Ich bin aber überzeugt, dass Dingen gewisse Einflüsse anhängen, die in unserer Vorstellungswelt Reaktionen auslösen. Wenn ich - um ein Beispiel zu geben - in unserem Wohnzimmer auf dem Sofa liege und die Balken über mir anschaue, die das längst nach modernen Gesichtspunkten renovierte Dach einst trugen, dann wandern meine Gedanken von Jahrhunderten in Jahrtausende.
Sollten die Professoren bei der jüngsten Kolumbus-Forschung recht behalten, dann ist der Entdecker um 1451 in der Gasse parallel zur unseren als Sohn eines Paares geboren worden, das Cousin und Cousine war. Unser Borgo gehörte damals zu Genua. Deshalb gilt er als Genuese, und seine genaue Herkunft wurde wohl verschleiert, weil die Rechtmäßigkeit einer Ehe derart naher Verwandter schon damals - als allerdings Päpste noch Schwestern heirateten - doch eher grenzwertig war.

Und wenn die alten Geschichten gar nicht helfen, um Gäste in Stimmung zu bringen, dann packe ich halt die Gerüchte aus der jüngsten Vergangenheit aus. Als die Kindeskinder unserer Nachbarn in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts noch halsbrecherisch auf den Dächern rumtobten, die Piazza ihr Bolzplatz und die Eingangstür unseres heutigen Hauses ihr Tor war, gehörte es einer Frau, die legendär "La Francesa" genannt wurde. Sie hatte als Köchin angeblich in den Diensten des monegassischen Fürstenhauses gestanden. Ihren Lebensabend verbrachte sie hier Karten spielend und Nationale Ketten rauchend. Und wenn sie wegen eines schlechten Blattes oder sonstwie üble Laune hatte, dann drohte sie schon mal, mit der Lupara aus dem Fenster den Kindern den Ball wegzuballern...
Als wir beim Ausbau der Cantina stapelweise (dem Fürsten entwendete?) Teller mit Goldrand fanden, sahen wir für uns die Vergangenheit der "Francesa" bestätigt. Uns kümmern die Geschichtchen - nicht die Geschichte. Schließlich sind wir ja keine Historiker. Und ob den Dingen gemäß dem Freiherrn Karl von Reichenbach tatsächlich ein "Od" zu einer sinnlichen Einflussnahme verhilft, ist dann auch schon egal.
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