noch, wie die durch Baustaub  beinahe blinden Bremslichter des Lasters kurz aufleuchteten und dann sah er nichts mehr. Denn trotz ABS griffen die Bremsen - für eben diesen einen, ausreichenden Moment verzögert - nicht. Der schwere „G“ krachte auf der abschüssigen Strecke weiter beschleunigend in die massive Hinterachse, und die Kipplade des Lasters zerschlug die Frontscheibe. Der Airbag öffnete sich Hundertstel von Sekunden vor dem einsetzenden Glashagel mit lautem Knall. Für eine Minute war der Lenz geistig so alt und verwirrt, wie ihm das eigentlich an Lebensjahren zugestanden hätte. Dann hatte er sich wieder gesammelt und kochte vor Wut.
  Doch die beiden Albaner riefen ungerührt, den eingeklemmten Greis beobachtend mit dem Handy die Polizei und die Ambulanz aus Pontedassio. Beide Bereitschaftswagen waren überraschend schnell mit Blaulicht und Martinshorn vom Tal heraufgeprescht. Alles sollte doch seine Ordnung haben.
   Der Alte wurde gegen seine Einlassungen und Proteste zur Beobachtung nach Imperia in die Klinik gebracht. Das Unfallfahrzeug konnte nur noch als Totalschaden sichergestellt werden (und landete auf Vermittlung der Besniks wundersam wieder wie neu Wochen später auf einer Fähre Richtung Osten). An den Aussagen der Albaner, die  dem Hergang nach und dem Augenschein gemäß protokolliert wurden, gab es keinerlei Zweifel.
  Natürlich hätte eine kriminaltechnische Untersuchung zumindest eine kleine Merkwürdigkeit auf den Bremsscheiben und  -Backen des nahezu fabrikneuen Fahrzeugs erbracht. Aber da bei Lorenz Meester nach mehreren kräftigen Schlucken Grappa, die er sich zuvor gewohnheitsmäßig gegen die abendliche Kühle auf der Baustelle aus seinem Flachmann genehmigt hatte, ein zu hoher Alkoholwert im Blut festgestellt wurde, lag der Fall auch so klar. Wer wollte da noch hören, wie der Lenz von irgendwie verzögert funktionierenden Bremsen schwadronierte?
  Die Albaner ließen dem Lenz gegenüber in der Folge keine weiteren Zweifel mehr an den geänderten Machtverhältnissen aufkommen. Als ihr Auftragsgeber wieder einmal in alte Verhaltensmuster zurück fallen und weitere unsinnige Anweisungen geben wollte, griff ihm „Sali Rübezahl“ fürsorglich unter beide Achseln hob ihn wie ein ungezogenes Kind vor sich auf Augenhöhe und sprach:
  „Memento mori, alter Mann! Das nächste Mal fährst du in den Tod.“
 Womit er nicht nur Bildung offenbarte, sondern auch die Tatsache, dass er mit für Sekundenbruchteile nicht blöde verstellten Gesichtszügen in der Lage war, fließend Deutsch zu sprechen.
  Dass der wieselflinke, geschmeidige Milan in den Folgejahren immer wieder einmal im memento mori an allen Überwachungssystemen und Alarmanlagen vorbei nachts das Schlafzimmer von Meester  aufsuchte, beruht auf Hörensagen. Dass er dann - zärtlich den Schalldämpfer seiner Beretta streichelnd - am Bett des Deutschen saß, soll ihre weiterhin blühenden Geschäftsbeziehungen noch gesteigert haben. Jedenfalls ließ sich der Lenz –auf einmal sein Alter vorschützend – kaum noch in Castellinaria sehen.
 Die Bauarbeiten waren so pünktlich und tadellos fertig, dass genug Folgeaufträge für die Besniks hereinkamen. Erstaunlicher Weise für Außenstehende wuchs die kleine Firma der Albaner trotz ihrer stets manifestierten Tüchtigkeit nicht. Was ihrem Kalkül entsprach. Da sie nicht gierig waren, wurden sie eben auch von der heimischen Konkurrenz respektiert und niemand sah sich veranlasst, hinter die Kulissen zu blicken

  In jenem Herbst erinnerte die dem Luftschloss „übergeordnete Instanz“, die ja von den meisten seiner Bewohner als ihr Gott dem dort so nahen Himmel zugeordnet wurde, sehr nachhaltig daran, dass alle Menschen sterblich sind:
  „La Francesa“ hatte einen zu spät erkannten Tumor in ihrer Gebärmutter. Doktor Dröse der sich selbst nie an Verbote gehalten hatte, die er seinen Patienten gerne auferlegte, starb während der Sprechstunde. Dicke Zigarren und Cognac nach zu fettem Essen hatten seinem ersten, gleich tödlichen Herzinfarkt  durch arrogantes Ignorieren  rechtzeitig und deutlich an sich selbst zu diagnostizierenden Signale  den Weg bereitet. Überraschender Weise trauerte seine sich immer noch jung fühlende Witwe derart heftig, dass sie Lucca nicht mehr in ihr Bett lassen und eine lange Auszeit von Castellinaria nehmen wollte. Um Dinge daheim zu regeln. Deshalb verkaufte sie ihr Haus, ohne dass die Sache mit dem „geraubten Stück Flur“ zuvor bereinigt  worden wäre.
  Peter Häubel, ansonsten absolut schwindelfrei, kam auf dem Dach eines Hochhauses in Bonn ins Schwanken und konnte gerade noch von seinem Bauherrn daran gehindert werden, ohnmächtig in die Tiefe zu stürzen. Überraschend bei seiner Umtriebigkeit und gänzlich unbemerkt war er schwer an Diabetes mellitus erkrankt. Bernhard Kleiner, der kurz vor seinem Sechzigsten stand, hatte Stress bedingt zwei schwere Autounfälle, die er nur durch Glück überlebte. Normaler Weise sagt man ja  jenen, die erst spät den Führerschein gemacht haben, ein ruhigere und umsichtigere Fahrweise nach. Im Prinzip war das auch bei Bernhard so. Aber vier Bauvorhaben in drei Städten mit  immerhin dreihundert Wohneinheiten mussten koordiniert und beaufsichtig werden. Er, der sein Leben lang  körperlich in Bewegung gewesen war, hatte seit der Wiedervereinigung meist nur noch im Auto oder im Baubüro gesessen. Das nahm sein Kreislauf natürlich übel, und die Blutdruck-Werte rauschten in abnorme Höhen.
  Aber das Handtuch warf er, weil die Büros der Baufirma komplett international vernetzt auf Computer umgestellt werden sollten. Ausgerechnet sein Sohn Sebastian hatte diesen ungemein lukrativen Auftrag ergattert. Es lag auf der Hand, dass „Jerda, dat Aas“ – die Tante ehrenhalber quasi - dabei ihre Hände im Spiel hatte. Sie schmiss den Baukonzern  mittlerweile nahezu alleine, weil ihr Göttergatte nur noch zum Golfen ging; angeblich zwecks Geschäftsanbahnungen                                      

   

Sonntag, 1. Juli 2012

Das Deutsche Wesen

Castellinaria Kapitel 10





Mit la nostalgia, dieser Sehnsucht nach nicht zu konkretisierenden Wunschzuständen des Lebens, ist das so eine Sache: Der Nostalgiker muss schon etwas erlebt haben, um dieses Sehnen und Wähnen wenigstens halbwegs ausrichten zu können. Immer jedoch bleibt das am Ende ganz individuell. So hatten vermutlich, die die sich in den 1970ern und in den folgenden Jahrzehnten aus dem Norden Europas in Castellinaria ansiedelten, anfänglich vorrangig durchaus die „italienischen Momente“ im Sinn; die Sonne, das Meer, den Duft von Orangen und Zitronen, die einzigartige Landschaft und die urwüchsige Küche. Aber im detaillierten Spektrum der erlebten Realität traten dann schon die Eigenheiten hervor.
  Bernhard wollte bloß der Scholle nahe sein auf seinen Wanderungen am Meer und in den Bergen, sowie möglichst nie wieder frieren müssen. Der Lenz wollte – nachdem er alle wirtschaftlichen Ziele an der ligurischen Küste fristgerecht erreicht hatte – mit einem Minimum an Aufwand das Maximum an Macht auf seinen neuen Lebensraum ausüben. Traute lebte nur noch für ihren Sohn und den einzigartigen Terrassengarten mit Klarblick auf  Korsika. Frau Doktor (la dottoressa) Dröse, Bernhards Nachbarin, wollte mit Lucca ewigen Sexurlaub von ihrem Mann. Aber selbst der Frömmste kann nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt.
  Wenn das persönliche Etappenziel der Sehnsucht dort am Rande des Himmels erreicht war, stellte sich bei den Pilgern und Emigranten nicht etwa ein grenzenloses Gefühl der Zufriedenheit und des Wohlbefindens ein, sondern es trat alsbald ein Mangelgefühl auf. Es fehlte ihnen derart zunehmend am „Deutschen Wesen“– dass auch die wenigen Skandinavier und Holländer kurioser Weise  von diesem Vakuum teutonischer Lebensart profitierten. In dem Maße, in dem die Deutschen im mittelalterlichen Ligurien heimisch wurden, wollten sie natürlich auch, dass der Sindaco und die Comune nach dem deutschen Reinheitsgebot funktionierten, wenn es um Übertretungen von Bauvorschriften, vernachlässigter Wasserversorgung, Müllabfuhr und elektrotechnische Nachrüstungen ging. Die armen Bürgermeister und ihre an Gemächlichkeit gewöhnten Administratoren, begannen das „Deutsche Wesen“ und seine Beharrlichkeit zu fürchten. Ganz besonders dann, wenn seine Protagonisten wegen mangelnder Beschäftigung und Langeweile den Faktor Zeit unbegrenzt ausspielten…
  Da war - als ein typischer Vorreiter –  der Polier Peter Häubel, dem Bernhard Kleiner im Büro auf einer Baustelle in Portugal gegenüber gesessen hatte. Der Kahlkopf mit rutschigem Gebiss und kurzen Beinen stammte aus einer sauerländischen Bauernfamilie. Sein gedrungener Körper war zum Ausgleich mit endlos langen Armen ausgestattet, die tüchtig zupacken konnten,
  Als Bernhard ihm – dem bei der Hof-Erbfolge daheim zu kurz Gekommenen - erzählte, dass in den Valle d’Olio für wenig Geld viele landwirtschaftliche Nutzflächen (Fasce) zu erwerben seien, konzentrierte sich die Sehnsucht des Schrats fortan darauf: Nämlich mit Leib und Seele das zu werden, was ein Einheimischer dort seit dem Krieg partout nicht mehr gerne sein wollte; - ein in der Hitze schuftender, vom Ertrag seiner Scholle kaum leben könnender, ligurischer Bergbauer. Zu ersten Oliventerrassen gesellten sich im Schweiße von Häubels Angesicht nach und nach ein Weinberg, Zitronen- und Orangen-Haine sowie Gemüsegärten – alle natürlich mit bis dahin noch nie erreichten Muster-Erträgen.
   Häubel schien im Erfolgsrausch seiner agricoltura die ganze Kommune auf einmal umarmen zu wollen. Er war auch der erste, der die residenza und einen Ausländerpass beantragte. Er trat als neuer „Ölbaron“ jedem Konsortium bei, das ihn aufnahm, aber er war auch bei den legendären sagre, den ausgelassenen Dorffesten mit Tanz und Völlerei, ein emsiger Mitorganisator. Kurz, er bemühte sich – selbst in der Sprache - einheimischer zu sein als die Einheimischen und merkte dabei nicht, wie jene ihn zwar gerne ausnützten, aber keinesfalls in ihre Herzen ließen.
  Unerwiderte Liebe geht gerne verschlungene Wege, und so ließ Häubel seine Fürsorge verstärkt dem Zauberberg angedeihen, an dessen Aufgang er in strategisch einflussreicher Position als selbsternannter Concierge vom Lenz ein großes Haus mit Garten erworben hatte. Nur Eingeweihte entgingen seiner Wachsamkeit, indem sie lieber die schwierige Straße zum oberen Ortsrand in Kauf nahmen.
  Kaum ein Neuansiedler oder Kaufinteressent, der seinen aufdringlichen Belehrungen, Warnungen oder Ermahnungen entgehen konnte. Ja selbst völlig arglose Touristen und Bergwanderer wurden oft ungefragt Opfer seiner detaillierten Vorträge oder gar erzwungener Führungen. Sie kamen immer häufiger, weil sie von Castellinaria (da ein Autor vom anderen abschrieb) in vielen Reiseführern gelesen hatten und sich das malerisch auferstandene Dörfchen nur ansehen wollten,
  Da er zudem ein gläubiger und praktizierender Katholik war, schritt Häubel auch gerne gut sichtbar in vorderster Reihe bei den mannigfaltigen Bergprozessionen mit.  Alsbald rief sich der umtriebige Umgetriebene gewissermaßen selbst zum Erfinder und Fremden-Bürgermeister von Castellinaria aus. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis der, der sich ebenfalls – bislang unangetastet - in dieser Position sah, zu einem seiner leidenschaftlichsten und hinterhältigsten Feinde wurde: Der Leibhaftige selbst, der listige Lenz.


  Aber das  transferierte Deutsche Wesen gedieh auch noch auf dem Humus anderer, sich stetig anreichernder Erkenntnisse. Eine davon: Luftschlösser taugen nicht zum Schaffen von Dynastien, weil es Kronprinzen und-Prinzessinnen an vergleichbarer Nostalgie und Wahrnehmungsfähigkeit fehlt. In Castellinaria selbst wurden ja keine Kinder mehr geboren. Die verbliebene einheimische Bevölkerung hatte ihren abgewanderten, bevölkerungspolitischen Beitrag  längst geleistet oder war schlichtweg zu alt, um sich zeugend noch einmal ans Werk zu machen. Die nordeuropäischen Damen im gebärfähigen Alter hingegen ließen ihre teutonischgermanischen Eizellen vielleicht dort oben vom Ambiente stimuliert befruchten. Doch zur Niederkunft suchten sie die Kreissäle daheim auf.
  Sebastian Kleiner – wohl die unbestrittene Nummer Eins auf dieser besonderen Zeugungsliste – kann als exemplarisch für diesen eigenartigen Generationen-Konflikt dienen: Traute nutzte das Vorschulalter ihres Sohnes und die langen Aufenthalte Bernhards bei Bauvorhaben auf der Iberischen Halbinsel, um Sebastian so viele italienische Momente fürs Leben mitzugeben wie nur irgend möglich. Der Knabe wuchs in diesem herrlich abenteuerlichen und autofreien Ambiente mit dem Maximum an Sonne, Wärme und Sinnlichkeit auf, aber er hatte – außer wenn Sie mit dem Bus ans Meer hinunter fuhren – keine gleichaltrigen und wenn dann nur sporadische Spielgefährten. Der Vater fehlte ihm dabei gar nicht mal so sehr. Denn sobald des Autofahrens mächtig, fuhr Bernhard in Barcelona auf die Fähre nach Genua und war so vermutlich mehr verlängerte Wochenenden (durch den langen Schlaf an Bord auch völlig entspannt) präsent, als ihm dies in Deutschland möglich gewesen wäre.
  Kaum waren die Kleiners zwecks Einschulung von Sebastian in eine Wohnung bei Düren gezogen, passierte aber etwas Unerwartetes. Sebastian, braugebrannt und randvoll mit italienischen Impulsen fuhr auf seine neues Umfeld total ab. Durch sein annähernd perfektes Italienisch wuchs ihm eine besondere Rolle bei der Integration der Gastarbeiter-Kinder in seiner Klasse zu, und er erfuhr, dass es wichtiger als alles andere war, eine Horde gleichaltrigrer Freunde zu haben, mit denen er selbst bei schlechtestem Wetter spielen konnte. Das war es! Sehnsüchte, da gesättigt, mussten nicht länger befriedigt  werden. Für Sebastian überwog – den Eltern fast unverständlich – das Deutsche Wesen. Je älter er wurde, desto schwerer wurde es für Traute und Bernhard, den Knaben dazu zu bewegen, sich mit ihnen in den Schulferien immer wieder auf die lange Reise in den Süden zu begeben. Nach der Pubertät kam es deswegen sogar einmal zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, aber das Verhärtete die Fronten diesbezüglich nur.
  In solchen Momenten fand er tröstenden Unterschlupf bei Mutter Körber, die genau das richtige Rezept für derlei Missstimmungen hatte: Fernsehen bis zum Einschlafen und Fastfood bis zum Abwinken. Traute und Bernhard, selbst immer noch Aufsehen erregende statuarische Erscheinungen, übernahmen ihren Hoffnungsträger nach jedem Aufenthalt bei seiner Oma einige Kilo schwerer. Als er 1987 ein 1,0 Abitur hinlegte, war Sebastian bereits ein wachsbleicher  120Kilo-Schwabbel, dessen Leben sich – als sei die Reife-Note Vorgabe – fortan nur noch um Einsen und Nullen drehte.  Das Programmieren und Entwickeln von Computern war dem Junior derart zum Lebensinhalt geworden, dass seine gramgebeugten Erzeuger befürchteten, die grüne Schrift jener Screens hätte für immer seine Haut verfärbt.
  Sebastian war das, was die Szene bald einen „Nerd“ nennen sollte. Er schaffte es aber dennoch, seine Eltern irgendwie stolz zu machen. Nicht nur, dass er sein Studium autark, selbst finanziert und ohne Umweg über die Bundeswehr in Rekordzeit durchzog. Er war, als er seinen Doktor magna cum laude machte, auch sonst schon ein gemachter Mann. Anhand eines deutsch-italienischen Übersetzungsprogramms, das er als Semester-Arbeit eingereicht hatte, war ihm die Idee zu grundsätzlicher Software auf dem Gebiet der Spracherkennung gekommen. Sein Vater indes sprach – nach bald dreißig Jahren „residenza“  immer noch kaum mehr als sein Baustellen- und Menükarten-Italienisch
  Sebastians äußere Langsamkeit stand im krassen Gegensatz zu der rasenden Geschwindigkeit seiner Gedanken und Ideen im Cyberspace. Wer so wollte, konnte das Wesen Castellinarias und damit seine Abneigung als das genaue Paradoxon zu dieser Konstellation sehen.
  Bernhard hingegen, der den Zauberberg immer noch zwecks Broterwerb verlassen musste, hatte gerade deshalb die notwendige Perspektive, genau in diesem Wandel mit Weile die Magie Castellinarias zu erkennen: Er sah, wie sich zwar das Umfeld rapide nach jeder Abwesenheit verändert hatte. Er erkannte aber auch, dass hier das Wahre immer noch das Virtuelle ausstechen konnte.
  Der Blick vom Tal hinauf mochte im Vergleich zu seiner allerersten Momentaufnahme noch unverändert geblieben sein, wie die unmittelbare Atmosphäre in den engen Gassen.  Doch Castellinaria war auf wundersame Weise errettet worden. Einmal abgesehen davon, dass alles neu gepflastert worden war und das Ambiente sich harmonisiert hatte. Die prägenden Häuserzeilen waren nun alle saniert und zum teil recht niedlich hergerichtet worden. Aber dadurch, dass die Autos fehlten und die Logistik noch nach Körperkraft verlangte, schien die Zeit immer noch langsamer zu vergehen als unten am Meer.
  - Der Zauberberg trog, wie Zauberberge dies nun einmal zu tun pflegen.
  Die fiktiven „mannschen Protagonisten“ konnten noch isoliert mit intellektueller Egozentrik in Parabeln dräuende „Zeitläufte“ reflektieren. Die realen „Luftschlosser“ von Castellinaria erlebten hingegen die Serpentinen vom und ins Tal tatsächlich wie das Zeittor bei „Stargate“. Und wenn sie von ihren Terrassen den Blick nicht nur auf das Meer schweifen ließen, sondern senkrecht hinunter richteten, konnten sie ihn auch nicht mehr vor den Veränderungen verschließen.
  In dem Maße wie das „grüne Gold“, das unverschnittene Olio extra vergine aus den  Valle d’Olio,  quasi ohne EU-Subventionen unbezahlbar wurde, krochen die Industriezonen Werksgelände um Werksgelände flankiert von gigantischen Einkaufszentren das Impero-Tal hinauf. Namhafte Olivenöl-Weltmarken, die am alten Hafen von Oneglia Jahrhunderte produziert hatten, verschwanden oder beugten sich nach und nach den billigen Verschnitt-Diktaten durch Granulat-Importe aus Nordafrika. Neue EU-Richtlinien machten das möglich. Die Ernte-Handarbeit auf den historischen Terrassen mit unter den Bäumen ausgelegten Netzen und den Klöppelstangen, sowie der mühevollen und auch gefährlichen Schlepperei von vollen Körben über steile Terrassen-Trittsteine blieb die alte. An bezahlte Erntehelfer war längst nicht mehr zu denken, und Ende des Jahrtausends konnte dieses Weltkulturerbe der UNESCO auch nur noch vor dem Überwuchern bewahrt werden, weil die Europäische Gemeinschaft Beschnitt-Prämien auslobte.
  Aber damit noch nicht genug der kuriosen Paradoxen: Je mehr die Bergbauern oben wirtschaftlich am Stock gingen, suggerierten unten im Tal clevere Geschäftsleute ursprünglichen Gaumengenuss auf Konserve, indem sie die vermeintliche Romantik eben jenes Berufsstandes auf Flaschen und Gläser zogen. Aziende Agricole schossen wie die berühmten ligurischen Steinpilze, die nun immer häufiger aus Rumänien importiert werden mussten, aus den aufgelassenen zu Bauland mutierten Ölterrassen. Für den Export ins sehnsüchtige Nordeuropa gab es Pesto im Minigläschen, Peperoncini mit Ricotta gefüllt und marinierte Funghi Porcini zu Preisen pro Einheit, mit denen eine ligurische Bauersfrau ihre ganze Riesensippe auf gleiche aber besser und frisch zubereitete Weise ein ganzes Jahr versorgt hätte. Schlaumeier zogen von einem dörflichen Ölmüller (frantoio) zum anderen, kauften den Mosto billig auf und füllten ihn im Rahmen der Richtlinien gestreckt in mit Goldfolien kaschierte  und fantasievoll etikettierte homöopathische Fläschchen. Natürlich zu entsprechenden Preisen, die bis zu  500 Prozent Gewinn ermöglichten.
  Wo so eine Gewinnspanne lockte, durfte natürlich einer beim Mitmischen nicht fehlen: Lorenz Meester war einer der Ersten, der die Nordlichter mit selbst erfundenen „original  altligurischen“ Fantasieprodukten küchennostalgisch versorgte. Wobei die Marke, die er schuf, von seinem bösartigen Humor zeugte. Die hieß angelehnt an das Lateinische - die Metapher doppeldeutig abwandelnd - „tavola rasa“, was natürlich im Italienischen nicht wirklich Sinn machte. Ihm jedoch gefiel seine Assoziation:
   Denn wenn die Leute zwischen Garmisch und Großenbrode nach telefonischer Akquise und Postversand seine Genussmittel auf ihren Tisch stellten, hatte der Lenz sie wirklich im übertragenen Sinn ordentlich rasiert: Normal eingelegte Zwiebeln, Pilze, Schoten, Wildschweinstücke und dergleichen – noch nicht einmal von besonderem Geschmack – unterschieden sich von den gängigen Industrie-Produkten in den Regalen der großen Supermärkte nur durch ein Stück nostalgisch bedrucktes Kunstleinen, das von einem grünweißroten Band auf den Deckeln festgezurrt war; – und natürlich einem Preis der um die Hälfte höher war…
  Ganz seinem Stil treu bleibend, rührte der Lenz jedoch weder Koch- oder Öltöpfe noch den kleinsten Finger. Er stellte eine seiner fasce für die Ansiedlung des Betriebes zur Verfügung. Der eilfertige Bürgermeister einer Gemeinde im benachbarten Tal hatte sie in freudiger Erwartung neuer Arbeitsplätze zur Bebauung frei gegeben. Die übernahm gegen Beteiligung ein kleiner ortsansässiger Bauunternehmer (Impresario), der endlich einmal etwas Großes bauen wollte. Die Herstellung und Logistik für Marke und Produkte gingen gegen Tantieme zu Gunsten Meesters an eine Agrar-Genossenschaft. Die Perspektiven entwickelten sich prächtig und der Lenz hatte wieder einmal ohne großen Kraftaufwand eine Geldquelle, die ordentlich sprudelte. Zumindest so lange bis die erste rege Nachfrage die dem Lenz sattsam bekannte Gier beflügelte.
  Seit einigen Jahren kann man diesen makellosen Musterbetrieb nun auf einer Serpentine mit prachtvoller Aussicht bei gleichzeitiger Einsicht umfahren. Drinnen sieht alles aus wie bei Dornröschen: Allerdings ohne Personal im Tiefschlaf. Ansonsten scheint alles mitten im Produktionsprozess zum Stillstand gekommen zu sein. In Momentaufnahme erstarrt steht ein einst ultra moderner Betrieb seit bald einem Jahrzehnt unter Konkurs-Kartell und Gläubiger-Schutz.
  Seine früheren Partner glaubten immer noch an eine altersbedingte Hinfälligkeit, wenn der Lenz angesichts dieses Themas einen unbändigen Hustenanfall bekommt. Sie ahnten nicht, dass er sich tatsächlich ins Fäustchen lachte. Der Hauptgläubiger war natürlich er – ohne jemals jedoch selbst eine Lira oder einen Euro riskiert zu haben. Der bald Hundertjährige wähnte da immer noch den Faktor Zeit auf seiner Seite…
  In dem Maße, in dem beim Lenz die sexuelle Gier als Triebfeder seines Schaffens nachließ – was sowieso unverschämt spät der Fall war – gewann der pure Spaß an der Macht-Ausübung die Oberhand. Die Puppen an ihren Fäden nach seiner Facon zappelnd agieren zu lassen, war ihm als Genuss auf seine alten Tage bald wichtiger als das Studium seiner Konto-Auszüge.
Man könnte rückblickend meinen, gerade das fortschreitende Alter hätte ihn gegen diverse Ängste zusätzlich resistent gemacht, aber so war das nicht.

  Bernhard hatte aus anerkennendem Respekt und Toleranz eine Allianz mit Häubel geschlossen, ohne ihm allerdings jemals freundschaftlich verbunden zu sein. Aber allein dieser Umstand offenbarte ihm, dass der Lenz trotz ihres gestörten Verhältnisses so etwas wie Eifersucht auf ihn, den eigentlich ungeliebten Schwager, projizierte. Das ging so weit, dass Meester, um auch ein wenig schön Wetter bei Traute zu machen, Bernhard zunehmend um großzügig belohnte Hilfestellung bei bautechnischen Aufgaben oder der Verwaltung seiner Liegenschaften bat.
  Bernhard Kleiner war ein großer Charakter. Er konnte Mitleid mit dem Alten empfinden, ohne die in seinem Hinterkopf gespeicherte Wut der Vergangenheit ad acta zu legen. Rachegefühle hegte er keine, aber er hatte sich vorgenommen, seinen Schwager irgendwann auf elegante Weise in die gleiche hilflose Ohnmacht zu versetzen, wie er sie hatte erleiden müssen. Er konnte nicht ahnen, dass ihm dies auf recht heftige Weise abgenommen werden würde.
  Er war zwar im Rang als Bauleiter die Treppe weit hinauf geklettert, aber das hatte ihn nicht unabhängiger gemacht. Seit Sebastian in Aachen studierte, waren seine Auslandseinsätze weniger, aber die Verantwortung auf den Großbaustellen im Rheinland belastender geworden. Er schaffte die zusätzliche Schufterei beim Urlaub in Castellinaria einfach nicht mehr.
Auch der gleichaltrige Häubel  hatte noch genug neben seiner Landwirtschaft zu tun.
   Aber beide wollten die Eisen auch schmieden, so lange die noch heiß waren. Sollte heißen, die letzten aussichtsreichen Ruinen noch zu sanieren, um daraus Ferien-Appartements zwecks späterer Rentenaufbesserung zu gestalten.
  Häubel und er hatten sehr gute Erfahrungen mit zwei albanischen Brüdern gemacht, die nach ihrer Flucht ein kleines Bau-Unternehmen bei Garlenda gegründet hatten. Sie waren ehrlich, fleißig, in einem gewissen Maß zuverlässiger als ihre ligurische Konkurrenz und vor allem nannten sie einen Preis, und dabei blieb es dann. Selbst Bernhards Freund Lucca hatte sich im Laufe der Jahre dieses nervende, scheibchenweise Nachfordern bei Baufortschritt angewöhnt.
  Die beiden deutschen Poliere bündelten also ihre Vorhaben mit den restlichen vom Lenz zu einem guten halben Jahr Vollbeschäftigung für die „albanesi“. Bernhard unterrichtete seinen Schwager der Fairness halber.
Lorenz Meester residierte ja  bekanntlich zu diesem Zeitpunkt schon in seiner Villa auf dem Capo Berta, wie man sie nur aus Hochglanz-Magazinen kennt. Zwei Hektar mediterraner Botanik in Hanglage über dem Meer, mit einem großen Pförtnerhaus oben und einem Renaissancebauten-Ensemble mit Pool-Terrasse über der steilen Klippe unten.
  Das vordere Haus war lukrativ vermietet, Autos verschwanden in einer in den Fels gesprengten Tiefgarage, und die mit einem Golfcart befahrbaren Parkwege waren elektronisch gesichert und wurden von Videokameras überwacht.
  Bernhard hatte schnell aufgehört, sich von diesem Ambiente einschüchtern zu lassen. Er genoss vielmehr die angenehmen Seiten seiner „Altenpflege“, die ihm zunehmend Freiräume im Anwesen seines Schwagers einräumte, ohne sich für die gewaltigen Unterhaltskosten interessieren zu müssen.
  Meester war überraschend schnell einverstanden gewesen mit der Beauftragung der Albaner, so dass sich Bernhard anschließend in dem Riesenpool einem ausgiebigen Schwimmtraining hingeben konnte. Der Pool war auf einer Ebene  mit Überläufen angelegt. Seine bis zum Rand reichende Wasserfläche spiegelte vor, man schwämme im Süßwasser aufs offene Meer hinaus. Noch einmal ordentlich Frieden und Ambiente tanken, dachte Bernhard, bevor es am nächsten Tag mit dem Flieger wieder von Nizza nach Köln/Bonn ginge…